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Vom 3. Oktober 2007
Von Thomas Becker
Beitrag zu dem Buch:
Der Iran - Analyse einer islamischen Republik und ihrer europäischen Verbündeten.
Stephan Grigat/Simone Dinah Hartmann (Hrsg.)
2008
Studienverlag
Insbruck, Wien, Bozen
ISBN 978-3-7065-4599-0
Scan aus dem Buch als
PDF-Dokument
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Die Wiederkehr des Führers Als der iranische Präsident die Deutschen für eine historische Mission begeistern wollte
„Das ist die Aufforderung aller göttlicher Propheten von
Adam bis Noah, Abraham, Moses, Jesus Christus und Mohammed, dem Boten Gottes
(FSMI). Wenn sie der Aufforderung folgen, sind sie gerettet; und wenn nicht,
wird den Menschen was ihnen in der Vergangenheit widerfahren ist, noch einmal
widerfahren.“
Am 28. August 2006 erhielt Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Brief aus Teheran 2, in dem ihr der Präsident Irans ein im Ton wie der Sache nach unangemessenes Angebot machte, das zugleich das Drängende und Vergebliche eines letzten Aufgebots an sich hatte. Mahmoud Ahmadinejad verlangte von ihr, sich vom amerikanischen Präsidenten ab- und ihm zuzuwenden, die deutsche Nachkriegsgeschichte, Schuldgefühle, Wiedergutmachung und Westbindung hinter sich zu lassen und sich mit ihm der Vision einer neuen Weltordnung jenseits der „anglo-amerikanisch-zionistischen Herrschaft“, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde, zuzuwenden. Sie und er könnten dazu beitragen, die alte Ordnung und die aus ihr herrührenden „Missstände“ zu beseitigen. Sie sollten sich daher verbünden zur ,,Verteidigung der Entrechteten“ im „Kampf gegen die Despoten“ dieser Welt. Was er ihr anzubieten hatte war mehr als ein Absatzmarkt von 70 Millionen Konsumenten, Öl, Gas und die Befreiung des Mittleren Ostens vom amerikanischen, britischen und zionistischen Imperialismus zugunsten des deutschen. Sein Angebot beinhaltete nicht weniger als die Aufforderung zu einer historischen, ja göttlichen Mission, zur Beteiligung am Kampf für die Befreiung der Menschheit vom Joch Amerikas und der Juden, die Aussicht auf internationale „Gerechtigkeit“, ,,Weltfrieden“, errungen und errichtet durch die kombinierte Macht Europas und Allahs, angeführt von den beiden Kulturvölkern des Morgen- und des Abendlandes, die für diese Führerrolle wie geboren erschienen. „Das iranische und das deutsche Volk sind zwei große kulturbildende Völker und Vorreiter in Wissenschaft, Literatur, Kunst und Philosophie gewesen. Beide Völker sind religiös und folgen den Lehren der großen Propheten Gottes; sie haben eine lange Tradition im wissenschaftlichen, kulturellen und Handelsaustausch. Ohne Zweifel können durch die Zusammenarbeit der beiden Regierungen und durch Unterstützung der beiden großen Völker große Schritte zur Beseitigung der Missstände in der Welt unternommen werden.“ Die „Missstände“, die Mahmoud Ahmadinejad mit deutscher Hilfe beseitigen wollte, beschrieb er in seinem Brief an die Bundeskanzlerin als Folge der internationalen Machtverhältnisse, wie sie der Zweite Weltkrieg hervorgebracht hat, mit denen demzufolge gründlich aufzuräumen wäre. Die Verantwortlichen für diese „Missstände“ werden von ihm als „Siegermächte“, „manche Weltmächte“ und „bestimmte“, nämlich „macht- und kriegssüchtige Gruppen“ und „die Zionisten“ angeklagt, ohne sie jemals als „Juden“ oder „Amerikaner“ zu identifizieren. Die „Missstände“ werden Synonym für die fortwährende Herrschaft jener „Mächte“ und „Gruppen“; „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ meinen ihre Beseitigung. Als größter Missstand erscheint dabei das „Besatzungs-Regime“, das „durch Waffengewalt im Nahen Osten errichtet“ wurde. Es war das untrennbare Bündnis zwischen Washington und Jerusalem, das Mahmoud Ahmadinejad durch die Vernichtung Israels zerreißen und durch die Achse Teheran-Berlin ersetzen wollte. Da er aber davon ausging, dass Schuldgefühle wegen des Holocaust die Deutschen davon abhalten würden, sich offen gegen die USA und Israel zu stellen, widmete er die Hälfte seines Briefes diesem Thema. Dabei sprach er die Deutschen von jeder Schuld frei. Sie sollten sich nicht länger mit dem Holocaust „erpressen“ lassen, schon gar nicht von den „Zionisten“, dem „größten Feind der Menschheit“. In Wahrheit sei das deutsche Volk nach dem Zweiten Weltkrieg selbst „Opfer der Unterdrückung“ durch die selben „Mächte“ geworden, unter denen die Welt bis heute leide. Diese „Mächte“ und „die Zionisten“ hätten den Holocaust als ,,Vorwand“ benutzt, um das deutsche Volk zu „erniedrigen“ und seine „Vitalität zu schwächen“. Die „propagandistischen Bemühungen“, die sie dazu unternommen hätten, seien „dermaßen umfassend“ gewesen, dass die Deutschen schließlich selbst daran geglaubt hätten, „eine historische Schuld zu tragen und die Sünden ihrer Vorfahren über Generationen und auf unbestimmte Zeit entschädigen zu müssen“. Dann beschuldigte er sämtliche deutschen Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die amtierende eingeschlossen, sich diese „Erniedrigungen“ auch noch gefallen gelassen oder sie „sogar verteidigt“, mithin die Interessen des deutschen Volkes verraten zu haben. „Wie lange noch“, fragte er Angela Merkel unverhohlen, „soll die Erniedrigung ihres Volkes und die Erpressung noch andauern? 60 Jahre, ein Jahrhundert, 10 Jahrhunderte, bis wann?“ Das waren sicherlich Fragen, mit denen sich auch die Deutschen beschäftigten, wenngleich die meisten im Laufe der Jahre gelernt hatten, sie anders zu stellen. Die jüngeren Generationen waren schon selber so schlau zu wissen, dass sie sich wegen des Holocaust, der zu Zeiten ihrer Groß- und Ureltern sich ereignete, nicht schuldig fühlen mussten, und setzten sich bereits Mahn- und Denkmäler dafür, wie gründlich sie ihre Lehren aus der Vergangenheit gezogen hatten. Dabei drehte sich das Gedenken um den „Krieg“ und die „Opfer von Krieg und Vertreibung“, auf dass sie sich selbst darin wieder fanden. So hatte sich die „schwarze Wolke der Erniedrigung und des Scham- und Schuldgefühls“, die der iranische Präsident noch schwer auf dem deutschen Gemüt lastend sah, eigentlich schon in Luft aufgelöst, als er ihnen die Absolution erteilte; in dünne Luft allerdings. Denn die „Verarbeitung“ der Schuld ihrer Vorfahren und die Erkenntnis, dass sie schuldig und Opfer zugleich waren, hatte die Deutschen nicht kalt gelassen. Die klare Unterscheidung zwischen gut und böse war einer tiefgründigen Verwirrung gewichen, einem Verständnis allem und jedem gegenüber, ausgenommen die Unversöhnlichen. Es hatte sich bei ihnen ein besonderes Feingefühl eingestellt, meinten sie, allem Unrecht gegenüber, egal wo und wem es geschah. Sie fragten daher nicht mehr nach ihrer Schuld, sondern nach ihrer historischen Verantwortung für „Frieden“ und „Gerechtigkeit“ in der Welt. Und natürlich spürten sie diese „historische Verantwortung“ nirgendwo stärker, schmerzlicher und herausfordernder als gegenüber dem palästinensischen Volk, für dessen Schicksal sie sich schon deshalb mitverantwortlich fühlten, weil sie sich nichts auf der Welt vorstellen konnten, das ohne ihr Dazutun passierte. An den Palästinensern hatten sich nun die „Zionisten“ versündigt wie vorher die Deutschen an den Juden. Bekanntlich verschaffte die Gleichsetzung des Schicksals der Juden während und der Palästinenser nach dem Zweiten Weltkrieg dem palästinensischen wie dem deutschen Volk viele seelische Erleichterungen, jeweils auf je eigene Weise. Am Schicksal der Palästinenser lernten die Deutschen wieder die Juden zu hassen. Für Mahmoud Ahmadinejad schließlich war das deutsche Engagement gegen jene vom iranischen Präsidenten ausgemachten und eingangs zitierten „Missstände“ der Ansatzpunkt für seine Agitation, wodurch er die Deutschen für seine historische Mission zu gewinnen trachtete. Als er feststellte, „neben dem deutschen Volk sind auch die Völker im Nahen und Mittleren Osten und sogar die Menschheit durch die Thematisierung des Holocausts zu Schaden gekommen“, hätte ihm keiner der geläuterten Deutschen zu widersprechen gewusst. Auch folgende Frage hätten die meisten Bundesbürger ihm wunschgemäß beantwortet: „Sind die Atomwaffenarsenale in Israel zur Verteidigung der Hinterbliebenen des Holocausts da oder stellen sie eine ständige Bedrohung für die Völker der Region und ein Instrument zur Gewaltandrohung, Besatzung und Wahrung der Interessen mancher Machtstrukturen im Westen dar?“ Und als er die Deutschen dazu aufforderte, sich vorzustellen „welchen Status Deutschland bei freiheitsliebenden Menschen, bei den Muslimen der Welt und Europäern genießen würde und welchen Einfluss dieses Land auf den Weltfrieden hätte“, wenn nicht jene „Mächte“ und „Zionisten“ es verstanden hätten, Deutschlands „verdiente Souveränität zu verhindern“, sprach er vielleicht einer satten Majorität der Volksgenossen aus der Seele. Aber das reichte trotzdem nicht aus, um die Deutschen für das Katastrophenszenario zu begeistern, das Mahmoud Ahmadinejad und die Revolutionswächter sich in ihrem gottverkrankten Hirn ausgedacht hatten. In der Sache teilten vielleicht allzu viele seine Ansichten über die „Missstände“ und „die eigentlichen Gründe für diese Missstände“. Auch die Deutschen fanden es „ungerecht“, dass Israel Atomwaffen haben durfte und Iran nicht, wie sie es ungerecht fanden, wenn das eine Kind mehr Eiskugeln als das andere hatte. Deutschland hatte ja auch keine Atombombe, obwohl es jederzeit eine haben konnte, wenn es wollte. Mahmoud Ahmadinejads Anti-Zionismus und Anti-Amerikanismus wurde von vielen Deutschen mit großer Leidenschaft geteilt. Doch da war etwas in seinen Reden, das sie verwirrte und dazu führte, dass sie vornehmlich bei rechts- und linksextremen Anti-Imperialisten oder Parteien wie NPD und Die Linke Anklang fanden. Zum Beispiel wenn er ihnen die Frage stellte, warum die Palästinenser unter den Folgen des Holocaust leiden müssten, wenn dieser doch in Europa stattgefunden haben soll, reagierten die Deutschen mit Abscheu auf den Zynismus, aber mit schlechtem Gewissen auf den vermeintlichen Sachverhalt, weil sie die Dinge eigentlich ganz genauso sahen. Auch ihnen schien die Gründung Israels, analog zur Teilung Deutschlands, eine Strafe zu sein, welche die „Mächte“ gegen die Verlierer verhängten, um sie zu demütigen. Weil sie sich mit den Tatsachen nicht so gut auskannten, meinten sie, mit den Palästinensern hätte es eindeutig Unschuldige getroffen. Dabei hatten diese bloß, wie die Deutschen selbst, den Krieg verloren, ihren Weltkrieg gegen die Juden. Das Problem, dass ihnen Mahmoud Ahmadinejad bei aller Übereinstimmung in Fragen der Gegenwart, der „Gerechtigkeit“ und des „Friedens“ machte, war, dass er ihnen die Welt annähernd richtig, aber im Tonfall des Führers zu erklären schien, den sie für tot gehalten hatten. Das irritierte sie an ihm. Mit der Produktion von Atomraketen und der Androhung, Israel zu vernichten, brachte er ihnen das als vergangen und bewältigt Gedachte als Gegenwärtiges zurück ins Bewusstsein. Aber indem der iranische Präsident sich ihnen als der wieder auferstandene Führer präsentierte, verlieh er seiner Mission die historische Kontinuität, welche die deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ gerade bestreiten musste, um als gelungen zu erscheinen. Sie „bewältigen“ nicht durch Leugnung oder Rechtfertigung, wie er, sondern durch Verschiebung, indem sie, jetzt wieder wie er, Israel den Völkermord an den Palästinensern und den USA einen Vernichtungskrieg gegen das irakische Volk in Rechung stellten. So konnten sie nur auf verschiedenen Wegen zu dem selben Ergebnis kommen. Vielleicht war Mahmoud Ahmadinejads Annahme sowieso falsch gewesen, für die Deutschen stelle der Holocaust noch ein entscheidendes Hindernis dafür dar, sich mit ihm auf seine Mission einzulassen. Sie wollten es ja. Deutschland war und blieb bis zuletzt Irans wichtigster westlicher Handelspartner. Das deutsche Außenministerium hörte nicht auf, das Regime mit Dialogangeboten zu protegieren, und die öffentliche Meinung in Deutschland versteifte sich um so mehr auf ihren Zorn gegen den amerikanischen Präsidenten, je weiter der iranische die Konfrontation um sein Atomraketenprogramm vorantrieb. Doch merkte man bereits. Dass die Krise bald mit einem Krieg gegen Iran enden könnte, den zu verhindern die Deutschen als ihre oberste Pflicht empfanden. Das hielten sie für die wichtigste Lehre aus der Vergangenheit ihres Volkes: Nie wieder Krieg. Von der Friedensbewegung über das Auswärtige Amt bis zur Exportwirtschaft war ganz Deutscland gegen den Krieg.Aber Tag für Tag sank ihre Hoffnung, ihn noch verhindern zu können. Die Deutschen verübelten dem iranischen Präsidenten, dass sie Hoffnung geben wollten, aber die größte Hoffnungslosigkeit von Mahmoud Ahmadinejad selbst ausging. Im Sommer 2005 wurde er Präsident Irans und beendete sofort die Atomverhandlungen mit den „Big Three“ der Europäischen Union, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die Iran in den zurückliegenden Jahren erfolgreich vor Sanktionen des UN-Sicherheitsrats bewahrt hatten. Dann kündigte er die baldige Inbetriebnahme der Urananreicherungsanlage Natanz „im industriellen Maßstab“ an. Im Herbst verkündete er die Vernichtung Israels in naher Zukunft. Er hatte offensichtlich nichts Dringenderes zu tun als die subtile „Vergangenheitsbewältigung“ der Deutschen zu unterlaufen und zudem die jahre-, ja: jahrzehntelange Arbeit deutscher Diplomaten zu zerstören, die nie gezögert hatten, die iranische Revolution vor einer solchen, sich nun anbahnenden Konfrontation zu bewahren. Schon 1980 vermittelte Hans-Dietrich Genseher im Geiseldrama in der US-Botschaft in Teheran. 1984war er der erste Repräsentant eines westlichen Staates, der Teheran besuchte, um einen „politischen Dialog“ mit dem Khomeini-Regime zu beginnen, der später, nachdem er zu nichts geführt hatte, in einen „kritischen Dialog“ umschlug. Und als nach dem Tod Khomeinis in den 1990erJahren zuerst der „Pragmatiker“ Rafsanjani und dann der „Reformpräsident“ Khatami Iran regierten, glaubte die deutsche Regierung, trotz Mykonos und dem den Frieden störenden Urteil eines Berliner Amtsgerichts, scheinbar tatsächlich an die heilende Wirkung ihrer Beschwichtigungspolitik. Die islamische Revolution in Iran bot Westdeutschland eine historische Gelegenheit, vom Nutznießer des amerikanischen Pakts mit dem Schah zum alleinigen strategischen Westverbündeten der Ayatollahs und Revolutionswächter aufzusteigen. Amerika, mit dem die Revolution sich seither im latenten Kriegszustand befindet, existierte als Konkurrent nicht mehr. Deutschland nahm die Gelegenheit wahr, füllte die durch den Wegfall amerikanischer Wirtschaft und Politik entstandene Lücke und spielte die Rolle, die in Teheran von ihm erwartet wurde. Auf 5 Milliarden Euro war der Export deutscher Unternehmen in den Iran bis zuletzt angewachsen, zwei Drittel der iranischen Produktion, hieß es, seien abhängig von deutscher Technologie. Auch die iranische Urananreicherung gehörte dazu: Sie beruht auf der pakistanischen, die in den 1980er Jahren von deutschen Unternehmen realisiert wurde. Kohl und Genscher wurden damals aus Washington mit entsprechenden Warnungen, Hin- und Beweisen bombardiert; in Bonn brachte das niemanden aus der Ruhe. Diesmal musste die deutsche Regierung eine deutlichere Reaktion zeigen, zumindest verbal. Mahmoud Ahmadinejad beendete das ewige Versteckspiel, an dem Deutschland sich so ergiebig beteiligt hatte, und suchte die Eskalation. Wenige Monate seiner Präsidentschaft hatten gereicht, um das deutsche Appeasement vor aller Welt vollkommen lächerlich zu machen. Angela Merkel sagte erstmals auf der Münchner Konferenz für Sicherheit im Frühjahr 2006, was sie von der Politik des neuen iranischen Präsidenten hielt: „Der Iran hat mutwillig – ich muss das leider so sagen – die ihm bekannten ‚roten Linien’ überschritten. Ich muss hinzufügen, dass die völlig inakzeptablen Provokationen des iranischen Präsidenten für uns natürlich Reaktionen notwendig machen. Ich sage dies ganz besonders als deutsche Bundeskanzlerin: Ein Präsident, der das Existenzrecht von Israel in Frage stellt, ein Präsident, der die Existenz des Holocaust leugnet, kann nicht erwarten, dass Deutschland in dieser Frage auch nur die geringste Toleranz zeigt. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt.“3 Im Juli 2006 verfasste der UN-Sicherheitsrat die erste das iranische Urananreicherungsprogramm betreffende Resolution, in der dessen sofortige Beendigung gefordert wurde. Als sie jenen merkwürdigen Brief aus Teheran erhielt, in dem der iranische Präsident ihr, und Europa, eine Mitführerschaft bei der Neuordnung der Welt antrug, hatte er selbst dieser Verschwörung schon die Grundlage entzogen. Denn das unheilvolle Einverständnis zwischen ihm und den Deutschen hatte darauf beruht, dass Deutschland den Moderator spielte zwischen Israel und den Palästinensern und Iran und den USA; Mahmoud Ahmadinejad aber wollte die Deutschen zur Partei machen, zur Kriegspartei wohl gar. Zu einem Selbstmordkommando dieses Ausmaßes aber schienen die Deutschen, 60 Jahre nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, noch nicht wieder bereit. Mahmoud Ahmadinejad konnte sich lediglich sicher sein, dass sich Deutschland „neutral“ verhielt, egal wie die Krise um das iranische Atomraketenprogramm noch ausgehen mochte. Das wär der Witz bei der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“: Die Holocaust-Leugnung war nach der Lehre, die sie gezogen hatten, eine „inakzeptable Provokation“, für die man „nicht die geringste Toleranz“ zeigte; die Drohung eines „zweiten Holocaust“ aber wurde gegen die Lehre, dass nie wieder Krieg sei, abgewogen und schließlich beiseite geschoben. Deutschland verlegte sich jetzt auf die Moderation der Iran-Verhandlungen im UN-Sicherheitsrat, zu denen es wegen seiner immer noch herausragenden Beziehungen zu dem Regime hinzugezogen wurde, wie im September 2007, als es mit Russland und China gegen die USA, Großbritannien und Frankreich gegen die Verhängung weiterer Sanktionen gegen Iran stimmte. Doch mit solchen Manövern schien Deutschland allenfalls noch das Tempo der Abfolge der Geschehnisse beeinflussen zu können; auf die Entscheidungsprozesse in Teheran, Washington und Jerusalem, die das Geschehen selbst bestimmten, hatte die deutsche Politik kaum noch eine Auswirkung. Die in diesem Zusammenhang auftauchende These jedenfalls, dass Deutschland einen Krieg hätte verhindern können, wenn es durch konsequente Sanktionspolitik, letztlich den Zusammenbruch der iranischen Produktion durch den plötzlichen Abbruch sämtlicher Wirtschaftsbeziehungen, das Regime ökonomisch zum Nachgeben gezwungen hätte, konnte nie bewiesen werden, schon weil Deutschland eine solche Politik nicht praktizierte; angeblich, um das Regime nicht zu provozieren. Da war ihnen ein Krieg plötzlich doch wieder lieber, denn bei den Sanktionen hätte Deutschland wegen des Umfangs seiner wirtschaftlichen Beziehungen zu Iran im Mittelpunkt der Ereignisse gestanden, während es einem Krieg gegenüber sich „neutral“ verhalten konnte. Auf Dauer war dieser Widerstand gegen die von Amerika angeführte, von Großbritannien mitgetragene und dann auch von Frankreich unterstützte Koalition, die sich gegen das iranische Atomraketenprogramm formierte, nicht aufrecht zu erhalten. 2007 zeigten neben den politischen auch die ökonomischen Beziehungen zwischen Deutschland und Iran die ersten Schrammen. Obwohl die Regierung ihre Politik der finanziellen Absicherung der Geschäfte, die deutsche Unternehmer im Iran tätigten, beibehielt, sanken in Folge der UN-Sanktionen die deutschen Iran-Exporte noch dramatischer als sie in den zurückliegenden Jahren gestiegen waren. Im Sommer mussten die großen deutschen Banken ihre iranischen Konten schließen. Die fortgesetzten Beschwichtigungsversuche der Deutschen hatten nun auf keine der in die Krise involvierten Mächte noch eine Auswirkung. In dem selben Moment, als Deutschland Ende September 2007 weitere UN-Sanktionen gegen das iranische Urananreicherungsprogramm boykottierte, verkündete Mahmoud Ahmadinejad vor der UN-Vollversammlung in New York: “Ich erkläre hiermit öffentlich, dass das Zeitalter der aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen Weltordnung ein für alle Mal vorbei ist, ebenso die Zeiten materialistischen Denkens, das auf Arroganz und Dominanz beruhte“; über das iranische Urananreicherungsprogramm werde nicht mehr verhandelt, „die Atom-Akte Iran ist geschlossen“. Nur ein paar Tage vorher hatte der amerikanische Senat die Revolutionswächter, die auch die Wächter des iranischen Urananreicherungs- und Raketenprogramms, und seit der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads mit dem Regime identisch waren, bereits zur Terrororganisation erklärt. Die seit Anfang des Jahres im persischen Golf aufgebaute See-und Luft-Streitmacht der USA war zu der Zeit gerade im Manöver mit den von den Amerikanern aufgerüsteten und in Opposition zu Iran stehenden arabischen Staaten. Verlorene Weltkriege Die historische Mission, die Vision des iranischen Präsidenten, war eigentlich schon geschichtlich gescheitert, bevor sie in Gang gekommen war. Die ersten beiden Male, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, war die Initiative von Deutschland ausgegangen. Beide Male versuchte Deutschland Persien bzw. Iran in den Krieg hineinzuziehen. Beide Male wurde das Bündnis von den imperialistischen Mächten, gegen die es sich richtete, verhindert. Schon als der Schah von Persien in den 1870er Jahren den Kontakt zum neuen deutschen Kaiserreich suchte, hoffte er auf mehr als die Hilfe deutscher Ingenieurs- und Staatskunst, Wissenschaft und Literatur bei der Modernisierung seiner Dynastie. Er hoffte auch auf das machtpolitische Geschick Otto von Bismarcks als Gegenspieler und Moderator im Konflikt mit Russland, dem Zarenreich im Norden, und der Weltmacht England, den beiden Mächten, die Persien schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts für sich entdeckt hatten. Die deutsch-persischen Beziehungen entwickelten sich auf ökonomischem, kulturellem und politischem Gebiet auf eine Weise, die beiden Partnern nützlich schien, bis 1914, als der Kaiser den Schah dazu drängte, auf seiner Seite in den Weltkrieg einzutreten, um für die beiden sich als zurückgeblieben begreifenden Völker einen Platz an der Sonne zu erstreiten. Russland und Großbritannien besetzten Persien daraufhin. Deutschland schickte eine Gruppe von Agenten in den Südwesten Persiens unter Führung des Diplomaten Wilhelm Wassmuss, der dem Kaiser zuvor schon als Konsul in Bushehr und Shiraz gedient hatte und die Perser daher kannte. Ihnen gelang es die befreundeten, anti-britischen Stämme der Region zu mobilisieren, zu bewaffnen und einen Aufstand gegen die britischen Besatzungstruppen im Süden zu organisieren, der diesen im ersten Kriegsjahr erheblich zu schaffen machte. Dann aber bewaffneten die Briten ihrerseits die ihnen freundlich gesonnenen Stämme, mit deren Hilfe der Aufstand 1915 kurzerhand niedergeschlagen wurde. Nach dem Krieg dauerte es einige Zeit, bis die deutsch-iranischen Beziehungen wieder in Gang kamen, aber bis Adolf Hitler 1933 Reichskanzler wurde, hatten sie sich bereits wieder in vollem Umfang entwickelt. In Persien hatte der Kommandeur der Kosacken-Brigaden, Reza Khan, 1921 geputscht und 1925 die Dynastie des Ahmad Schah Qajar als Schah Reza Pahlavi abgelöst. Großbritannien hatte ihn bei der Durchführung des Staatsstreichs unterstützt, um die politische Instabilität der Qajar-Dynastie zu beenden. Die Pahlavi-Dynastie engagierte die Deutschen in ein umfangreiches Modernisierungsprogramm. Zwischen den Nationalsozialisten und dem Schah entwickelte sich eine regelrechte Freundschaft. Zum Zeichen seiner Verbundenheit mit dem nationalsozialistischen Deutschland und seiner Rassenlehre nannte er Persien 1935 in Iran, das „Land der Arier“ um, weil das heutige Staatsgebiet schon vor 3.000 Jahren einmal von „Ariern“ heimgesucht worden sein soll. Doch als der Krieg begann, wiederholten sich die Ereignisse des Ersten Weltkriegs zum ersten Mal. Deutschland drängte den Schah erneut zum Kriegseintritt auf seiner Seite. 1941 verschob sich der ganze Schwerpunkt des Krieges nach Osten, nachdem das deutsche Afrika Korps unter dem Kommando von Erwin Rommel seit Ende März Richtung Ägypten vordrang und die Wehrmacht im Juni die Sowjetunion überfallen hatte. In Teheran hielten sich noch hunderte deutscher Agenten auf, die Commonwealth-Truppen waren eben erst einem pro-deutschen Umsturz im benachbarten Irak zuvorgekommen, und als Reza Pahlavi im August einer weiteren Aufforderung Josef Stalins und Winston Churchills, die Deutschen auszuweisen, nicht nachkam, besetzten Russland und Großbritannien den Iran abermals. Außer aus Sorge um den deutschen Einfluss in Iran war die Besetzung durch das zwischen den Alliierten im Frühjahr vereinbarte Lend-Lease Programm motiviert, dem Aufrüstungsprogramm der Amerikaner für ihre Verbündeten. Wegen des Vormarschs der Deutschen Richtung Kaukasus musste die Rote Armee dringend mit Waffen versorgt werden, die in Schiffen im Persischen Golf ankommen und über Land durch Iran weitertransportiert werden sollten. In den anschließenden Jahren wurden auf diesem Weg 5 Millionen Tonnen Rüstungsgüter aus den USA in die Sowjetunion geschafft. Reza Pahlavi hatte Iran nach der Intervention der Alliierten verlassen, wie zuvor Amin Al Husseini, der Mufti, der vor den Briten von Jerusalem zuerst nach Bagdad, dann nach Teheran und schließlich über Italien nach Berlin floh. Der Sohn Reza PahIavis, Mohammed Reza PahIavi, wurde der neue Schah. Die Alliierten schlossen mit ihm Anfang 1942 einen Vertrag über die befristete Beschränkung seiner königlichen Souveränität und die Nutzung des Gebiets und der Verkehrsinfrastruktur Irans für die Zeit des Krieges gegen die Achsenmächte zum Zwecke des Transports von Rüstungsgütern in die Sowjetunion. Ein Jahr später verloren die Deutschen die Schlacht um Stalingrad, und am Ende des Jahres 1943 trafen sich Josef Stalin, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt zu einer viertägigen Konferenz in Teheran, bei der sie sich über den D-Day verständigten. Die „Mächte“ nannten den Iran „unseren Verbündeten“ und hatten zu diesem Zeitpunkt keinerlei Zweifel mehr an ihrem Sieg. In ihrer gemeinsamen Erklärung vom Dezember 1943 sagten sie: “No power on earth can prevent our destroying the German armies by land, their U-Boats by sea, and their warplants from the air. Our attack will be relentless and increasing. Emerging from these cordial conferences we look with confidence to the day when all peoples of the world may live free lives, untouched by tyranny, and according to their varying desires and their own consciences”.4 Nach dem zweiten verlorenen Weltkrieg dauerte es wieder seine Zeit, bis die deutsch-iranischen Beziehungen sich erholten. Sie beschränkten sich in den ersten Jahrzehnten, wegen des Kalten Krieges, auf Westdeutschland. Sie begannen Anfang der 1950er Jahre, als in der BRD das Wirtschaftswunder einsetzte und in Iran die neuen nationalistischen und kommunistischen Parteien die Pahlavi-Dynastie herausforderten. Nachdem 1951 der Anti-Imperialist Mohammed Mossadegh zum Ministerpräsidenten Irans gewählt wurde und die hauptsächlich in britischem Eigentum befindliche Öl-Industrie verstaatlichte, und als Schah Mohammed Reza Pahlavi dem vom Ministerpräsidenten und den Nationalisten und Kommunisten unterstützten öffentlichen Protest nicht mehr standhielt, entschlossen sich Großbritannien und die USA zur Unterstützung eines Staatsstreichs zugunsten des Schahs. Zurück an der Macht setzte Mohammed Reza Pahlavi die Politik seines Vaters fort, der ein Nacheiferer Mustafa Kemal Atatürks war und in den 1930er Jahren die ersten Versuche zu einer durchgreifenden Säkularisierung Persiens/Irans durchführte. Die Modernisierungsdiktatur Mohammed Reza Pahlavis bestimmte das folgende Vierteljahrhundert über die Entwicklung Irans, mit den USA und der BRD als den wichtigsten westlichen Verbündeten. Dann kam die islamische Revolution, um die Verhältnisse zu schaffen, welche die Welt ein weiteres Vierteljahrhundert später, und nach 9/11, einem neuen Weltkrieg zu trieben. Ein Jahr nach den Anschlägen in Amerika wurde in Natanz die Baustelle jener Urananreicherungsanlage entdeckt, die 5 Jahre danach in Betrieb ging und dann zum möglichen Anlass eines Krieges wurde. Deutschland war entschlossen, diesen Krieg zu verhindern und, so es dies nicht vermochte, ihn hinauszuzögern. Deutschland war so besessen davon, diesmal schuldlos zu bleiben, dass es sich aus allem heraushalten würde, was immer da auch geschehe. Das deutsche Volk kannte nur noch eine Losung: Nie wieder Krieg. Um diese, Deutschlands wieder gewonnene Unschuld zu verteidigen, schien kein Preis zu hoch. Einen ‚zweiten Holocaust’ fürchteten sie nicht. Wenn es schief ginge, konnte man diesmal wenigstens sagen, nicht nur nichts gewusst, sondern noch nicht mal etwas versucht und v.a. nichts getan zu haben. Anmerkungen 1 http://www.president.ir/en/?ArtID=6781 2 http://www.president.ir/eng/ahmadinejad/cronicnews/1385/06/06/index-g.htm 3 http://www.securityconference.de/konferenzen/rede.php?id=170&menu_2006=&menu_konferenzen=&sprache=de& |