Das iranische Vernichtungsprogramm

Und seine friedwilligen Helfer

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Veranstaltungsankündigung

Veranstaltungsankündigung

Vor 5 Jahren wurde bei Natanz, 350 km südlich von Teheran, eine Baustelle entdeckt; zehn Meter unter der Erde, von einer fünf Meter dicken Betondecke geschützt, sollte hier eine Urananreicherungsanlage in einer Größenordnung entstehen, die Iran einmal in die Lage versetzen würde, 10-20 Atombomben jährlich herzustellen.

Vor 5 Jahren wurden während einer Militärparade in Teheran die Raketen vorgeführt, welche die bei Natanz produzierten Atomsprengköpfe einmal nach Israel tragen sollen; sie waren mit Aufschriften versehen wie „Wir werden Israel von der Landkarte radieren“ und „Wir werden Amerika unter unseren Füßen zertreten“.

Vor 4 Jahren begannen Deutschland, Frankreich und Großbritannien im Namen der Europäischen Union mit Iran über die Aufgabe seines Urananreicherungsprogramms zu verhandeln. Die Europäer wollten damit, ein halbes Jahr nach Beginn des Irakkriegs, zeigen, daß sie mit diplomatischen Mitteln mehr erreichen würden als die Amerikaner mit militärischen; Iran ging es darum, Zeit zu gewinnen.

Vor 3 Jahren platzten die Atomverhandlungen zwischen Europa und Iran zum ersten mal. Die Europäer begannen jetzt, mit Iran um die Wiederaufnahme der Verhandlungen zu verhandeln.

Vor 2 Jahren, nach der Wahl Mahmoud Ahmadinejads zum Präsidenten Irans, scheiterten die Verhandlungen endgültig. Iran erklärte, zwischenzeitlich große Fortschritte beim Aufbau seiner Atomanlagen gemacht und kein Interesse mehr an den Verhandlungen mit Europa zu haben.

Vor einem Jahr ging die Anlage bei Natanz mit 164 Gaszentrifugen in den Testbetrieb. Inzwischen mussten die Europäer den Fall an den UN-Sicherheitsrat abgeben. Seitdem wird jede in New York beschlossene Resolution und Sanktion in Teheran mit der Versicherung quittiert, daß das iranische Atomwaffenprogramm auf diese Weise nicht aufzuhalten ist. Heute befindet sich dort, wo vor fünf Jahren eine Baustelle entdeckt worden war, eine „im industriellen Maßstab“ (Ahmadinejad) betriebene Urananreicherungsanlage, die in den kommenden Monaten das Material für die erste iranische Atombombe liefern könnte.

Die Zeit, Iran daran zu hindern, die Bombe zu bauen, läuft langsam ab. Aber das scheint die Europäer weniger zu beunruhigen als die Frage, was nach dem Scheitern ihrer Beschwichtigungspolitik noch getan werden könnte, um den Aufstieg Irans zur Atommacht zu verhindern. Erkennen die Europäer die Bedrohung nicht oder haben sie sich schon damit abgefunden, daß es bald sowieso zu spät sein wird, diese noch abzuwenden? Meinen sie, das sei letztlich nicht ihr Problem, sondern lediglich das Israels oder der Amerikaner? Wie könnte das iranische Atomwaffenprogramm überhaupt noch aufgehalten werden? Warum ignoriert die Friedensbewegung die Vernichtungsabsicht des iranischen Regimes gegenüber Israel, und warum unterstellt sie zugleich den USA die Absicht, Iran zerstören zu wollen?

Um diese und weitere Fakten und Fragen soll es bei der Veranstaltung gehen.

Vortrag von Thomas Becker

Das iranische Vernichtungsprogramm

Vortrag von Thomas Becker

Die Ankündigung der Vernichtung Israels:

"In naher Zukunft werden wir Zeugen der Vernichtung Israels sein".


Das sagte Mahmoud Ahmadinejad am vorletzten Sonntag, in einer Predigt anläßlich des 18. Todestages Ayatollah Ruholla Khomeinis, des verehrten Religions- und Revolutionsführers, dessen Geist der iranische Präsident heute wieder aus der Flasche läßt. Es ist der Geist der islamischen Weltrevolution, die Vision einer göttlichen Weltherrschaft, einem nahen Zeitalter, das mit der Vernichtung Israels eingeleitet werden soll.

Der Libanonkrieg vor einem Jahr, meinte Ahmadinejad, habe gezeigt, daß die israelische "Übermacht" mittlerweile erloschen sei. Es sei so, als wäre vor einem Jahr ein "Knopf gedrückt", ein "Countdown" ausgelöst worden, der die verbleibenden Tage bis zur "Zerstörung des zionistischen Regimes" herunterzählt.


"Die Zeit ist reif für die Zerstörung der tyrannischen Mächte. Nichts als Demütigung und Elend haben sie noch zu erwarten".1


"So Gott will, werden wir in naher Zukunft Zeugen der Zerstörung des korrupten zionistischen Regimes sein".2


"Der Countdown zur Zerstörung des zionistischen Regimes wurde ausgelöst durch die Hände der Kinder der Hizballah".


"Wir werden in naher Zukunft Zeugen der Zerstörung dieses Regimes sein, dank der Anstrengungen aller palästinensischen und libanesischen Kämpfer".3


Das sind die verschiedenen Übersetzungen verschiedener Nachrichtenagenturen. Man versteht wohl, was Mahmoud Ahmadinejad uns sagen will.

Hizballah und Hamas:

Die Vernichtung Israels hat er schon öfter angekündigt. Jetzt kündigt er sie nochmal "in naher Zukunft" an.

Wenn ein Präsident so spricht wie der Reichsführer, stellt sich als nächste die Frage, ob er die Mittel dazu hätte, seine Drohungen wahr zu machen.

Wir wissen, daß Iran "in naher Zukunft" Atomraketen besitzen wird, mit denen Israel "von der Landkarte radiert" werden könnte. Aber Ahmadinejad verweist diesmal nicht auf den technologischen Durchbruch, der den iranischen Atomwissenschaftlern in diesem Frühjahr bei der Urananreicherung gelungen ist; der Tag, an dem Iran der Bau einer Atombombe gelingen könnte, ist dadurch deutlich näher gerückt.

Stattdessen verweist Ahmadinejad auf den Libanonkrieg im vergangenen Jahr und die "Anstrengungen der palästinensischen und libanesischen Kämpfer". Meint er damit, daß Israel nicht durch iranische Atomraketen, sondern durch die Hände von Hamas und Hizballah vernichtet werden soll?

Die libanesische Hizballah wurde unmittelbar nach der Revolution des Jahres 1979 unter der Regie der iranischen Revolutionswächter ins Leben gerufen. Die Kämpfer der Hizballah wurden, wie Ahmadinejad selbst, im Geiste Khomeinis und der islamischen Weltrevolution erzogen. Libanon sollte ein shiitischer Gottesstaat, ein Ebenbild Irans werden, und die Hizballah sollte der Revolution als Speerspitze im Krieg gegen ihre Todfeinde, Israel und Amerika, dienen.

In diesem Geiste führte die Hizballah 1983 eine bis dahin beispiellose Welle von Selbstmordanschlägen durch. Darunter ein Anschlag auf das Hauptquartier der US Marine Corps in Beirut mit 250 Toten. Die amerikanischen Truppen verließen Libanon bald darauf. Die Hizballah führte damals die erfolgreichsten Selbstmordanschläge des modernen Jihad durch, und wurde damit zum Vorbild für islamische Terroristen vom Schlage der Hamas und Al Qaedas.

Iran bewaffnet heute außer der Hizballah, der Mahdi-Armee in Irak und der Taliban in Afghanistan die wichtigsten palästinensischen Terrororganisationen: Hamas, Islamischer Jihad und Teile der PFLP und der Al Aksa Märtyrer-Brigaden der Fatah. Für ihren Siegeszug in Gaza hat die Hamas sicher nicht nur das Geld und die Waffen, sondern auch den Befehl aus Teheran erhalten. Ohne die Rückendeckung durch den iranischen Staat wäre aller anti-israelischer und anti-amerikanischer Terror des Mittleren Ostens hoffnungslos verloren.

Soll Israel also "in naher Zukunft" mit den selbstgebauten Qassam-Raketen der Hamas und den Katjushas zerstört werden, die Hizballah von Iran bekommen hat?

Die mit Unterstützung iranischer Experten verbesserte Reichweite und Schlagkraft der Qassam- und Katjusha-Raketen, die im vergangenen Sommer die Städte im Norden Israels trafen, seit Mai die im Süden, richten zwar erheblichen Schaden in Israel an, verlangen vereinzelte Todesopfer, bedrohen aber nicht die Existenz des israelischen Staates. Die israelischen Streitkräfte können diese Bedrohung beseitigen, wenn es darauf ankommt, d.h. wenn sie den unmißverständlichen Befehl dazu erhalten. Das hat der Libanonkrieg vor einem Jahr gezeigt; er hat die Katjusha-Bedrohung im Norden bis heute erfolgreich ausgeschaltet.

Inzwischen hat iranische, über Syrien vermittelte Rüstungshilfe das Drohpotential aber weitgehend wiederhergestellt. So ist die baldige Wiederholung des Krieges gegen die Hizballah wahrscheinlich, eine Beteiligung Syriens nicht ausgeschlossen, der Terror der Hamas alltäglich, und der iranische Präsident mag sich sehr mächtig fühlen, weil er diesen Stellvertreterkrieg dirigieren kann. Die Vernichtung Israels kann er auf diese Weise aber nicht erreichen.

Mit seinen Atomraketen kann Iran aber heute noch nicht drohen. Bis jetzt wurde in den iranischen Atomanlagen noch nicht genügend hochangereichertes Uran produziert.

Die Zeit, die Iran zur Vollendung seines Atomraketenprogramms noch braucht, ist zugleich die Zeit, in der es noch aufgehalten werden kann.

Es kommt für Iran daher alles darauf an, Zeit zu gewinnen. Deshalb hatte sich das Regime vor 4 Jahren auf jene Scheinverhandlungen mit der Europäischen Union eingelassen, deren Scheitern absehbar war, noch ehe sie begonnen hatten. Während die Europäer mit Teheran verhandelten, machte das iranische Atomwaffenprogramm seine größten Fortschritte.

Vor 2 Jahren hat Iran das Interesse an den Verhandlungen verloren. Weitere Verhandlungen hätten die Inbetriebnahme der Urananreicherungsanlage verzögert. Doch Eile ist geboten. Israel und Amerika werden nicht tatenlos zusehen, wie das iranische Regime sich mit Atomraketen bewaffnet hat, und die Atomanlagen bombardieren, bevor es zu spät ist.

Davon muß Ahmadinejad ausgehen, und es ist dieser Zusammenhang, in dem seine Rede von einem Countdown und der vermeintlichen Schlagkraft von Hamas und Hizballah einen Sinn ergibt. Diese Rede ist bereits Kriegspropaganda. Das Regime weiß, daß es seine Atomraketen in einem Krieg gegen Amerika und Israel verteidigen muß. Der Libanonkrieg vor einem Jahr galt ebenso seiner Vorbereitung wie die Stellvertreterkriege, die sich Iran und Amerika in Afghanistan und Irak liefern. Die Front dieses Krieges breitet sich bereits über den gesamten Mittleren Osten aus.

Das Atomraketenprogramm:

Wenn das Regime sein Atomraketenprogramm mit einem Krieg verteidigen will, dann ist dieser Krieg unvermeidlich. Der Zeitpunkt, an dem jene noch verdeckten Stellvertreterkriege umschlagen in einen offenen Krieg zwischen Iran und Amerika auf iranischem Territorium, und einem Krieg zwischen Israel gegen Hamas, Hizballah und Syrien, ist maßgeblich vom Fortschritt des iranischen Atomraketenprogramms bestimmt.

Das Atomraketenprogramm besteht aus 2 Bestandteilen, dem Atom- und dem Raketenprogramm.

Atomprogramm:

Um eine Atombombe bauen zu können, braucht man entweder hochangereichertes Uran (mit einem Anteil des Isotops U-235 von 90%), oder Plutonium. Beide Materialien findet man nicht als Naturprodukt vor. Iran verfolgt beide Wege, den zu einer Uran- und den zu einer Plutonium-Bombe.

Um an das hochangereicherte Uran zu gelangen, muß man 3 Schritte vollziehen:


1. Uranerz bergen;

2. das Uranerz in einer Anlage in ein Gas, Uranhexafluorid (UF6), konvertieren;

3. das UF6 in einer Anlage von Gaszentrifugen anreichern.


Iran verfügt über eigene Uranerzvorkommen.


Die Anlagen, durch die die Schritte 2. und 3. vollzogen werden, sind die


Urankonversionsanlage bei Isfahan


und die


Urananreicherungsanlage bei Natanz.


Fertiggestellt wurden beide Anlagen während der Atomverhandlungen zwischen der EU und Iran, die im Oktober 2003 vom damaligen deutschen Außenminister, Joschka Fischer, initiiert und im August 2005 von Iran aufgekündigt wurden.

Die Urankonversionsanlage Isfahan ging im August 2005 in den Testbetrieb und produzierte die ersten 7 Tonnen UF6. Bei geeigneter Qualität des Gases und nach erfolgreicher Anreicherung in Natanz ergäbe diese Menge ungefähr den Stoff für eine Uranbombe.

Die Urananreicherungsanlage Natanz ging im April 2006 mit zunächst 164 Zentrifugen in den Testbetrieb und produzierte, nach Angaben Irans, zunächst kleinere Mengen von zu 5% angereichertem Uran. Das ist ein Grad der Anreicherung, wie er für den Betrieb von "normalen" Atomreaktoren genügt. Um einen höheren Grad der Anreicherung zu erreichen, benutzt man die selbe Anlage. Der Output eines Zentrifugen-Durchlaufs wird nochmal als Input in die Zentrifugen einführt, und dieser Vorgang so oft wiederholt , bis der gewünschte Anreicherungsgrad erreicht ist. 90% für eine Bombe. Sinnvollerweise verwendet man dafür mehr Zentrifugen, um den ganzen Prozeß zu beschleunigen. Iran plant, die Anlage in Natanz mit 50000 Gaszentrifugen auszustatten und kann die Zentrifugen mittlerweile in Massenproduktion herstellen.

Bis heute wurden in der Konversionsanlage Isfahan, nach Angaben der IAEA, 269 Tonnen UF6 produziert; genug für 50 Atombomben.

Iran wird bis Ende dieses Monats 3000 Zentrifugen in der Anreicherungsanlage Natanz in Betrieb haben, genug um waffenfähiges Uran für 2 Bomben pro Jahr herzustellen. Bis Jahresende sollen es 8000 Zentrifugen in Natanz arbeiten.

Raketenprogramm:

Iran betreibt seit vielen Jahren ein umfangreiches Raketenprogramm. Einige Kurzstreckenraketen, v.a. die 30000 Katjushas, die seit dem Rückzug Israels aus Südlibanon im Sommer 2000 an die Hizballah geliefert wurden, sind jedermann spätestens seit dem Libanonkrieg vor einem Jahr ein Begriff. Auch modernere iranische Raketen, die Zazal-1 und Fajir-5, kamen in diesem Krieg zum Einsatz. Die zielgesteuerte Zazal-1 kam in die Schlagzeilen, als sie ein israelisches Schiff vor der libanesischen Küste traf und schwer beschädigte; sie wurde, wie man heute weiß, nicht von der Hizballah, sondern von den in Libanon befindlichen iranischen Revolutionswächtern abgefeuert. Die Revolutionswächter führten seit anfang dieses Jahres zahlreiche Manöver mit diesen und anderen Raketen durch.

Die für Israel bedrohlichere Waffe ist allerdings die iranische Mittelstreckenrakete, die unter der Bezeichnung Shahab-3 bekannt ist. Auch diese Rakete kam bei den iranischen Militärübungen in diesem Frühjahr zum Einsatz. Sie wurde erstmalig bei einer Militärparade Ende September 2003 vorgeführt und trug dort Aufschriften wie "Wir werden Israel von der Landkarte radieren" und "Wir werden Amerika unter unseren Füßen zertreten".

Die Shahab-3 hat eine Reichweite von 2000 km. Die Shahab-3 ist die Rakete, die, wenn es soweit ist, mit einem atomaren Sprengkopf ausgestattet werden und als vernichtende Waffe gegen Israel zum Einsatz kommen könnte.

Nordkorea:

Die Shahab-3 beruht ursprünglich auf dem Design einer nordkoreanischen Rakete, der Nodong. Zwischen Nordkorea und Iran besteht eine umfangreiche Kooperation bei der Raketenentwicklung. Nordkorea unterstützt Iran auch bei der Entwicklung von Marschflugkörpern und einer Interkontinentalrakete mit einer Reichweite von 4000-5000 km.

Mehrere, öffentlich bisher nicht bestätigte Berichte, weisen darauf hin, daß Nordkorea Iran auch dabei helfen will, einen Atombombentest durchzuführen. Demnach wurde schon im vergangenen Oktober ein Team iranischer Wissenschaftler dazu eingeladen, die Ergebnisse des damaligen unterirdischen Atombombentests in Nordkorea zu studieren. Iranische Wissenschaftler halten sich regelmäßig zu Raketentests in Nordkorea auf. Iran könnte, so hieß es in einem Bericht des Daily Telegraph vom Januar dieses Jahres, noch innerhalb dieses Jahres in der Lage sein, eine kleinere Bombe - mit weniger als einer halben Kilotonne Sprengkraft - zu zünden.

Der Zeitraum:

Wie weit Iran wirklich davon entfernt ist, Atomraketen herzustellen, weiß niemand genau. Sogenannte Experten behaupteten noch vor wenigen Monaten, daß es noch mindestens 5-10 Jahre dauern würde, bis Iran das dazu benötigte angereicherte Uran in ausreichender Menge und Qualität hergestellt habe. Mittlerweile behauptet das niemand mehr. Die IAEA bekannte im Mai, nachdem ihre Inspektoren die Urananreicherungsanlage Natanz besichtigt hatten, daß die iranischen Atomwissenschaftler zwischenzeitlich wesentlich größere Fortschritte gemacht hatten, als die IAEA-Experten bis dahin vermutet hätten. Die Inspektoren stellten fest, daß die Zahl der in Natanz betriebenen Zentrifugen im ungünstigsten Fall ausreichen würde, das Material für eine Bombe schon in wenigen Monaten herzustellen. Der Direktor der IAEA, Mohammed El Baradei, zog daraus schon den Schluß, daß man sich nun damit abfinden müsse, daß das iranische Regime über die Technik verfüge, von der man es einmal abhalten wollte.

Keiner hat den Sinn der Atomverhandlungen zwischen Europa und Iran seit 2003 bisher präziser zusammengefaßt als der damalige Leiter des iranischen Verhandlungsteams, Hosein Musavian, der am 4. August 2005, nachdem Iran die Verhandlungen hatte platzen lassen, im iranischen Fernsehen erklärte: "Die Verhandlungen mit Europa verschafften uns die nötige Zeit, die Urankonversionsanlage Isfahan fertigzustellen und an der Urananreicherungsanlage Natanz weiterzuarbeiten."

Der Gegner:

Auf die Idee, das iranische Atomraketenprogramm ließe sich einfach wegzuverhandeln, konnte man überhaupt nur kommen, wenn man ignorierte, mit wem man da eigentlich verhandelte.

Sowohl das Atomprogramm als auch das Raketenprogramm, d.h. das komplette Atomwaffenprogramm Irans läuft unter der Regie der iranischen Revolutionswächter, der Islamic Revolutionary Guards Corps, oder PASDARAN.

Die PASDARAN wurden durch ein Dekret Ayatollah Khomeinis am 5. Mai 1979 ins Leben gerufen.

Die revolutionäre Verfassung Irans betraut die regulären Streitkräfte mit der Funktion, das iranische Staatsgebiet zu schützen, während die PAASDARAN die Aufgabe haben, die Revolution selbst, d.h. den islamischen Charakter des Staates, die Sharia und die Ideologie des Gottesstaats zu verteidigen.

Sie haben die Aufgabe, jeden Ansatz von Konterrevolution innerhalb oder außerhalb des Staatsapparates zu zerschlagen, und ebenso, die Revolution zu exportieren.

Die PAASDARAN verfügen wie die regulären Streitkräfte über Boden-, See- und Luftstreitkräfte.

Die PASDARAN zählen gegenwärtig vielleicht eine halbe Millionen Soldaten.

Der erste Kommandeur der PAASDARAN war Abbas Zamani (Abu Sharif), der seit 1970 Kontakte mit der PLO in Beirut unterhielt und später die Gründung der Hizballah organisierte.

Zunächst unterstützte die PLO die Ausbildung der PAASDARAN in Terrortechniken. Yasir Arafat war 1980 einer der ersten Weltpolitiker, der nach der 1979er Revolution Iran besuchte. Bei diesem Besuch eröffnete er eine diplomatische Mission der PLO in Teheran, im vormaligen Gebäude der israelischen Botschaft.

Ayatollah Ali Khamenei, der gegenwärtige "Führer" Irans, und Ayatollah Hashemi-Rafsanjani, der frühere iranische Präsident, der heute von den Europäern als "Reformer" gehandelt wird, gehören, außer Ahmadinejad, zu den bekanntesten ehemaligen PASDARAN-Kommandeuren.

Die PAASDARAN sind heute die mächtigste Organisation Irans. Ihre militärische Macht übertrumpft die der regulären Streitkräfte bei weitem. Die PASDARAN verfügen über einen eigenen Geheimdienst. Sie verfügen über einen Großteil der iranischen Wirtschaft, kontrollieren z.B. große Teile der Ölindustrie, des Straßenbaus und alle Seehäfen Irans.

Majmoud Ahmadinejad war, bevor er Bürgermeister Teherans wurde, Kommandeur der PAASDARAN. Bei der Präsidentschaftswahl im Juni 2005 wurde er von den Basij-Milizen, einer von den PASDARAN aufgebauten und kontrollierten Massenbewegung, unterstützt.

Im iranischen Parlament sitzen heute rund 80 ehemalige PAASDARAN-Mitglieder, während andere die reguläre Armee und die nationale Polizei kommandieren. Wieder andere besetzen die Posten von Orts- und Provinz-Bürgermeistern.

Der heutige stellvertretende Verteidigungsminister Irans, General Ahmad Vahidi, war der erste Oberbefehlshaber der Quds-(Jerusalem)-Brigaden, einer 1990 ins Leben gerufenen Eliteeinheit der PASDARAN, die damals die Aufgabe übernahm, den Kontakt zu den verbündeten Terrororganisationen außerhalb Irans, wie der Hizballah, zu organisieren. Vahidi und die Quds-Brigaden werden u.a. für den Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Buenos Aires verantwortlich gemacht, durch den 1994 fast 100 Menschen getötet wurden.

Die Basij-Milizen haben, nach Angaben Maj Gen Yahya Rahim Safavis, dem Oberbefehlshaber der PAASDARAN, 10 Millionen Mitglieder, können aber problemlos noch 10 Millionen Sympathisanten zusätzlich mobilisieren. Aus ihren Reihen stammen auch die Todesschwadronen männlicher und weiblicher Selbstmordattentäter, die in den letzten Jahren verstärkt mobilisiert wurden. Die Basij-Milizen kommen als Schlägertrupps auf den Straßen Teherans immer dann zum Einsatz, wenn das Regime zu den regelmäßigen Kampagnen gegen unsittlich gekleidete Frauen und vergleichbares gottloses Verhalten seiner Bürger aufruft, die dann von den Basiji auf offener Straße gestellt, verhaftet, zusammengeschlagen oder vereinzelt gleich vor Ort getötet werden.

Die RPASDARAN (und ihre Basij-Milizen) sind die ideologisch wie militärisch gefestigtste, und zugleich die mächtigste Formation im heutigen Iran.

Was tun?

Mit diesem Gegner hat man es zu tun, wenn man die Drohungen Ahmadinejads ernst nehmen und das iranische Atomwaffenprogramm beenden will, bevor es zu spät ist. Abverhandeln lassen diese Revolutionäre sich nichts.

In einigen Tagen trifft sich IAEA-Direktor ElBaradei wieder mit Ali Larijani, einem ehemaligen PASDARAN-Kommandeur, der bestreitet, daß die PASDARAN das iranische Atomraketenprogramm dirigiert. Am Samstag folgt ein ähnlich gehaltvolles Gespräch zwischen Larijani und Javier Solana. Die IAEA wird wieder einen Bericht verfassen, der, wie die der vergangenen Jahre, im Detail den Fortschritt beschreibt, den das iranische Atomraketenprogramm seit dem letzten Bericht gemacht hat.

In einigen Tagen wird der UN-Sicherheitsrats eine neue Resolution verfassen, die Iran dazu auffordert, seine Urananreicherungsanlage abzustellen. Daß die dann verhängten ökonomischen Sanktion von Europa, Rußland und China, wenn überhaupt, nur halbherzig umgesetzt werden, und daß sie zu spät kommen, um Iran noch zu beeindrucken, das wissen alle Beteiligten.

Die israelische und die amerikanische Regierung scheinen sich jetzt dazu entschieden zu haben, ende dieses Jahres ein Urteil über die weiteren Erfolgsaussichten der bisherigen diplomatischen Versuche, das iranische Atomwaffenprogramm aufzuhalten, zu fällen. Es gibt keinen Zweifel, wie dieses Urteil ausfallen wird.

Das erste Mal seit dem Angriff auf Iraq im Frühjahr 2003 befinden sich gegenwärtig wieder 2 amerikanische Flugzeugträger im Persischen Golf. Die USA sind jedoch, seit 2003, in der Lage, bis zu 6 ihrer insgesamt 12 Flugzeugträger der Ninitz-Klasse gleichzeitig in Aktion zu setzen. Die Kriegsvorbereitungen auf beiden Seiten sind unverkennbar. Wir haben eine Berechtigung für die Hoffnung, daß Amerika sein Versprechen, Israel niemals im Stich zu lassen, noch rechtzeitig in die Tat umsetzt. Der Countdown bis zum Regimechange in Iran läuft.

Vortrag von Justus Wertmüller

Im Angesicht des Bösen

Vortrag von Justus Wertmüller

Dieser Vortrag erschien in leicht überarbeiteter Form Ende 2007 als Artikel in der Zeitschrift Bahamas Nr. 53.

Deutschland wartet auf die iranische Bombe

Bekanntlich lehnen in Deutschland fast alle relevanten politischen und gesellschaftlichen Gruppen, Organisationen, Redaktionen und Einzelpersonen zwar einhellig das iranische Atomprogramm ab und mit ihm die Regierung, die es so energisch vorantreibt, nennen den iranischen Präsidenten auch einmal einen Nazi, zeihen ihn sogar gelegentlich eines auf die Vernichtung Israels zielenden Antisemitismus – und tun dennoch alles dafür, dass ihren Worten keine Taten folgen. Wie kann es sein, dass erklärte Gegner Ahmadinedschads mit ihm kollaborieren, und warum wird es, wenn es ganz schlimm kommt, einmal ihre nicht auszutilgende Schuld sein, wenn in vielleicht schon wenigen Jahren eine iranische Atombombe über Tel Aviv gezündet wird? Die Sichtung der Mainstream-Argumente trägt zur Lösung des Rätsels wenig bei – zu offenkundig spulen die Repräsentanten der öffentlichen Meinung deutschen Pazifismus, ergänzt um den obligatorischen „israelkritischen“ Antisemitismus herunter, ohne dass der einzelne Kommentator sich noch einen Gedanken zu machen braucht; es kommt ihm auch im Schlaf. Dass sie aus tiefstem deutschen Traume heraus lallen können, ohne, wie im Falle von Zeitungsmachern Abo-Kündigungen, oder, wie im Falle von Politikern Einspruch aus dem Wahlvolk befürchten zu müssen, liegt daran, dass es ein rühriges israelsolidarisches und islamkritisches Lager, das den öffentlichen Meinungsmachern das Leben ein wenig schwerer machen könnte, nicht gibt und auch nicht geben wird.

Du sollst Dich nicht identifizieren!

Der Herausgeber eines linken Monatsmagazins, das immer noch als israelsolidarisch durchgeht, forderte jüngst für sich und damit alle Freunde Israels ein deutsches Kritikerrecht ein, das ungefähr so neu ist, wie das völlige Missverstehen der Psychoanalyse alt: es hört auf den Namen Ambivalenz. Aus dem Munde eines berufenen Juden, der anscheinend unverzichtbar ist, wenn ein wenig an der Sicherheit des jüdischen Staates gerüttelt werden soll, klingt das so: „Die Deutschen, die er kennengelernt habe, ‚hatten eine typische Unfähigkeit, mit Ambivalenz umzugehen‘, berichtet Yaacov Lozowick, der Archivdirektor von Yad Vashem.“ (Konkret 5/07) Gremlizas Verwendung dieser richtigen Aussage zur Behauptung ihres Gegenteils folgt auf dem Fuß: „Sie brauchen eine feste Burg, ein Vaterland, dem sie sich anschließen können. Gott mit uns! Wir sind die Guten. Die Ansicht, dass es islamistische Verbrecher sind, die Hirsi Ali verfolgen, gilt, wenn sie die Tatsache nicht unerwähnt lässt, dass die Frau manch reaktionären Scheiß erzählt, als ein Zeichen verbotener ‚Äquidistanz‘. Weil man ja einem Opfer, mit dem man sich nicht ‚identifizieren‘ kann, nicht beistehen könnte.“ Es bleibt zunächst nur festzuhalten: Islamische Verbrecher sind solcher Ansicht zufolge nur dann am Werk, wenn der Verfolgung jemand ausgesetzt ist, mit dem man auch richtig solidarisch sein kann. Ist es nicht so, verschwindet mit dem Täter das Verbrechen genauso wie mit der Solidarität das Opfer, und übrig bleiben islamische Empörte und eine reaktionäre Scheißerin, die noch froh sein kann, dass man sie mit der gleichen Verachtung behandelt wie ihre Verfolger. Gremlizas jüdischer Gewährsmann hatte im Interview mit dem Herausgeber in der gleichen Ausgabe von Konkret aber Folgendes gesagt: „Als ich meine Doktorarbeit geschrieben habe über Eichmann und die Entscheidungsstrukturen bei der SS, habe ich durch Begegnungen mit Deutschen meiner Generation ein bisschen mehr begriffen von der damaligen Zeit. Nicht weil das Nazis waren. Die waren überhaupt keine Nazis, aber sie hatten eine typische Unfähigkeit, mit Ambivalenz umzugehen. Wir Juden sind Weltmeister der Ambivalenz. Und die Deutschen haben keinen Humor. (…) Noch etwas habe ich an meinen deutschen Freunden beobachtet: das Schwarz-Weiß-Denken. Man ist entweder gegen Krieg oder für Krieg. Dass Krieg eine schlechte Sache ist und man trotzdem manchmal einen führen muss, dieser ambivalente Gedanke geht nur schwer in einen deutschen Kopf. Nachdem ich das gelernt habe, haben mich die Deutschen weniger interessiert.“ Yaakov Lozowick hat, obwohl auch er sich unpräzise ausdrückt, im Gegensatz zu Gremliza verstanden, was Ambivalenz nur bedeuten kann, wenn man den im Grunde dialektischen Begriff nicht gänzlich auf eine stupide Einerseits-Andererseits-Dichotomie hinunterbrechen will.

Ambivalenz – eine persönliche Fehlentwicklung

Ambivalenz bezeichnet nämlich, an­ders als seine umgangssprachliche Verwendung nahelegt, nicht den höchsten Ausdruck gedanklicher Durchdringung eines Problems, sondern eine persönliche Fehlentwicklung krankhaften Ausmaßes. Lozowicks Satz müsste demnach korrekt lauten: „Dieser Gedanke, der Ausdruck bewältigter Ambivalenz ist, geht nur schwer in einen deutschen Kopf.“ Denn so lautet die Definition: „Mit Ambivalenz bezeichnet man das gleichzeitige Vorhandensein zweier gegensätzlicher Gefühle, also zum Beispiel Liebe und Hass. Dies kann zum Beispiel einer Person gegenüber der Fall sein, mit der man gefühlsmäßig in einer engen Beziehung steht. Dieses Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle ist ein durchaus normales Phänomen und wird von psychisch stabilen Menschen bewältigt. Es gibt aber Menschen mit psychischen Störungen, die ihre widersprüchlichen Gefühle nicht abschwächen können und auf therapeutische Hilfe angewiesen sind, um diesen inneren Konflikt zu bewältigen.“ (www.sign-lang.uni-hamburg.de) Eine andere Definition: „Unter dem von Eugen Bleuler geprägten Begriff der Ambivalenz – von lat. ambo (beide) und valere (gelten) – wird in der Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie und Psychoanalyse das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Wünschen verstanden. Für Bleuler war die Ambivalenz das Hauptsymptom der Schizophrenie. Es handelt sich hiermit also um ein ‚Sowohl/Als auch‘ von Einstellungen, so dass Ambivalenz oft auch als ‚Doppelwertigkeit‘ bezeichnet wird. Der Begriff ‚Hassliebe‘ ist ein Beispiel für eine solche untrennbare Verknüpfung gegensätzlicher Wertungen. Dass jedes Ding seine zwei Seiten haben kann, ist mit Ambivalenz nicht gemeint, solange dadurch kein innerer Konflikt hervorgerufen wird. Vielmehr ist darunter eine Dichotomie von Sichtweisen zu sehen, die gegensätzliche Reaktionen bedingen und letztlich die Fähigkeit zu einer Entscheidung im weitesten Sinne hemmen. So sieht Karl Abraham den reifen Menschen im Gegensatz zum Kind, das durch Triebschwankungen charak­terisiert ist, als frei von Ambivalenz.“ (www.wikipedia.de)1 Ambivalenz ist also ein Krankheitsbild, das sich in zwei Ausprägungen, die einander gar nicht ausschließen müssen, manifestiert. Die Unfähigkeit, den im eigenen Ich widerstreitenden Triebkräften gemäße Entscheidungen treffen zu können, löst einen Unglücksdruck aus, der entweder zu völliger Apathie führt, oder in das andere Extrem mündet: nämlich unbedingt unter Ausschluss jeder Reflexion, unter Verleugnung jeder gefühlsmäßigen Bindung, die eigentlich dagegen sprechen müsste, sich ohne Rücksicht auf Verluste in der dadurch endlich schizophrenen Innenwelt auf eine Seite schlagen zu müssen – eine Entscheidung, die dazu drängt, den anderen Triebwunsch und die etwa mit ihm verbundenen Personen für die missglückte Triebregelung bluten zu lassen.

Entscheidungsunwilligkeit als Programm

Die psychoanalytische Definition von Ambivalenz, die sich notwendig auf unbewältigte Gefühle, Triebregungen, also Inneres bezieht, lässt sich auf entwickelte Gedanken, also auf Objektives dann übertragen, wenn die zu Grunde liegende Weltsicht und folglich auch die konkreten Einlassungen zur Sache im unguten, überwertigen Sinne psychisch, vom unbewältigten Innen her determiniert sind. Obwohl man sich als denkender, fühlender Mensch zwar laufend entscheidet, eine Wahl trifft, es so und nicht anders zu wollen etc., kann es Situationen geben, wo die Nicht-Entscheidbarkeit eines Sachverhalts aus dem Sachverhalt selbst hervorgeht, also objektiv gegeben ist. Parteilichkeit um jeden Preis einzufordern, hieße einen Zwang zur Entscheidung zu postulieren, der irgendwann einmal dazu führen würde, nicht mehr um der Rekonstruktion des Ganzen, die nichts Wesentliches weglässt, sondern um eines blinden Schematismus’ willen den Sachverhalt in entscheidungsfähige Passform zu pressen. Was zum Beispiel für die Redakteure dieser Zeitschrift allemal zutrifft, wenn sie sich nicht für die trübe Theorie und die kaum weniger trübe Praxis liberaler oder neokonservativer Heilsgewissheiten erwärmen können, auch dann nicht, wenn aus solchen Quellen häufig mehr Aufschluss über die Verfassung der Welt und manchmal sogar die Idee von Abhilfe hervorblitzt; wenn sie sich dezidiert für eine Alternative, die keine ist, nicht entscheiden wollen, dann geschieht es um der Sache willen. Solche vom Gegenstand erzwungene Entscheidungsunfähigkeit des Kritikers hat nicht das Geringste mit der Entscheidungsunwilligkeit des Ideologen zu tun, der den gegenteiligen Weg geht. Während der Kritiker jeden Neuaufguss liberaler Theorie wegen deren vorab bekanntem, aber jederzeit im Detail nachprüfbarem Scheitern beim Versuch, das gute Leben zu verwirklichen, verwerfen muss und zugleich noch energischer jede „Alternative“ globalisierungskritischer Menschheitsbeglücker bekämpft, also aus objektiven Gründen sich nicht entscheiden kann, handelt der Ideologe wie das ambivalente Kleinkind und unterwirft die Welt seinem nach Allmacht ausgreifenden Trotz. Ihm ist die Welt schon lange feindlich, weil sie anderen Gesetzen folgt als seinem infantilen Größenwahn, weshalb er sie sich zurechtmachen muss, wie sie gerade nicht ist. Er ignoriert einfachste Fakten, konstruiert durch nichts gedeckte Vergleiche und unterstellt Kausalitäten, die keiner Überprüfung standhalten. Die Entscheidungsunwilligkeit folgt einem primitiven Schema, das scheinbar um Ausgewogenheit bemüht, in Wirklichkeit dem schlechten Prinzip folgt, jeder schweren Herzens als real anerkannten Gemeinheit im Orient einen nicht minder abscheulichen Widergänger im Okzident gleichberechtigt an die Seite zu stellen. Die Nicht-Parteilichkeit wird vom Ausnahmefall zum Prinzip erhoben, das regelmäßige Scheitern an der Welt außerhalb des ambivalenten Ichs nimmt klinische Züge an.

Bewältigte Ambivalenz, übertragen auf den Bereich der Reflexion über eine Sache, kann dagegen zum Beispiel dazu führen, obwohl man vom Urübel Krieg weiß, sich in bestimmter Konstellation trotzdem dafür zu entscheiden und das eine zu tun, ohne die ihm widersprechende Einsicht aufzugeben. Bedingung für den glücklichen Ausgang solch dialektischer Operation, also mit dem üblen Mittel des Krieges etwas für seine Abschaffung zu tun, ist die praktische Aktion, die das, soweit menschenmöglich, auch zum Ausdruck bringen muss. So folgen gerade israelische, aber auch – siehe Afghanistan und Irak – amerikanische Kriege nicht einer auf Ausrottung aller Gegner, gleich ob in Uniform oder in Zivil, zielenden Kriegslogik, auch dann nicht, wenn die Gegenseite auf verbrannte Erde setzt. Ambivalenter und im Grunde klinischer Umgang mit der Kriegsfrage ist dagegen die fundamentalistische Kriegsgegnerschaft deutscher Provenienz und ihm spiegelbildlich entsprechend der Fundamentalismus des Dar-al-Harb, des Hauses des Krieges, dem zum Beispiel Ahmadinedschad verpflichtet ist. Die stillgelegte und scheinbar intellektuelle Variante manifestiert sich etwa in der völligen Entscheidungsunfähigkeit von Politkommentatoren, die als Ausdruck eines eben doch vorhandenen inneren Konflikts sich in ihrer moralischen Überlegenheit über Gewaltopfer noch etwas auf ihre Leidenschaftslosigkeit zugute halten.

Äquidistanz gegenüber Tätern und Opfern

Jede Identifizierung mit den Anderen, gerade dann, wenn sie Opfer nicht zuletzt der eigenen Komplizenschaft mit den Tätern werden, nach außen lauthals zu diskreditieren, geschieht zu dem einzigen Zweck, jede Empathie im Inneren gewaltsam auszumerzen. Denn wer sich erst einem inneren Parteiordnungsverfahren unterzieht, um im ideologisch nützlichen Fall Krokodilstränen zu vergießen und widrigenfalls einem Gewaltopfer ein höhnisches „Selber schuld!“ hinterherzurufen, kann für sich nicht beanspruchen, zur Identifikation mit einem Anderen überhaupt fähig zu sein. Als einer, der ins Kollektiv verstrickt ist, dem er opponiert, wartet Gremliza mit einer sehr deutschen Selbsterkenntnis auf, die ihm so unheimlich ist, dass er, um Abgrenzung von den Landsleuten hilflos bemüht, das böse Wort in Anfüh­rungszeichen setzt: „Als ein Zei­chen verbotener ‚Äquidistanz’“ würden schlechte Menschen seine gedankliche Tat werten, Hirsi Ali zunächst zu diskreditieren, um sie erst dann halbherzig vor ihren Verfolgern in Schutz zu nehmen. Äquidistanz, ein den Naturwissenschaften entlehnter, aber zumeist im politischen Kontext verwendeter Begriff meint als zutiefst ideologische Verschleierung von Parteilichkeit eben nicht die Einhaltung des exakt gleichen Abstands zu zwei Polen. Der Äquidistante in politischer und ideologischer Praxis war seit jeher der Vornehme, der sich die Hände beim Bündnis mit den von ihm als stärker Erkannten nicht schmutzig machen wollte, weil er sich für den Fall des Irrtums ein Hintertürchen offen halten wollte. Von ihm hat der wirklich Verfolgte erst dann Mitgefühl zu erwarten, wenn es gilt, vor den Mahnmalen für die Opfer der irgendwann einmal besiegten Gewaltherrschaft in widerlich distanzloser Weise Identifikationsrituale abzuhalten. Dem Äquidistanten, mithin Ambivalenten im politischen Feld, hält man zugute, dass seine Entscheidungslosigkeit nicht zu Eruptionen aggressivster Art drängt. Seine zumeist nur latente Parteilichkeit mit der irgendwann einmal siegreichen Gewalt, die sich in einem gewaltkritischen Rundumschlag in scheinbar menschheitsbeglückender Absicht äußert, muss bei Yaacov Lozowick als Angehöriger jener keineswegs nur jüdischen Minderheit, deren Angehörige die in ihnen ruhende Ambivalenz aus frühkindlicher Zeit bewältigt haben, den Ausschlag dafür gegeben haben, sich für die deutschen Antikriegsfundamentalisten „weniger zu interessieren“, wie er seine Abneigung höflich verklausuliert.

Dennoch ist Hermann Gremliza einer jener wenigen Deutschen, denen aus redlichen Gründen Israels Wohlergehen und damit auch dessen Verteidigungsfähigkeit ein Anliegen ist. Deshalb ist er zu der eigentlich sympathischen Einsicht gekommen, dass es sich beim iranischen Präsidenten und darüber hinaus dem ganzen Mullah-Regime um einen „Sprengkopf“ handele, der „zu entschärfen“ sei. Das bedeutet Krieg, in welcher Form auch immer. Und es bedeutet einen Krieg, der von den USA oder von Israel und den USA geführt werden muss, wie er auch einräumt. Gremliza aber formuliert mit Karl Marx kokettierend, den er nicht verstanden hat, einen Imperativ, den er wie jener von einem abgeschaut hat, den er im gleichen Heft von seinen Lohnschreibern als einen geistigen Wegbereiter Josef Mengeles diskreditieren ließ: Immanuel Kant, dem bekannten SS-Bonzen aus Königsberg.2 Gremliza: „Es kömmt nicht darauf an‚ ‚das Böse‘ auszurotten, sondern bloß einem politisch-religiösen Regime das Mörderhandwerk zu legen, ohne zugleich denen, die eine solche Ordnung der Welt angerichtet haben, carte blanche zu geben. Im Kopf zu haben und zu behalten, wer die Palästinenser der Hamas, die Afghanen den Taliban und den Iran den Mullahs zugetrieben hat, und doch einzusehen, dass jetzt die übel Zugerichteten notfalls auch mit Gewalt gehindert werden müssen, die Welt nach ihrem und ihrer Götter Bild – und das heißt: noch übler – zuzurichten.“ Deshalb, so wäre hinzuzufügen, kömmt es in Gremlizas Logik erst recht darauf an, eine Abtrünnige, die aus den Niederlanden in die USA hat flüchten müssen, als Opfer djihadistischen Terrors und multikulturell inspirierten Hasses mit Dreck zu bewerfen. Deshalb kommt ein Imperativ der Lügen zustande, unter denen die eine nicht fehlen durfte, dass nämlich irgendwer nebst Afghanen, Iranern etc. auch „die Palästinenser der Hamas“, sprich den „Mullahs zugetrieben“ habe. So kann es im antiimperialistischen Überschwang einem ergehen, der eigentlich nur den USA und irgendwie dem Westen am Zeug flicken wollte und den es unfreiwillig, aber notwendig, kraft der objektiven Logik des Gedankens, direkt auf eine ordinäre antisemitische Verschwörungstheorie zutreibt. Die Islamisierung der Palästinensergebiete wird von berufener – sprich antizionistischer – Seite immer schon hämisch als originäres Werk der Israelis beschrieben, denen unterstellt wird, ihre kurzfristige Privilegierung der Hamas gegenüber der PLO in den 80er Jahren, vor allem aber ihre angeblich so unmenschliche Besatzungspolitik, habe den djihadistischen Terror, der vom Westjordanland und mehr noch vom Gazastreifen ausgeht, erst möglich gemacht. Eigentlich wollte Gremliza nur sagen: Im Grunde sind die Amerikaner und der Westen für das Zerstörungswerk der irgendwie immer noch Kolonisierten und hier vor allem der islamischen unter ihnen verantwortlich – aber de facto sagt er, dass die israelischen Juden schuld sind am eigenen Unglück. Gremliza hat mit seinem schiefen Imperativ noch nicht einmal zur Anwendung von Gewalt „gegen die übel Zugerichteten“, die sich anschickten, „die Welt noch übler zuzurichten“, aufgerufen. Als einer, der darüber wacht, dass niemand jenen, die für all das Unheil verantwortlich sind, das von Taliban und Teheran ausgeht, „carte blanche“ gibt, sieht er sich natürlich auch dazu aufgerufen, die Bedingungen für seine maßgebliche Zustimmung zum Ernstfall zu diktieren und zwar so, dass es beim ewigwährenden Bündnis mit dem deutschen Pazifismus bleibt. Einer jener traurigen Spaßvögel, die sich im Internet wichtig machen, hat Gremlizas verlogen-verbogene Einlassungen aus dem Jahr 2003 über den bevorstehenden Irakkrieg einfach für eine mögliche Iran-Expedition aktualisiert, wahrscheinlich in der idiotischen Absicht, ihm eine Mitschuld am Irakkrieg zu geben, was er nun wirklich nicht verdient hat. Der Bube also schrieb: „Wäre gewährleistet, dass Ali Khameneis Regime beseitigt und durch ein menschenfreundliches ersetzt werden könnte, ohne fünfhunderttausend oder eine Million oder mehr Iraner kollateral umzubringen und zugleich den Nahen Osten und Mittelasien atomar zu verseuchen, hätte ich keinen Einwand.“ Gremliza übernahm es wortgetreu in seine Kolumne, versehen mit dem Zusatz: „Ich fühle mich endlich verstanden“.

Jenseits von Gut und Böse

Ambivalenz in moralischen Fragen, also Äquidistanz gegenüber Tätern und Opfern, großen Philosophen (Kant) und kulturrelativistischen Mordbrennern, bürgerlichen Republiken und plebiszitären Radikaldemokratien iranischen oder, abgeschwächt, venezolanischen Zuschnitts, kennt die Unterscheidung zwischen Gut und Böse schon lange nicht mehr und ihre Verkünder machen sich an die Austreibung auch nur des hilflosesten Versuchs, an diesen zentralen Kategorien etwas zu retten. Den Kampf gegen das Böse zu führen, verbietet sich für Freunde der Äquidistanz spätestens, seit 2001 der amerikanische Präsident zu einer Koalition der Willigen gegen das Böse aufrief. Statt diesen Aufruf aufzunehmen, den gerade für europäische Gewohnheiten gleichermaßen naiven wie befreienden Gehalt unbefangen zu diskutieren und wo nötig auch zu kritisieren, erging ein Urteil gegen eine Nation und ihren Präsidenten, das bereits die Benennung des Bösen überhaupt als ein zu wehrendes Übel und selber schon als faschistische, auf Welteroberung ausgehende Maßlosigkeit geißelte. Gremliza fällt über die Intellektuellen des Westens, womit die Redaktion Bahamas, Henryk M. Broder und die Redakteure des Springer-Konzerns gemeint sind, folgendes Urteil: „Im Angesicht des Bösen, das aus dem Nahen und Mittleren Osten kommt, verliert für sie alles, womit der Okzident aufwartet, seine Schrecken: die alten und die neuen Nazis, der Rassismus, die Todesstrafe, die Ausbeutung, die christliche Sexualmoral.“ Wer so haltlos äquidistant lügt, hat es verdient, für alle Zukunft Hermann Ludwig Gremliza genannt zu werden. Denn: die alten Nazis sind tot, die neuen haben keinen Schrecken zu verlieren, weil sie keine Macht haben und keine bekommen werden, während die wirklichen neuen Nazis in Heiligendamm marschieren und in Konkret als Verbündete gehandelt werden. Der Rassismusvorwurf ist die zur zivilisationsfeindlichen Kampfparole kulturrelativistischer Paten des djihadistischen Terrors verkommene Warnung vor Ausländerfeindlichkeit. Die Todesstrafe ist in nur sehr wenigen westlichen Ländern überhaupt in Kraft und wird weiterhin zu bekämpfen sein, ohne die USA mit einem Regime gleichzusetzen, das jugendliche Homosexuelle an Baukränen aufknüpft, damit die der islamischen Sexualmoral unterworfenen Massen ein Gaudium haben. Die Ausbeutung ist dort am wenigsten unerträglich, wo es Arbeitsverträge, Arbeitsschutzgesetze, Gewerkschaften und Arbeitslosenversicherung gibt, ganz und gar unerträglich aber dort, wo der Knecht zum persönlichen Eigentum seines Patrons gezählt wird oder sich im Nach-Mao-Sozialismus tot arbeiten darf, also im Orient. Und die christliche Sexualmoral wäre nur dann schrecklich, wenn die Millionen, die dem Papst zujubeln, sich wirklich daran halten würden, was bekanntlich nicht der Fall ist, und womit die katholische Kirche schweren Herzens seit Jahrhunderten zu leben gelernt hat.

In einer Zeit, in der israelsolidarische Herausgeber behaupten, die Frauen im Westen seien nicht weitgehend frei und gleich und würden nicht in der öffentlichen Sphäre und in der Arbeitswelt immer neue Bastionen erobern; in der dem Kritiker jedes wahre Wort über das, gemessen an den unzulänglichen Fortschritten im Okzident, umso abscheulicher einen angrinsende Böse des Orients als eine Kollaboration mit all den hässlichen Erscheinungen eben dieses Okzidents um die Ohren gehauen wird; in einer von grassierender Äquidistanz befallenen Zeit, die zu zwanghaften Gleichsetzungen von Hatun Sürücüs schauerlichem Tod und dem Ende einer deutschen Ehe, in der der Ehemann geprügelt hat und deswegen nicht nur seine Frau verliert, sondern darüberhinaus und zurecht auch auf keinerlei Zuspruch für sein Tun zählen kann – in einer solchen Zeit kommen Äußerungen, die für etwas Besseres als die grassierende politisch moralische Ambivalenz stehen, und aus denen man noch ein wenig Trost schöpft, von Zeitgenossen, denen man Derartiges nicht zugetraut hätte.

Zu ihnen gehört in den Augen fortschrittlicher Deutscher der nach George Walker Bush schlimmste Hassprediger der Gegenwart: Joseph Ratzinger, der Papst.

Grenzen der Theologie

Über ihn weiß Gremliza, dem ein Bahamas-Titelbild übel aufgestiegen ist, zu sagen: „Der Islam ist eine furchtbare Religion, gewiss, aber wer den deutschen Papst auf roten Pantöffelchen durchs Lagertor von Auschwitz hat trippeln gesehen und die Überlebenden beleidigen gehört, hat diesen Ratzinger als Filbinger im Fummel erlebt.“3 Der Papst hat in Auschwitz am 29. Mai 2006 in der Tat so dahergeredet wie sonst nur Gremlizas Lieblingshistoriker Paetzold und andere vaterländische Kommunisten, als er von „einer Schar von Verbrechern“ sprach, die mit „lügnerischen Versprechungen und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte.“ Ich weiß nicht, ob das die Überlebenden beleidigt hat. Ich bin aber sicher, dass das Folgende keineswegs die Überlebenden, sondern Gremliza und all die anderen linken Ludwigs tief beleidigt haben muss: „Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen? Wie konnte er dieses Übermaß von Zerstörung, diesen Triumph des Bösen dulden? (…) Nein, im letzten müssen wir bei dem demütigen, aber eindringlichen Schrei zu Gott bleiben: Wach auf! Vergiss dein Geschöpf Mensch nicht! Und unser Schrei zu Gott muss zugleich ein Schrei in unser eigenes Herz hinein sein, dass in uns die verborgene Gegenwart Gottes aufwache – dass seine Macht, die er in unserem Herzen hinterlegt hat, nicht in uns vom Schlamm der Eigensucht, der Menschenfurcht und der Gleichgültigkeit, des Opportunismus verdeckt und niedergehalten werde. Wir stoßen diesen Ruf an Gott, diesen Ruf in unser eigenes Herz hinein, gerade auch in dieser unserer gegenwärtigen Stunde aus, in der neue Verhängnisse drohen – auf der einen Seite der Missbrauch Gottes zur Rechtfertigung blinder Gewalt gegen Unschuldige, auf der anderen Seite der Zynismus, der Gott nicht kennt und den Glauben an ihn verhöhnt.“ Und etwas später sagte Ratzinger zur Bekräftigung dessen, was er mit Glauben und Gott meinte: „Der Gott, dem wir glauben, ist ein Gott der Vernunft – einer Vernunft, die freilich nicht neutrale Mathematik des Alls, sondern eins mit der Liebe, mit dem Guten ist.“

Gewiss ist der theologische Überschwang, mit dem Ratzinger vom Bösen spricht, nicht minder fragwürdig als die häufigen Beschwörungen des Bösen durch den amerikanischen Präsidenten. Insofern hat auf den ersten Blick Gremlizas Einwand: „Es kömmt nicht darauf an‚ ,das Böse‘ auszurotten, sondern bloß einem politisch-religiösen Regime das Mörderhandwerk zu legen“ vieles für sich. „Das Böse“ als Kategorie ist natürlich völlig unhaltbar und verweist auf einen Idealismus, der aus jedem Urteil, jeder Relation, eine Substanz und damit ein Subjekt zaubert. Aus der Aussage X „ist böse“ wird so allzu leicht „das Böse“ als Substanz, als Sein, als Subjekt. Solche Generalisierungen sind Ideologie und keine Denkfehler, treten also notwendig auf. Denn die Rationalität des bürgerlichen Bewusstseins kann alles begreifen, nur nicht sich selbst. Und dieser Bann, diese konstitutive Befangenheit muss sich in der Bestimmung eines Feindes wiederholen: der muss ein Gegenprinzip, das Böse sein. Diese schlechte Metaphysik gibt merkwürdiger­weise dennoch manchmal präzisere Auskunft über das tatsächlich Irrationale und Unfassbare eines Feindes (der Nazis wie der Islamisten) als jene scheinbar aufklärerisch-nominalistische Behauptung, „das Böse“ sei nur ein Name, das es in Wirklichkeit genauso wenig gebe wie eine verbindliche Wahrheit. Ratzingers und Bushs Beschwörung „des Bösen“ als eines zu Bannendem verrät etwas von der Irrationalität der kapitalistischen Ordnung und ihrer Todfeinde; wobei letztere nicht einfach originäre Hervorbringungen aller warentauschenden Gesellschaften sind, wie der schlechte Rationalist meint, sondern gleichermaßen den Schrecken einer nie wirklich überwundenen Vorzeit repräsentieren wie das apokalyptische Szenario der Aufhebung des Kapitalismus auf seinem eigenen Niveau.

Wenn man also den Papst und seine gläubige Vernunft mit allem Grund kritisiert, dann sollte man wenigstens nicht hinter deren Maßstäbe zurückfallen. Dass Ratzinger sehr bestimmt gegen die äquidistante neutrale Mathematik des Alls, für eine dialektische Vernunft einsteht, die die Schrecken nicht leugnet, die auch in ihrem Namen angerichtet worden sind und werden, und die er dennoch als stets parteilich, dem Menschen freundlich und als in jedem Menschen vorhanden unterstellt, eine Vernunft, die zwischen Gut und Böse zu unterscheiden weiß, und die er auch in völliger Abwesenheit Gottes, mithin eines das Handeln der Menschen leitenden Prinzips für existent und kategorisch verpflichtend hält – das macht den deutschen Papst gegenüber zynischen, opportunistischen und die Menschen fürchtende Rationalisten nicht nur moralisch, sondern eben auch als Philosoph und Kritiker unendlich überlegen.

Wenn Gott schweigt

Dieses Deutschland, das Israel kalt lächelnd der iranischen Bombe aussetzt, hält es, auch wenn der äußere Schein anderes nahe legt, keineswegs mit dem deutschen Papst, sondern mit seinem Generationsgenossen, dem deutschen Nobelpreisträger für Literatur. Mit Grass, der ein SS-Mann wurde und der gläubig staunenden Nation verkündete, dass jeder normale männliche Deutsche seiner Generation nun mal gar nicht hätte anders handeln können, als er es tat, hält man es nicht nur im Geheimen. Der späten Erkenntnis, dass in jenen Jahren mindestens halb Deutschland nach einem Bonmot von Eike Geisel so eifrig mit Juden-Verstecken beschäftigt war, dass man diese später gar nicht mehr fand, fügt sich jene andere spielend ein, dass Höllerer, Jens und Lenz natürlich in der Partei und ihr noch berühmterer Kollege in deren bewaffnetem Schild für Trutz und Ehr’ Dienst tat. Joseph Ratzinger, der natürlich nicht in die SS gegangen ist, – und beiläufig gesagt, auch die Karriere eines Marinerichters nicht eingeschlagen hat –, sondern spät und ungern Luftwaffenhelfer wurde, stammt aus einem Milieu, das es heute nicht mehr gibt, das aber damals teilweise stark genug war, seine Söhne nicht zu Kampfmaschinen zu erziehen, und das weit erfolgreicher der institutionalisierten Menschenfurcht, dem Opportunismus gegenüber der blinden Gewalt widerstanden hat als sein erfolgreicherer Widersacher in Sachen Glaube und Vernunft, der protestantisch, rationalistisch und scheinbar der Welt zugewandt, sich bis heute für fortschrittlicher hält. Der Fluch der Äquidistanz, diese schauerliche Fähigkeit, alles zu Ende zu rationalisieren und zu kalkulieren, die sich gerade an der überwiegend vom protestantischen Milieu unter Beweis gestellten Kollaboration bei der Euthanasie beweisen lässt, vermehrt um einen Nach-Kriegs-Friedens-Fundamentalismus, dem täglich zum Beispiel im Irak, wo es keine deutschen Truppen gibt, oder in Darfur, wohin keine geschickt werden sollen, Hunderte zum Opfer fallen, verweist auf ein so angeschlagenes, ambivalentes kollektives Ich, dass selbst ein lange Zeit verdienstvoller Kritiker in den Chor der Menschenschinder um des Friedens willen einstimmen muss.

Die unfassbaren Aufrechnungen, die die Äquidistanz gegenüber unvergleichbaren Übeln erst möglich macht, sind Ausdruck einer selbstzerstörerischen Verhöhnung des bisschen Freiheit, dass sich im Verlauf einiger Jahrhunderte ein immerhin großer Teil der Menschheit erkämpft hat. Der Papst – ein Judenverhöhner, Ayaan Hirsi Ali – eine Reaktionärin, die USA und Israel – Täterstaaten, die den islamischen Weltkrieg erst auf den Weg gebracht hätten – diese relativistischen Angriffe auf das, was im Westen wenigstens als Potential vorhanden ist und folglich für die ganze Welt eingefordert werden könnte, also auch für den geographisch definierten Westen, konzentrieren sich auf den Punkt, an dem die längst verratene Idee einer dezidiert westlichen Zivilisation ihren ungeliebten Außenposten hat: den Nahen Osten in Form des jüdischen Staats und seiner Bewohner.

Ratzingers theologische Vernunft hingegen nimmt die Sache der Aufklärung gerade dann ernst, wenn Gott schweigt, von ihm keine Antwort kommt und nicht mehr als ein trotziges Vertrauen bleibt, dass es das göttliche Prinzip eben dennoch gebe, als Selbstversicherung des vernünftigen, also den Menschen freundlichen Einzelnen. Nachdem der Genosse Trend versagt, der Kommunismus als stalinistisches oder maoistisches Mordsregime jede Hoffnung auf Befreiung in seinem Herrschaftsbereich ausgetilgt hat und vorher schon jene furchtbarste Form sozialistischen Plebiszits auf heimatlicher deutscher Erde jedes Vertrauen auf die Vernunft fast völlig erstickt hat, trotzdem die Sache der Aufklärung hoch zu halten – das vermögen all die Kriegsversehrten, aus denen Deutschland seit 1945 besteht, einfach nicht auszuhalten. Die Generation der 80jährigen Dichter wie Walser und Grass kommt mit den verlorenen Illusionen ihrer glücklichen Kindheit im Nationalsozialismus nicht klar; Sie zogen gleich nach 1945 in einen schier endlosen ideologischen Krieg gegen den Westen. Die nächst jüngere Generation kann es nicht verwinden, dass es mit dem Sozialismus in all den schrecklichen Parteien und Parteichen mit den diversen kämpfenden Völkern im Schlepp nichts wurde; und die noch Jüngeren scheinen sich verschworen zu haben, zusammen mit ihren Eltern den Tanz um Bruder Baum und die große Moschee von Köln solange aufzuführen, bis der große Teufel klein beigegeben hat und der kleine von der Landkarte verschwunden ist.

Das Problem heißt Ambivalenz und ist klinisch. Wer relativ gesittet, also westlich lebt und zugleich, wenn es um Freizeitprotest geht, schon einmal nachzivilisatorische Formen des Hordenlebens einübt oder doch zustimmend vor dem Bildschirm nacherlebt, dem wird die Dialektik der Aufklärung für immer ein Rätsel bleiben und die auch praktischen Konsequenzen, zu denen die Reflexion über sie drängt, ein Greuel. Der Kritiker dagegen wird nicht den Westen in toto verfluchen, wenn zum Beispiel der amerikanische Präsident öffentlich moralisiert, weil er doch weiß, dass „der Westen“ weder im Oval Office noch in einer bestimmten Weltregion zwingend zu Hause ist. Der wird sogar in der intellektuellen Zwergengestalt des amerikanischen Präsidenten, einen, gemessen am Zustand der Welt, immerhin beachtlichen Moralisten erkennen. Er wird das mit gehörigem Sarkasmus konstatieren müssen, vergliche er ihn etwa mit Franklin D. Roosevelt oder Tomas Masaryk, aber es wird ihn nicht abhalten, in bewältigter Ambivalenz dem wenigen zuzustimmen, das für das Bessere – hier erst einmal nur einen atomwaffenfreien Iran – spricht, ohne zugleich als scheinliberaler Konvertit den Standort des Kritikers zu räumen. Und er wird wissen, dass es nicht die USA sind, die mit ihrer Außenpolitik einer neutralen Mathematik des Alls zum Durchbruch verhalfen.

Vom historischen Unsinn der Welt

Die wahren Zerstörer sind wie immer jene Ambivalenten, die im Auftrag zynisch gewordener Sozialisten z.B. einen verfolgten jüdischen Philosophen stellvertretend für die von ihnen intendierte Zerstörung der Vernunft zitieren: „,Damit allein‘, so fasste Edmund Husserl 1935 die abendländische Identität zusammen, ‚entscheidet sich, … ob das europäische Menschentum eine absolute Idee in sich trägt und nicht bloß empirischer anthropologischer Typus ist, wie ‚China‘ oder ‚Indien‘; und wieder ob das Schauspiel der Europäisierung aller fremden Menschheiten in sich das Walten eines absoluten Sinnes bekundet, zum Sinn der Welt gehörig und nicht zu einem historischen Unsinn derselben.’“ Soweit Husserl. Die Autoren, die ihn zitiert haben, beenden ihren Artikel als gute arische Deutsche mit den Worten: „So vor die Wahl gestellt: Der Unsinn wäre vorzuziehen.“ Und so geschah es in Deutschland, wo Husserl 1935, als er seine Erwägung über Sinn und Unsinn niederschrieb, seine Lehrberechtigung und 1937 sein Haus verloren hat, bevor er 1938 verarmt und geächtet starb, ja dann wirklich. Man entschied sich dafür, nicht zum Sinn der Welt gehören zu wollen, sondern zum historischen Unsinn derselben. Mit der Europäisierung der Welt im emphatischen Sinne Kants oder selbst Husserls ist es spätestens vorbei, seit die Nazis die bewohnbare Welt nach ihrem Bilde formten, d.h. vernichten wollten und dieses Unternehmen nun ausgerechnet als Verdikt über jede womöglich gewaltsam durchgesetzte Verbesserung der Lebensverhältnisse missbraucht wird. Von Europa bleibt die Erinnerung an einen Erdteil, von dem die menschlichen, ökonomischen und intellektuellen Potentiale für eine vernünftigere Einrichtung der Welt, als es indisches Kastensystem oder chinesischer Bürokratismus waren und teilweise ja noch sind, ihren Ausgang nahmen. Von Europa bleibt zugleich das Wissen um die Freisetzung eines historischen Unsinns, der nicht etwa am 8.5.1945 endete, sondern seither in der pazifistischen Beschwörung kompletter Sinnlosigkeit in Verbindung mit Bannflüchen gegen jeden, der nicht „jedem bloß empirischen oder anthropologischen Typus“ huldigt, zerstörerisch fortlebt.

Die Deutschen werden weiterhin ambivalent bleiben, aus europäischer Verantwortung für eine Menschheit, die sie sich nur als Konglomerat kollektiver anthropologischer, bloß empirischer Typen vorstellen wollen. Seit der militärischen Niederlage ihres Versuchs, die Welt zu europäisieren, wachen die Meinungsmacher unter ihnen eifersüchtig darüber, dass sich niemand auch nur in der Welt der Ideen an eine Erziehung des Menschengeschlechts macht und konnten sich stets weitreichender Zustimmung sicher sein. Dass im Fall Iran, der ja längst ein Ernstfall Israel ist, die möglicherweise gar nicht so allmächtige Zunft der Experten aller Richtungen wieder unbestritten als Volkes Stimme obsiegen wird, daran hat ein Winkelschreiber mit nicht zu unterschätzendem Einfluss seinen Anteil. Die Schande teilen mit ihm nicht nur jene willigen Niedriglohnschreiber, die sich in ihrem antiimperialistischen Überschwang in ein Lob des NS hineinschrieben, sondern auch jeder, der in Konkret oder anderswo dazu beiträgt, dass die Solidarität mit Israel und eine Solidarität mit den nationalen Sozialisten aller Länder und Zeiten ganz friedlich koexistieren.

Anmerkungen

1 „Aber auch im Aufbau der Neurosen, die auf der genitalen Stufe entstehen, tritt uns überall die Ambivalenz der Gefühlsregungen entgegen. Erst der normale Mensch, der sich von den infantilen Erscheinungen der Sexualität relativ am weitesten entfernt hat, ist im Wesentlichen ambivalenzfrei. Seine Libido hat sozusagen ein nachambivalentes Stadium erreicht und damit die volle Fähigkeit zur Anpassung an die Objektwelt gewonnen.“ (Karl Abraham (1924): Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido, in ders.: Psychoanalytische Studien, Bd. 1, Frankfurt/M. 1969, S. 141f; Hervorhebungen im Original)

2 Frank M. Renkewitz und Ralf Schröder: Unheilbares Verderbnis, in Konkret 05/07. Darin ist unter anderem von der „dehumanisierten Hemmungslosigkeit“ der „kantischen Aufklärung“ die Rede. Auch der Hinweis: „Vermutlich hätte sich J. Mengele mit dieser Aufklärung durchaus anfreunden können.“

3 Ratzingers im Lagergelände von Auschwitz gehaltene Rede ist am 29.5.06 in der FAZ erschienen.