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Vom 6. März 1998
Von Thomas Becker
Veröffentlicht in
Jungle World
Nr. 11/1998
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Staatsvolk sucht Volksstaat Die Kosovo-Albaner rufen auf zur letzten Schlacht auf dem Balkan "Wir rufen alle Albaner in Albanien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und wo immer sie sonst noch leben, dazu auf, bereit zu sein, um als eine Nation gegen die serbischen Aggressoren in Kosovo vorzugehen." Aus einer Erklärung von 28 Vereinigungen und Oppositionsparteien in Albanien unter Führung der Demokratischen Partei des früheren albanischen Ministerpräsidenten Sali Berisha; zitiert in der Tageszeitung Die Welt vom 6. März 1998. Das Faustpfand der Kosovo-Albaner ist ihre wachsende Fähigkeit, die gesamte Region in einen Krieg zu verwickeln. Ihre vor zwei Jahren im deutschen und schweizerischen Exil aufgebaute "Befreiungsarmee" weitete ihren Aktionsradius kontinuierlich aus und hat sich vergangenen Dezember erstmals zu Anschlägen im Nachbarstaat Mazedonien bekannt, über dessen Grenze auch ein bedeutender Anteil des Waffenschmuggels abgewickelt wird. Anfang vergangenen Jahres sorgten die Volksgenossen aus dem benachbarten Albanien für Nachshub: große Mengen der während der damaligen Unruhen aus den Beständen der Armee verschwundenen Mordwerkzeuge seinen in den Kosovo gebracht worden, berichtete die Financial Times am 27. Januar mit Berufung auf einen "hohen Beamten" aus dem Nato-Hauptquartier im belgischen Mons. Nicht ohne Grund wurden die ersten US-Soldaten während des Krieges in Bosnien bereits 1992, also gut zwei Jahre vor der eigentlichen Entscheidung für ein militärisches Engagement auf dem Balkan, in Mazedonien stationiert; ihr Auftrag bestand darin, eine Ausweitung des Krieges auf den südlichen Balkan zu blockieren. In einer für den Pentagon angefertigten Expertise der Washingtoner "National Defense University" vom September 1994 sind die Gründe dafür in seltener Deutlichkeit beschrieben: "Im schlimmsten Fall würde ein Konflikt im Kosovo sämtliche angrenzende Staaten involvieren. Albaner würden massenweise nach Mazedonien flüchten. Die Serben könnten im Norden Mazedoniens eindringen, um aufständische Kosovo-Albaner, die dort ihre Stellungen haben, aufzuspüren und zu vernichten. Griechenland würde Flüchtlingen aus dem Kosovo die Einreise verweigern. Da das kleine Mazedonien nicht in der Lage wäre, sich zu verteidigen, würde Bulgarien wahrscheinlich intervenieren, um die Mazedonier zu beschützen, denen sich die Bulgaren ethnisch verwandt fühlen. Albanien würde Kämpfer und Waffen in den Norden schicken, um der albanischen Minderheit in Mazedonien zu helfen. Die Türkei würde sich möglicherweise mit Aktionen gegen Griechen in Mazedonien oder in der Ägäis einmischen, wodurch die Südflanke der Nato zerbrechen und die Nato selbst in eine Krise gestürzt würde." Wegen dem zunehmenden Realismus, der derlei Schreckszenarien anhaftet, forcierte die US-Regierung im vergangenen Jahr ihre auf die Eindämmung des Kofliktpotentials gerichtete Diplomatie. Die Widersprüche, in die sich man sich dabei verwickeln muß, wurden in der Expertise bereits offen ausgesprochen: Wie könne man "Belgrad unter Druck setzen, den Autonomiestatus des Kosovo wiederherzustellen, ohne daß bei den Kosovo-Albanern der Eindruck entsteht, die Vereinigten Staaten würden ihnen in einer der Bosnien-Operation vergleichbaren Weise zur Seite springen; Albaniens ökonomische und politische Entwicklung unterstützen und gleichzeitig dessen Mitarbeit bei der Unterbindung der grenzüberschreitenden Subversion albanischer und mazedonischer Radikaler einklagen; die Widerannäherung Griechenlands und Mazedoniens befördern, ohne daß der Eindruck entsteht, Washington würde einen Nicht-Nato-Staat genauso ernst nehmen wie ein Nato-Mitglied; sensibel für die griechischen Vorbehalte gegenüber den türkischen Absichten auf dem Balkan bleiben und dennoch den günstigen Einfluß Ankaras auf Muslime und Albaner nutzen." Der Wahnsinn, der einer Eskalation im Kosovo heraufbeschwört, entspricht dem, woraus der Konflikt entspringt. Der schnöde Fakt, daß die militärisch besser gestellte serbische Polizei in einer Woche erledigte, wofür die auf Terroranschläge programmierten Kosovo-Albaner ein Jahr einzukalkulieren haben - mit je rund fünfzig Leichen innerhalb des vergangenen Jahres ist die Feindesvernichtung ausgegelichen - bleibt für die Ursachenforschung irrelevant und fördert im Übrigen mehr Gemeinsames als Unterscheidbares zu Tage: den beidseitig so starr - wie irrsinnigen Glauben an die Wohltat eines den privaten Interessen förderlichen Nationalstaats, dessen Errichtung von "Volksfremden" vereitelt bzw. dessen Zerstörung von "Ausländern" betrieben wird. Daran ist soviel wahr, daß jedes selbst ernannte Volk in einer Welt von ebensolchen existiert und jedes dieser Völker sich in Konkurrenz mit den anderen reproduziert. Ohne Territorium, das von der volkseigenen Clique kontrolliert wird, ohne eigenen Staat, eigene Armee, eigene Polizei und eigenes Finanzamt hat man dabei schlechte Karten. Die Insistenz auf die eigene Sprache, Kultur und Geschichte dagegen dient ausschließlich der ideologischen Beflügelung des Zugriffs auf den fremden Besitz. Die Konkurrenz der Völker ist die Übertragung der weltweiten Konkurrenzwirtschaft auf das Bewußtsein der Volksgemeinschaft. Die Kosovo-Albaner träumen heute davon, ihre von dem britischen Autor Micha Glenny eindrucksvoll als Ödland beschriebene Provinz unter eigener Regie in eine "blühende Landschaft" zu verwandeln - "Unabhängigkeit" ist das Zauberwort; mit Waffengewalt treten sie die Flucht aus dem haltlosen status quo in das unhaltbare Versprechen an. Den bei schlehter Geschäftslage stets aufbrechenden Gegensatz zwischen Volksstaat und Staatsvolk schreiben sie der Unvereinbarkeit selbstdefinierter Rassen zu. |