Vom Negerkuß zum Völkermord

Flugblatt der Gruppe 8. Mai Bielefeld anläßlich des 61. Jahrestags der Kapitulation Nazi-Deutschlands

„Wir Deutsche sind in unserem Bemühen, Schuld abzutragen, immer wieder in die Freundschaftsfalle Israel hineingetapst... Die Lehre aus dem, was wir Deutschen der Welt angetan haben: Es gibt kein privile-giertes Volk. Kein Volk darf einem anderen Volk Unrecht antun. Mir sind die Mißhandlungen, denen die Palästinenser durch den Staat Israel aus-gesetzt sind, nicht gleichgültig. Und wir Deutschen dürfen niemandem mehr sklavisch folgen.“

Rupert Neudeck

Einundsechzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust zählen die Deutschen sich zu jenen aufgeklärten Völkern, welche jede Form von Rassismus, Faschismus, Sexismus, Diskriminierung, Intoleranz, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt kompromißlos verabscheuen und bekämpfen. Die vollständige militärische Niederlage und anschließende Besetzung durch die Truppen der Anti-Hitler-Koalition, Voraussetzung für die Umerziehung der Deutschen, hat offensichtlich etwas gebracht. Nachdem die Generation der Täter beinahe ausgestorben ist, haben die Deutschen ihre Vergangenheit endlich bewältigt. Aus Hitlers willigen Vollstreckern ist schließlich ein Volk von Antifaschisten geworden, das der Welt als Vorbild dafür dienen kann, wie die Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit zusammen leben könnte, wenn sie nur ebenso gründlich aus der Geschichte zu lernen bereit wäre.

Die Deutschen haben etwas aus ihrer Nazi-Vergangenheit gelernt. Aber was genau haben sie gelernt? Eben daß jede Form von Rassismus, Faschismus, Sexismus usw. zu verabscheuen und zu bekämpfen ist. Jede Form, auch die scheinbar harmlose, nur erst verbale, noch nicht gewalttätige. Ein Deutscher sagt nicht „Negerkuß“ oder „Mohrenkopf“. Wer so redet, ist ein Rassist, auch wenn es hier nur um einen Haufen Süßschaum mit Schokoladenguß zu gehen scheint. Denn den Worten könnten Taten folgen. Das verächtliche Reden könnte der Vorbote eines neuen Völkermords sein, wie damals in Deutschland. Und die Deutschen haben gelernt: Wehret den Anfängen! Auch Hühner leiden bei nichtartgerechter Haltung und dürfen daher nicht in ein „KZ“ gesperrt werden. Die Deutschen haben ein besonderes Feingefühl dafür entwickelt, jede, auch die unscheinbarste Regung von Rassismus zu erkennen, anzuprangern und zu unterdrücken. Jede Form bedeutet dann auch, nicht nur die Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen zu verurteilen, den Holocaust, sondern jeden Völkermord: den an den Indianern genauso wie den an den Armeniern oder den Muslimen in Bosnien. Die Deutschen haben dabei also hauptsächlich 2 Dinge gelernt:

1. Zwischen dem Gebrauch des Wortes „Negerkuß“ und dem Betreiben einer Gaskammer zur Vernichtung von Menschen besteht nur ein gradueller, kein wesentlicher Unterschied;

2. Nicht nur die Deutschen haben eine „dunkle“ Vergangenheit, sondern alle anderen Völker auch; und nicht nur die Juden haben gelitten, sondern alle anderen Völker auch – nicht zuletzt die Deutschen selbst: Stalingrad, Dresden, Schlesien, Honecker. Wer das bestreitet, wer immer nur von den Deutschen als Tätern und den Juden als Opfern reden will, dem kann unterstellt werden, daß er lediglich von seinen eigenen Untaten ablenken will.

Die Deutschen haben also aus ihrer Nazi-Vergangenheit gelernt, daß sie ein ganz normales Volk sind, so gut und schlecht wie jedes andere auf der Welt. Dennoch ist an der deutschen Geschichte etwas Besonderes, etwas irgendwie Unfaßbares und Abgründiges. Das Besondere ihrer Geschichte liegt jedoch nicht allein im kollektiv begangenen industriellen Massenmord, sondern vor allen Dingen in dessen umfassender Bewältigung und Aufarbeitung. Die Deutschen haben gelernt, ihre Sünden zuzugeben. Andere Völker (USA, die Kolonialmächte) haben ihre Leichen jedoch noch im Keller und zeigen keinerlei Bereitschaft, es den Deutschen gleich zu tun. Die deutsche Geschichtsbewältigung gemahnt die Deutschen auch von anderen Völkern Gleiches zu verlangen. Wie sonst könnte die kranke Welt (am deutschen Wesen) genesen. Und das erreichen die Deutschen eben durch ihren Protest gegen jede Form von Rassismus, nicht nur gegen irgendeine spezielle und zudem vergangene. Die Deutschen sind daher ein ganz normales Volk wie jedes andere, mit der einzigen Besonderheit, in Folge ihrer besonderen Geschichte eine besondere Sensibilität für alle Gemeinheiten dieser Welt herausgebildet zu haben. Daß die Deutschen viel aus der Geschichte gelernt haben, kann also nicht bezweifelt werden. Ebenso außer Frage steht aber, daß sie dabei nichts über sich, über die tatsächliche Besonderheit ihrer eigenen Geschichte, nämlich ihren Antisemitismus gelernt haben. So wie sie jede Form von Rassismus mit jeder anderen Form desselben gleichsetzen, so gilt ihnen auch der Antisemitismus nur als eine weitere Spielart von Rassismus, Diskriminierung oder Intoleranz. Da sie auf diese Weise den Antisemitismus, d.h. sich selbst nicht verstehen können, existiert er für sie gar nicht. Auf diesem Auge sind die Deutschen blind. Wenn sie in die Welt hinausblicken, z.B. in den Mittleren Osten, dem gegenwärtigen Schwerpunkt des Antisemitismus, erblikken sie Diskriminierung und Gewalt überall und in jeder Form, aber keinen Antisemitismus. Denn Antisemitismus verstehen sie nicht.

Dafür verstehen die Deutschen die Antisemiten um so besser. Z.B. wenn sie für einen „Dialog“ mit der antisemitischen Terrororganisation Hamas werben. Dann argumentieren sie, die Palästinenser seien den israelischen Streitkräften hoffnungslos unterlegen, und der Selbstmordterror sei deshalb ihre einzige wirkungsvolle, folglich legitime Waffe. Sie verweisen auf das Elend in den palästinensischen Autonomiegebieten, für das die israelische Besatzungspolitik verantwortlich sei. Ist es da nicht verständlich, daß die Hamas, wie der iranische Präsident, Israel von der Landkarte radieren will? Bei diesem Verstehen geht es um Verständnis, um das Sammeln von Argumenten, die geeignet sind, den islamischen Antisemitismus zu rechtfertigen. Nicht nur Oscar Lafontaine und die Friedensbewegung argumentieren, weil Israel Atomwaffen habe, sei es nur allzu verständlich, daß Iran auch welche wolle. Der deutsche Außenminister benutzte das Argument schon vor Jahren zur Rechtfertigung der europäischen Beschwichtigungsdiplomatie. Ende Oktober 2003 flog Joschka Fischer, den britischen und französischen Außenminister im Schlepptau, nach Teheran, um zu verhindern, daß die Atom-Akte des Gottesstaates schon damals an den UN-Sicherheitsrat verwiesen wurde. In einer gemeinsamen Erklärung bescheinigten sie dem Regime, daß sein Atomprogramm nur friedlichen Zwecken diene. Das Dokument lieferte aber auch die Rechtfertigung für eine iranische Atombombe. Europa werde, wird dort erklärt, ausgerechnet „mit Iran zur Förderung von Sicherheit und Stabilität in der Region zusammenarbeiten“ und dabei eine „Zone im Nahen Osten“ schaffen, die „frei von Massenvernichtungswaffen ist“. Wenn Iran auf Atomwaffen verzichten soll, muß auch Israel darauf verzichten. Umkehrschluß: Wenn Israel nicht verzichtet, dann braucht auch Iran nicht. Wenn Diskriminierung in jeder Form abzulehnen ist, kann auch Israel keine „Sonderbehandlung“ beanspruchen. Die Palästinenser sind arm und schwach, Israel ist reich und stark. Die Deutschen stehen heute auf der Seite der Schwachen, der Opfer. Die alliierte militärische Überlegenheit, die sie einmal selbst erlebt haben, steckt ihnen noch in den Knochen. Aber die Juden haben auch etwas, aber etwas anderes aus der Geschichte gelernt. Wehret den Anfängen!