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Vom 27. September 1997
Von Thomas Becker
Veröffentlicht in
Jungle World
Nr. 40/1997
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All Along the Watchtower Über den Hang zu Gewalt und Aussichtslosigkeit Erst als sich der von Horror- und Katastrophenfilmen verwöhnte Westeuropäer sicher war, daß die Gewaltorgien vor seiner Haustür stattfanden – anfangs bedurfte es ungezählter Leitkommentare und einschlägiger Alternativ-Literatur, ihm diese Tatsache einzuhämmern –, begann der Krieg auf dem Balkan seine ehrliche Begeisterung zu wecken. Dabei spielte nicht die geographische Nähe die entscheidende Rolle. Der wohltuende Schauder, welcher den aussichtslosen Postminister genauso durchfuhr wie die schon vom Reinlichkeitswahn befallene Hausfrau und den gelangweilten Offizier bei der Bundeswehr, war das erste Anzeichen wirklicher Solidarität. Die zivilisierten Völker ergriff die Ahnung, ein gemeinsames Schicksal könnte die durch Schaufenster, Monitore und Stahltüren schimmernde Trostlosigkeit der eigenen Existenz mit dem sinnstiftenden Treiben von Heckenschützen und Bomben-Opfern in Sarajevo verbinden, wo das sinnlose Leben sich in der destruktiven Sinnlichkeit des Bürgerkriegs verlor. Viel besser als die Soziologen an blutleeren Universitäten illustrierte deshalb das Kriegsgeschehen in Bosnien die Zukunft einer No-Future-Generation, die ihre aufgestauten Erwartungen weder durch Satans-Messen und MS-Erotik, noch durch Sport oder Wehrsport vollends befriedigen kann. Schon bald wurden Zugaben gebraucht, und da die Wirklichkeit den nimmersatten Hang zur Zerstörung nicht mehr sättigen konnte, wuchs die Zahl Vergewaltigter in der Phantasie ins Unermeßliche, entstanden Vernichtungslager als Projektion eigener Überflüssigkeit. Die bei Akteuren und Zuschauern nach einer Weile einsetzende Kriegsmüdigkeit führte zu der ernüchternden Erkenntnis, daß die Zerstörung nichts Neues hervorbrachte. Kein Phönix entstieg bislang der Asche, stattdessen beherrschen in Zagreb, Sarajevo, Pale, Banja Luka und Belgrad vorher wie nachher Gestalten die Szene, die sich auf eigentümliche Weise dadurch ähneln, daß sie ihre Anhänger durch eine Vielfalt virtueller Güter – Faschismus, Fundamentalismus, Nationalismus – bei Laune halten. Die auf den Märkten der Welt üblicherweise gehandelten Gebrausgüter sind nicht im Angebot der Volks-, Religions- und Bandenführer. Das hat seinen Grund darin, daß der an ehemaligen Brandherden noch warme Boden nicht das Fundament einer – auch darin sind sich alle Irren einig – von Schöngeistern herbeibeschworenen Warenproduktion, sondern für Schatten- und Vetternwirtschaft, organisierte wie unorganisierte Beschaffungskriminalität abgibt. Diese primitiven Produktionsformen bringen naturwüchsig keine rational organisierten, den hochindustrialisierten Ländern Westeuropas und Nordamerikas vergleichbare Nationalstaaten, sondern noch in sich zersplitterte Männercliquen hervor. Das im Daytoner Friedensabkommen vorgesehene Bosnien, ein "multikultureller Gemeinschaftsstaat", schindet bei den sich so herausbildenden, archaisch organisierten ethnischen Gruppen soviel Eindruck wie ein Polizist ohne Uniform. Es bedarf einer ständigen Wachmannschaft – der Nato –, um die illusionäre Ordnung aufrechtzuerhalten. So ist es kein Wunder, daß bereits ein Jahr vor dem vereinbarten Abschluß der Sfor-Mission in Washington, Bonn und Paris eine Diskussion um die zukünftige Präsenz internationaler Truppen begonnen hat. Die im Vertragstext wohlwissentlich unausgesprochene Voraussetzung des Dayton-Abkommens ist die unbefristete Installation einer Besatzungsmacht. Richard Holbrooke, der als einer der wichtigsten Architekten des Abkommens gilt, sprach dies vergangene Woche zum ersten mal deutlich aus. "We must find some way out of there" beschwor er seine Kritiker, die das ganze Projekt rundum als "unrealistisch" verwerfen und von denen die forscheren mit dem gewagten Vergleich mit Vietnam die Angst schüren, ihre Jungs könnten sich noch einmal in einer "Schlammschlacht" verlieren. "Wenn Dayton scheitert", hielt ihnen Clintons Sicherheitsberater Sandy Berger entgegen, "wird Bosnien fast sicher in einen Konflikt zurückfallen, der sich zu einem größeren Krieg in Südosteuropa ausweiten könnte." Die Angst, daß die Gewalt nicht nur in Bosnien weiter präsent ist, sondern als Potential in der gesamten Region schlummert, mag von den Ereignissen in Bosnien selbst oder auch denen in Albanien zu Anfang des Jahres herrühren. Aber nicht diese Anzeichen höchst unterschiedlicher Formen von Gewalt sind der wirkliche Grund, deren gemeinsamer Nenner vielmehr die Ausweglosigkeit einer Integration Südosteuropas in den "Europäischen Wirtschaftsraum" (so die Begrifflichkeit des Bonner Außenministeriums) ist. Schon die jüngste Erfolgsmeldung aus Bosnien, die Arbeitslosigkeit sei dort seit Kriegsende von 90% auf 50% gesunken – der Rückgang ist ebenso eine vorübergehende Erscheinung der Aufräumarbeiten nach dem Krieg wie die Vergleichziffer eine Folge der Zerstörungen im Krieg – ist als Ausdruck von Ratlosikeit kaum zu überbieten. Wenn schon im Zentrum des Raumes jeder zehnte EU-Bürger überflüssig ist – ein nutzloser Fresser, der aber gefährlich ist, weil er an den Nerven des Systems knabbert –, so weiß jeder Balkanase, was ihm die Stunde geschlagen hat. |