Die deutsch-kroatische Freundschaft

Zwei Völker verbunden in Wort und Tat

"Nicht souveräne Staaten, sondern souveräne Völker werden den Bau Europas dereinst vollenden".

Helmut Kohl 1985 vor dem Deutschen Bundestag

Der nationale Aufbruch in Deutschland

"Die wahren Ursachen der Spannungen in Europa", erläuterte der damalige Verteidigungsminister und spätere NATO-Generalsekretär Manfred Wörner am 5. Oktober 1986 die außenpolitischen Richtlinien der Kohl-Regierung, seien "die widernatürliche Teilung Europas, die widernatürliche Unterdrückung des Selbstbestimmungsrechts aller Deutschen und der Osteuropäer sowie die Zementierung der Folgen des Zweiten Weltkriegs". Diesen fundamentalen Angriff auf die europäische Nachkriegsordnung nahm zu der Zeit kaum jemand ernst, obgleich der schleichende amerikanische Hegemonieverlust und die den Zerfall einleitende sowjetische Reformbewegung die Grundmauern der nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa etablierten "balance of power" bereits zum Wanken gebracht hatten. In "Mitteleuropa" bewirkte das Zurückweichen der beiden Weltmächte das Entstehen eines Machtvakuum, in dem sich die BRD auszudehnen gedachte. Die Wende wurde 1983 mit der täglichen Ausstrahlung der Nationalhymne eingeleitet; mit der Friedensbewegung entwickelte sich der Kampf gegen die "Supermächte" zu einer parteiübergreifenden Volksbewegung; im September 1984 propagierten Kohl und Mitterand auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges bei Verdun die "Nation Europa"; im Mai 1985 beschlossen Kohl und Reagan auf dem Soldatenfriedhof bei Bitburg den zukünftigen Kampf gegen "die Finsternis des Totalitarismus" gemeinsam zu führen; im "Historikerstreit" verlangten Konservative eine "Revision der Geschichte des Dritten Reiches" und die Wiederherstellung der "inneren Kontinuität der Deutschen Republik" - wenige Jahre darauf wurde es konkret.

Ab Ende 1989 wurden die "Spannungsursachen" Schritt für Schritt beseitigt: Mit Hilfe ungarischer Kollaborateure organisierte die BRD den Exodus der Ostdeutschen und erreichte durch die nationalistische Infiltration der dafür empfänglichen DDR-Opposition den "Fall der Mauer"; das erste Ziel, die Überwindung der "widernatürlichen Teilung Europas", war erreicht. Das nächste Ziel, die Durchsetzung des "Selbstbestimmungsrechts aller Deutschen", wurde bereits im darauffolgenden Frühjahr durch die Inszenierung nationalistischer Massenaufmärsche in der DDR errungen, als Kohl schließlich zum gesamtdeutschen Kanzler gewählt wurde.

Ordnungsmacht auf dem Balkan

Von den grandiosen Erfolgen angespornt sollte auch das "Selbstbestimmungsrecht der Osteuropäer" wie geplant mit deutscher Hilfe verwirklicht werden. "Die Opposition formiert sich", titelte die FAZ am 1. Dezember 1989 einen Artikel, in dem die "Massenverbrechen der kommunistischen Tito-Obrigkeit" in Kroatien angeprangert wurden. Vom Geist der "historischen Wende", der auch die Nationalisten Osteuropas heimsuchte, und mit Geldern von Exil-Kroaten, die durch den Bundesnachrichtendienst koordiniert wurden, begünstigt wurde der Faschist Franjo Tudjman im Frühjahr 1990 Präsident der Jugoslawischen Teilrepublik Kroatien. "Nach der ersten freien Wahl wird die kroatische Nation eine politische Repräsentation haben, von der sie sich nicht mehr fremdbestimmt fühlen muß", befand FAZ-Herausgeber Reißmüller stolz. Er übernahm damit für Kroatien das gerade in Deutschland erprobte propagandistische Schema, wonach die Durchsetzung nationaler Interessen als Befreiungsakt eines gegen seine natürliche Veranlagung dem Kommunismus oder anderer Formen der "Fremdbestimmung" ausgelieferten Volkes dargestellt wurde - wer kann dazu schon Nein sagen? Von nun an war das Schicksal der Deutschen und der Kroaten wieder verwoben, an der "Zementierung der Folgen des Zweiten Weltkriegs" hatten beide Völker nicht das geringste Interese.

Deutschland erreichte sein Etappenziel bekanntlich schon am 3. Oktober 1990; trotz anfänglichen Widerständen im Ausland stellte sich niemand dem nationalen Aufbruch ernsthaft in den Weg. Anders in Kroatien: Die staatliche und ideologische Rekonstruktion Kroatiens erforderte die Ausschaltung der serbischen Minderheit, die allerdings entschlossen war, sich gegen jedwede Beschneidung ihrer Bürgerrechte erbittert zur Wehr zu setzen. Nach seinem Wahlsieg begann Tudjman die öffentliche Verwaltung von den verhaßten Symbolen der Jugoslawischen Bundesrepublik, dem "roten Kommunistenstern", zu säubern und diese durch das kroatische Wappen zu ersetzen. Dieses Wappen war auch das Hoheitszeichen des im April 1941 durch den Balkanfeldzug der Wehrmacht errichteten Kroatien und der durch die Hilfe Nazi-Deutschlands und des Vatikan an die Macht gelangten klerikalfaschistischen Ustascha-Bewegung. Während der deutsch-kroatischen Herrschaft wurden zwei Drittel der vormals dort lebenden Juden, mehr als eine halbe Millionen Serben, Zigeuner und andere "Volksschädlinge" ermordet. Als das Wappen 1990 wieder zum offiziellen Staatssymbol wurde, waren die Serben gewarnt. In Vorbereitung der beabsichtigten Lostrennung von der Jugoslawischen Bundesrepublik verabschiedete das kroatische Parlament im Dezember eine neue Verfassung, in der die Minderheitenrechte der Serben untergraben wurden. Serben wurden folglich aus den öffentlichen Ämtern entfernt und verloren ihre Arbeitsplätze. Im März 1991 proklamierten die Krajina-Serben daraufhin die "Autonome Region Krajina", worauf die gerade neu aufgebaute kroatische Nationalgarde zuschlug.

Nachdem Kroatien am 25. Juni 1991 aus dem "Völkergefängnis" ausgebrochen war, eskalierten die Auseinandersetzungen in der Krajina und in Slawonien, die ihrerseits ihre Unabhängigkeit von Kroatien erklärt hatten und wo der größte Teil der serbischen Minderheit lebte. Deutschland schlug sich nun offen auf die Seite Tudjmans; während sich Kroaten und Serben erbitterte Schlachten lieferten, UNO und EU sich um eine Verhandlungslösung bemühten und das Rote Kreuz im August bereits mehr als 90000 Flüchtlinge zählte, erklärte der damalige deutsche Außenminister Genscher: "Mit jedem Schuß rückt die staatliche Unabhängigkeit Kroatiens näher". Der tiefere Sinn dieses Satzes sollte sich vier Jahre später offenbaren.

Die Aufrüstung Kroatiens

Im Zuge der Machterweiterung auf das Gebiet der DDR fiel der Bundeswehr mit der Nationalen Volksarmee eine der bestausgerüsteten Streitkräfte Osteuropas in die Hände. Nur erlaubten die im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland Verbündeten der Kohl-Regieung nicht, diese Waffen zu behalten. Um die Gefahr nicht kalkulierbaren Machtungleichgewichts auf dem europäischen Kontinent als Folge der Wiedervereinigung zu bannen, mußte Deutschland sich im September 1990 neben einer Reihe weiterer miltärischer Beschränkungen auch zur Beseitigung der NVA-Waffen verpflichten. Die Deutschen stimmten natürlich zu, anstatt die begehrten Militärgüter zu verschrotten, verhökerten sie sie aber klammheimlich an die zur Kollaboration bereiten Nationalisten in ganz Osteuropa. Über Ungarn und die Türkei gelangten diese Waffen schließlich auch nach Kroatien. Dort baute sich der Ex-General Tudjman damit eine ansehnliche Armee, mit der er Anfang August 1995 die Krajina-Serben, denen seine Nationalgarde 1991 noch unterlag, in einem Blitzkrieg binnen 3 Tagen aus ihren Häusern vertrieb; die deutsche Handschrift war unverkennbar.

Die illegalen Waffenlieferungen aus Deutschland nach Kroatien waren der entscheidende Faktor für die Wende im Krieg auf dem Balkan im Sommer 1995. Zu Beginn des Krieges verfügte Kroatien über etwa 200 Panzer, 6 MIG-21 Kampfflugzeuge und 30 Kriegsschiffe aus den Beständen der Jugoslawischen Bundesarmee. Anfang 1991 soll sich Kroatien dazu 30000 Kalaschnikov (aus NVA-Beständen?) aus Ungarn besorgt haben. Ein desertierter mazedonischer Offizier der Jugoslawischen Bundesarmee berichtete von den Kämpfen im Herbst 1991, daß die Kroaten "mit ungewöhnlich guten deutschen Gewehren für ihre Scharfschützen" ausgerüstet gewesen seien. Die Kroaten sollen mit großen Mengen G-3 Gewehren der deutschen Rüstungsschmiede Heckler&Koch beliefert worden sein. Im Mai 1992 beschlagnahmten LKA-Beamte das umfangreiche Lager eines in Baden-Württemberg agierenden kroatischen Waffenhändlerrings. Die Waffenhändler gaben an, für "Heimat und Vaterland" gehandelt zu haben, und da der zuständige Staatsanwalt ein Patriot und der Meinung war, es sei zwischen "Profitsucht" und "ideellen Motiven" zu unterscheiden, kamen sie mit Geld- und Bewährungsstrafen davon. Im Oktober wurden erneut Waffenhändler gefaßt, die mehrere Kilo Uran und eine größere Anzahl von Panzern an Kroatien liefern wollten. Ein Memorandum der Jugoslawischen Bundesregierung warf Deutschland, Österreich und Ungarn schon im Januar 1992 vor, das Waffenembargo der UNO im großen Maßstab zu unterlaufen; so seien z.B. Panzer über den Hafen von Rijeka und Haubitzen über Österreich nach Kroatien gelangt. Nach der Anerkennung durch die EU Mitte Januar 1992, so der Generalstabschef der kroatischen Luftwaffe, sei es wesentlich einfacher geworden, Waffen zu kaufen. Der SPIEGEL beurteilte im Sommer 1992 die Aufrüstung der kroatischen Armee: "Als der Krieg begann, hatten sie nur Jagdgewehre und Pistolen. Jetzt sind ihre Arsenale voll von modernen Infanteriewaffen. Sie haben Maschinengewehre aus Deutschland, französische Mörser, israelische Uzis, russische Kalaschnikovs und österreichische Panzerwagen. Nichts von alledem ist legal ins Land gekommen". Nach Meinung von Beobachtern sind die Waffen unter Umgehung des UNO-Embargos mit Hilfe des Bundesnachrichtendienstes nach Kroatien eingeschleust worden, während die ersten deutschen Kriegsschiffe in der Adria angeblich das Embargo überwachten. Bis Mitte 1992, so das Institut für Verteidigungsstudien am King's College der Universität London, hatten Exil-Kroaten 300 Millionen Dollar für Waffenkäufe gespendet. Die Koordinierung der Kontakte nationalistisch gesinnter Exil-Kroaten zur Tudjman-Regierung ist seit den 60er Jahren eine Domäne des Bundesnachrichtendienstes. Das BULLETIN OF THE ATOMIC SCIENTISTS schätzte 1994, daß die meisten illegal nach Kroatien gelieferten Waffen aus NVA-Beständen kämen. Der SPIEGEL vetrat zur gleichen Zeit die Meinung, daß etwa die Hälfte der kroatischen Waffen aus Deutschland stamme. Aber auch große Mengen türkischer Rüstungsexporte nach Kroatien sind deutschen Ursprungs: Waffen der Nationalen Voksarmee, die man der Türkei kostenlos oder zu Schleuderpreisen überließ.

Beeindruckend sind nicht zuletzt die erst kürzlich öffentlich bekannt gewordenen Lieferungen von Kampfflugzeugen. Nach Untersuchungen des Fernsehmagazins MONITOR stammen die MIGs, über die die kroatische Luftwaffe heute verfügt, unzweideutig "aus der Konkursmasse der Nationalen Volksarmee der DDR". Sie seien wahrscheinlich über Ungarn nach Kroatien gelangt. Unmittelbar nach der MONITOR-Sendung bestätigten zwei Augenzeugen, solche Maschinen, bei denen noch die deutschen Hoheitsabzeichen erkennbar gewesen seinen, in Ungarn beobachtet zu haben. Kurz nach der Eroberung Westslawoniens und kurz vor der Eroberung der Krajina demonstrierte Tudjman am 30. Mai während einer Militärparade seine militärische Überlegenheit mit diesen Geschenken aus Deutschland. Es handelt sich um Waffen, die laut internationalen Verträgen hätten verschrottet werden müssen. Laut einem Bericht der MÄRKISCHEN ALLGEMEINEN, die sich auf russische Militärs beruft, habe der damalige DDR-Verteidigungsminister, der CDU-Bundestagsabgeordnete Eppelmann, diesen Deal bereits 1990 eingefädelt. Damals soll es um 100 MIG-21 und MIG-23 gegangen sein. Die FAZ dementierte umgehend: sie zitierte einen Sprecher des Verteidigungsministeriums, der Verbleib von 41 der fraglichen Maschinen sei "buchhalterisch" geklärt - was immer das heißen mag.

Das deutsch-kroatische Kriegsbündnis erschöpft sich nicht nur auf illegale Waffenlieferungen. Über eine außergewöhnlich starke Präsenz des Bundesnachrichtendienstes in Kroatien unterhält Deutschland neben seinen offiziell guten Kontakten zur Tudjman-Regierung auch direkte Verbindungen zum kroatischen Militär. So sollen auch deutsche Militärberater vor Ort agieren und wahrscheinlich verfüge die kroatische Armee über diese Verbindungen auch über geheime Informationen aus der NATO-Luftaufklärung. Die gute Koordination erwies sich Anfang August: Wie zufällig flogen die deutschen Tornados ihre ersten Kampfeinsätze - Aufklärungsflüge über Westbosnien - 3 Tage vor Beginn des kroatischen "Gewittersturm", dem Blitzkrieg gegen die Krajina-Serben.

Als die Wehrmacht am 6. April 1941 in Jugoslawien einmarschierte, war längst die Sowjetunion im Visier. Zwar hatte sich Jugoslawien am 25. März als letztes Land in der Region mit Nazi-Deutschland verbündet, zwei Tage später widerrief eine neue Regierung in Belgrad diese Entscheidung jedoch. Noch am selben Tag beschloß Hitler, die Wehrmacht die Sache begradigen zu lassen und verschob aus diesem Grund den schon seit fast einem Jahr geplanten Angriff gegen die Sowjetunion, der dann am 22. Juni stattfand. Der Balkan stellte für das nach der Weltherrschaft greifende Nazi-Deutschland einen strategisch bedeutsamen Brückenkopf in Südosteuropa dar, den man noch vor dem großangelegten "Unernehmen Barbarossa" in die Tasche stecken wollte. Auch das gegenwärtige Engagement Deutschlands auf dem Balkan ist schwer verständlich, wenn man seine weiter reichenden Ambitionen nicht ins Kalkül zieht. In den vergangenen fünf Jahren hat der deutsche Verteidigungsminister nahezu jeden kleineren und größeren Staat in Osteuropa und aus der Hinterlassenschaft der Sowjetunion besucht, und aus jedem dieser Besuche resultierte ein militärisches Kooperationsabkommen. Das dieserart geknüpfte Bündnisnetz reicht vom Balkan bis zum Baltikum, die Ostflanke Rußlands ist damit lückenlos umsponnen.