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Vom 8. Juni 2010
Von Thomas Becker
Veröffentlicht in
Ultimo
Nr. 13/2010
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Unter Deck Wie die Genossin Inge Höger den Angriff eines jüdischen Elite-Kommandos erlebte
Wir kannten die Herforderin als fürsorgliche Mutter, korrekte AOK-Angestellte und unauffällige Abgeordnete einer linken Partei. Jetzt kennen wir sie noch von einer anderen Seite. Aber kennen wir sie überhaupt? Sie ist keine Herumtreiberin, keine Durchblickerin, keine Helena und keine Heldin, aber das macht nichts, denn sie ist Sozialistin. Während viele ihrer Altersgenossen sich schon mit allem abgefunden haben und höchstens noch darüber schimpfen, dass früher alles viel besser war, obwohl sie sich längst nicht mehr an alles erinnern, hat sie noch lange nicht aufgegeben. Sie ist politisch, sie weiß was sie will und hat es ja auch schon bis in den Bundestag geschafft. In ihrer Fraktion ist sie zuständig für die großen Themen: Frieden und Gerechtigkeit. Ja, sie ist eine Linke, das ist nicht zu leugnen, die kleine Frau an der Seite des kleinen Mannes, die zwischen Arm und Reich zu unterscheiden weiß, zwischen Freund und Feind. Denn Finanzmanager und Spekulaten, die mag sie nicht. Sie ist natürlich auch Antifaschistin und weiß, dass nicht alle Spekulanten Juden sind. Ja, sie redet radikal, aber sie ist nicht brutal. So kannten wir sie, unsere Genossin. Das geordnete Dasein einer stinknormalen deutschen Sozialisten, so schien es, aber da haben wir mal wieder nur die Oberfläche gesehen. In Wirklichkeit füllte sie die anstrengende Abgeordnetenarbeit, das oft aussichtslose Argumentieren und Abstimmen im Parlament längst nicht mehr aus. Hellhörigere Ohren meinten schon vor geraumer Zeit aus den wenigen und zu Unrecht wenig beachteten Bundestagsreden etwas Merkwürdiges herausgehört zu haben, als sie bspw. sagte: "Deutschland ist für unsägliche Verbrechen gegenüber Jüdinnen und Juden verantwortlich. Deshalb kann Deutschland in der Region des Nahen Ostens niemals als neutraler Akteur auftreten." Wozu auch? mag sie dabei nicht-sichtbar schmunzelnd in sich hinein gesprochen haben; bald werde ich selbst mal als nicht-neutraler Akteur da unten auftauchen! Und genau so kam es ja auch. Ende Mai stach die äußerlich unscheinbare Person plötzlich mit einer Bande von Türken und Arabern in See, die ganz danach aussahen, als ob sie nach Streit suchten. Und ab ging's durchs Mittelmeer in Richtung Palästina - ewige Krisenregion, schwelendes Kriegsgebiet. An der Spitze einer Flotte gleichgesinnter Schiffe und in Begleitung von 600 dieser schwerverdächtig nicht-neutralen Kameraden sollte sich nun endlich die andere Inge Höger offenbaren, ihr anderes Gesicht, nicht ihr freundliches, sondern das der furchtlosen, ja geradewegs furchteinflößenden Frau der Tat: "Wir werden mit den Schiffen die Blockade von Gaza durchbrechen." Ahoi, mutwillige Marxistin! Was war da los? Bisher hatten wir die Genossin als konsequente Gegnerin jeder Art von Militäreinsätzen kennengelernt, zuletzt noch auf dem Jahnplatz vor einer Menge von mehr als 10 Demonstranten beim Bielefelder Ostermarsch, wo sie als einzige Hauptrednerin den Militäreinsatz in Afghanistan anprangerte. Im Bundestag hatte sie uns versichert: "die Linke ist die einzige Partei, die konsequent gegen Auslandseinsätze ist." Und jetzt das, sie selber im Auslandseinsatz? Auslandseinsatz? Ist das Durchbrechen einer Seeblockade denn eine militärische Operation? Keineswegs, funkt die pfiffige Herforderin von ihrem Außenposten im Mittelmeer zu uns in die Heimat: Unsere Flotte ist ja bloß ein "maritimer Hilfskonvoi". Was sie in diesem Moment nicht-hörbar zu sich selbst gesprochen haben mag, wissen wir nicht - sie war schon zu weit weg. Doch funkte sie noch eine nicht-überhörbare Warnung hinterher: Der "maritime Hilfskonvoi" darf "nicht durch militärische Aktionen und Drohungen verhindert werden", die Seeblockade Gazas ist nämlich "völkerrechtswidrig" und die israelische Regierung soll uns daher "bitte" durchlassen. So leicht lässt sich eine erfahrene Friedenskämpferin nunmal nicht beirren, auch beim Durchbrechen einer Seeblockade bleibt sie ihrer gewaltfreien Überzeugung treu. Aber alles Bitten und Betteln half nichts. Die israelische Regierung zeigte sich unbarmherzig, und mal ehrlich: Wer hätte etwas anderes erwartet? Und so geschah es, in der Nacht, die wackere Feministin Inge Höger hatte sich schon ins Bett gelegt und schlief friedlich im "Frauendeck" der Mavi Marmara, im untersten Teil des Schiffs, oben hatten die muslimischen Männer gerade das Morgengebet begonnen, als der Feind sich zu Wort meldete. "Hier ist die israelische Navy. Sie nähern sich einem Gebiet, das einer Seeblockade unterliegt". Der Kapitän der Mavi Marmara lachte nicht-sichtbar und antwortete fröhlich: "Halts Maul, geh zurück nach Auschwitz." Inge Höger schlief, und als es laut wurde über ihr, bemerkte sie, dass sie irgendwer in ihrer Kabine eingeschlossen hatte. Als man sie endlich aus dem Bett holte, war schon alles vorbei. Doch etwas Schreckliches musste in der Zwischenzeit passiert sein. Das Schiff war nicht mehr in der Hand der Genossen, mit denen sie losgefahren war, die Israels hatten das Kommando übernommen. Sie waren es, die Inge Höger aus dem "Frauendeck" befreiten, an Land brachten und am nächsten Tag in ein Flugzeug setzten, das sie zurück nachhause brachte. Aber was war nun wirklich passiert? Kaum zurück in Deutschland, wo sie die Partei mit einem farbenfrohen Blumenstrauß und die Lokalpresse mit bunten Erwartungen in Empfang nahm, wurde sie von einer allzu neugierigen Reporterin von der Neuen Westfälischen nach ihren Erlebnissen gefragt: "Wo waren Sie, als die blutige Erstürmung losging?" Blutige Erstürmung? Inge Höger verstand natürlich, wonach der Tonfall dieser Frage verlangte, aber sie hatte davon doch nichts mitbekommen. Wo war ich nochmal? "Wir Frauen waren unter Deck eingeschlossen. Es ist nicht ganz klar, ob dafür die Israelis oder die türkischen Schiffseigner verantwortlich sind. Ich vermute eher, dass die Türken dafür gesorgt haben. Dadurch haben wir wenig mitbekommen." So ein Pech! Oder war es ein Glück? Aber zunächst einmal, Inge, ist Dir wirklich nicht ganz klar, wer Dich da unten eingeschlossen hat? Dann sagen wir es Dir: Es waren Deine türkischen Freunde, Inge, zu Deinem Schutz. Unter muslimischen Männern ist das nämlich so üblich, Inge, die passen auf ihre Frauen auf, ob Du es willst oder nicht. Und überleg mal, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, nichts mitbekommen zu haben. Inzwischen hat sie es sich überlegt. Vielleicht hat sie es sich schon vorher überlegt, wir haben nur wieder nicht richtig hingesehen und zugehört. Es war nämlich so. Auf dem Schiff gab es eine gut überlegte Arbeitsteilung. Als Parlamentarierin gehörte Inge Höger zu einer Delegation von Prominenten, deren Aufgabe nicht darin bestand, das Schiff zu heuern und zu steuern oder sich in eine blutige Schlacht mit den Israelis zu stürzen. Dafür waren ja die jungen Männer dabei. Die Prominenten waren für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die Öffentlichkeitsarbeit aber sollte nicht darin bestehen, zu erzählen, was sie mitbekommen hatten; sie sollten vielmehr gerade das erzählen, was sie nicht mitbekommen hatten. Dazu war es zweifellos nützlich, nichts mitbekommen zu haben. "Halts Maul, geh zurück nach Auschwitz"? Nein, davon hat Inge Höger nichts mitbekommen. Als die Prominenten noch schliefen hatte sich die türkisch-arabische Schiffsmannschaft bereits spontan, d.h. wie vor der Reise verabredet, zu einer tatkräftigen Meute versammelt, die sich mit "Allahu Akbar" und "Intifada" in Lynchlaune versetzte. So standen rund hundert bärtige Genossen mit Äxten, Eisenstangen und Messern bereit, als die ersten Israelis, die sich von Hubschraubern abseilten, das Schiff in nachfolgenden Gruppen von jeweils fünf Soldaten erreichten. Die ersten beiden Gruppen wurden von dem Mob überwältigt, zusammengestochen und -geschlagen, bevor sie checkten, was sie erwartete. Die Verwundeten wurden entwaffnet und unter Deck gestoßen. Erst die dritte Gruppe israelischer Soldaten, die sich jetzt auch mit Schusswaffen konfrontiert sah, überblickte die Situation rechtzeitig und schoss auf die Angreifer. Nein, davon hat Inge Höger nichts mitbekommen. Sie und die beiden Parteigenossen, die mit ihr auf der Mavi Marmara waren, scheinen auch nicht ganz mitbekommen zu haben, woher die freundlichen Menschen kamen, denen sie diese abwechslungsreiche Reise verdanken. So genau brauchten und wollten sie es auch nicht wissen, Gleichgesinnte jedenfalls, das spürte man gleich. Norman Paech, der Völkerrechtsprofessor, fand das Zusammensein mit Menschen so verschiedener Herkunft und doch unverschiedener Meinung schlicht wunderbar; türkische Islamisten, Mitglieder der Moslembrüder, der Schwesterorganisation der Hamas, aus Ägypten, Jordanien und Jemen, Freunde und Helfer der Hamas, Hizballah und Taliban aus sage und schreibe 20 Staaten rund um die Welt: "Für mich war das wie ein Basar. Das war ein buntes Treiben." Annette Groth - der israelische Angriff "war ein Völkerrechtsbruch, ein Kriegsverbrechen" - erzählt noch mit Begeisterung, wie lustig es zuerst war mit den Genossen: "Unglaublich gute Atmosphäre, waren da etliche Gruppen aufm Deck und haben gesungen und so". Weiß sie auch, dass die Gesangsgruppen, das Schiff, seine Mannschaft und sein Mob von der türkischen IHH organisiert worden sind, einer angeblichen humanitären Hilfsorganisation, die in Wirklichkeit eine mit der Hamas und Al Qaeda verbündete islamische Terrororganisation ist? "Auf jeden Fall ist die IHH eine humanitäre Organisation, heißt: für Menschenrechte und Freiheit." Weiß es Inge? "Islamisch vielleicht, aber nicht islamistisch." Vielleicht, Inge. Zu Beginn ihrer Mission wurde die Mavi Marmara, noch im Hafen, mit einem pompösen islamischen Volksfest verabschiedet, ein Prediger gab ihr folgende Verwünschungen mit auf die Reise: "Oh ihr Juden. Die Armee des Propheten Mohammed wird zurückkommen. Intifada bis zum Sieg!" Davon haben die Genossen aber nichts mitbekommen. Aber dann meldet sich endlich Angelika Claußen zu Wort, die immer gut informierte Psychotherapeutin, ohne deren bedenkliche Reden in den zurückliegenden Jahrzehnten keine anti-zionistische Demonstration in Bielefeld gelingen konnte. Ihr professionelles Vermögen, sich in andere Menschen einzufühlen, sie zu durchschauen, ohne sie zu verurteilen und ihnen weh zu tun, bewies sie schon einmal, als sie in Anspielung auf Ereignisse, die sich am 11. September 2001 in New York zugetragen haben sollen und die Inge Höger augenzwinkernd als "Zwischenfall" zu umschreiben pflegt, von "Flugzeugunfällen" sprach. Vielleicht hat sie etwas mitbekommen. Sie war zwar selber nicht auf der Mavi Marmara, aber Kraft ihres Amtes, des Vorsitzes der humanitären Hilfsorganisation IPPNW, diente sie während des Schiffsunfalls im Mittelmeer als Sprachrohr an der Heimatfront. Von dort aus hat sie die IHH genau überprüft, wie sie sagt. Und? "Das ist eine Hilfsorganisation. Der Sichtweise des israelischen Militärs schließen wir uns nicht an." Je genauer man darauf hört, was sie sagen, umso deutlicher ergibt sich ein Bild aus dem, was sie nicht sagen, wiewohl die Lokalpresse Inge Höger unbeirrt als ihre Heldin feiert und sie auf Bildern von Solidaritätsdemonstrationen in Herford inmitten von palästinensischen und türkischen Fahnen präsentiert, ohne im Überschwang daran gedacht zu haben, die Fahnen von Hamas und Hizballah wegzuretuschieren. Das Bemerkenswerteste an diesem Zwischenfall ist tatsächlich, in welchem Tempo und Ausmaß es einem anti-zionistischen Kamikaze-Kommando gelingen kann, die Weltöffentlichkeit für sich zu vereinnahmen, wenn es unter der Fahne eines "maritimen Hilfskonvois" segelt. Ein paar Menschenopfer sind dabei freilich unerlässlich. Es ist bedauerlich, meint Inge Höger, "dass erst 19 Menschen sterben mussten", bevor die Welt verstanden hat, dass die Seeblockade Gazaa "eine völkerrechtswidrige Blockade" ist. Nur nicht so bescheiden, Genossin, es waren nur 9, aber trotzdem ein toller Erfolg. Wie es gelingen konnte, ein israelisches Elite-Kommando in eine solche Falle zu führen, wird sich vielleicht auch noch aufklären. Seit bereits von der Hälfte der auf der Mavi Marmara Getöteten bekannt ist, dass sie vor ihrer letzten Reise ein Testament hinterlegt und gegenüber Freunden und Verwandten den lange gehegten Wunsch geäußert hatten, den Tod eines Märtyrers zu sterben, hat man eine düstere Vorstellung davon. Einen gottverdammten Märtyrer vor sich selbst zu schützen, das ist wahrlich ein riskantes Manöver. Den propagandistischen Gewinn dieser Operation berücksichtigend, werden wir sicher bald ähnliche Versuche erleben, die Seeblockade zu durchbrechen. Aus Teheran hört man, die nächsten Friedensflotten dürften mit dem Geleitschutz iranischer Kriegsschiffe rechnen. Das dürfte eine leere Drohung sein, aber wenn ihr es nochmal versuchen wollt, Genossen und Genossionnen, rechnet auch damit: Ihr werdet nicht durchkommen - no pasaran! |