Die Helden von Pristina

Wie aus den stalinistischen Studenten von gestern die heute von der Nato hofierte Befreiungsarmee Kosovos wurde

Für jenen Dorftrottel, den das Abendprogramm des albanischen Fernsehens im Juni vergangenen Jahres als den Sprecher der Kosovo-Befreiungsarmee zur Schau stellte, war die Sache an und für sich schon gelaufen. Vom Anblick dieses Mannes, der den unerschrockenen Helden seines kleinen Volkes, den damals noch geheimnisumwobenen Kämpfern der UCK, die sich mit der selbst von der Nato gefürchteten jugoslawischen Militärmacht angelegt hatten, zum ersten mal ein Gesicht gab, einem gewichtigen Staatsmann gleich hinterm Schreibtisch platziert, die Nationalflagge im Rücken, von blutjungen Burschen mit Kalaschnikows beidseitig mehr geschmückt als beschützt - der Anblick dieses Mannes mußte bei allen albanischen Mädchen weiche Knie und feuchte Lippen verursachen. Das wirkliche Leben hatte ihn leider nicht mit dieser Potenz bedacht, den Dorflehrer aus der südserbischen Provinz, denn zuhause galt er als unauffälliger jedermann ohne politisches Profil. Kurz nach seinem Auftritt in Tirana erschien er den Zuschauern und Zuschauerinnen noch einmal in der Rolle des verwegenen Guerillero, diesmal beim amerikanischen CNN. Jetzt kannte ihn die ganze Welt so - aufreizend, mit der von Umberto Eco als esoterische Marotte erkannte "Erregung vor dem Angriff, stechend, schmerzhaft, wunderbar - leb wohl, meine Schöne, leb wohl, hart und süß ist das Los des Kriegers".

Eine aus Albanien geschmuggelte Kalaschnikow kostete damals 20 Mark. Im Kosovo war der Bedarf an dem gefährlichen Spielzeug außerordentlich. Mehr als eine halbe Millionen solcher Gewehre sowie Granaten, Anti-Panzer-Minen, Artillerie und anderes Mordwerkzeug samt der dazugehörigen Munition in der Größenordnung zehtausender Tonnen sollen dort binnen kürzester Zeit verkauft worden sein - genug, um jeden Provinz-Albaner mit einer Waffe zu versorgen. Sie wollten alle dabeisein. Auf dem Höhepunkt der militärischen Potenz der Kosovo-Befreiungsarmee erschienen deshalb noch viele Volkskrieger in den Medien, von denen man vorerst nie genau sagen konnte, ob sie tatsächlich im Auftrag der UCK sprachen oder ob eine Kommandoerklärung dies - was nicht gerade selten vorkam - tags darauf dementieren würde und wieder einmal jemand bloß hinter den Mädchen her war. Oder sowohl als auch, denn der Haß gegen die jugoslawische Staatsmacht pflanzte sich im patriarchalischen Millieu der albanischen Großfamilien des Kosovo auf ebenso natürliche Weise fort wie bei jedem Pubertierenden auf der Welt der Drang zur Eroberung des anderen Geschlechts. Beide Aspekte, der tragisch sublimierte wie der unbehändig entsublimierte Mannestrieb schienen gleichermaßen zur mehr oder weniger normalen Entwicklung eines kosovo-albanischen Jugendlichen zu gehören.

Anfang November 1989 beschrieb der amerikanische Jugoslawien-Korrespondent Robert D. Kaplan seine - zugegeben vom bourgeoisen Standpunkt geprägten - Eindrücke von einer der bis vor einem Jahr noch typischen, alltäglichen und im grunde harmlosen Protestaufmärsche albanischer Rabauken in der Provinzhauptstadt. Kaplan wartete schon mit Kollegen nach einem Fußballspiel am Stadionausgang gespannt auf das, was da komme: "‚Da kommen sie', warnte der neben mir stehende Journalist, ein Serbe aus Belgrad. Horden von grob aussehenden jungen Männern mit akneentstellter Haut und leeren Bierflaschen in der Hand strömten aus dem Stadion direkt auf uns zu. Sie trugen Kunstlederjacken voller Reißverschlüsse. Manche hatten keine Socken an den Füßen und latschten in braunkarierten Pantoffeln daher. Solche Gestalten waren mir in ganz Pristina aufgefallen. Samstags gingen sie mit ihren Frauen spazieren, deren Gesichter mit dunklen Kopftüchern halb verhüllt waren. Sonntags gingen sie zum Fußballspiel. An den anderen Tagen in der Woche schufteten sie ohne Ende für wenig Geld oder vertrieben sich als Arbeitslose die Zeit. Die Milicija stand da wie eine Wand. Einer der Soldaten verdrehte die Augen. Einsätze dieser Art fanden nun schon seit fast zehn Jahren in aller Regelmäßigkeit statt, sechs Jahre länger als die palästinensische Intifada. ‚A-zem Vla-si, A-zem Vla-si', begann die albanische Jugend zu skandieren. Es klang, als setzte sich eine Dampflock in Bewegung. Azem Vlasi war ein albanischer Politiker - ‚ein Wüstling', wie Mutter Tatiana (eine serbische Nationalistin, wie sie selbst zugab) meinte -, dem Milosevics serbische Behörden gerade wegen Landesverrats den Prozeß machten. ‚Eh-o, Eh-o', der neue Slogan bezog sich auf Enver Hoxha, den letzten stalinistischen Diktator Albaniens. ‚Was für arme Schweine', bemerkte der serbische Journalist, ‚Hoxha ist der einzige Held, den sie haben'".

Einige leere Bierflaschen flogen in Richtung der Ordnungshüter, Wasserwerfer, brennende Autoreifen, Polizeiknüppel - gründlich einstudierte Szenen, wie sie sich seit der Studentenrevolte im Frühjahr 1981 gleich einem alltäglichen Ritus abspielten; so ähnlich, wie man sie auch bei uns heute noch nach jedem Fußballspiel ratlos mit ansehen muß oder vor dreißig Jahren in Berlin, Paris oder einer italienischen Metropole bestaunen konnte. "Typisch für jene Zeiten: eine nicht genehmigte Demonstration, aber solange nichts Schlimmes passiert, würde die Ordnungsmacht sich damit begnügen, zuzuschauen und aufzupassen, daß die Linke (damals gab es viele territoriale Kompromisse) gewisse Grenzen nicht überschritt, die ideell durch das Zentrum von Mailand gezogen waren...Wir glauben gewöhnlich, daß der Dompteur vom wütenden Löwen angegriffen wird, den er dann bändigt, indem er die Peitsche schwingt oder einen Pistolenschuß abgibt. Irrtum: der Löwe ist schon satt und mit Drogen besänftigt, wenn er in die Arena kommt, und will niemanden angreifen. Wie jedes Tier hat er rings um sich eine bestimmte Sicherheitszone, außerhalb welcher passieren kann, was will, ohne daß er sich rührt. Wenn der Dompteur einen Fuß in die Zone des Löwen setzt, faucht der Löwe, dann hebt der Dompteur die Peitsche, aber in Wirklichkeit macht er einen Schritt zurück (als nähme er Anlauf zu einem Sprung), und der Löwe beruhigt sich wieder. Eine simulierte Revolution muß ihre eigenen Regeln haben" (Umberto Eco).

Der Fetischcharakter der Waffe und sein Geheimnis

Als die Studenten Pristinas schließlich anfingen, die Spielregeln zu mißachteten, sodaß auch die serbische Polizei ihre Zurückhaltung aufgab, reagierten sie genau wie die hiesigen Genossen ein Jahrzehnt zuvor: sie glaubten, sich nur deshalb eine blutige Nase geholt zu haben, weil sie zu schlecht organisiert waren - was auch stimmte -, aber anstatt ihre Niederlage zum Anlaß zu nehmen, ihren politischen Reifegrad zu hinterfragen, verkrochen sie sich in diverse revolutionäre Zellen und gründeten eine K-Gruppe nach der anderen. Damit hätte das Spiel beendet sein oder - wie in Deutschland - als Ringelpiez-mit-anfassen fortgesetzt werden können. Doch im rückständigen Kosovo gab es nicht so viele Gelegenheiten der Ablenkung durch Pop und Popcorn.

So ging es dem britischen Journalisten Misha Glenny, als er im Sommer 1991 in diese Gegend reiste, nicht viel anders als den meisten seiner Kollegen vor- und nachher: "Die wichtigste Autostraße im Süden Jugoslawiens endet in Nis, einer der bedeutendsten serbischen Städte. Wenn man rechts nach Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, abbiegt, sieht man die ersten Wegweiser nach Athen und Tessaloniki. Die Versuchung, alle Vorsicht sausenzulassen, und nach Griechenland zu fahren, ist enorm. Mit beinahe hörbarem Widerwillen biegt das Auto nach rechts in Richtung der schmutzigen serbischen Stadt Prokuplje ab, der ersten Etappe auf einer rissigen, trockenen Straße, die in Pristina endet. Welche Hoffnung bleibt dem Kosovo?. An dieser Gegend ist nicht empfehlenswertes, außer vielleicht der Kontakt mit den albanischen Intellektuellen, die dort leben, und einigen kleinen Restaurants in der Nähe des häßlichen Grand Hotels. Es ist ein unverkennbares Denkmal der späten Tito-Ära in Pristina und wurde in den siebziger Jahren zu einer Zeit erbaut, als die jugoslawische Bundesregierung immerzu Gelder in den Kosovo hineinpumpte, in der Hoffnung, damit die Unruhen unter den Albanern zu beseitigen. Diese Gelder fielen allerdings der Bürokratie der Kommunistischen Liga des Kosovo in die Hände, die zum Großteil albanisch ist und deren Idealbild einer erneuerten Infrastruktur mit der Errichtung vieler grandioser Gebäude in der Hauptstadt ihren Ausdruck fand. Diese ‚weißen Elefanten' aber hätten erst im Anschluß an Investitionen in Arbeitsplätze und zur Befriedigung primärer Bedürfnisse wie beispielsweise bessere Straßen und Eisenbahnverbindungen in den Ksosovo gebaut werden sollen".

Andererseits wurde ein Marsch durch die Institutionen von Belgrad aus blockiert. Der trübe Mix aus zweckoptimistischem Realitätsverlust und frustrierter Großmäuligkeit, aus dem sich die Rebellion zusammensetzte, reagierte gleich einem chemischen Gebräu in einem geschlossenen Gefäß. Da die serbische Staatsmacht nicht daran dachte, dem Druck nachzugeben, verfestigte sich die aktive Masse mit der Zeit zu einer im Untergrund hausenden und aus dem bessergestellten westeuropäischen Exil finanziell und ideologisch angereicherten Verbindung mehrerer sogenannter marxistisch-leninistischer Organisationen, aus dem sich später, als der Waffenschmuggel in Folge des Zerfalls des benachbarten albanischen Staates in den 90ern immer größere Ausmaße annahm, die UCK herauskristallisierte.

Noch im selben Jahr der Niederschlagung der Studentenrevolte empfahl sich Enver Hoxha, der zuhause seine eigene Revolution simulierte, als Wortführer des kosovo-albanischen Bruderolkes. Im Herbst 1981 veröffentlichte seine Partei der Arbeit Albaniens ein vom Umfang und Inhalt her zwar bescheidenes, aber mit markigen Sprüchen überladenes Heftchen in deutscher Sprache - vielleicht deshalb, weil die übergroße Zahl der Kosovo-Albaner, für die die jugoslawische Polizei einen Haftbefehl parat hatte, sich nach Deutschland und die deutschsprachige Schweiz abgesetzt hatte, vielleicht auch, weil Hoxha unter den deutschen K-Grüpplern ein besonderes Verständnis für den nach Wiedervereinigung mit dem Mutterland strebenden Kosovo vermutete.

Der "jugoslawische Revisionismus" jedenfalls wurde in dem Pamphlet nicht nur dafür attakiert, daß er eine "grundlegende Verformung der marxistisch-leninistischen Lehre" im allgemeinen darstellte, den jugoslawischen Kommunisten wurde insbesondere angekreidet, daß sie keine "gesunde Behandlung der nationalen Frage" praktizierten: "Der gesunde Menschenverstand kann nicht begreifen, daß die Fundamente der jugoslawischen Föderation von einer einfachen Veränderung der Position eines Gebietes unterminiert werden kann". Statt von "sozialistischen Idealen" sei die Nationalitätenpolitik Jugoslawiens nur "von Pragmatismus beflügelt" und "die Abtrennung Kosovas vom albanischen Stamm ist doch auch eine Folge von Kriegen". Die Kosovo-Albaner seien das "Opferlamm auf dem Altar des Nationenfriedens in der jugoslawischen Föderation". Hoxha propagierte den "nationalen Befreiungskampf" für das "Selbstbestimmungsrecht der Nationen" und drohte damit, der "formal-juristischen Fetischisierung" der jugoslawischen Verfassung mit dem "gesunden Geist" des albanischen Volkes zu Leibe zu rücken.

Vorerst konnten die serbischen Behörden dies jedoch verhindern, sodaß der zum November geplante Zusammenschluß der Nationalen Befreiungsbewegung Kosovos und der anderen albanischen Gebiete Jugoslawiens, der Kommunistischen marxistisch-leninistischen Partei der Albaner in Jugoslawien, der Roten Volksfront und der Marxistisch-leninistischen Organisation Kosovos verschoben werden mußte. Die entsprechenden Aktivitäten mußten zudem aus dem Kosovo ins Ausland verlegt werden. Ein Attentat, dem am 17. Januar des darauffolgenden Jahres in Stuttgart zwei der beteiligten Parteiführer zum Opfer vielen, und das - obgleich nie aufgeklärt - dem jugoslawischen Geheimdienst in die Schuhe geschoben wurde, behinderte die Verbrüderung ein weiteres mal, bis im Frühjahr 1982 die Gründung der Volksbewegung Kosovos schließlich doch noch in der deutschen Diaspora zustandekam.

Die Hoxhas Partei der Arbeit Albaniens nahestehende Marxistisch-leninistische Organisation Kosovos, die die Volksbewegung dominierte, war bereits in den 60ern von Adem Demaci gegründet worden, der wegen seinem sprichwörtlich stationären Aufenthalt in serbischen Gefängnissen als "Mandela des Kosovo" berühmt geworden war, dann - wieder auf freiem Fuß - in den 90ern mit der Parlamentarischen Partei Kosovos einen legalen Arm der Volksbewegung ins Leben rief und als verbalradikale Stimmungskanone die Szene vor Ort weiter anheizen konnte. Zuletzt trat auch er als einer der - echten - Sprecher der späteren UCK auf mit dem albernen Anspruch, den untereinander sinnlos zerstrittenen Armeefraktionen über die Repräsentanz durch eine prominente Figur die bisher fehlende politische Schlagkraft zu verleihen. Als die UCK im August 1998 auf dem Schlachtfeld unterlag, gab er den ihn überfordernden Posten wieder auf - aus "gesundheitlichen Gründen", wie der bereits ergreiste Mann frustriert zu Protokoll gab.

In der Volksbewegung Kosovos sammelten sich bis zum Sommer 1990 all diejenigen, die eine staatliche Vereinigung aller in Jugoslawien lebenden Albaner (Serbien, Mazedonien, Montenegro) beziehungsweise einen Anschluß dieser Gebiete an das benachbarte Albanien anstrebten. Denn im Juli 1990 bekam die Untergrundbewegung Konkurrenz durch die von den Behörden als legale Partei anerkannte Demokratische Liga Kosovos, deren Vorsitzender, der bei den Kompromißlosen als intellektueller Kaschmirschalträger verschriene Ibrahim Rugova, zum Präsidenten der wiederum illegal proklamierten Republik Kosovo gewählt wurde.

Der serbische Souverän tolerierte insgeheim die verfassungsgfeindlichen Aktivitäten dieser politischen Strömung, die mit dem Aufbau demokratischer Strukturen im Untergrund samt Regierung, Parlament, Finanz-, Gesundheits- und Schulwesen vollauf beschäftigt war und mit diesem pragmatischen Kurs die zwar noch nicht legalen, aber immerhin halbwegs zivilisierten Institutionen schuf, die künftige politische Verhandlungen erst ermöglichen würden. Die praktisch greifbaren Resultate dieser Politik unterminierten freilich auf die Dauer die rebellische Phantasie der Kosovo-Albaner, sodaß die Parolen der Volksbewegung immer weniger Anklang fanden. Bezeichnenderweise wurde das Erziehungsprogramm, über das Rugova später mit den serbischen Behörden verhandeln sollte, zu dem roten Tuch für seine Gegner. Rugova und Demaci repräsentierten vortan die beiden widerstrebenden politischen Lager im Kosovo. Die Konkurrenz zwischen diesen spitzte sich im weiteren Verlauf dann aber mehr und mehr zur Alternative zwischen politischem und bewaffnetem Kampf zu.

In Wahrheit hatte die stagnierende Volksbewegung schon seit Mitte der 80er Jahre ihre alle Unzufriedenen sammelnde Funktion zusehends schlechter erfüllt. Wiederum suchte man die Ursache für den mangelnden Erfolg in der in solchen Kreisen beliebten Organisationsfrage. Die daraufhin einsetzenden Versuche, die zielunsichere Bewegung auch noch in eine von einer Kaderorganisation geführte Massenpartei umzumodeln, endeten aber lediglich mit der Abspaltung der Nationalen Bewegung für die Befreiung Kosovos und der Albanischen Revolutionären Partei, die sich seit ende 1992 an führender Stelle am Aufbau der UCK beteiligten. Die Revolutionäre definieren den Kosovo als die Einheit aller Gebiete Jugoslawiens mit albanischer Bevölkerung und vertraten mit dem Programm, nach dem Anschluß an den Nachbarstaat Albanien ein "ethnisches Albanien" zu schaffen, das politisch nach dem Vorbild Enver Hoxhas zu organisieren wäre, die verrückteste der bis dahin auf den Markt geworfenen Optionen. Eine weitere Steigerung erfuhr dieses Programm allerdings noch einmal vor dem Hintergrund des außerordentlichen Gefälles zwischen dem Lebensstandard und dem politischen und militärischen Organisationsgrad der europaweit geschäftlich aktiven und vor allem mit Gewinnen aus dem Drogenhandel mittlerweile gut bedienten kosovo-albanischen Elite auf der einen und der sich an eine verspielte Wirtschaft und einen verlorenen Staat klammernde Lumpenoligarchie Albaniens auf der anderen Seite. Jetzt geht es nicht mehr um einen Anschluß des Kosovo an Albanien. Das neue Programm, das Azem Vlasi, der im früheren Jugoslawien der Chef der Kommunistischen Liga des Kosovo und Präsident der Autonomen Provinz Kosovo war, im vergangenen Jahr in einem Gespräcfh mit Sarajevo TV proklamierte, lautet: "Ein Staat aller Albaner des Balkans mit der Hauptstadt Pristina". Mutter Tatiana, die mit Robert D. Kaplan befreundete serbische Nationalistin, hatte also doch recht, als sie Azem Vlasi als "Wüstling" bezeichnete.

Die auffallend häufige Bezugnahme der albanischen Volksgenossen auf den Marxiamus-Leninismus erscheint dann besonders merkwürdig, wenn man bedenkt, daß diese Leute keinesfalls den Klassenkampf im Sinne haben, denn die Lostrennung von Jugoslawien, d.h. die Errichtung ihrer eigenen Steuerhoheit ist explizit das einzige, worum es den Jungs geht. Nachvollziehbar wird diese Positionierung vielleicht dadurch, daß Enver Hoxha der einzige Staatsmann auf der Welt war, der sich für ihre Sache stark machte - deshalb ihr einziger Held. Umfassendere Bemühungen, das Recht der Kosovo-Albaner auf nationale Selbstbestimmung aus dem Völkerrecht herzuleiten, sind gegenwärtig eigentlich das Terrain imperialistischer Wissenschaftler und Publizisten in Deutschland, die man gewöhnlich nicht den Leninisten, eher schon den Alt- wie Neonazis oder bourgeoisen Sozialrevolutionären zuordnen würde. Typischerweise hört man das bereits zitierte Hoxhasche Motiv, bei dem die formal-juristische Fetischisierung der jugoslawischen Verfassung einer Kritik des gesunden Volksgeistes ausgesetzt wird, heute von einem Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der die Jugoslawien-Kontaktgruppe zum Auftakt der von dieser moderierten Kosovo-Verhandlungen in Rambouillet jüngst mit dem Vorwurf konfrontierte, sie erhebe "die territoriale Integrität der Bundesrepublik Jugoslawien zum Fetisch"; tatsächlich sei "erst durch das Auftreten der UCK vor knapp einem Jahr Bewegung in das Kosovo-Problem gekommen". Allerdings deutet ein in der tageszeitung abgedrucktes Kommentar Daniel Cohn-Bendits zur Rechtfertigung des völkerrechtswidrigen Kosovo-Einsatzes der Bundeswehr darauf hin, daß eine differenzierte Zuordnung der Haltung zum nationalen Selbstbestimmungsrecht zu bestimmten politischen Lagern in die Irre führen würde. Denn indem Cohn-Bendits die "Gesinnungsethiker der Gewaltfreiheit" zugunsten der "Verantwortungsethiker" denunziert, reproduziert er den selben militanten Angriff auf die jugoslawische Vefassung und das internationale Recht. Da "Menschenrechte und Völkerrecht nicht widerspruchslos übereinstimmen", müßten "im Kosovo den Menschenrechten Priorität eingeräumt" werden - das sei "legitim, wenn auch nicht ganz legal". Cohn-Bendit liefert selbst den Hinweis, daß es sich hierbei nicht um ein parteipolitisches, sondern um ein deutsches Problem handelt, denn die bestehende Struktur der Vereinten Nationen räume "den Hauptmächten der Anti-Hitler-Koalition Vorrechte ein", die "nicht mehr in die Zeit renationalisierter Regionalkonflikte passen" - und auf den verlassenen Ruinen wird Deutschland seine wiedererlangte nationale Souveränität zur supranationalen Übermacht ausbauen. Mit Rücksicht auf die in der Jugoslawien-Politik opponierenden europäischen Großmächte ergeht Cohn-Bendits Tip an Joschka Fischer: "Selbst England und Frankreich werden sich nur dann in kollektive Verfahren einbinden lassen, wenn sich eine gemeinsame europäische Außenpolitik herausgebildet und gefestigt hat. Keine kleine Aufgabe für den neuen Außenminister und die deutsche Diplomatie". Und das ist schon das ganze Geheimnis: Den bewaffneten Provinzkommunisten erscheint die gewaltsame Lostrennung von Jugoslawien als das, was sie ist, d.h. nicht als unmittelbare Unterordnung unter eine von Deutschland diktierte Umordnung Europas selbst, sondern vielmehr als gesundes Verhältnis des Volkes zur Muttererde und von der Natur gegebenes Recht zum gewaltsamen Umsturz etablierter Rechtsordnungen; die Waffe vermittelt dem Ohnmächtigen den persönlicher Besitz gesellschaftlicher Macht. Der revolutionäre Impetus dient der Begründung einer grundlosen Anwendung von Waffengewalt, einem pseudorevolutionären Befreiungsschlag ohne Emanzipation.

Lenin widerspricht Leninisten

Trotz der parteiübergreifenden Einigkeit bei diesem Thema verfechten die Leninisten auch heute noch ihre eigene Tradition in der nationalen Frage - zu Unrecht, wie bei genauerer Betrachtung auffällt. Ein gerne in diesem Zusammenhang zitiertes Dokument ist Lenins Schrift Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, die dieser im Frühjahr 1914 als Polemik gegen Rosa Luxemburg zu dem Zweck verfaßt hatte, das Recht Polens auf Lostrennung von Rußland mit etwas Theorie zu untermauern. Zwar verteidigt Lenin darin dieses Recht Polens mit Händen und Füßen, doch stellt er gleich zu Anfang des Textes eine grundlegende Regel auf, die wie dazu gedacht scheint, sich präventiv von ungebetenen Nachbetern zu distanzieren. Lenin forderte, daß das Selbstbestimmunsrecht der Nationen nicht "von allen möglichen allgemeinen Rechtsbegriffen abgeleitet werden" möge, sondern "im historisch-ökonomischen Studium der nationalen Bewegungen" selbst zu entwickeln sei. Und wenn Lenin in diesem Zusammenhang von nationalen Bewegungen sprach, hatte er die bürgerlichen Klassen im aufstrebenden Kapitalismus des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts im Sinn: "In der ganzen Welt war die Epoche des endgültigen Sieges des Kapitalismus über den Feudalismus mit nationalen Bewegungen verbunden. Die ökonomische Grundlage dieser Bewegungen besteht darin, daß für den vollen Sieg der Warenproduktion die Eroberung des inneren Marktes durch die Bourgeoisie erforderlich, die staatliche Zusammenfassung von Territorien mit Bevölkerung gleicher Sprache notwendig ist". Er hätte noch erwähnen können, daß im realen Verlauf der Geschichte zumeist zuerst ein Territorium erobert und hernach der okkupierten Bevölkerung die gemeinsame Sprache eingetrichtert wurde. Wichtiger aber ist, daß er die nationalen Bewegungen nach ihrer historisch begrenzten Rolle bewertete, die sie bei der Entwicklung ihres Landes spielten.

Die Frage des Selbstbestimmungsrechts "in einem bestimmten historischen Rahmen zu stellen", bedeute vor allem, "zwei unter dem Gesichtspunkt der nationalen Bewegungen grundverschiedene Epochen des Kapitalismus streng zu unterscheiden": die Epoche "der Herausbildung der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft und des bürgerlich-demokratischen Staates" von der Epoche "der völlig herausgebildeten kapitalistischen Staaten mit einer seit langem eingebürtgerten konstitutionellen Ordnung". Während für die erste Epoche typisch sei, daß "die nationalen Bewegungen zum erstenmal zu Massenbewegungen werden und so oder anders alle Klassen der Bevölkerung" in den "Kampf um politische Freiheit" hineinzögen, sei die zweite vom "Antagonismus zwischen dem international verfilzten Kapital und der internationalen Arbeiterbewegung" geprägt. Als wichtigstes Argument zugunsten des Rechts Polens auf Lostrennung von Rußland nennt Lenin, daß in Polen zu seiner Zeit "die Entwicklung des Kapitalismus und das allgemeine Kulturniveau" höher anzusiedeln gewesen sei als im vom "großrussischen Nationalismus" beherrschten Rußland, sodaß der Verbleib im rückständigen Rußland Polens Entwicklung behindert hätte.

Sprechen diese historischen Argumente Lenins schon sämtlich gegen das nationale Selbstbestimmungsrecht der Kosovo-Albaner, so vor allem sein den engen historischen Rahmen sprengender, moralischer Imperativ: "Die Arbeiterklasse unterstützt die Bourgeoisie nur im Interesse des nationalen Friedens". Nach Leninscher Meßlatte wäre somit allenfalls die Demokratische Liga Kosovos solch eine nationale Bewegung, die in der Tradition einer die zivile Entwicklung befördernden Bourgeoisie der alten Schule stünde. Daß eine solche Einschätzung jedoch ein Kurzschluß darstellte, liegt nicht so sehr daran, daß man im bäuerlich-mafiosen Kosovo kaum von der Existenz einer Bourgeoisie oder Arbeiterklasse sprechen kann - eine nationale Bewegung könnte ja gerade in der Entwicklung dieser Klassen ihr historisches Anliegen erkennen. Eine derartige politische Zielrichtung wäre allerdings allzu abstrakt, denn inzwischen herrschen in Europa andere Verhältnisse. So sehr Lenin gegen heutige Leninisten Recht behält, so sehr befand er sich schon am Vortag des Ersten Weltkriegs im Unrecht gegen Rosa Luxemburg, die sich bereits 1908 der Frage stellte, ob nicht die Entwicklung der kapitalistischen Großmächte und des Imperialismus das Selbstbestimmungsrecht für die kleinen Völker illusorisch gemacht habe: "Kann man denn im Ernst von einer ‚Selbstbestimmung' der formell unabhängigen Montenegriner, Bulgaren, Rumänen, Serben, Griechen, teilweise sogar der Schweizer sprechen, deren Unabhängigkeit selbst ein Produkt des politischen Kampfes und des diplomatischen Spiels des ‚europäischen Konzerts' ist?"

Gab nun der Erste Weltkrieg schon genügend Anlaß, Lenins Theorie der Nationen an entscheidender Stelle zu revidieren - dort, wo er einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsniveau von Kapital, Kultur, Demokratie, Freiheit und Frieden unterstellt, mithin den Gegensatz von Zivilisation und Barbarei - so wurde erst im Zuge des Zweiten Weltkriegs die ganze Tragweite dieses Irrtums offenbar. Man müßte schon behaupten, die Lostrennung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei, bei der das Selbstbestimmungsrecht der Nationen als politische Waffe zur Vorbereitung eines Krieges fungierte, habe irgendeinem anderen als den Reichsdeutschen einen Vorteil oder irgendeinen menschlichen Fortschritt erbracht und nicht die totale Vernichtung desselben. Das Selbstbestimmungsrecht hat sich in der der Herausbildung der Nationalstaaten und der vollen Entfaltung des Kapitals folgenden historischen Epoche zum Sprengstoff fortentwickelt, der dem deutschen Imperialismus dazu dient, sich den Kontinent nach dem Prinzip teile und herrsche zu unterwerfen. Es wäre übrigens nicht das erste mal, daß ihm national gesinnte Arbeiterparteien und Kosovo-Albaner dabei zur Hand gingen.

Anmerkungen

Quellen:
Die Zitate von Umberto Eco sind aus seinem Roman: Das foucaultsche Pendel, Carl Hanser Verlag München Wien 1989, S 129, 141
Robert D. Kaplans Reisebericht ist in deutscher Sprache veröffentlicht als: Die Geister des Balkan, Ernst Kabel Verlag Hamburg 1993, S 77-78
Misha Glennys Reisebericht erschien in deutscher Übersetzung als: Jugoslawien, Der Krieg, der nach Europa kam, Knaur München 1993, S 111
Das Pamphlet der Partei der Arbeit Albaniens: Die Forderung "Kosova - Republik" kann weder mit Gewalt noch mit leerem Geschwätz mundtot gemacht werden, Nachdruck aus Zeri i popullit, Organ des ZK der PAA, 12. September 1981
Einen Überblick über die Untergrundorganisationen der Kosovo-Albaner geben mehrere Artikel von Stephan Lipsius in der monatlich erscheinenden Zeitschrift Südosteuropa aus dem vergangenen Jahr
Eineen Überblick über die internationalen Verflechtung der Untergrundorganisationen, dem auch das Zitat von Azem Vlasi entnommen ist, gibt der Artikel: Albania and Terrorism in Kosovo and Metohija, Serbian Unity Congress, http://www.suc.org/politics/kosovo/html/Albania_Terrorism.html
Das Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist aus Mathias Rübs Artikel "Im französischen Rambouillet wird sich Dayton nicht wiederholen" auf Seite 3 der Ausgabe vom 5. Februar 1999
Das Kommentar von Daniel Cohn-Bendit erschien am 20. Oktober 1998 in der tageszeitung
Lenins Aufsatz Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen findet sich in: Lenin Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin 1989, S 195-461; Das Zitat von Rosa Luxemburg ist diesem Aufsatz Lenins entliehen.