Waffen lügen nicht

Die Kosovo-Albaner verwerfen einen amerikanischen Kompromiß und verlieren mit deutscher Kompromißlosigkeit einen Krieg

Wo immer ein Unabhängigkeitskämpfer seine Bereitschaft zur gewaltfreien Konfliktlösung beteuert, ist schon die Drohung parat, er könne auch anders. Vor einem Jahr versicherte Bujar Bukoshi, damals in Bonn, z.Zt. in Genf amtierender "Ministerpräsident" der selbsternannten "Republik Kosovo", jedem, der es nicht wissen wollte, sein Volk würde einen Krieg mit der jugoslawischen Armee dem Weiterleben als Bürger der Serbischen Republik vorziehen; es wäre einfach, sich die Waffen zu besorgen, und sein Volk würde Tag um Tag ungeduldiger und sei jetzt bereit, für die Unabhängigkeit seines Landes zu kämpfen und zu sterben. Die auf den ersten Blick verblüffende Selbstgewissheit, mit der diese Kriegserkläung ausgesprochen wurde, erläuterte ein "hoher Nato-Beamter" vergangenen Januar der Financial Times: Im Frühjahr 1997 habe die Nato beobachtet, wie die während des Pyramiden-Aufstands im Süden Albaniens aus den Kasernen gestohlenen Waffen über mafiöse Kanäle in Richtung Norden über die Grenze in den Kosovo geschmuggelt worden; als also der "Ministerpräsident" im sonnigen Bonn zum Volkskrieg aufrief, wurde im Kosovo schon das Kriegsgerät unters Volk gebracht.

Die Clan-Chefs, die den Waffenschmuggel kontrollierten, organisierten zur gleichen Zeit eine Kampagne gegen den bis dahin konkurrenzlosen, jedoch wegen gelegentlicher Verhandlungen mit der serbischen Regierung verdächtig gewordenen "Präsidenten" der Kosovo-Albaner, Ibrahim Rugova. Als dessen Gegenspieler wurde der Politiker Adem Demaci präsentiert. Die mit den großfamiliären Banden verbundene "Befreiungsarmee" der Kosovo-Albaner beteiligte sich an der Kampagne mit Terroranschlägen gegen die serbische Polizei und "Kollaborateure".

Zuerst in München und darauf in New York initiierten regierungsunabhängige think tanks, die als Politikberater ihrer jeweiligen Regierungen auftreten und in enger Absprache mit diesen agieren - die Bertelsmann Wissenschaftsstiftung und die Carnegie Corporation -, im Frühjahr 1997 einen Dialog zwischen Kosovo-Albanern und Serben. Mit diesen halboffiziellen Gesprächen konnten die Unabhängigkeitskämpfer auch auf diplomatischem Parkett ihre ersten Erfolge verbuchen. Die serbische Regierung, die eine Einladung zu den Treffen ausschlug, weil sie die Unabhängigkeit des Kosovo nicht für ein Gesprächsthema, sondern für den "Versuch einer Destabilisierung der Bundesrepublik Jugoslawien" hielt, sah sich nun auch international in der Defensive. Die Kosovo-Albaner befanden sich zudem in der günstigen Lage, zwischen den beiden mächtigsten Konkurrenten auf dem Balkan die Auswahl zu haben: die USA, die führende Militärmacht auf dem Globus, und Deutschland, die einflußreichste Volksmacht des Kontinents, hatten das "Scheinwerferlicht" (Klaus Kinkel) auf die kleine serbische Provinz gerichtet. Doch vielleicht hatten die Unabhängigkeitskämpfer zu hoch gepokert. Im vergangenen Dezember bekannte sich die U.C.K, nämliche "Befreiungsarmee" der Kosovo-Albaner, erstmals zu Anschlägen im Nachbarstaat Mazedonien und provozierte damit willentlich oder aus Dummheit die seit 1992 dort im Auftrag der UN stationierten US-Soldaten; die Abwehr einer unkontrollierbaren Ausweitung des Kosovo-Konflikts auf die benachbarten Staaten Mazedonien, Albanien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, mit der sicheren Folge des Scheiterns der jugoslawischen Nachkriegsordnung und der möglichen Folge, daß "die Südflanke der Nato zerbrechen und die Nato selbst in eine Krise gestürzt würde" (National Defense University), ist das zentrale Motiv der Kosovo-Diplomatie der USA. Andererseits ist die Option, durch massierten Terror eine Destabilisierung der gesamten Region herbeizuführen, der entscheidende Faustpfand der U.C.K.

Befangen in der Sprache des Krieges bewerteten Bukoshi und Demaci die nach der im Frühjahr vorerst mißglückten Zerschlagung der U.C.K durch die serbische Polizei von den USA vermittelten Verhandlungen zwischen den Kosovo-Albanern und der serbischen Regierung als "Kapitulation". Veton Surroi, Chefredakteur der im Kosovo verbreitetsten Zeitung Koha Ditore, der selbst an den Mai-Gesprächen teilgenommen hatte, abqualifizierte diese als "Fototermin". Ein weiteres Mitglied der Delegation aus dem Kosovo, der frühere KP-Chef der Provinz, Mahmud Baqhalli, stellte seine Verhandlungsfähigkeit mit der Äußerung unter Beweis: "1998 wird zeigen, ob wir die Unabhängigkeit friedlich erreichen können oder ob die Entwicklung den anderen Weg nimmt". Einem Reporter der Welt erzählte er schlitzohrig, "vielleicht wird unser nächstes Interview bei der U.C.K stattfinden". Der Präsident Albaniens, ein Freund der Unabhängigkeit mit anschließender Unterjochung durch eine großalbanische Reichsregierung, erlebte den Dialogbeginn als nationale "Schande". Die U.C.K schließlich antwortete auf die drohende Kompromißlösung mit einem regulären Kleinkrieg, der nun täglichen Ermordung serbischer Polizisten und Angriffen auf die serbische Minderheit im Kosovo.

Der Unabhängigkeitskämpfer ist nicht dumm genug, um nicht zu verstehen, daß bei diesen nun offiziellen Gesprächen die Unabhängigkeit kein Gesprächsthema mehr war. Dies garantierte die amerikanische Schirmherrschaft, denn das US-Außenministerium hatte sich schon zuvor unzweideutig heäußert und über seinen bestimmenden Einfluß in der Balkan-Kontaktgruppe den Verhandlungsspielraum folgendermaßen festgelegt: "Wir unterstützen weder die Unabhängigkeit noch die Beibehaltung des status quo als Endergebnis der Verhandlungen zwischen den Belgrader Behörden und der Führung der Kosovo-Albaner über den Status des Kosovo. Ohne dieses Ergebnis präjudizieren zu wollen, werden wir die Prinzipien für eine Lösung des Kosovo-Problems auf die territoriale Unversehrtheit der Bundesrepublik Jugoslawien und die OSCE-Normen, Helsinki-Prinzipien und die UN-Charta stützen".

Verzagt wandte sich Koha Ditore direkt an den deutschen Außenminister: "Wieso hat nicht eine Region, die zu 90 Prozent von Albanern bewohnt wird, nach dem Völkerrecht auch ein Recht auf Selbstbestimmung?" Die Antwort Kinkels offenbart unversehens den außenpolitische Mißmut einer aufstrebenden Weltmacht, deren Macht noch nicht hinreicht, um die Außenwelt eigenmächtig zu beherrschen: "Natürlich gibt es ein Recht auf Selbstbestimmung". Aber: "Die Forderung nach Unabhängigkeit des Kosovo oder Grenzveränderungen findet international keinerlei Unterstützung". In einem Interview mit dem Deutschlandfunk wurde Kinkel mit der selben Frage konfrontiert. Diesmal antwortete er ein wenig forscher, indem er eine weitere Relativierung einbrachte, indem er seine mit dem Problem der praktischen Umsetzung des von ihm, aber nicht von den Bündnispartnern unterstützten Rechts auf Sezession begründete Zurückhaltung zusätzlich mit einer zeitlichen Einschränkung abschwächte: "Natürlich gibt es ein bestimmtes Recht auf Selbstbestimmung". Aber: "Innerhalb von bestehenden Grenzen jetzt zu Veränderungen hin zu tendieren, würde eine Bereitschaft der Beteiligten voraussetzen. Und die ist nicht vorhanden. Insofern hat es keinen Sinn, einer Erwartung anzuhängen, die im Augenblick keinerlei Chancen auf Verwirklichung hat"

Ende Mai vereinbarten die Verteidigungsminister der USA, Mazedoniens, Albaniens, Bulgariens, Griechenlands, der Türkei, Italiens, Rumäniens und Sloweniens die Bildung einer multinationalen Eingreiftruppe für den Einsatz auf dem Balkan. Der albanische Präsident rief gleich dazu auf, die Truppe gegen Serbien in Bewegung zu setzen. Das aber ist eben nicht die Absicht der US-Regierung, die die Kosovo-Albaner wiederholt davon in Kenntnis setzte, daß sie diese beim Aushandeln einer Kompromißlösung zu unterstützen bereit ist, daß sie jedoch keineswegs in Betracht zieht, sich auf deren Seite in einen Sezessionskrieg gegen Jugoslawien einzumischen. Der US-Vermittler Richard Holbrooke machte in diesem Zusammenhang allerdings darauf aufmerksam, daß nach wie vor jede Menge Waffen via Albanien in den Kosovo gebracht würden, die albanische Regierung sowie "Geldgeber im Ausland" jedoch leider darum bemüht seien, diese Tatsache zu vertuschen. Die albanische Regierung übe offenbar keine Kontrolle über die Grenze zum Kosovo aus, was die Verantwortlichen in Tirana auch noch offen zugäben.

Der ranghöchste US-Militärbeamte in Europa, General Wesley Clark, der das Kommando über die in Europa stationierten Nato-Streitkräfte führt, bestätigte in einem inoffiziellen Gespräch mit Journalisten in Washington noch vor dem Treffen der Nato-Außenminister in Luxemburg Ende Mai die sich mehrenden Berichte über eine mögliche Stationierung von Soldaten entlang der Grenze zwischen Albanien und dem Kosovo. Innerhalb der Nato würde diese Möglichkeit noch ausgelotet, denn trotz des besorgniserregenden Ausmaßes von Waffenschmuggel in den Kosovo ergäben sich enorme logistische Probleme bei der Umsetzung; Probleme nicht nur geographischer Natur, sondern vor allem wegen der unzureichenden Kontrolle der Grenzregion durch den albanischen Staat. Voruntersuchungen innderhalb der Nato hätten ergeben, daß mindestens 20000 Soldaten zur Sicherung der Grenze benötigt würden. Während einer gemeinsamen Pressekonferenz des amerikanischen und des deutschen Verteidigungsministers in Washington darauf angesprochen, wollte auch William Cohen einen Militäreinsatz zur Unterbindung des Waffenschmuggels nicht ausschließen, während Volker Rühe ihm widersprach: "Das eigentliche Problem im Kosovo ist die Diktatur, der Polizeistaat und die fehlende Autonomie für die Kosovo-Albaner. Das eigentliche Problem ist nicht die Grenze zwischen Albanien und dem Kosovo".

In vergleichbarer Weise wurde über Mazedonien gestritten. Das russische Verteidigungsministerium schlug zeitgleich zu den amerikanischen Äußerungen über eine mögliche Militäroperation zur Absicherung der albanischen Grenze zum Kosovo vor, das im August auslaufende UN-Mandat für Mazedonien zu verlängern, den Umfang der Militärpräsenz - u.a. durch eine komplette russische Brigade - deutlich zu vergrößern und diese mit der Grenzüberwachung zu beauftragen. Die Grenze zwischen Mazedonien und dem Kosovo ist die andere wichtige Route für den Waffenschmuggel, und die Grenzgegend ist wie der Norden Albaniens Rückzugsgebiet der U.C.K. Eine Umsetzung der russischen Vorschläge, die den amerikanischen Überlegungen zur Überwachung ähneln, liefen nach Ansicht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ähnlich wie Rühe argumentierte, darauf hinaus, daß die UN-Soldaten "die serbische Politik gegenüber dem Kosovo flankieren würden", während sie nach deutscher Ansicht dem "Schutz Mazedoniens vor Serbien" zu dienen hätten.

Rühe erklärte am 27. Mai, einen Tag vor der Tagung Nato-Außenminister, vor dem Außen- und Verteidigungsausschuß des Bundestages, daß er einen Einsatz der Bundeswehr in Albanien oder Mazedonien zur Kontrolle der Grenzen zum Kosovo ablehne. Solche "symbolische Einsätze" seien gefährlich und führten nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Die Bundeswehr würde sich an keinen Einsätzen beteiligen, "die in ihrer Wirkung darauf hinauslaufen, das serbische Unterdrückungssystem gegen die Kosovo-Albaner zu unterstützen".

Im Gegensatz zu den in deutschen Medien verbreiteten Informationen, die Nato plane eine "Intervention" (Die Welt) im Kosovo, konnten sich die deutschen Minister in Luxemburg nicht durchsetzen. Die am 28. Mai veröffentlichte Kommunique transportierte zum Teil wörtlich die Position des US-Außenministeriums. Die serbische Regierung und die politische Führung der Kosovo-Albaner wurden zu einem "Dialog ohne Vorbedingungen" aufgefordert. Die Nato unterstütze ausschließlich eine Konfliktlösung, "welche die territoriale Integrität der Bundesrepublik Jugoslawien bewahrt". Die militärischen Maßnahmen der Nato zielten darauf ab, "Albanien und die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien bei der Sicherung ihrer Grenzen zu unterstützen". Die US-Zeitung Herald Tribune berichtete bereits tags zuvorvon konkreten Planungen des US-Militärs, in unmittelbarer Nähe der Grenze zum Kosovo ein Haupquartier in Mazedonien zu errichten. Außerdem solle eine vorläufig 7000 Mann starke multinationale Truppe nach Albanien entsandt werden, "um den dortigen Verantwortlichen bei der Kontrolle der Grenze zu helfen". US-Außenministerin Madeleine K. Albright begründete die Notwendigkeit dieser Maßnahmen nicht nur mit der Möglichkeit, daß die Kämpfe im Kosovo sich auf die Nachbarstaaten ausweiteten; die Grenzsicherung solle vor allem "Kräfte von außerhalb daran hindern, den Konflikt weiter zu eskalieren".

Holbrooke hatte das Vorgehen der serbischen Polizei gegen die U.C.K entlang der Grenze zu Albanien Ende April indirekt dadurch gerechtfertigt, hier sei es darum gegangen, den Nachschub von Waffen und Terroristen zu unterbinden. Ob die US-Regierung auch die einer Offensive der U.C.K Mitte Mai folgende serbische Gegenoffensive billigte, kann man nur vermuten. Denn auch Anfang Juni, nachdem die serbische Polizei nun mit schweeren Waffen bereits tausende Kosovo-Albaner zur Flucht aus ihren Dörfern nach Albanien und Montenegro gezwungen hatte, bestätigte ein Treffen der Nato-Botschafter lediglich die in Luxemburg gefaßten Beschlüsse. Während Kinkel eine "zügige Entscheidung der Nato" einforderte, drohten die USA lediglich mit der Wiederinkraftsetzung von im Mai (voreilig, so die Meinung der meisten deutschen Zeitungen) suspendierten Wirtschaftssanktionen gegen Serbien. Amerikanische Zeitungen zitierten namentlich nicht genannte Nato-Beamte mit der Einschätzung, auch die Juni-Offensive des serbischen Militärs habe eine klar umrissene Zielsetzung: "Die Serben setzen die Armee zur Säuberung der Grenzregion ein. Man benötigt eine acht bis zehn Kilometer breite Zone, in der sich keine Leute mehr aufhalten; jeder dort ist ein potentieller Feind. Die dortigen Bewohner müssen ihre Dörfer verlassen, weil sie sonst den Waffenschmuggel unterstützen könnten".

Am 5. juni schilderte die Washington Post die Atmosphäre in dem von der UNO im Norden Albaniens eingerichteten Flüchtlingslager: "Pferde und Esel, vollgepackt mit Waffen, Lastwagen die Männer in Kampfuniform transportieren und und sporadisches Gewehrfeuer machen Tropoja zu einer regelrechten Militärbasis. Teenager erhalten eine Ausbildung in Schießen und es werden keine Anstalten gemacht, die militärischen Vorbereitungen zu unterbinden". An diesem Freitag fand auch das erste Feuergefecht zwischen serbischer Polizei und der U.C.K jenseits der Grenze zu Mezedonien statt. Koha Ditore veröffentlichte den Aufruf der U.C.K zur Generalmobilisierung der Kosovo-Albaner. So konnte der politische Direktor des Auswärtigen Amts, Wolfgang Ischinger, der sich im Auftrag seines Ministers im Kosovo und in Albanien aufhielt, seine Reise mit der Meldung abschließen, die Situation im Kosovo habe sich nun "grundlegend geändert".Damit bewahrheitete sich seine Prophezeihung vom Januar, als er der Deutschen Welle sagte, Belgrad müsse "die Illusion aufgeben, den Kosovo zu einer inneren Angelegenheit der Bundesrepublik Jugoslawien zu erklären", denn die Situation sei "potentiell explosiv".

Rühe nutzte das anschließende Wochenende, um seine Forderung nach einem Nato-Einsatz im Kosovo mit einer Kritik an den Bündnispartnern zu ergänzen. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beanstandete er "das Verhalten derjenigen Außenminister, die öffentlich zwar ein militärisches Eingreifen auf dem Kosovo fordern, innerhalb des Bündnisses aber die dazu notwendigen Schritte verweigern und sich auf symbolische Handlungen beschränken...Das Problem Kosovo kann nicht gelöst werden, indem ich Truppen nach Albanien schicke, dort die Grenze zum Kosovo dichtmache und so das Geschäft des Herrn Milosevic betreibe. Das Problem muß dort gelöst werden, wo es liegt, im Kosovo und in Belgrad. Serbien ist eine Diktatur". Bisher hätten aber "Weisungen einiger Länder" den Nato-Rat daran gehindert, die militärischen Stäbe des Bündnisses mit der Überprüfung solcher Einsatzpläne zu beauftragen - "Es ist heuchlerisch, öffentlich militärisches Vorgehen im Kosovo zu fordern und hinter verschlossenen Türen in den Nato-Gremien zu verhindern, daß die dafür notwendigen Planungen vorgenommen werden dürfen". Unmittelbar vor den Beratungen der Nato-Botschafter, die die darauffolgende Frühjahrstagung der Nato-Verteidigungsminster in Brüssel vorzubereiten hatten, erklärte der deutsche General Klaus-Dieter Naumann, Vorsitzender des Nato-Militärausschusses und ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr am 10. Juni im Deutschlandradio: Die wirksamste Maßnahme seien Angriffe der "Nato-Luftstreitkräfte" direkt gegen serbische Stellungen - die Nato-Botschafter wiegelten ein weiters mal ab und die Nato-Verteidigungsminister verwies konkrete Beschlüsse trotz der nun greifbaren Gefahr einer Ausweitung der Kriegshandlungen erneut an die Stäbe.

Den Hintergrund für diese Zurückhaltung mag eine Analyse aus der Feder des Chefredakteurs der Militärfachzeitschrift Nato's 16 Nations erhellen, die Herald Tribune am 9. Juni veröffentlichte: "Eine Nato-Intervention im Kosovo würde nicht, wie in Bosnien, das Morden beenden, sondern lediglich als Unterstützung der albanischen Unabhängigkeitsbewegung erscheinen. Die Nachkriegsordnung in Europa ist bestimmt von der 1975 unterzeichneten Schlußakte von Helsinki. Sie beruht auf dem Grundsatz, daß die Grenzen zwischen Staaten nicht mit Gewalt verändert werden dürfen. Die Bundesrepublik Jugoslawien, bestehend aus Serbien und Montenegro, ist ein rechtmäßiger Staat mit international anerkannten Grenzen. Der Kosovo ist eine Povinz Serbiens, wie auch immer die sogenannte ethnische Zusammensetzung aussieht. Die Verletzung jenes Grundsatzes wäre extrem gefährlich. Dies würde eine Büxe der Pandora auf dem multiethnischen Balkan öffnen. Es gibt einen weiteren, praktischeren Aspekt: Ein Nato-Angriff im Kosovo würde von regulären jugoslawischen Truppen erwidert, einer disziplinierte und wohlorganisierte Streitmacht die ihre Heimat gegen eine äußere Agression verteidigte - ein Kampf mit offenem Ende. Es ist eine Tatsache, daß innerhalb der Nato nicht der Wille zu einer Intervention im Kosovo existiert und das Erwecken des Eindrucks, daß es entsprechende Pläne gäbe, sind äußerst gefährlich, weil damit Erwartungen schafft, die nicht erfüllt werden können und die Befreiungsarmee des Kosobo zu Aktionen veranlaßt wird, die nur zu weiterem Blutvergießen führen".

Weder den Amerikanern noch den Deutschen, weder den Kosovo-Albaner noch den Serben ist es um anderes bestellt als um die Beherrschung von Land und Leuten. Gerechtfertigt ist weder die gewaltsame Verteidigung des, noch der gewaltsame Angriff auf den status quo. Zum Maßstab des Unrechts wäre in dem einen wie dem anderen Fall die Verletzung des bürgerlichen Rechtideals der Verhältnismäßigkeit der Mittel zu machen. Nur: Die Kosovo-Albaner, die ihre Rechte als Minderheit einklagen, werden erst getötet, seit sie selber töten. In den vergangenen Jahren fielen der U.C.K rund 250 Serben zum Opfer; das hat die serbische Polizei in drei Monaten fast wettgemacht. Freilich erhält keine Seite Recht durch der anderen Unrecht. Nur: Die Klage über "Gewalt und Gegengewalt" (Kinkel) ist eine Lüge des deutschen Außenministeriums, weil sie wider besseres Wissen die Frage scheinbar offen läßt, wer welcher Seite der Gleichung zuzuordnen ist. Die Verurteilung abstrakter Gewalt dient der Verteidigung konkreter Gewalt, ein Methode der Rechtfertigung, deren sich der deutsche Staat ebenso gerne bedient wie die deutsche Öffentlichkeit. Darin unterscheidet sich die deutsche Intervention von der amerikanischen.

Während in Washington und New York auch Rugova vorgeworfen wurde, sich nicht eindeutig vom Terrorismus zu distanzieren, werden die Terroristen gezielt nach Bonn und München geholt. Im April lud die Bertelsmann Wissenschaftsstiftung den "bekannten Führer der Kosovo-Albaner", Demaci, ein, stellte dessen "Kooperationsbereitschaft" den serbischen "Menschenrechtsverletzungen" gegenüber und stellte diese jüngste von ihr inszenierte Gewaltverherrlichung heraus als "wichtigen Schritt, um einen neuen Krieg auf dem Balkan zu verhindern". Noch vor einem Jahr, als sich die U.C.K gerade die Waffen aus Albanien besorgte, hatte die Stiftung ganz andere Töne angschlagen. In enem von ihr in der Projektreihe Strategien für Europa herausgegebenen Band über Nationalitätenprobleme und Minderheitenkonflikte wird den Kosovo-Albanern ein "Widerstandsrecht" zugestanden, "in dessen Ausübung das Selbstbestimmungsrecht auch gewaltsam durchgesetzt werden kann". Im Widerspruch zu dem amerikanischen Kompromißvorschlag, dem Kosovo den Status einer autonomen Republik innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien zu gewähren, vertritt die Stiftung die Ansicht, es gäbe eben Fälle, in denen "der grundsätzliche Vorrang der Autonomie vor der Sezession in dem Maße hinfällig wird, in dem die Intensität der praktizierten Fremdherrschaft die Verwirklichung des Anliegens der Selbstbestimmung im Rahmen der Autonomie als aussichtslos erscheinen läßt". Im Kosovo jedenfalls, so die damalige Prophezeihung, werde es "mit Hilfe der bereits deutlich genug demonstrierten Handlungsunfähigkeit des Westens bald zur Explosion kommen". Der Autor dieser Sätze heißt Georg Brunner, ist Direktor des Instituts für Ostrecht der Universität Köln und betreut als deutscher Experte zusammen mit dem Albanienexperten Stefan Troebst, dem Direktor des von der Bundesregierung finanzierten Zentrums für Minderheitenangelegenheiten (ECMI), die von der Bertelsmann Wissenschaftsstiftung seit einem Jahr regelmäßig organisierten Kosovo-Dialogrunden. Troebst ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur "Mazedonischen Frage" und war im Auftrag des Bonner Auswärtigen Amts Anfang der Neunziger Mitglied einer OSCE-Beobachtermission in Mazedonien, wo er "ein dichtes Netz informeller Bekanntschaften" (Troebst) aufbaute. Angeleitet wird die Kosovo-Arbeitsgruppe der Stiftung von Martin Lutz, Beauftragter für regionale Angelegenheiten im Auswärtiges Amt. Vorstand der Bertelsmann Stiftung und Koordinator des Projekts Strategien für Europa ist Werner Weidenfeld, seit 1987 außerdem Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische "Zusammenarbeit".

Ende Mai rief ein Bericht der Washington Post über albanische Flüchtlinge, die in den USA Geld für Waffenkäufe der U.C.K sammeln, in der amerikanischen Öffentlichkeit heftige Proteste hervor; die US-Regierung wurde aufgefordert, diese terroristischen Aktivitäten zu unterbinden. Einen ähnlich gelagerter, auf Quellen aus dem Bundesnachrichtendienst gestützter Bericht veröffentlichte die Welt am Sonntag bereits Anfang April - die U.C.K weise ihre Mitglieder und Sympathisanten gezeilt zur Asylsuche in Deutschland, der zahlreichsten albanischen Diaspora in Europa, an. Die vermeindlichen Flüchtlinge seien beauftragt, innerhalb der dortigen mafiösen Zusammenhänge, zu denen auch "Ministerpräsident" Bukoshi, laut Informationen der amerikanischen Geheimdienste der Chef der U.C.K, gezählt werden muß, die Finanzierung von Waffenkäufen und die Rekrutierung von Unabhängigkeitskämpfern zu bewerkstelligen. Die deutsche Öffentlichkeit fand daran kein Interesse. Den kompromißlosen Völkerfreunden käme es auch kaum in den Sinn, die Versorgung der unterdrückten Völker mit Waffen zu beanstanden. Schon das damalige UN-Waffenembargo gegen Kroatien und Bosnien hielten die Deutschen für den Gipfel der Ungerechtigkeit. Für die militärische Absicherung der albanischen und mazedonischen Grenze gegen den Waffenschmuggel in den Kosovo wird man hierzulände weder Minister noch Bürger begeistern können.