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Vom 12. August 2009
Von Thomas Becker
Veröffentlicht in
Bahamas
Nr. 58/2009
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Die Piraten Somalias Zwischen den Fronten der internationalen Gemeinschaft und des Islams
"We are not pirates, we are gentlemen."
Das wäre kein echter Pirat, dem nicht die wildesten Geschichten vorauseilten über Heldentaten, die so unglaublich sind, dass er kaum eine davon je selbst vollbracht hat, wiewohl das Publikum sie ihm gerne zugetraut hätte. Unzählige Produkte der Kulturindustrie, die die große Abenteuerlust kleiner Leute befriedigen, lassen ungekämmte Piratenbanden durch die Kinderstuben segeln, angeführt von den alten Seeräuberkapitänen aus dem goldenen Zeitalter der Piraterie, die zwar allesamt am Galgen endeten, deren ungehobelte Manieren nichtsdestotrotz noch heute jedem heranwachsenden Rebellen imponieren. Vom echten Piraten, der in der Phase der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals den aufstrebenden bürgerlichen Nationen zu Diensten war, denen er dann zur Plage wurde, schien im Spätkapitalismus nur jene Figur übrig geblieben, die in der Phantasie zivilisationsmüder Bürger auftaucht, um zu tun, was die sich normalerweise nicht trauen: den Reichen und Mächtigen einmal zu zeigen, was eine Harke ist. Der Mythos Wer hätte auch geahnt, dass jene Gestalten ins Spielerische verbannter Aggression gegen die Zwangsläufigkeit der Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Phantasiewelt noch einmal entkommen und ihr Handwerk zu neuer Blüte bringen würden? Am wenigsten vielleicht die Fans von Piratenparteien, des FC St. Pauli oder der Pittsburgh Pirates, denen die realen Piraten nicht ganz echt vorkommen muss, weil sie noch nicht mit den abenteuerlichen Legenden ausstaffiert sind, ohne die sie als Identifikationsobjekt nichts taugen, an denen aber gerade erst gestrickt wird. In den zurückliegenden Monaten haben daher ein paar Reporter sich aufgemacht, die Piraten zu besuchen, um sich von ihnen selber etwas über sich erzählen zu lassen. Die Reise führte sie nach Eyl, einem sandigen Hafenstädtchen im Nordosten Somalias, wo sie gleich bei der Ankunft, aber aus sicherer Entfernung ein gutes Dutzend schwerer Handelsschiffe zu sehen bekamen, die samt ihrer Crew in dem zerklüfteten Hafengebiet teils seit Wochen, teils seit Monaten vor Anker lagen, weil sie bis dahin vergeblich auf einen erfolgreichen Abschluss der sie betreffenden Lösegeldverhandlungen oder eines der selteneren Befreiungskommandos warteten, von denen man schon gehört hatte. Noch bevor sie mit jemandem sprachen, versorgte dieser Anblick die Reporter mit der sinnlichen Gewissheit, dass das real sein musste, was sie hier suchten. Die Piraten, die sie im Ort trafen, lieferten ihnen dann die passende Geschichte dazu. Ihre Väter seien selbstgenügsame Fischer gewesen, die die natürlichen Reichtümern des Meeres ernteten, Tunfische, Garnelen und Hummer, die ihren Familien schmeckten und auf dem Marktplatz ein paar Geldstücke einbrachten. Bis der Krieg kam, fremde Flotten ihre Küste heimsuchten und die ganze Welt sie im Stich ließ. Die pure Not trieb sie zur Piraterie: "Wir wurden zu dieser Arbeit gezwungen. Wir waren Fischer. Ich arbeitete jeden Tag auf dem Meer. Aber Schiffe aus anderen Ländern fischten illegal in unseren Küstengewässern, zerstörten unsere Netze und schossen auf jeden, der sich ihnen näherte. Uns wurde das Recht zu fischen genommen. Sie hinterließen sogar ihren Giftmüll bei uns. Wir konnten nicht arbeiten. Schließlich haben wir uns dazu entschieden, uns selbst zu verteidigen."2 Jetzt nehmen sie sich also nur, was ihnen sowieso nicht gehört. Die Story verbreitete sich sofort über alle Ozeane, kaum ein Medium, das sie nicht gebracht hätte, aber umso seltener die Publikationen, die sich der Mühe hingeben hätten, ihren Inhalt seinen phantastischen und realen Elementen gemäß zu sortieren. Und wahrlich, dass das Leben der Familien, in denen die Piraten heranwuchsen, von der Not beherrscht wurde, daran lässt sich nicht zweifeln. In Puntland, der somalischen Provinz, in der in den vergangenen Jahren die Piraterie zu dem einzigen Geschäft sich entwickelte, das einen Profit macht, lebt ein Drittel der insgesamt 10 Millionen Bürger Somalias. Schon vor dem Krieg gab es hier nicht viel mehr als das Notwendigste. Die meisten Bewohner sind Nomaden, die sich von abgemagerten Ziegen ernähren und seit vormodernen Zeiten von der Hand in den Mund leben. Nur die Fischerei hatte vorübergehend eine bescheidene Industrie hervorgebracht, die sogar einen kleinen, für den Export geeigneten Überschuss produzierte. Der Krieg begann 1988 als Milizen rivalisierender Clans die Truppen der Regierung Mohamed Siad Barres angriffen, die 1991 stürze, was an sich kein Unglück war, nur dass es seither keinem Clan wieder gelungen ist, die Oberhand über die anderen zu gewinnen und eine neue Zentralgewalt zu etablieren. Schon gar nicht hatte sich vorher oder nachher eine die Clanherrschaft überwindende Klassengesellschaft und eine demokratisch gesinnte Elite herausgebildet, die Somalia wenigstens eine vage Hoffnung auf bessere Zeiten hätte versprechen können. In dem andauernden Bürgerkrieg drohen jetzt vielmehr die mit dem internationalen islamischen Terrorismus verbündeten islamischen Elendsverwalter Allahs, die Banden Al Shabab und Hizbul Islam den Sieg davon zu tragen. Den nördlichen Regionen Somalias ist es allerdings im Laufe der Jahre gelungen, sich aus dem im Süden ununterbrochenen fortgesetzten Krieg stückweise herauszuziehen. 1993 schon trennten sich die Isaak-Clans im Nordwesten von Somalia und proklamierten einen unabhängigen Staat, Somaliland, der aber keine internationale Anerkennung fand. 1998 folgten die Darood-Clans im Nordosten, indem sie Puntland zu einem autonomen Staat innerhalb einer somalischen Föderation erklärten, die es aber nur auf dem Papier gibt. Damit war die Front endlich hunderte Kilometer weit entfernt, doch machte sich die Gesetzlosigkeit, die das ganze Land ergriffen hatte, in Puntland auf eine Weise bemerkbar, die alsbald zum festen Bestandteil der modernen Piratenlegende wurde. Denn mit der Zentralgewalt war auch die Küstenwache Somalias untergegangen, die Küste präsentierte sich ungeschützt und stellte dadurch eine Verlockung für international tätige Großfischer dar, die sich hier lizens- und kostenfrei bedienen konnten, während andere ausländische Konzerne ihren Gift- und Atommüll vor Somalia auskippten, ohne eine Gebühr dafür bezahlen oder um Erlaubnis fragen zu müssen. Der Tsunami, der Somalia in den Weihnachtstagen des Jahres 2004 heimsuchte, untergrub nicht nur noch gründlicher die Existenzbedingungen der besonders schwer betroffenen Küstenbewohner Puntlands, sondern spülte auch einige der besagten Müllfässern an den Strand, woraufhin die Schweinerei nicht mehr zu leugnen war. Aber die illegalen Aktivitäten internationaler Unternehmen entlang der somalischen Küste trugen nicht nur ihren Teil zur Vertiefung des Elends in Somalia bei, indem sie die einheimische Fischerei ruinierten; auf dieser Geschichte, die nicht einmal erfunden zu werden brauchte, gründet auch das Selbstgerechtigkeitsgefühl der somalischen Piraten, die sich nun als Rächer ihrer geprellten Generation aufspielen. Hier liegt noch genügend Stoff für künftige Werke der Kulturindustrie.3 Nachdem somit die illegale Fischerei und Müllentsorgung vor Somalia als Ursache oder Anlass der modernen Piraterie erkannt ist, eignet sich die Geschichte auch bestens als Vorwand, denn die Piraterie hat schließlich auch ohne jene anti-imperialistische Legitimation ihren ganz eigenen Reiz. Man braucht sich nur einmal auszumalen, wie groß die Verlockung auch für die vom Nichtstun und Nichtshaben gequälten Fischersöhne gewesen sein muss, als sie ihre Küste so unbewacht daliegen sahen, das blanke Meer mit all den vielen Schiffen darauf, groß und voll beladen, fern vom Heimathafen in verloren Gewässern, zugleich greifbar nah und vor allen Dingen vollkommen unbewaffnet. Bei allem Elend, das ihnen das Wüstenleben bescherte, bei all der uneinträglichen Mühe, die das Fischen nach dem spärlichen Meeresgetier versprach, wovon sich ihre Familien früher knapp über Wasser hielten, öffnete dieser Blick hinaus auf die Hohe See ihnen erst die Augen für den wahren Reichtum ihrer Heimat, die sich ihnen jetzt, da keine Staatsgewalt mehr über sie wachte, als natürliches Piratenparadies offenbarte. Die Küste Somalias ist mit mehr als 3000 Kilometern die längste einer afrikanischen Nation, die Küste Puntlands umschließt den östlichsten Punkt des Kontinents und formt die eigentliche Spitze des Horns von Afrika, das am Golf von Aden vorbei tief ins Arabische Meer hineinreicht. In nordsüdlicher Richtung verbindet der Golf das Rote Meer mit dem Indischem Ozean. Aller Schiffsverkehr zwischen Asien, Indien und Europa und zwischen den arabischen Staaten und Europa muss an dem Horn vorbei, um durch den Suezkanal das Mittelmeer zu erreichen, sofern der viel weitere und teurere Weg am Kap der guten Hoffnung vorbei, um ganz Afrika herum, vermieden werden soll. Mindestens 20000 Handelsschiffe mit allen Reichtümern der Welt an Bord kommen hier jedes Jahr vorbei, das sind durchschnittlich 55 jeden Tag. Angeblich kamen die Fischersöhne zuerst auf die Idee, bloß die Schiffe, die illegal ihre Küstengewässer durchkreuzten, anzuhalten, um ihnen nur nach Zahlung einer "Strafgebühr" oder "Steuer" die Weiterfahrt zu gestatten. Manche der bekannteren somalischen Piratenbanden nennen sich in Erinnerung daran noch heute "The National Volunteer Coast Guard" oder "Somali Marines". Aus der "Steuer" wurde später das "Lösegeld". In Wahrheit war natürlich schon das Küstenwachespiel die reinste Wegelagerei, so wie die Berufung darauf heute ein Mythos ist, der der organisierten Räuberei den schönen Schein einer historischen Mission mit dem Telos ausgleichender Gerechtigkeit verleihen soll. Und da hat man sie auch wieder, die Figur des Rächers der Entrechteten, des "Robin Hood auf See"4, eine Verbindung, wie sie längst in dem Abenteuerfilm "Robin Hood und die Piraten"5 gezogen worden ist, in dem Lex Barker die Hauptrolle spielt, der als "Tarzan" und "Old Shatterhand" den passenden Helden für frühere Generationen mimte. Viel mehr Phantasma konnte man von einem echten Piraten der Gegenwart nicht verlangen. Am schönsten vielleicht hatte Muammar Gaddafi die moderne Piratenlegende zusammengefasst, nachdem er im Februar dieses Jahres zum Präsidenten der Afrikanischen Union gewählt worden war: "Das ist keine Piraterie, das ist Selbstverteidigung, die Verteidigung der Nahrung der somalischer Kinder, die Antwort auf die gefräßigen Nationen des Westens, die die somalischen Ressourcen illegal ausbeuten."6 Die Realität Bis vor fünf Jahren beachtete niemand, was sich hier abspielte. Als das International Maritime Bureau 2004 erstmalig seit 15 Jahren einen Rückgang der weltweiten Piraterie von 445 auf 325 Fälle vermeldete, kam Somalia mit 2 Fällen nur am Rande vor. Das Phänomen einer seit Anfang der 1990er Jahre wieder ansteigenden Piraterie wurde zunächst in ganz anderen Weltgegenden registriert, nämlich in der Karibik und in den indonesischen Gewässern, wo nahezu die Hälfte aller Piratenüberfälle gemeldet wurden. Besonders aktiv waren die asiatischen Piraten in der Straße von Malacca, der meistbefahrenen Wasserstraße zwischen China und Indien. Durch gemeinsame Patrollen der indonesischen und malaysischen Marine bekam man das Problem bald in den Griff. Vor der Küste Somalias dagegen kam das Piratengeschäft jetzt erst richtig in Schwung. 2005 vermeldete das IMB abermals einen Rückgang der weltweiten Piraterie, wiederum verbunden mit einen Anstieg der Überfälle vor Somalia auf insgesamt 49, 22 geglückten und 27 missglückten Versuchen. In dieser Phase konzentrierten sich die "nationalen Küstenwächter" zunächst auf Schiffe des World Food Programme der Vereinten Nationen, die Nahrungs- und andere Hilfsmittel für die Bürgerkriegs- und Tsunamiopfer nach Somalia brachten und schon wegen ihrer küstennahen Route eine leicht zu erlegende Beute darstellten. Aber auch Frachter und Tanker standen bereits auf der Beuteliste. Der spektakulärste Überfall dieser Zeit ereignete sich am 5. November 2005, als eine Piratenbande versuchte, den unter der Flagge der Bahamas fahrenden amerikanischen Luxuskreuzer MV Seabourn Spirit zu kapern. Das Schiff und seine Mannschaft wurden mit Maschinengewehren und Panzerfäusten beschossen. Doch der Kommandeur der Security des Schiffes, ein ehemaliger Soldat der Royal Navy, konterte den Angriff, indem er die Piratenboote mittels eines Hochdruck-Wasserschlauchs auf Abstand hielt und die Angreifer schließlich mit einem Long Range Acoustic Device zur Aufgabe zwang. Er bekam dafür die Gallantry Medal der Queen. 2006 verzeichnete das IMB nochmal einen Rückgang der Piratenangriffe weltweit, diesmal auch vor Somalia, wo es zu insgesamt 31, 14 geglückten und 17 missglückten Überfällen kam. Die mittlerweile zu Piratenkennern fortgebildeten Somalia-Experten meinen nun dazu, dass die Machtübername der Union of Islamic Courts in Mogadishu im Sommer bis zum Einmarsch Äthiopiens am Ende des Jahres den Rückgang der Angriffe bewirkt habe, was nicht auszuschließen, aber auch nicht ganz einzusehen ist, da nach der Statistik des IMB, das akribisch jeden einzelnen Überfall notiert, in der fraglichen Zeit lediglich zwischen Anfang Juni und Ende September keine Piratenaktivität vor Somalia gemeldet worden war, die sich danach wieder im gewohnten Rhythmus einstellte. Ein Rückgang der Piraterie während dieser Jahreszeit ist aber durchaus nichts Unnatürliches, da die Südwest-Monsune (Juni bis September) dann die See derart aufwühlen (5 Meter hohe Wellen), dass es nicht ganz einfach ist, die von den Piraten benutzten kleinen Schnellboote über Wasser zu halten. Auch im darauffolgenden Jahr, 2007, in dem es insgesamt wieder zu einer Verdopplung der Überfälle auf 60 kam (27 geglückte, 33 missglückte), vermerkte das IMB nur jeweils 3 im August und September. Ebenso in diesem Jahr, 2009, wurde seit Juni ein deutlicher Rückgang der Piraterie vor Somalia verzeichnet. Von diesen Details unberührt versteigerte sich ein vielzitiertes Briefing Paper des Londoner Chatham House zu der Aussage: "Die einzige Periode, in welcher die Piraterie vor Somalia praktisch aufhörte, waren die sechs Monate, in denen in der zweiten Hälfte des Jahres 2006 die Union of Islamic Courts regierte. Das zeigt, dass eine funktionierende Regierung in Somalia in der Lage ist, die Piraterie zu kontrollieren."7 Wie die Zahlen zeigen, stimmen schon die dieser steilen These unterlegten Fakten nicht, denn das IMB vermerkt während dieser sechs Monate immerhin 12 Piratenüberfälle vor Somalia. Wie dem auch sei, keine Statistik der Welt kann einen Piratenexperten darauf bringen oder davon abhalten, die Herrschaft blutrünstiger Sharia-Gerichte als "funktionierende Regierung" zu bezeichnen. Damals meinte man ja, das Abhacken von Köpfen, Händen und Füßen habe zu einen Rückgang nicht nur der Piraterie, sondern der Gesetzlosigkeit überhaupt geführt, worauf man auch nur kommen konnte, wenn man die Barbarei der Courts bei der Statistik nicht berücksichtigte. Das soll aber nicht heißen, dass zwischen den Piraten und den Islamisten in Somalia eine friedliche Koexistenz bestünde. Tatsächlich hatten die UIC angekündigt, die Piraterie auszumerzen und jeden Piraten mit dem Tod zu bestrafen. Die Piraterie wurde als unislamisch eingestuft, u.a. weil die von den Piraten erbeuteten Dollars einen Hauch von Luxus in die von ihnen bewohnten Dörfer brachten, schicke Autos, schmucke Villen und teure Frauen, die ihre Schönheit unverschleiert zu Markte trugen, und ähnliche, mit dem Islam nicht zu vereinbarende Insignien irdischer Wollust, wie der zu jedem echten Piraten gehörende übermäßige Genuss von Alkohol und Tabak. Der Kragen platzte den Sittenwächtern aber erst, als sich die Piratenbanden erdreisteten, ein unter islamischer Flagge fahrendes Schiff zu kapern. Das Ganze spielte sich in der ersten Novemberwoche des Jahres 2006 ab. Die Piraten, die nicht einer in Puntland ansässigen, sondern einer von Mogadishu aus operierenden Bande angehörten, hatten das einem Reeder in den Vereinigten Arabischen Emiraten gehörende Schiff, die MV Veesham 1, gekapert, als es gerade mit einer Ladung Holzkohle in Richtung Saudi-Arabien unterwegs war, und in einen somalischen Hafen verschleppt. Hier wurde es von einem Kommando der UIC-Milizen umzingelt und wenige Tage später gestürmt. Das Schiff und seine Crew wurden freigelassen und die Piraten, die bei dem Kampf teils schwer verletzt wurden, vor ein Sharia-Gericht gestellt. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Die Reaktion Aus welchen Verhältnissen die Piraten Somalias gekommen und was immer ihre Motive gewesen sein mochten - die Piraterie war jetzt im Begriff, sich zu einer regelrechten Industrie zu entwickeln. Die erwirtschafteten Dollars addierten sich zu Millionensummen, wovon ein Teil für den Kauf zusätzlicher Waffen, schnellerer Booten und modernerem Navigationsgerät verwendet werden konnte. Politiker in Puntland und somalische Geschäftsleute, die sich in den Nachbarländern, den arabischen Staaten, in Europa, den USA oder in Australien niedergelassen haben, investierten in das boomende Geschäft, und leidsteten damit ihren Anteil zur beschleunigten der Akkumulation des Piratenkapitals. Zugleich verlangten die Investoren ihren Stück vom Profit, der unter einer steigenden Zahl von Financiers, Mitwissern, Zuarbeitern und Bandenmitglieder aufgeteilt werden musste, was wiederum die Lösegeldforderungen in die Höhe trieb. Ehemalige Offiziere der somalischen Armee kamen dazu, um bei taktischen und logistischen Problemen behilflich zu sein oder die gekaperten Schiffe zu bewachen, Händler und Köche, die sich um die Versorgung der Entführten und ihre Entführer kümmern, Spelunken machten auf, wo die Piraten sich ausruhen, amüsieren und ihr Geld verprassen können. Das Operationsgebiet der immer besser organisierten und ausgerüsteten, immer zahlreicher werdenden Piraten hatte sich schnell über die Grenzen der Küstengewässer hinaus ausgedehnt und umfasste bald mehrere Millionen Quadratkilometer. Die folgenden Jahre brachten jeweils eine Verdopplung der Piratenangriffe vor Somalia: 60 2007, 134 2008, und auch im 1. Halbjahr 2009 setzte sich dieser Trend fort, nahezu unbeeindruckt von einer Armada von nahezu 50 Kriegsschiffen der "internationalen Gemeinschaft", die gegenwärtig den Golf von Aden und den Indischen Ozean patrollieren. Sie sind im Auftrag der Nato, der Europäischen Union oder im Namen eines einzelnen Staates unterwegs: der USA, Frankreichs, Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, Norwegens, Japans, Indiens, Malaysias, Russlands, Chinas, Irans und mancher mehr. Dabei haben alle, auch die formell unter einem kollektiven Kommando agierenden, ihre jeweils eigenen nationalen Einsatzrichtlinien. Und wenn man sich fragt, wie es kommt, dass dieses an sich beeindruckende Aufgebot maritimer Weltmacht bislang so wenig Eindruck auf die somalischen Piraten macht, so mag dabei, abgesehen von dem schieren Umfangs des Tatorts, auch diese Kommandovielfalt eine Rolle spielen, insofern nicht jeder Einsatz in jedem Fall dazu geeignet scheint, den Piraten das Fürchten zu lehren. Der Unvollständigkeit halber dazu ein paar Beispiele. Die USA reagierten auf die ersten Anzeichen gesteigerter Piratenaktivität vor Somalia ab Ende 2005 mit dem Versuch, den im Rahmen von Operation Enduring Freedom seit Ende 2001 in der Region bereits mit durchschnittlich 15 Kriegsschiffen präsenten multinationalen Flottenverband, Combined Task Force 150, zusätzlich auf die Bekämpfung der Piraterie einzuschwören. An CTF-150 beteiligen sich rund 25 Staaten, darunter von Anfang an Deutschland, dessen Einsatz am Horn von Afrika, neben dem Afghanistan-Einsatz, der deutsche Hauptbeitrag zum Krieg gegen den internationalen islamischen Terrorismus darstellt. Da dieser Versuch nicht das gewünschte Ergebnis erzielte, initiierten die USA Anfang 2009 einen eigens für die Piratenbekämpfung vorgesehenen Nato-Einsatz unter dem Namen CTF-151, seit dem Sommer 2009 heißt die Operation Ocean Shield. Die US-Navy ging selbst mit gutem Beispiel voran, als der Zerstörer USS Winston S. Churchill, vom IMB alarmiert über ein bereits unter Beschuss befindliches Schiff, die unter der Flagge der Bahamas(!) fahrende MV Delta Ranger, am 21. Januar 2006 die Piraten mit Warnschüssen zur Aufgabe zwang, anschließend verhaftete und den kenianischen Behörden auslieferte, wo sie im darauffolgenden November zu je 7 Jahren Haft verurteilt wurden. Vergeblich hatten sie sich damit zu verteidigen versucht, lediglich Fischer zu sei, die gar nicht die Absicht gehabt hätten, Geiseln zu nehmen. Am18. März 2006 verfolgtem zwei amerikanische Kriegsschiffe Piratenboote knapp außerhalb der somalischen Territorialgewässer (25 Seemeilen von der Küste entfernt) und verhafteten die Piraten nach einem kurzen Feuergefecht, bei dem einer von ihnen getötet und mehrere verletzt wurden. Ein weiterer Versuch, an dem außer der amerikanischen auch die niederländische Marine beteiligt war, im April ein bedrängtes Schiff zu retten, scheiterte daran, dass die Piraten es bereits geentert und samt Crew in einen somalischen Hafen verschleppt hatten. Zu dieser Zeit existierte noch keine völkerrechtliche Legitimation, die Piraten bis in die Territorialgewässer Somalias hinein oder gar auf somalischem Boden zu verfolgen, woran so mancher Versuch, von Piraten bedrohte Schiffe zu schützen oder bereits gekidnappte Crews zu befreien, scheiterte, obgleich Somalia seine Souveränität in den Küstengewässern real gar nicht durchzusetzen in der Lage war, von einer Souveränität, die anzuerkennen wäre, also gar keine Rede sein konnte. Am 1. Juni 2007 wird der dänische Frachter MV Danica White 200 Seemeilen von der somalischen Küste entfernt gekapert. Die USS Carter Hall versuchte das gekidnappte Schiff zu stoppen, versenkte dabei die drei im Schlepptau fahrenden Piratenboote und feuerte mehrere Warnschüsse ab, gab aber auf, als die Piraten mit dem entführten Schiff die somalische Territorialgewässer erreichten. Am 28. Oktober 2007 kapern Piraten den japanischer Tanker MV Golden Nori innerhalb der Territorialgewässer. Der amerikanische Zerstörer USS Arleigh Burke wird durch das IMB alarmiert und erreicht zusammen mit dem Schwesterschiff USS Porter den Tatort, diesmal angeblich mit Genehmigung der somalischen Übergangsregierung, die zwar auch auf somalischem Boden faktisch keine Souveränität besitzt, aber von den Vereinten Nationen als solche anerkannt wird. Die Porter versenkt die zwei Piratenboote und feuert einen Schuss in Richtung der Golden Nori ab, um die Piraten zu warnen. Doch dann erhalten die beiden Kriegsschiffe die Nachricht, dass das der Tankermit hochexplosivem Benzol beladen ist, sehen daher von weiteren Maßnahmen ab und patrollieren die Golden Nori nur, bis es schließlich einige Wochen später, vermutlich gegen ein Lösegeld, freigegeben wird. Auch die Nationalität des gekaperten Schiffes bzw. der gekidnappten Crew kann den Verlauf eines Piratenüberfalls beeinflussen, wie der Fall der MV Maersk Alabama zeigt, ein einer Reederei in Norfolk gehörendes Containerschiff, dessen Kaperung am 8. April 2009 zunächst durch den energischen Widerstand der amerikanischen Crew verhindert wurde, wobei allerdings der Kapitän, Richard Phillips, in die Hände der Piraten geriet, die ihn auf einem Rettungsboot entführten; die Piratenboote waren vorher von der Crew versenkt worden. Die USS Bainbridge verfolgte die Piraten, die am 12. April von Scharfschützen erschossen wurden, als diese von dem Zerstörer aus beobachteten, wie Richard Phillips eine Kalashnikov an den Kopf gehalten wurde. Noch weniger als in Washington ließ man sich in Paris von den Tücken des internationalen Rechts beeindrucken, als im April 2008 die französische Luxusyacht MY Le Ponant gekapert und in den Hafen von Eyl verschleppt wurde. Nachdem ein Lösegeld von 2 Millionen Dollar bezahlt und das Schiff und seine Crew freigelassen worden waren, verfolgte ein französisches Hubschrauber-Kommando die in Autos mit ihrer Beute ins Landesinnere flüchtenden Piraten bis in das Städtchen Jariban, von wo sie weiter in die Wüste entkommen wollten. Doch der Hubschrauber nahm die Banditen unter Beschuss, zerstörte einen ihrer Wagen, französische Elitesoldaten landeten mit Fallschirmen, töteten drei der Piraten und nahmen die restlichen gefangen, um sie vor ein Gericht in Paris zu bringen. Im September 2008 kidnappten die Piraten die von einem französischen Ehepaar gesteuerte Segelyacht Carré d'As und verlangten außer einem Lösegeld von 2 Millionen Dollar die Freilassung der seit April in Frankreich inhaftierten Bandenmitglieder. Doch noch bevor sie das Schiff nach Eyl entführen konnten, schlug abermals eine französische Eliteeinheit zu, tötete einen der Piraten, nahm die anderen fest und befreite das Ehepaar unverletzt. Die bisher letzte französische Rettungsaktion, der Versuch, den am 7. Juli 2009 entführten Einmaster "Tanit" aus Piratenhand zu befreien, ging jedoch schief; bei dem Schusswechsel mit den Piraten kam auch eine der vier Geiseln ums Leben. Die völkerrechtliche Unwägbarkeit, die manche Staaten mehr, manche weniger am Kampf gegen die Piraten behinderte, wurde erst im Sommer desselben Jahres durch entsprechende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und Erklärungen der somalischen Übergangsregierung beseitigt. Trotz dieser völkerrechtlichen Klarstellung verhielten sich keineswegs alle an der Piratenjagd beteiligten Staaten so, dass die Gejagten es mit der Angst zu tun bekommen mussten. Einen Tag nach der Befreiung der Carré d'As, am 16. September 2008, geriet das Flaggschiff der Royal Danish Navy, die HDMS Absalon, mit den Piraten aneinander. Die Absalon führte zu der Zeit das Oberkommando der CTF-150, hätte also ein Vorbild abgeben sollen. Die dänische Crew entdeckte nun zwei Schnellboote vor der Küste Somalias, die mit dem üblichen Piratenwerkzeug ausgestattet waren: Maschinengewehre, Panzerfäuste, Handgranaten, Leitern. Die Absalon nahm die Piraten zuerst fest, ließ sie dann aber wieder frei, nachdem Rücksprachen mit der Heimatregierung zu dem Ergebnis geführt hatten, dass man die Festgehaltenen weder vor ein dänisches Gericht stellen, noch an Kenya ausliefern wollte. Sie hatten ja noch nichts getan, als man sie festnahm, also schon gar kein dänisches Eigentum gestohlen, einen dänischen Bürger oder sonst ein dänisches Recht verletzt. Außerdem hatte man Bedenken, für den Fall, dass man sie doch in Dänemark verurteilt hätte, die nach ein paar Jahren Haft wieder freigekommenen Piraten könnten eventuell Asyl in Dänemark beantragen. Und nach Kenia wollte man sie nicht abschieben, weil sie dort möglicherweise zur Todesstrafe verurteilt worden wären, obgleich bislang alle in Kenia verurteilten Piraten nur Haftstrafen bekommen haben. Im Dezember rettete die Absalon eine Piratenbande davor, mit ihrem Boot in der stürmischen See zu ertrinken, und übergab sie dann, um sie loszuwerden, der jemenitischen Polizei, die auch nicht wusste, was sie mit ihnen anfangen sollte. Japan, dass ähnlich wie Deutschland nach der Niederlage im 2. Weltkrieg eine pazifistische Militärdoktrin praktiziert, ist zwar seit dem Frühjahr 2009 mit zwei Kriegsschiffen in der Region präsent, die aber erst seit Ende Juli über neue, parlamentarisch abgesegnete Einsatzrichtlinien verfügen, die es ihnen wenigstens erlauben, auch solche Schiffe gegen die Piraten zu verteidigen, die nicht unter japanischer Flagge fahren. Auf die Piraten schießen dürfen die japanischen Kriegsschiffe, sofern sie nicht selber angegriffen werden, aber immer noch nicht. Deutschland berief sich vor dem Sommer 2008 darauf, dass sein OEF-Einsatz am Horn von Afrika nur das Mandat zur Terrorbekämpfung beinhalte, nicht die Bekämpfung der Piraterie. In Berlin schloss man daraus, dass die deutsche Marine nicht nur die Territorialgewässer Somalias zu meiden habe, sondern es ihr überhaupt verboten sei, die Piraten zu verfolgen, zu verhaften oder gar zu verletzen. Aus anderen Entführungsfällen wusste die Piraten außerdem, dass die Deutschen, um Gewalt zu vermeiden, stets zur Zahlung eines angemessenen Lösegelds bereit sind. Wozu diese Bescheidenheit führte, das plauderten damals zwei Piratenexperten der Stiftung Wissenschaft und Politik in einer für Die Zeit verfassten "Analyse" aus, ohne selber über einen möglichen Zusammenhang auch nur zu spekulieren: "Von den gemeldeten Piratenangriffen des letzten Jahres waren 43 Schiffe deutscher Reedereien betroffen, die damit einen Spitzenplatz unter internationalen Schiffseignern einnehmen."8 In einem Interview bemerkte eine der beiden Autorinnen ein halbes Jahr später: "Solange Lösegeld gezahlt wird, verlaufen die meisten Entführungen unblutig. Ehemalige Geiseln berichten auch, dass ihre Entführer eher pfleglich mit ihnen umgegangen sind."9 Echte Gentlemen halt, solange man sie mit Samthandschuhen anfasst! Doch ganz so freundlich waren die Piraten in Wirklichkeit gar nicht. John S. Burnett, der Autor des Standardwerks "Dangerous Waters: Modern Piracy and Terror on the High Seas.", vor Jahren einmal selbst Opfer eines Piratenangriffs, erinnerte schon im April 2008 daran, dass laut IMB-Statistik "innerhalb der vergangenen 10 Jahre 3200 Seemänner gekidnappt, 500 verletzt und 160 ermordet wurden".10 Der deutschen Zauberformel für die Lösung aller Weltprobleme - nicht nur mit rein militärischen Mitteln allein - hielt er folgende Überlegung entgegen: Die französische Reaktion auf die somalische Piraterie sei mittlerweile so gut bekannt, "dass man in Puntland darüber redet, 'die französische Option' zu vermeiden."; die Piraten wüssten genau, dass französische Kommandos sie verfolgen würden, und einige dieser "French guys" seien "really tough mothers".11 Seines Wissens hätten die solmalischen Piraten noch nie ein Schiff angegriffen, das unter französischer Flagge fuhr. Es nützte auch nicht viel, dass der UN-Sicherheit und die somalische Übergangsregierung die noch bestehenden völkerrechtlichen Beschränkungen beseitigten, die zunächst als Grund für die Zurückhaltung bei der Piratenbekämpfung angeführt worden waren, außer dass in Deutschland nunmehr die bis heute andauernde Diskussion darüber begann, ob die Bekämpfung der Piraterie eine rein polizeiliche oder rein militärische Angelegenheit darstelle. Das Kompetenzgerangel zwischen den Ministerien und Ämtern, das aus dieser zur Schau gestellten Kompetenzlosigkeit sich ergab, führte dann unmittelbar zu der Tragödie um die Entführung der Hansa Stavanger. Das einer Hamburger Reederei gehörende und von einem deutschen Kapitän gesteuerte Containerschiff wurde am 4. April 2009 400 Seemeilen von der somalischen Küste entfernt im Indischen Ozean gekapert worden. Die deutsche Fregatte "Rheinland-Pfalz" eilte zu dem Tatort, "musste" aber abdrehen, als die Piraten mit der Tötung der Geiseln drohten, und gab den "Gentlemen" dadurch die Gelegenheit, das Schiff in den Hafen von Harardheere, einer weiteren Piratenhochburg in Puntland, zu verschleppen, wo es "aus sicherer Entfernung" von der deutschen Fregatte Mecklenburg-Vorpommern "überwacht" wurde.12 Offenbar beeindruckt von der Courage der Franzosen, wollten die Deutschen jetzt einmal demonstrieren, wie eine echte europäische Großmacht so eine Situation meistert. Der Innenminister, der sich dafür zuständig und dazu kompetent fühlte - "ich nehme alles auf meine Kappe"13 - schickte zu diesem Zweck mehr als 200 schwer bewaffnete Elitepolizisten der GSG9, zusätzlich Kampfschwimmer der Marine, sechs Hubschrauber, samt nicht näher spezifizierter Spezialausrüstung, Sanitäter und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks an den Tatort, um mit diesem furchteinflößenden Aufgebot die handvoll Piraten an Bord der Hansa Stavanger zu überwältigen. Aufgrund fehlender eigener Kapazitäten war das umfangreiche Elitekommando mit dem amerikanischen Hubschrauberträger USS Boxer vor die Küste Somalia transportiert worden. Doch dann wurde die scheinbar so gründlich vorbereitete Befreiungsaktion plötzlich abgeblasen. "In Berlin fiel die Entscheidung nach einer Sitzung des Krisenstabes im Verteidigungsministerium, nachdem der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, James Jones, die notwendige Zustimmung für die Operation verweigert hatte", berichtete Der Spiegel Anfang Mai, und schob dann hinterher: "Während der dreiwöchigen Planungen hatte es mehrfach Streit zwischen den beteiligten Ministerien gegeben. Das Auswärtige Amt warf dem Innenministerium vor, ohne Not die US-Regierung eingebunden zu haben und monierte später, dass keine ausreichende Risikoanalyse für die Kommandoaktion vorgelegt wurde."14 Der Spiegel-Konkurrent Focus berichtete am selben Tag, Wolfgang Schäuble selbst habe den von ihm befohlenen Einsatz wieder gestoppt, nachdem das Kommando "vergeblich auf einen günstigen Moment für einen Überraschungsangriff gewartet" habe.15 Anderen Berichten zufolge hat der Zuständigkeitsstreit zwischen Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium zum Scheitern der Aktion geführt. Weil Einzelheiten die Sache zu kompliziert machen und man sie sowieso schnell wieder vergisst, verbreiteten sämtliche Kommentatoren im Nachhinein die vereinfachte Version, die Amerikaner hätten den deutschen Befreiungsversuch gestoppt, weil sie ihn für zu gefährlich hielten. Falls es doch James Jones war, der den Einsatz abgebrochen hat, hat er in jedem Fall einen guten Grund dafür gehabt. Die Piraten reagierten auf den Vorfall, indem sie ihre Lösegeldforderung hochschraubten und insbesondere den deutschen Teil der Crew mit Scheinerschießungen, Lebensmittelverknappung, Verschleppen an Land u.ä. Maßnahmen unter Druck setzten, während sie die deutschen Medien ausführlich über ihre Tortur berichten ließen. Am 4. August kam die Hansa Stavanger und die Crew gegen ein Lösegeld von angeblich 2,75 Millionen Dollar frei; eines der höchsten Lösegelder, die jemals für ein gekapertes Schiff bezahlt wurden, vergleichbar nur mit der Summe, mit der im Januar die Sirius Star freigekauft wurde, der 330 Meter lange, mit 2 Millionen Barrel Öl beladene saudische Supertanker, das größte jemals von Piraten gekaperte Schiff. Das Problem Fazit: Das Piratenproblem ist wahrscheinlich mit "rein militärischen Mitteln allein" nicht zu lösen, v.a. dann, wenn diese nicht zur Anwendung kommen und die Piratenjagd sich darauf beschränkt, unmittelbar drohende Überfälle auf Hoher See zu vereiteln. Die Option wiederum, die Piratennester direkt an Land auszuräuchern, kommt schon deshalb nicht in Betracht, weil die in Puntland herrschenden Clans dieselben sind, die im Süden das militärische Gegengewicht zu den islamischen Milizen bilden, und jeder Angriff gegen die Piraten an Land, die denselben Clans entstammen, mehr oder weniger indirekt die einzigen Verbündeten schwächen würde, die die "internationale Gemeinschaft" in Somalia hat. Sie sind Gewähr und Legitimation dafür, dass die "internationale Gemeinschaft" nicht selber in Somalia intervenieren muss. Ihre Experten verwirren ihre Politiker aber mit der Feststellung, dass sie die Seeräuberei so nie loswerden, denn: "Die Piraterie ist ein Symptom, nicht die Krankheit, und die Gesetzlosigkeit entlang der Küste Somalias wird solange anhalten, wie die Anarchie an Land geduldet wird."16 Damit formulieren sie aber ein Dilemma, denn für die Heilung der Krankheit soll es ja auch keine militärischen Mittel geben. Die Diskussion dreht sich also im Kreis, doch auch daraus deutet sich bereits eine Ausflucht an. Die Vorlage dafür liefert das 2. Halbjahr 2006, als die UIC in Mogadishu regierte, der es zum Erstaunen der Experten quasi im Handumdrehen gelungen sein soll, die "Anarchie an Land" zu beseitigen: durch das Abhacken von Gliedmaßen und die Steinigung von Teenagern. Eine Problemlösung nach diesem Muster deutet sich an, nachdem die Intervention Äthiopiens, die die Schreckensherrschaft der UIC zunächst beseitigte, am Ende wegen ungenügender militärischer Unterstützung durch die "Afrikanische Union" und "internationalen Gemeinschaft" gescheitert ist. Abermals mussten die Militär- den Dialogstrategen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union das Feld räumen. Noch ganz nüchtern beschreiben ihre Experten im Januar 2009 die Lage: "Die äthiopische Armee, die zwei Jahre lang als Quasi-Regierungsstreitmacht fungierte, zieht sich nun aus Somalia zurück. Während die Übergangsregierung in ihre Clanelemente zerfällt, kontrolliert die jihadistische bewaffnete Gruppierung 'al-Shabab' immer mehr Orte im Land"; aber "ausgerechnet" diese "unübersichtliche Umbruchphase" berge "Chancen auf Besserung". Denn ausgerechnet "jetzt" - d.h. nach den militärischen Erfolgen der Shabab-Milizen - habe "ein Waffenstillstand zwischen den rivalisierenden somalischen Milizen Aussicht auf Erfolg. Dabei sollte die EU eine aktive Rolle spielen, nicht zuletzt im eigenen Interesse. Denn die Piraterie hängt unmittelbar mit der Krise auf dem Festland zusammen."17 So wie der Erfolg der islamischen Banden mit der Krise der "internationalen Gemeinschaft" zusammenhängt? Deutlicher noch als gegenüber den Piraten, folgt die Problemlösungsstrategie für Somalia insgesamt der Formel: beschwichtigen statt besiegen. Nach dem Abzug Äthiopiens wurde, mit freundlicher Unterstützung der "internationalen Gemeinschaft", die somalische Übergangsregierung neu zusammengemischt, um sie auf den anvisierten "Waffenstillstand" vorzubereiten. Der neue Präsident ist ein alter Bekannter, nämlich Sheikh Sharif Sheikh Ahmed, der ehemalige Präsident der UIC. Er gilt jetzt als gemäßigter Islamist, und ihm wäre es tatsächlich zuzutrauen, dass er mit den somalischen Piraten kurzen Prozess macht, denn er selbst war es, der im November 2006 die Befreiung der MV Veesham 1 dirigierte, die gefangenen Piraten auf einer Pressekonferenz präsentierte und schwor, die UIC werde alle Piraterie in der Region ausmerzen.18 Nur dass der Scheich, nachdem er Präsident der Übergangsregierung wurde, von seinen früheren Genossen als Verräter betrachtet und jetzt selber auf der Verliererseite sich wiederfindet. Shabab und Hizbul Islam, die mittlerweile fast den gesamten Süden Somalias kontrollieren und gerade dabei sind, ein zweites Mal Mogadishu zu erobern, sind jedoch auch keine Piratenfreunde. Das zeigte sich, als die Piraten am 15. November 2008 erneut ein "muslimisches" Schiff kaperten, den die Sirius Star, und zunächst in den Hafen von Haradhere verschleppten. Als sich ein islamisches Befreiungskommando dorthin auf den Weg machte, verzogen sich die Piraten und ankerten den Tanker rund 100 Kilometer von der Küste entfernt, wo es für die auf See bisher weniger wendigen Banden Allahs nicht mehr erreichbar war. Doch wenn sie erst einmal die "Anarchie an Land" beseitigt haben, wird den Experten sicher auch dazu noch etwas einfallen. Vielleicht wird man den Allmächtigen dann eine schlagkräftige Marine finanzieren, die Somalias Küstengewässer dereinst von allen Giften bereinigt, die die Ungläubigen gebracht haben, womit auch der Piraterie der Boden entzogen wäre. Anmerkungen
1
Postcard from Somali pirate capital, BBC, 16. Juni 2009,
http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8103585.stm
2
Arrr! The Somali Pirates and Their Troublesome Treasure, Time, 3. Oktober 2008,
http://www.time.com/time/world/article/0,8599,1847064,00.html?xid=feed-cnn-topics
3
Ein entsprechendes Computerspiel ist bereits online: Cutthroat Capitalism (Halsabschneiderkapitalismus),
http://www.wired.com/politics/security/magazine/17-07/ff_somali_pirates
4
Piraten als Robin Hood auf See, Tagesschau des Schweizer Fernsehen, 9. April 2009,
http://tagesschau.sf.tv/nachrichten/archiv/2009/04/09/international/piraten_als_robin_hood_auf_see
5
Robin Hood e i pirati (1960),
http://us.imdb.com/title/tt0054246/
6
Muammar Gaddafi Shakes Up Africa, Time, 10. Februar 2009,
http://www.time.com/time/world/article/0,8599,1878339,00.html?xid=rss-world
7
Piracy in Somalia, Briefing Paper, Chatham House, Oktober 2008,
http://www.chathamhouse.org.uk/files/12203_1008piracysomalia.pdf
8
Piraten vor Somalia, Die Zeit, 27. Juni 2008,
http://www.zeit.de/online/2008/27/piraterie-somalia-analyse
9
In der Piratenhochburg, Interview mit der Expertin Kerstin Petretto, Die Zeit, 21. November 2008,
http://www.zeit.de/online/2008/47/interview-petreto
10
Captain Kidd, Human-Rights Victim, New York Times, 20. April 2008,
http://www.nytimes.com/2008/04/20/opinion/20burnett.html
11
How to Deal, Newsweek, 15. April 2009,
http://www.newsweek.com/id/194049
12
GSG 9 sollte entführte "Hansa Stavanger" stürmen, Der Spiegel, 9. April 2009,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,618384,00.html
13
GSG-9-Einsatz scheitert an Kompetenz-Gerangel, Focus, 10. April 2009,
http://www.focus.de/politik/deutschland/schifffahrt-gsg-9-einsatz-scheitert-an-kompetenz-gerangel_aid_389090.html
14
Berlin stoppt Befreiungsaktion der GSG 9, Der Spiegel, 2. Mai 2009,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,621051,00.html
15
Schäuble stoppt GSG-9-Einsatz. Focus, 2. Mai 2009,
http://www.focus.de/politik/deutschland/piraten-schaeuble-stoppt-gsg-9-einsatz_aid_395303.html
16
The Key to Security at Sea Is Stability on Land, Daniela Kroslak (Deputy Africa Program Director) und Andrew Stroehlein (Communications Director der International Crisis Group) in: The Independent, 17. April 2009,
http://www.crisisgroup.org/home/index.cfm?id=6061&l=1
17
Politischer Umbruch in Somalia, SWP-Aktuell, 5. Januar 2009,
http://www.swp-berlin.org/common/get_document.php?asset_id=5705V
18 http://www.militaryphotos.net/forums/showthread.php?p=2073532 |