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Vom 5. Oktober 2008
Von Thomas Becker
Veröffentlicht in
Bahamas
Nr. 56/2008
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La Contrarrevolutión Eine erfolgreiche militärische Offensive gegen die FARC hat die Spirale der Gewalt in Kolumbien durchbrochen
„Sie bringen dir all diese marxistische Philosophie bei, und dann behandeln sie dich wie einen Sklaven.“
Die Gefangenschaft Ingrid Betancourts war zum Symbol für die Gemeinheiten geworden, wie sie mit ihr tausende unbescholtene Bürger durchleiden mussten, die das unsägliche Pech hatten, einer jener revolutionären Streitkräfte, Befreiungsfronten und Volksarmeen in die Fänge zu geraten, die ihre lebendige Beute in den Dschungel verschleppen, um eine Gesellschaft damit zu erpressen, die sie angeblich vom Joch der Ungerechtigkeit befreien wollen. Ingrid Betancourt war zugleich ein besonderes Opfer. Zum Zeitpunkt ihrer Entführung war sie die Kandidatin der Grünen Partei für die Präsidentschaftswahlen im Sommer 2002 und wurde die prominenteste Gefangene der FARC, denen dieser unerwartete Fang wie ein Goldstück in ihrer ansonsten mit zunehmender Masse an Wert verlierenden Menschensammlung erscheinen musste, ohne dass ihr deshalb eine freundlichere Behandlung zustand als den gewöhnlichen Mitgefangenen. Doch diese Rechnung ging nicht ganz auf, denn als „die berühmteste Geisel der Welt“2 entpuppte sich das wertvolle Stück alsbald zum sündhaft teuren Luxus für eine Organisation, die ihren moralischen Kredit schon vor langer Zeit verspielt hatte: Die Entführung ausgerechnet der Politikerin, die während ihrer ganzen Laufbahn nie müde geworden war, Versöhnung zu predigen, die bis zur Erschöpfung jedweden Realitätssinns den Dialog mit jenen gesucht hatte, die ihr nunmehr die Nichtigkeit ihres Verlangens mit der größtmöglichen Verachtung vor Augen führten, erreichte es, dass all der Überdruss, der sich innerhalb der kolumbianischen Gesellschaft bereits angesammelt hatte, nun in einer leidenschaftlichen Sympathie für die Gefangene konzentrierte. Ja, die FARC entfesselten mit dem vermeintlichen Coup eine der erfolgreichsten weltweiten Kampagnen gegen sich selbst. Und diese Geisel besaß wie keine andere das Talent dafür, ihren Peinigern daraus einen Strick zu drehen, jenen Charakterzug, der sich aus einer besonderen Kombination von Friedfertigkeit und Kämpfertum auszeichnet, wie man sie in dieser Ausprägung nur bei den entschiedensten Weltverbesserern findet, diese auftrumpfende Unschuld, mit der sie in eine gerechtere Zukunft vorausschauen, ohne in ihrem melancholischen, strafenden Blick, der ihren tief in ihrem Herzen beschlossenen Hass auf das Bestehende preisgibt, die leiseste Ahnung davon zu verraten, dass es in der Gegenwart der realen Welt nicht selten gerade die sentimentalen Heilsbringer sind, die ihr eigenes, wenn nicht gar noch das Unheil anderer heraufbeschwören. Das unschwer vorhersehbare, von der Betroffenen gleichwohl unvorhergesehene Unglück bahnte sich im Februar 2002 an, als die sich bereits über drei verlorene Jahre ziehenden Verhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC gerade an ihrem Endpunkt angelangt waren. Ingrid Betancourt war damals die letzte Politikerin, die noch an den Dialog mit der Guerilla glaubte, zu einem Zeitpunkt, als selbst Präsident Andrés Pastrana, der einst die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen hatte, den Frieden durch Zugeständnisse zu erreichen, dessen und damit sein Scheitern nicht mehr leugnen konnte. Als Zeichen der Schwäche seiner Regierung hatte er der Guerilla gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine entmilitarisierte Zone im Süden Kolumbiens eingeräumt, ohne die geringste Gegenleistung dafür zu erhalten oder zu erwarten. In diesem Gebiet, dessen Umfang dem der Schweiz entsprach. durften die FARC nun, unbehelligt von den Streitkräften, schalten und walten wie sie wollten. Sie nutzten den Freiraum, um ihre alten Waffen zu putzen und sich neue, aus dem florierenden Drogengeschäft finanzierte anzuschaffen, die Ausbildung ihrer Soldaten voranzubringen, die in der Zone liegenden Dörfer einzunehmen, von deren Bewohnern sie eine Revolutionssteuer kassierten, und Schutzgelder von den Koka-Bauern einzutreiben, um sich so militärisch und ökonomisch für das nächste Gefecht mit dem kolumbianischen Staat zu rüsten. Während die Verhandlungen der Guerilla dazu dienten, die Zahl ihrer Soldaten zu verdoppeln und ihren Aktionsradius über die ihr überlassene Zone hinaus auf beinahe die Hälfte des Staatsgebiets auszuweiten, verhandelte die Regierung von vornherein aus einer Position der Defensive. Der Ausgang dieser Friedensinitiative war umso leichter vorhersagbar, als sich schon in den 1980er Jahren herausgestellt hatte, dass die FARC, im Gegensatz zu einer Reihe von kleineren Guerilla-Gruppen, die nach der Ermordung ihrer Führer oder wie von selbst bloß aufgrund innerlicher Zerbrechlichkeit auf einmal von der Bildfläche verschwunden waren, zu stark geworden waren, um sie noch mit schwächlichem Zuvorkommen zu beeindrucken. Und dafür, darauf zu hoffen, dass sie, dem Beispiel aller anderen lateinamerikanischen Guerilla-Organisationen folgend, nach dem Zerfall der Sowjetunion den bewaffneten Kampf an den Nagel hängen und einen politischen Ausweg suchen würde, war es ein Jahrzehnt danach auch schon zu spät. Vielleicht hätte es, wie Ana Carrigan vermutete 3, vor 40 Jahren funktioniert, ganz zu Anfang, als Manuel Marulanda, der durch intellektuelle Mitstreiter vom wissenschaftlichen Sozialismus infizierte Schulabbrecher, zusammen mit 300 weiteren Bauernsöhnen und einer handvoll Gewehren noch in einem weit abgelegenen Bergdorf, 2000 Meter über dem Meeresspiegel in den Wolkenregionen marxistischer Geschichtsphilosophie, eine nach dem Vorbild der Pariser Commune gezimmerte Gemeinschaft anführte, einem Treiben, dem außer einigen Lateinamerika-Experten der CIA kaum jemand Beachtung schenkte. Doch damals gab es keine Friedensinitiative, das Problem sollte ausschließlich auf militärische Weise gelöst werden. Manuel Marulanda war ursprünglich als Teenager in die Wirren eines Bürgerkriegs geraten, bei dem der Kommunismus weniger als eine Nebenrolle spielte. Die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten der Liberalen Partei, Jorge Eliécer Gaitán, löste 1948 eine Gewaltorgie aus, die in Bogotá damit begann, dass ein wutentbrannter Mob den Attentäter in Stücke riss, und sich schließlich über einen Zeitraum von 10 Jahren zu einem historischen Ereignis entfaltete, das 200tausend Kolumbianern das Leben kostete und unter dem Namen „La Violencia“ in die Geschichtsbücher einging. Manuel Marulanda hatte sich einer der Guerilla-Gruppen der Liberalen Partei angeschlossen, auf deren Seite auch ein paar Kommunisten kämpften. Der Bürgerkrieg endete 1958 mit einem Friedensschluss zwischen den Liberalen und den Konservativen, die sich endlich zu einer Politik der „Nationalen Front“ zusammenrauften, und als die liberale Guerilla ihre Waffen niedergelegt hatte, verzog sich die Kommunistische Partei mit einigen Bauern in die Berge, um sie mit Lenins Hilfe auf die künftige Revolution vorzubereiten. Doch nachdem die kolumbianischen Streitkräfte, zusätzlich angestachelt vom amerikanischen Anti-Kommunismus des Kalten Krieges, die ersten „unabhängigen Republiken“ der jungen marxistischen Bauern schon Ende der 1960er Jahre aus dem Weg geräumt hatten, ging es damit nur schleppend voran, und da sie sich hauptsächlich in den verborgensten ländlichen Regionen abspielte, die von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in den Städten abgekoppelt blieben, erregte sie in Bogotá längere Zeit kein übertriebenes Interesse mehr. Dennoch wuchs die Unzufriedenheit unter den Bauern und mit ihr die Anhängerschaft der Guerilla, die in ihrem Namen den Sturz der kapitalistischen Ordnung propagierte, die der armen Landbevölkerung keinen Profit einbrachte. Bis Ende der 1970er Jahre hatte sich so eine ganze Reihe von bewaffneten Gruppen herausgebildet, worunter die FARC mit nun bereits 3tausend Soldaten und sowjetischer Unterstütung als die für den kolumbianischen Staat bedrohlichste hervorstachen. Und außer den FARC und den anderen Guerillas wie der M-19, einer ideologisch nach dem Vorbild der uruguayschen Tupamaros ausgerichteten Bewegung, die von Mitgliedern einer linken Partei gegründet war, die den unbegründeten, aber damals weithin geglaubten Vorwurf erhoben hatten, dass die Niederlage ihres Kandidaten bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 1970 Wahlbetrug gewesen sei, oder der ELN, einer von der katholischen Befreiungstheologie wie vom Marxismus beeinflusste und von Kuba unterstützte Organisation, die, im Gegensatz zur M-19, noch heute existiert, waren seit den 1980er Jahren zwei zusätzliche, die staatliche Ordnung nicht minder herausfordernde Bedrohungen ins Kraut geschossen: die Gruppen der paramilitärisch organisierten Anti-Kommunisten und die Drogenmafia. Die ersten anti-kommunistischen Milizen waren in den 1960er Jahren von kolumbianischen Generälen und Politikern, mit freundlicher Unterstützung seitens der CIA als Bürgerwehr in den von Militär und Polizei ungesicherten Gegenden auf die Beine gestellt, und dann nachträglich per Staatsdekret verrechtlicht und offiziell mit Waffen und Uniformen ausgestattet worden. Ihre Rolle bei der Aufstandsbekämpfung blieb zunächst so bescheiden wie der Aufstand selbst, so dass sie von Staats wegen bald im doppelten Sinne vernachlässigt wurden: ihre Machenschaften wurden nicht weiter gefördert, aber auch nicht behindert. Doch die ganze, noch beinahe schläfrig anmutende Szenerie änderte sich dramatisch, als die Drogenmafia ihre Produktion von der Marijuana- auf den Kokain-Handel umstellte, ein Geschäft, das sich als so lukrativ herausstellte und Profite in einer Größenordnung versprach, die alle in Kolumbien herumlungernden Banden zu neuem Leben erwecken musste. Die Guerilla und die Paras stiegen also ihrerseits in das Drogengeschäft ein und schöpften daraus, wie die eigentliche Drogenmafia selbst, mit den riesigen Summen zugleich einen beachtlichen Gewinn an Macht und Möglichkeiten. Aber die FARC verstanden es am besten, die ihr nun zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel dazu zu nutzen, um daraus auch politisches Kapital zu schlagen. 1982 veranstalteten sie eine Konferenz, auf der sie einen bedeutsamen Strategiewechsel vollzogem, der sich auch in einer Namensergänzung niederschlagen sollte. Die ideologische Schulung und politische Mobilisierung der Bauern sollte von nun ah zugunsten der Eroberung der Macht mit militärischen Mitteln zurückstehen, die Form des traditionellen Guerillakampfs der Kriegsführung einer regulären Streitmacht weichen, für deren Aufbau jetzt alle finanziellen und personellen Mittel eingesetzt werden sollten, um das Ziel, den Sturz der Regierung und den Sieg des Sozialismus, bis zum Ende des Millenniums zu erreichen. Jetzt hießen sie sich FARC-EP – die Revolutionären Streitkräfte Columbiens-Volksarmee. Die Gelder aus dem Drogengeschäft, mochten vielleicht nicht hinreichen, um die ehrgeizigen Vorhaben der Volksarmee zu finanzieren. Bald entschloss man sich, noch andere, ideologisch noch fragwürdigere, moralisch noch verwerflichere Geschäftsideen in die Tat umzusetzen, Mittel, die der baldige Endsieg schließlich rechtfertigen würde: Erpressung, Kidnapping, Mord, Terror. Auch die Paras standen nun vor neuen Herausforderungen, neue Milizen entstanden, neue Auftraggeber baten um ihre Dienste. Die Drogenmafia brauchte sie, um sich die zunehmend ärgerlich werdende Konkurrenz vom Leibe zu halten. Die staatlichen Repressionsorgane, angetrioeben von den heftiger werdenden Anti-Drogen-Kampagnen der USA, machte Jagd auf sie und zwang sie, sich dagegen mit friedlichen wie unfriedlichen Mitteln zur Wehr zu setzen: die Konkurrenz mußte von den eigenen Koka-Feldern vertrieben werden, und wenn die Justizminister, Staatsanwälte und Richter durch Bestechungsgelder nicht zur Ruhe zu bringen waren, musste man sie erschießen. Die Grundeigentümer und Viehzüchter, und ihre Familien, die die natürlichen Hassobjekte der Landarbeiter und armen Bauern darstellten, und die begehrtesten Ziele für das Kidnapping und die Attentate der Guerilla, schufen sich ihre eigenen paramilitärischen Verbände, und wurden dabei von vielen mittel- und hochrangigen Militärs und Politikern unterstützt, weil sie mit ihnen persönlich befreundet waren und weil diese kleinen Privatarmeen die Streitkräfte wie die Politik von dem beschwerlichen, gefährlichen und schmutzigen Geschäft der Aufstandsbekämpfung zu entlasten versprachen. Nicht zufällig kamen oft alle diese Momente zusammen, und nicht selten ergriff die Drogenmafia die Initiative, wie bei der Gründung einer der ersten und lange Zeit berüchtigsten paramilitärischen Gruppe mit dem Namen „Muerte a Secuestradores“ (Tod den Kidnappern), für die die Entführung der Schwester eines Drogenbarons durch die M-19 im Jahre 1981 den Anlaß gab. Die Familienzusammenkunft hatte beschlossen, kein Lösegeld zu zahlen. Wenige Wochen später tauchte während eines Fußballspiels in Cali über dem Stadium ein Sportflugzeug auf, von dem Flugblätter abgeworfen wurden, die die Gründung einer Todesschwadron ankündigten: 223 Drogen-Händler und Mafia-Bosse stünden hinter dem Vorhaben, von denen jeder mehrere Millionen Pesos und 10 seiner besten Männer bereitstellen würde, um die Kidnapper und ihre Helfer, seien sie von der Guerilla oder gewöhnliche Verbrecher – (wie sie selbst!) –, zur Strecke zu bringen. 1982 trafen sich Drogenhändler, Grundbesitzer, Unternehmer, Militärs, Politiker der Liberalen und der Konservativen Partei und Repräsentanten der Texas Petroleum Company, um gemeinsam die Gründung einer paramilitärischen Gruppe zu beschließen, deren Zweck es sein sollte, sowohl die Anwesenden, wie auch die Bevölkerung allgemein vor der Guerilla zu beschützen. In ihrem Feldzug gegen die Guerilla richteten die Paras aber gleichfalls Massaker an, töteten Zivilisten, die sie für Kollaborateure hielten, und stellten tatsächlich selbst eine Bedrohung für die allgemeine Bevölkerung dar. Dass aber die Grundeigentümer, oder sogar die Drogenbosse, überhaupt in diese Rolle schlüpfen und sich als Verteidiger der Bevölkerung aufspielen konnten, obwohl sie nichts als ihr Privatinteresse verteidigten, war durch die allgemeine Schwäche des Staates heraufbeschworen, der entweder außer Stande oder nicht Willens war, die Gesellschaft vor dem Ansturm all dieser Banden zu beschützen. Wo der Staat die Gesellschaft nicht verteidigen kann, muss sie selbst es tun, sofern sie es kann. Die Drogenmafia, die keine gesellschaftliche, sondern eine anti-gesellschaftliche Institution darstellt, konnte sich natürlich so oder so nicht auf ein solches Ausnahmerecht berufen, weil sie selbst sich außerhalb des Rechts bewegte. Doch auch die Grundeigentümer, die hier ausnahmsweise als Personifikation der gesellschaftlichen Institution des Eigentums auftreten dürfen, taten Unrecht, indem sie statt auf eine Stärkung des Staates zu setzen, sich auf die eigene Stärke meinten verlasen zu dürfen; nicht etwa, weil ihr Eigeninteresse niemals das Allgemeininteresse vertreten könnte; sie handelten auch gegen ihr eigenes Interesse, sofern es mit dem allgemeinen übereinstimmt: sie untergruben die Gewalt des Staat, als sie eine Macht in die Welt setzten, die bald ihnen selbst, und was viel schlimmer ist, endlich der Staatsgewalt über den Kopf wachsen würde. Dass genau dies das Ergebnis der Para-Politik sein würde, zeichnete sich sehr schnell ab, als der Staat aus seiner Hilflosigkeit heraus ab Mitte der 1980er Jahre die ersten Versuche unternahm, die Guerilla mit Friedensverhandlungen und Generalamnestien zu beeindrucken. Die diversen damals aktiven Guerilla-Organisationen wie M-19, EPL, ELN und auch die FARC reagierten darauf indem sie, zusätzlich zu ihren militärischen Formationen, politische Parteien gründeten, die sich, mit nicht geringem Erfolg besonders außerhalb der größeren Städte, an den Wahlen beteiligten, wo sie auf Anhieb mitunter mehr als 10% der Wählerstimmen für sich verbuchen konnten. Dadurch schien sich zunächst, den Optimisten jedenfalls erschien es so, tatsächlich eine gewisse Tendenz der Verlagerung der Aktivitäten eines Teils dieser Organisationen weg vom bewaffneten hin zum politischen Kampf zu ergeben. Aus Sicht der Guerilla war es allerdings nicht mehr als die berühmte Revolutionstheorie von der Einheit des bewaffneten und unbewaffneten Kampfs. Den Optimisten verging der Spaß auch schnell wieder, als die M-19 im November 1985 einen Angriff auf den Palast der Justiz im Zentrum Bogotás durchführte und dabei, neben einer Menge von Zivilisten, die Hälfte der Richter des Obersten Gerichtshof Kolumbiens zur Strecke brachte. Die Regierung vernachlässigte die Friedensverhandlungen daraufhin, ohne den Mut aufzubringen, sie zu beenden, und versuchte stattdessen durch die wirtschaftliche Förderung der ländlichen Regionen politischen Boden wettzumachen, während sie die militärische Auseinandersetzung mit der Guerilla, die Drecksarbeit, den Paras überließ, deren Existenz sie offiziell zu ignorieren versuchte. Der faule Frieden versiechte gegen Ende der 1980er Jahre schließlich in der Weise, dass zwar die M-19 zusammen mit der kleineren EPL die Bereitschaft erkennen ließ, den bewaffneten Kampf aufzugeben, um sich fortan der Politik zu widmen, gleichzeitig jedoch die FARC den von der Regierung formal immer noch aufrechterhaltenen, faktisch längst nicht mehr wirklichen Waffenstillstand aufkündigte, während die Paras damit begannen, die Politiker der gerade gegründeten linken Parteien und Gewerkschafter zu ermorden. In den kommenden Jahren fielen so hunderte, wenn nicht tausende Ex-Guerilleros, die sich der Politik zugewandt hatten. den Todesschwadronen der Paras zum Opfer, und mit ihnen starb auch die letzte Illusion über die Aussichten einer Demokratie jenseits des staatlichen Gewaltmonopols. Diese Entwicklung verfestigte sich in den 1990er Jahren zu einem Zustand, in dem die Paras, die Guerilla und die Drogenkartelle, jeweils kräftig gewachsenen durch staatliches Nichtstun, zu einer einzigen, übermächtigen, sich allseits bekriegenden Mafia herangereift waren, die, anstatt durch dieses gegenseitige Bekämpfen ihre Kräfte untereinander zu verausgaben und infolgedessen dem Rest der Gesellschaft gegenüber zu neutralisieren, ein Ausmaß von Gewalt und Verbrechen hervorbrachte, das die Fähigkeit des Staates, ein Minimum an Recht und Ordnung herzustellen, nun gänzlich unterminierte. Da sich bis Ende des Jahrzehnts an diesem Zustand des Zerfalls staatlicher Gewalt zugunsten der Bandengewalt nichts änderte, außer dass er sich Tag für Tag verschlimmerte, so lebte bald die schon einmal begrabene Illusion wieder auf, die Stärke des Staates bestünde gerade in seiner Nachgiebigkeit. Und dann kam Andrés Pastrana, um diese Selbsttäuschung noch einmal zum Regierungsprogramm zu erheben, indem er den FARC ein Gebiet von mehr als 40000 km2 zur freien Verfügung überließ, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu verlangen, wenn überhaupt zu erwarten, außer der irrsinnigen Hoffnung, dass die Guerilla durch dieses Geschenk, statt in ihrem bisherigen Tun bestärkt, nun freundlich gestimmt und zu Friedensverhandlungen bereit sein würde. Das FARC-Sekretariat dachte sich dies dazu: Geschenke kosten nichts. Das Ergebnis dieser bedingungs- und kopflosen Friedenspolitik offenbarte sich drei Jahre später, gegen Ende der Präsidentschaft Andrés Pastrana, Anfang des Jahres 2002, in folgendem Befund: „So gut wie 75% des Territoriums Kolumbiens werden von den Aufständischen oder von den paramilitärischen Verbänden entweder kontrolliert oder bedroht. Das staatliche Monopol der Besteuerung wird ebenfalls von der Guerilla angefochten.“4 Im März 2000 hatten die FARC in den von ihr kontrollierten Gebieten das „Gesetz 002“ verkündet, wonach jedes persönliche oder unternehmerische Eigentum im Wert von mehr als 1 Millionen US$ eine Reichtumssteuer an sie zu zahlen habe. Aufgrund der Unberechenbarkeit und Gewalt in großen Teilen Kolumbien waren die Investitionen, v.a. die Auslandsinvestitionen stark zurückgegangen, was zu einem drastischen Fall des Wirtschaftswachstums und einem ebenso drastischen Anstieg der Armut insbesondere in den ländlichen Regionen beitrug. Das hier gezeichnete Bild ist insofern nicht ganz stimmig, als nun doch auch die ersten Ansätze zur Modernisierung der Streitkräfte unternommen wurden, um ihre Eignung zur Aufstandsbekämpfung zu verbessern. Wenngleich die bis dato erreichten Fortschritte noch nicht übermäßig überzeugend ausfielen, so ließen sich die eingeleiteten Reformen immerhin so interpretieren, dass auch die Regierung Andrés Pastranas sich dem Problem nicht ganz verschließen konnte, dass Verhandlungen mit notorischen Schwertverbrechern, die aus einer Position der Schwäche heraus geführt wurden, zu keinem guten Ende gelangen konnten. Zwischen 1999 und 2002 stieg die Personalstärke der kolumbianischen Streitkräfte von 130000 auf 150000 Soldaten, die Zahl der für einen Kampfeinsatz ausgebildeten und bewaffneten Soldaten von 40000 auf 50000. Diese Zahlen erscheinen auf den ersten Blick nicht staatszersetzend klein, doch muss man dabei in Rechnung stellen, dass Kolumbien mit 40 Millionen Einwohnern und einem Staatsgebiet von mehr als einer Millionen km2 kein kleines Land ist, und dass die Zahl der den Streitkräften für den Fronteinsatz zur Verfügung stehenden Truppen zu dieser Zeit denen ihrer Gegner, wenn man die Verbände der noch aktiven Guerilla-Organisationen, der FARC und der ELN, mit denen der Paras und dem Gewaltpotential der Drogenmafia zusammenzählt, nicht erkennbar überstieg. Zudem war die Ausbildung in der Armee primitiv, die Disziplin schlecht, die Bewaffnung veraltet, die geheimdienstliche Aufklärung miserabel, nicht wenige Generäle paktierten nach wie vor mit den Paras, manche auch mit den FARC, und nicht zuletzt war auch innerhalb der Streitkräfte die Korruption so ausgeprägt und der Respekt vor den grundlegendsten Menschenrechten so unterentwickelt, dass man beinahe hätte in Versuchung geraten können, die Armee selbst als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung abzuqualifizieren. Andererseits gab es noch die Polizei, außerdem verfügten die Streitkräfte, auch wenn ihre Bewaffnung modernisierungsbedürftig war, immer noch über besseres Gerät als die Guerilla, und so lag es letztlich an der politischen Unentschlossenheit der Regierung, dass sie nicht im vollen Umfang gegen die Bandengewalt zum Einsatz kamen. Auch hinsichtlich der mangelnden moralischen und demokratischen Qualifikation der Streitkräfte waren erste Ansätze zur Besserung zu beobachten. So wurden Gesetze geschaffen, die zur konsequenteren Bestrafung von Verbrechen führen sollten, die von Soldaten im Kampfeinsatz verübt würden, z.B. die Tötung von als Guerilleros verdächtigten, die aber unbewaffnet waren, also Zivilisten, Folter und ähnliche schwere Menschenrechtsverletzungen. In die selbe Richtung zielten Reformen bei der Ausbildung der Soldaten. Die Durchschlagskraft dieser Maßnahmen mag bezweifelt werden. Die messbareren Erfolge spielten sich sicherlich auf dem Gebiet der im engeren Sinne militärischen Modernisierung, die im erheblichen Maße auf die umfassende Militärhilfe zurückzuführen ist, die Kolumbien von den USA erhielt, die bereits 1999 durch das Regierungsgespann Andrés Pastrana/Bill Clinton im Rahmen des Programms „Plan Colombia“ einsetzte, doch zunächst mit der blödsinnigen Einschränkung, dass die hierbei Kolumbien zur Verfügung gestellten Mittel, u.a. eine größere Zahl moderner Kampfhubschrauber, für die kolumbianische Piloten ausgebildet werden sollten, ausschließlich für den Anti-Drogeneinsatz genutzt werden dürften. Diese Einschränkung konnte nur politisch motiviert sein, denn der Sache nach war sie nicht zu rechtfertigen, schon weil Drogenproduktion- und Handel längst so unauflöslich mit der Guerilla wie mit den Paras verfilzt waren, die Form und das Maß der von den drei konkurrierenden Banden ausgehenden Gewalt so ununterscheidbar, dass es nur noch eine einzige bemerkenswerte Differenz zwischen gab: Während die Drogenmafia und die Paras die öffentliche Ordnung praktisch untergruben, indem sie das staatliche Gewaltmonopol nicht respektierten, mittelbar, ohne dass dies ihr vornehmliches Verlangen gewesen wäre, bedeutete der Angriff auf den bürgerlichen Staat, die Machtfrage, für die Guerilla alles, bildete den Fixpunkt, das Nichts, worauf ihr Bauernmarxismus endlich zusammengeschrumpft war. Nichtsdestotrotz war auch mit den Paras, wenngleich sie die Machtfrage nicht stellten, vielmehr das Produkt eines Machtvakuums waren, kein Staat zu machen, und so setzte die amerikanische Regierung George W. Bushs sie im September 2001, noch vor 9/11, zusätzlich zu den linken Guerilla-Organisationen, die bereits seit 1997 als terroristische Banden gekennzeichnet worden waren, auf ihre Liste internationaler Terrororganisationen. Im Zuge des dann beginnenden weltweiten Krieges gegen den Terror beseitigte die amerikanische Regierung im März 2002 auch die Beschränkung des „Plan Colombia“ auf die Anti-Drogenkampage. Die Europäische Union ihrerseits beschränkte sich schon damals, und hält diese Linie bis heute durch, auf die Kritik der amerikanischen Militärhilfe für Kolumbien und konzentriert sich auf die finanzielle Unterstützung sozialpädagogischer Projekte mit ein paar Millionen Euros, mit denen u.a. die sogenannten „Friedenslabors“ in ländlichen Regionen finanziert werden, wo NGOs den dummen Bauern die höheren Weihen der gewaltfreien Konfliktlösung und die Kunst des ökologischen Ackerbaus als Alternative zur Koka-Produktion beibringen sollen, ganz so, als seinen diese Bauern nicht die Opfer, sondern die Urheber der Gewalt in Kolumbien. In Wirklichkeit aber steckt dahinter die nicht nur von den europäischen Regierungen, sondern viel authentischer noch von der europäischen Linken insgesamt geglaubte Ideologie, dass Gewalt nur durch Gewaltlosigkeit besiegt werden könne, was bei den radikaleren anti-imperialistischen Fraktionen, z.B. den deutschen Sozialisten, nur noch ungeglaubte Propaganda ist, in der die moralische Gleichsetzung des staatlichen Gewaltmonopols mit dem Guerillakrieg die heimliche Sympathie für letzteren verdeckt. Die Kolumbianer selbst jedoch begriffen ohne Schwierigkeit und Sentimentalität, wer ihre Feinde sind, als sie sahen, wozu die FARC gegen Ende der Präsidentschaft Andrés Pastranas und der Friedenspolitik seiner Regierung imstande waren. Mehrere Umfragen im Verlauf des Jahres 2001 zeigten, dass 90% der kolumbianischen Bevölkerung den Frieden mit der Guerilla ablehnten; weniger als 3% hatten eine gute Meinung über die Guerilla; demgegenüber hegten 2/3 bis 3/4 der Bevölkerung Sympathien für die Streitkräfte, die Polizei und die katholische Kirche, die mit Abstand beliebteste gesellschaftliche Institution in Kolumbien, zumindest bevor Álvaro Uribe die Regierung übernahm. Sogar die Paras schnitten mit 10% um ein Vielfaches besser ab als die selbsternannten Volksarmeen, was sich dadurch erklärt, dass sie in nicht seltenen Fällen und in Orten, in der die Staatsmacht keine Präsenz zeigte, tatsächlich die Bevölkerung effektiv vor Angriffen der Guerilla beschützen konnten.5 In vielen anderen Fällen aber gerade nicht, denn typischer Weise fechten die Guerilla und die Paras ihre Kämpfe nicht in direkter Konfrontation miteinander aus, sondern dadurch, dass sie sich gegenseitig die Herrschaft über ein bestimmtes Territorium streitig machen, aber so, dass die einen dort einfallen, wo die anderen gerade waren, so dass ihre Truppen sich selten direkt begegnen, sondern der Krieg zwischen ihnen auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. Wie ein Ort die addierte Gewalt der sich auf Kosten Unbeteiligter gegenseitig bekriegenden Banden dann erlebt, lässt sich an dem Beispiel Granada illustrieren, eine kleine Stadt im Department Antioquia, wo der Krieg auch während der Friedensverhandlungen nie aufhörte. Zuerst wurde Grenada im Dezember 2000 von den Paras überfallen, die 19 Zivilisten töteten, die sie anschließend als „Guerilla in Zivilkleidung“ verhöhnten. Als sie den Ort wieder verlassen hatten, kam die Guerilla, mit einem für die FARC typischen Angriff mit selbst gebastelten, ebenso primitiven wie in ihrer Wirkung verheerenden Bomben – Gaszylinder, gefüllt mit Brennstoff und Granatsplittern: Zuerst erfolgt die Bombardierung der Polizeistation, wobei die umliegenden Häuser gleich mit zu Bruch gehen, dann werden die örtliche Bank ausgeraubt, Privatwohnungen geplündert und „Kollaborateure“ hingerichtet; dieser Angriff auf Granada kostete 15 Zivilisten das Leben, 120 Häuser wurden zerstört, 8000 Bewohner flohen die Kleinstadt. 2001 registrierten die Behörden in unterschiedlichen Orten 33 Attacken nach diesem Muster. In den größeren Städten hantierten die FARC lieber mit in Autos versteckten oder auf Fahrradgepäckträgern montierten Bomben, wie im Januar 2002 vor einer Polizeistation in Bogotá, als sie mit dieser Methode vier Polizisten, einer Frau und zwei Kindern den Tot brachten und einer größeren Anzahl von Passanten Verletzungen zufügten. Eine weniger mörderische, doch gleichsam wirkungsvolle Methode, um der städtischen Bevölkerung die Macht der Guerilla zu demonstrieren und der Gesellschaft einen möglichst gro0en materiellen Schaden und psychologischen Schrecken beizufügen, bildeten die Anschläge auf die Infrastruktur, bei denen sich die kleinere, von Fidel Castro persönlich geförderte ELN besonders hervortat, die bis Anfang 2002 auch Spitzenreiter beim Kidnapping war, das nicht nur eine terroristische, sondern, neben dem Drogengeschäft und bei nachlassender politischer Perspektive, auch eine zunehmend bedeutsamere ökonomische Funktion erfüllte. Laut den Statistiken der kolumbianischen Behörden zerstörten die Guerilla-Organisationen während der dreijährigen Friedensverhandlungen insgesamt 950 Strommaste und 62 Brücken, wodurch immer wieder tausende Bürger tage-, manchmal wochenlang im Dunkeln saßen und das sowieso fragile Verkehrsnetz schwer gestört wurde. Während der wiederholten Anschläge der FARC auf die elektrische Infrastruktur im Südwesten des Landes im Januar 2002 musste die Stromversorgung dort rationiert werden. Nach einem Anschlag der ELN auf die Öl-Pipeline im Department Antioquia kam es zu einem Brand, durch den 80 Menschen umkamen. Die Statistiken notierten insgesamt 263 Anschläge auf Öl-Pipelines allein für das Jahr 2001. Nachdem die FARC ihre Angriffe zu Anfang des Jahres 2002 noch einmal verschärften und neue Umfragen bestätigten, dass eine überwältigende Mehrheit der Kolumbianer nicht nur von diesem Frieden, sondern auch vom diesem Präsidenten die Nase voll hatte, kündigte Andrés Pastrana die Verhandlungen, nun zum 10. mal während den drei verlorenen Jahren, aber nur um sie zwei Wochen später zum 11. mal wieder aufzunehmen. Das gesamte FARC-Sekretariat lachte sich halb tot, und befahl seinen Front-Kommandeuren, nun ihre terroristische Kampagne gegen die kolumbianische Gesellschaft noch einmal zu erhöhen. In einer neuerlichen Umfrage äußerten zwei Drittel der Bevölkerung ihre Überzeugung, die zwischenzeitlich fortgeschrittene Modernisierung der Streitkräfte versetzte diese doch gewiss in die Lage, der Guerilla Einhalt zu gebieten, Andrés Pastrane, drei Monate vor dem Ende seiner Amtszeit, verstand den Wink und seine ausweglose politische Situation, und ließ Truppen entlang der Demarkationslinie der entmilitarisierten Zone aufmarschieren. Nun waren die Friedensanwärter für die Präsidentschaftswahlen im Mai am Zuge: der Kandidat der Liberalen Partei, Horacio Serpa, der bei den Wahlen des Jahres 1998 nur knapp gegen Andrés Pastrane verloren hatte, sowie der parteilose linke Aktivist Luis Garzón, später Bürgermeister Bogotás und Mitbegründer der linken Sammelpartei Polo Democratico, und schließlich die Kandidatin der Grünen, Ingrid Betancourt; sie reisten am 14. Februar 2002 in die von den Streitkräften bereits umstellte, aber noch nicht aufgekündigte demilitarisierte Zone, um ihre Gedanken direkt mit den Repräsentanten der FARC auszutauschen. Diesen viel es nicht schwer, den Gedankenaustausch in eine medienwirksame Propagandaveranstaltung zu verwandeln. Als erste Zusammenkunft dieser Art wurde das Treffen im Fernsehen übertragen. Die Vertreter der FARC stellten die Legitimation der Regierung in Frage und rechtfertigten ihren bewaffneten Kampf, indem sie den Staat für Armut, Ungerechtigkeit und alle anderen Missstände verantwortlich machten. Eine Woche später entführten die FARC ein Flugzeug und zwangen es zur Landung auf einer Autobahn nahe der entmilitarisierten Zone, wo ein FARC-Kommando es bereits erwartete, um einen der Passagiere, nämlich den Präsidenten der Friedenskommission des Senats, Eduardo Gechem, zu kidnappen (er gehörte sechs Jahre später zu der Gruppe von sechs Gefangenen, die durch die Vermittlung von Hugo Chávez, dem zu diesem Zeitpunk schon letzten Hoffnungsschimmer der FARC, freigekommen war; die FARC, und Hugo Chávez, versprachen sich von dieser „humanitären Geste“ die internationale Anerkennung der Guerilla als Bürgerkriegspartei). Am Abend des selben Tages der Flugzeugentführung trat Andrés Pastrana vor die Fernsehkameras und erklärte seine Friedensinitiative endgültig für gescheitert. Während er Luftaufnahmen von der demilitarisierten Zone zeigte, auf denen Flugplätzen der Guerilla zu sehen waren, mutmaßliche Konzentrationslager, in denen die FARC ihre Entführten gefangen halten würde, und Felder, auf denen die Guerilla Koka anbaue, nannte er Manuel Marulanda, den Gründer und Anführer der FARC, einen „Lügner“, der „mein Vertrauen missbraucht hat“ und „in das Gesicht unseres Landes lacht“.6 Dann gab er den Streitkräften den Befehl zur Zurückeroberung der entmilitarisierten Zone. Tags darauf bombardierte die Luftwaffe Guerilla-Stellungen in der Zone und zwei Tage später marschierten Bodentruppen in die darin gelegenen Stadtzentren. Mehrmals warnte die Regierung Ingrid Betancourt davor, in die nun remilitarisierte Zone zurückzukehren. Vergeblich. Am 23. Februar 2002, an dem selben Tag, an dem die Bodentruppen in die Zone eindrangen, fuhr sie in einem herausfordernd ungeschützten Jeep zusammen mit der Leiterin ihres Wahlkampfbüros und drei weiteren Mitarbeitern ihres Teams Mitten ins Kriegsgebiet, nach San Vicente del Caguán, wo das FARC-Sekretariat drei Jahre lang regiert und gerade eiligst seine Sachen zusammengepackt hatte, und wo seit einiger Zeit ein grüner Bürgermeister in friedlicher Koexistenz mit der Guerilla amtierte. Die FARC ließen sich nicht zweimal bitten und entführten die gesamte Delegation noch bevor sie die Stadt erreichte. Die drei niederen, in ihren Augen wertlosen Mitarbeiter wurden gleich wieder freigelassen; Ingrid Betancourt und Clara Rojas, ihre Wahlkampfmanagerin, verschwanden für die folgenden sechseinhalb Jahre in der unentrinnbaren Finsternis des kolumbianischen Dschungels. Da es undenkbar ist, dass Ingrid Betancourt sich dem Märtyrium einer Gefangenschaft ausgeliefert hätte, deren zeitliche und umständliche Absehbarkeit einzig in der Hoffnungslosigkeit bestand, wenn sie auch nur eine Ahnung von dem ihr bevorstehenden Unglück gehabt hätte, kann es nur die vollkommenste Ahnungslosigkeit gewesen sein, die sie in diesen Abgrund stürzen ließ. Umso erschreckender ist es, dass sie nach ihrer Befreiung durch die kolumbianischen Streitkräfte in diesem Sommer, die, wie der Milde ihrer Persönlichkeit zu Ehren, sich ohne das Vergießen eines Tropfen Blutes vollzog, scheinbar unbeirrt den ideologischen Richtlinien folgt, die sie, und ihre Mitarbeiterin, auf geradestem Wege in die Arme ihrer Peiniger geleitet hatten. So wiederholte sie Ende September während eines Interviews mit einem Journalisten von Associated Press in Madrid ihre Doktrin, dass es „zwei Denkschulen“ in Bezug auf den Terrorismus gäbe: „Eine besagt, dass man mit Terroristen nicht reden soll. Die andere, an die ich glaube, sagt: gerade weil sie Terroristen sind, muss man mit ihnen reden.“7 In der Zeit behauptete Karin Ceballos Betancur, selbst Autorin eines revolutionsromantisierenden Schmökers über Che Guevara, die Ingrid Betancourt auf einer Pressekonferenz in Paris verfolgte, sogar: „sie wirkt (noch?) milder als vor ihrer Entführung“ und „könnte das zerrissene Land versöhnen.“8 Es ist kein Stockholm-Syndrom, das diese Denkschule hervorbringt, die von einem Realitätsverlust gekennzeichnet ist, der offensichtlich aus keiner persönlichen Erfahrung hervorgeht, und von einer solchen anscheinend auch nicht erschüttert werden kann. Die reale Befreiung Ingrid Betancourts war das Resultat der Realisierung der anderen Denkschule, der Politik der Regierung Álvaro Uribes, der die Wahlen im Mai 2002 gewonnen hatte und im August das Präsidentenamt übernahm. Die Bedingungen dafür waren u.a. 5 Milliarden Dollar Militärhilfe aus den USA und eine Strategie, die besagte, dass der Frieden erst nach dem Sieg über die Guerilla möglich sei. So kam es, dass die FARC in den militärischen Auseinandersetzungen mit den Streitkräften innerhalb der vergangenen sechs Jahre mehr als die Hälfte ihrer Soldaten verloren. Die Zahl der Desertionen von der Guerilla stieg zuerst allmählich, dann immer ungehemmter, wie bei einer Lawine, wo die voraneilenden Elemente die noch zögernden mit sich fortreißen, so als würden die Nachzügler von jener Angst gepackt, die den von allen guten Geistern Verlassenen ergreift, wenn er den letzten, schon in Bewegung geratenen Zug zu verpassen droht, der ihn aus der Umnachtung herausführen kann. So ähnlich muss es bei „Lina“ gewesen sein, die als 13jähriger Teenager zu den FARC ging, nachdem ihre Mutter den fünfkindrig zurückgebliebenen Vater verlassen hatte: „Ich wollte kein Problem für ihn sein. Die FARC versprachen mir eine Ausbildung und ein Einkommen“9 – keines dieser Versprechen sei in Erfüllung gegangen, dagegen sei ihr unmissverständlich gemacht worden, dass jeder Versuch, die Guerilla wieder zu verlassen, mit dem Tod bestraft würde. Nach sieben Jahren flüchtete sie nichtsdestotrotz in die rettenden Arme der Streitkräfte. Im Rahmen des staatlichen Reintegrationsprogramms für ehemalige Mitglieder der Guerilla oder der Paras begann sie eine Ausbildung und ein halbwegs zufriedenes bürgerliches Leben in Bogotá. Da die FARC nicht an sie herankamen, exekutierten sie ihren Bruder mit zwei Kopfschüssen. Im Dschungel hatte sie sich von Reis und Würmern ernährt und in Hängematten geschlafen, gar nicht viel anders als die armen Teufel, die die FARC in Gefangenschaft hielten, nur dass diese nicht nur mit Todesdrohungen, sondern zusätzlich mit Fußketten an der Flucht gehindert wurden. Da sie bei einer linken Guerilla war, wurde sie als Frau nicht anders behandelt als die Männer, zumindest in ihrer Funktion als dem unbedingten Gehorsam verpflichtete Befehlsempfängerin und als Lastesel, und als sie sich einmal im Gefecht mit den kolumbianischen Streitkräften einen Schulterdurchschuss einfing, bekam sie eine Portion Aspirin. Nur durch die von ihnen erwartete sexuelle Gefügigkeit unterschieden sich die Guerilleras, die etwa 40% der FARC-Soldaten ausmachen, von ihren männlichen Genossen. Im Fall der Schwangerschaft wird durch eine medizinmännische Fachkraft zwangsabgetrieben. In diesem Jahr stieg die Zahl der Deserteure so hoch wie noch nie, und jeden Monat werden es mehr. Der unablässige militärische Druck, dem die Guerilla seit der Präsidentschaft Álvaro Uribes ausgesetzt ist, hat sie aus den städtischen Zentren heraus zurück in den Dschungel verbannt und bewirkt, dass sie zu umfassenden Terroroffensiven, vergleichbar mit denen zu Ende der Amtszeit Andrés Pastranas, schon lange nicht mehr imstande ist. Ihre letzten Waffen sind jetzt Landminen und Scharfschützen. Sie kann nicht mehr in größeren Formationen, sondern nur noch in Kleinstgruppen von drei bis zehn Soldaten agieren. Die Beseitigung einer größeren Zahl von Frontkommandeuren im vergangenen Jahr, des „Außenministers“ der FARC durch einen Luftangriff auf ein Lager in Ecuador und die Ermordung des Kommandeurs ihres Zentralkommandos, Iván Ríos, durch den Chef seiner eigenen Sicherheitsabteilung im März dieses Jahres, dann der Tot von Manuel Marulanda im selben Monat, haben die FARC-Führung schwer durcheinandergebracht, aber auch nicht mehr als die vollkommenste geheimdienstliche Unterwanderung der Organisation durch die Staatsorgane. Allein durch Aktionen in diesem Frühjahr sind dem kolumbianischen Geheimdienst Laptops und Memory-Sticks mit rund 10tausend Namen samt Fotos, Funktion usw. von FARC-Mitgliedern in die Hände geraten – das sind erheblich mehr Mitglieder, als die FARC nach verbreiteter Einschätzung heute überhaupt noch hat! Das Kommunikationssystem der Guerilla über Mobiltelefone wurde dermaßen unterwandert, dass sie gezwungen war, zu altertümlichen Methoden wie dem langwierigen Botendienst überzugehen. Die unblutige Befreiung Ingrid Betancourts und ihrer Mitgefangenen ist u.a. darauf zurückzuführen, dass eine übergeordnete Kommunikation der verschiedenen Fronten untereinander nicht mehr funktioniert, so dass das eine Kommando nicht mehr weiß, was das andere macht. Keine der Regierungen, die bis 2002 im Amt waren, hatte etwas gegen die Paras unternommen, aus einem ganz einfach zu verstehenden Grund: sie wurden zur Bekämpfung der Guerilla gebraucht, und diese unangenehme Tatsache wurde nahezu von allen staatstragenden Parteien, wie auch von der Militärführung anerkannt. Solange die Streitkräfte der Guerilla nicht Herr wurden, oder solange die Staatsführung die Streitkräfte aus politischen Gründen nicht gegen die Guerilla zum Einsatz bringen wollte, um sich selber mit Friedensinitiativen zu schmücken, sollten die Paras das Unvermeidliche tun, ohne die Politiker damit zu belasten; peinlicher Weise rühmten sich die Paras selbst noch nach den Wahlen im Mai 2002 in aller Öffentlichkeit dafür, dass ein gutes Drittel der Parlamentsabgeordneten sie direkt unterstütze. Als aber die Staatsführung die Streitkräfte zum Einsatz gegen die Guerilla brachte, wie gegen Ende der Regierung Andrés Pastrana, da wurden die Paras nun dringendst zur Unterstützung der Streitkräfte gebraucht, zumal eine Offensive gegen alle Banden gleichzeitig ein allzu mutiges Abenteuer gewesen wäre. So wurde die Regierung Álvaro Uribes die erste, die etwas gegen die Paras unternahm. Aber sie brachte nicht die Streitkräfte, sondern die demokratischen Institutionen gegen sie zum Einsatz. Das Parlament verabschiedete 2003 ein Gesetz, dass die Demobilisierung der paramilitärischen Verbände regelte. Dieses Gesetz hatte zwar einen schwerwiegenden Mangel, der seinem demokratischen Charakter Hohn zu sprechen drohte, denn es sah keine systematische juristische Verfolgung der von den Paras in der Vergangenheit begangenen Verbrechen vor, aber es war dennoch wirkungsvoll. Bis 2006 erreichte die kolumbianische Regierung dadurch nahezu die vollständige Demobilisierung der ehemals rund 30tausend Mitglieder zählenden paramilitärischen Verbände samt ihrer Anführer. Gegen ein gutes Drittel der Parlamentsmitglieder, genau jene, über deren Unterstützung die Paras sich im Mai 2002 freute, wird seit diesem Frühjahr genau aus diesem Grund ermittelt. Aufgrund der Aussage, die ein inhaftiertes ehemaligen Mitglieds der Paras während eines Verhörs gemacht hat, wird seit September gegen General Mario Montoya wegen seiner mutmaßlichen Zusammenarbeit mit den paramilitärischen Truppen ermittelt. Er ist der Generäle, die eine Ausbildung in Fort Knox, Kentucky genossen haben, um die Hubschrauber-Kommandos zu leiten, die u.a. zur Drogenbekämpfung eingesetzt werden, hat den Ruf eines „no-nonsense commander“10 und war u.a. an der Vorbereitung der Operation beteiligt, die zur Befreiung Ingrid Betancourts führte. Nun wird er beschuldigt, im Oktober 2002 in seiner damaligen Funktion als Kommandeur der örtlichen Polizei mit Einheiten der Paras kooperiert zu haben, als diese in Medellin gegen die FARC kämpften (Operation Orion). Das Erscheinen der Paras wurde damals zwar von den durch die FARC bedrängten Bewohnern der betroffenen Nachbarschaft begrüßt, doch sind bei dieser Militäroperation 40 Personen „verschwunden“. Die Verwicklung General Montoyas in die Operation Orion war bereits in einem CIA-Bericht erwähnt worden, den die Los Angeles Times im vergangenen Jahr ans Tageslicht förderte. Auch werden die Streitkräfte direkt beschuldigt, eigenhändig Verbrechen begangen zu haben. Die Zahl sogenannter „irregulärer Erschießungen“, was nichts anderes als die Ermordung von Zivilisten bezeichnet, soll im vergangenen Jahr sogar gestiegen sein. All diese Beispiele zeigen zweierlei: erstens, dass ein kolumbianischer Rechtsstaat noch lange nicht existiert, und zweitens, dass er doch bereits existiert, insofern er zu existieren begonnen hat. So scheint es nicht mehr unmöglich, dass Gabriel García Márquez’ tragische Prophezeiung, wonach Kolumbien dereinst von der jahrhundertealten Gewalt und dem Sturm seiner einsamen Leidenschaften und unverstandenen Sehnsüchte hinweggefegt wird, sich schließlich doch nicht erfüllt; sicher ist dann nur, dass es nicht der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ gewesen sein wird, der den Weg zu einem solch glücklichen Ausgang der Geschichte gebahnt hat. Anmerkungen
1
Jungle fever, The Guardian, 24. August 2008,
http://www.guardian.co.uk/world/2008/aug/24/farc.colombia?gusrc=rss&feed=politics
2
Süddeutsche, Bunte, Stern, Zeit, Bild, Welt, Spiegel, Focus, ARD...
3
Colombia's guerrillas: between past and future, opendemocracy.net, 16. Juni 2008,
http://www.opendemocracy.net/article/colombias-guerrillas-between-past-and-future
4
Colombia's Elusive Quest for Peace, International Crisis Group, Latin America Report N°1, 26. März 2002,
http://www.crisisgroup.org/library/documents/report_archive/A400594_26032002.pdf
5
U.a.: Helping Colombia Fix Its Plan to Curb Drug Trafficking, Violence, and Insurgency, Heritage Faoundation, 26. April 2001,
http://www.heritage.org/Research/LatinAmerica/BG1435.cfm
6
Wie Anmerkung 4
7
Ex-hostage Betancourt: End terror through dialogue, The Associated Press, 24. September 2008,
http://hosted.ap.org/dynamic/stories/E/EU_SPAIN_BETANCOURT?SITE=ILROR&SECTION=HOME&TEMPLATE=DEFAULT
8
Wieder im Leben, Die Zeit, 10. Juli 2008,
http://www.zeit.de/2008/29/DOS-Betancourt
9
Wie Anmerkung 1
10 Witness Ties Colombian General to Paramilitaries, Washington Post, 17. September 2008, http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/09/16/AR2008091603006.html?sub=AR |