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Vom 12. Oktober 1996
Von Thomas Becker
Veröffentlicht in
Bahamas
Nr. 21/1996
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Wer übernimmt das Kommando? Über die vergeblichen Versuche der europäischen Mächte die nordatlantische Allianz für ihre Zwecke umzufunktionieren Die am 5. Dezember 1995 von Präsident Chirac vor dem Nordatlantikrat in Brüssel angekündigte "uneingeschränkte" Rückkehr in die NATO, deren militärische Strukturen Frankreich in den 60er Jahren wegen Differenzen mit den USA verlassen hatte, sollte gleichzeitig den Anspruch der Europäer auf eine stärkere Position im Bündnis untermauern. Diese widersprüchliche Formel - Festigung des transatlantischen Zusammenhalts bei gleichzeitiger Stärkung seiner europäischen Komponente - ist auf der NATO-Ministertagung Anfang Juni 1996 in Berlin offiziell als Richtschnur einer seit den politischen Umwälzungen von 1989/90 anvisierten Strukturreform bestätigt worden. Bis zum NATO-Gipfeltreffen im Frühjahr 1997 sollen dazu konkrete Vorschläge präsentiert werden. Im NATO-Militärausschuß wird seither zwischen den führenden Mitgliedern mit zunehmender Härte um die Details gerungen. Einigkeit besteht allenfalls darüber, daß die bisherigen drei reginalen europäischen Befehlsbereiche (Nord, Mitte, Süd) zu zweien (Nord, Süd) zusammengefaßt werden. Heftig umstritten ist dagegen die zukünftige personelle Besetzung der jeweiligen Führungsebenen. Frankreich forderte vor der NATO-Tagung Ende September im norwegischen Bergen, daß der Posten des Oberbefehlshaber Europa, der den regionalen Befehlsbereichen übergeordnet ist und bislang wie der Oberbefehlshaber Atlantik von den USA bestückt wird, in Zukunft durch einen "europäischen General" zu besetzen sei. Die "Europäisierung der NATO heißt für Frankreich Stärkung seiner eigenen Position durch Schwächung derjenigen Amerikas" (FAZ), weshalb dieser Vorschlag in den USA auf heftigen Widerstand gestoßen war. Frankreich erhob daraufhin Anspruch auf das regionale Oberkommando Südeuropa in Neapel, welches aber ebenfalls von entscheidendem strategischen Interesse für die USA ist. Hierunter fällt der gesamte Mittelmeerraum, der seine Bedeutung nicht zuletzt durch seine Rolle als wichtiger Verkehrsknotenpunkt im internationalen Warenhandel und seine räumliche Nähe zur Golfregion erhält. Die hier ständig stationierte 6. US-Flotte ist zudem nicht der NATO unterstellt und stellt einen wichtigen Faktor für die Fähigkeit der USA dar, in kurzer Zeit im Nahen Osten aufzumarschieren. Vor dem Hintergrund der zunehmenden ökonomischen und politischen Konkurrenz zwischen den USA auf der einen, Frankreich und Deutschland auf der anderen Seite in dieser Region stellt sich der französische Kompromißvorschlag als eine provokante Herausforderung für die Weltmacht USA dar. US-Präsident Clinton wies den Anspruch deshalb in einem persönlichen Brief an Chirac kathegorisch zurück. Schon dieses unübliche Vorgehen, die gewöhnlich in den Hinterzimmern der NATO von Experten austarrierten Auseinandersetzungen auf Präsidentenebene durch öffentliche Briefwechsel abzuhandeln, zeugt von der politischen Brisanz des Themas. Daran könne man erkennen, meinte denn auch die FAZ, daß es dabei "um die Umverteilung politischer Gewichte und Einflußmöglichkeiten zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Deutschland - nicht um höhere Effizienz des Apparats" - ginge. Der Konflikt zwischen den USA und Frankreich ist tatsächlich nicht die einzige Sollbruchstelle in der "neuen NATO". Die Vorschläge Frankreichs wurden zum einen von deutscher Seite unterstützt, was andererseits nicht heißen soll, daß die legendäre "deutsch-französiche Achse" von Konkurrenz ungetrübt wäre. Von den britischen Vertretern im NATO-Militärausschuß wurde eine weitere Reformvariante ins Spiel gebracht und von französischer Seite, laut FAZ, mit Sympathie aufgenommen: Großbritannien und Frankreich bilden demnach - eventuell mit Spanien und Portugal - einen eigenen Kommandobereich West. Für Deutschland bliebe damit die Landes- und Bündnisverteidigung an der Ostgrenze sowie die ökonomisch und plitisch kostspielige NATO-Osterweiterung. Diesem Vorschlag - auch wenn er wegen seiner offensichtlich spalterischen Absichten von vornherein wenig Chancen hatte - fehlt es trotzdem nicht an Brisanz, weil er die Deutschen an die Konstellation der Anti-Hitler Koalition erinnern mußte und z.T. mit realen Tendenzen aus den vergangenen Jahren korrespondiert: Großbritannien und Frankreich sind die einzigen europäischen Atommächte und haben die (bislang) exklusive Zusammenarbeit auf diesem Gebiet wie bei den Luftstreitkräften nach der Wiedervereinigung Deutschlands noch intensiviert. Die von Frankreich Anfang des Jahres angekündigte Militärreform - die Abschaffung der Wehrpflicht und der Aufbau einer kleineren Berufsarmee spezialisiert auf weltweite Militäreinsätze, sowie eine Umstrukturierung der Militärindustrie, die u.a. auf eine Intensivierung der europäischen Rüstungskooperation v.a. mit Großbritannien abzielt - geht in die selbe Richtung. Kriegsminiseter Rühe hatte die französische Regierung schon damals kritisiert, weil beide Länder nun "unterschiedlichen verteidigungs- und sicherheitsplitischen Konzeptionen" folgten; während Frankreich mit dem Ausbau seiner "Interventionskräfte" die Absicht verfolge, seine Militärmacht weltweit einzusetzen, stünde die Bundeswehr mit der "Landes- und Bündnisverteidigung innerhalb der NATO" alleine da. Rühe hatte vor diesem Hintergrund die Beibehaltung der Wehrpflicht damit verteidigt, daß diese der Bundeswehr die Möglichkeit eröffne, die Personalstärke der Bundeswehr durch die Mobilisierung von Reservisten in kurzer Zeit auf etwa 700000 Soldaten zu verdoppeln. Dadurch werde die Bundeswehr zum "zentralen Faktor europäischer Verteidigung auf dem Kontinent", während sich Frankreich "anderen Aufgaben" zuwende. Rühe drohte Frankreich zudem damit, sich aus der Kooperation bei der Entwicklung der gemeinsamen Aufklärungssatelliten Helios und Heros zurückzuziehen, die den Dreh- und Angelpunkt einer von den USA unabhängigen "europäischen Verteidigungsidentität" darstellen. Rühe hatte Anfang Oktober die im Entwurf zum Bundeshaushalt 1997 erstmals für die Satelliten eingeplanten 147 Millionen wieder streichen lassen, weil diese nicht zu dem "vordringlichen militärischen Bedarf" zählten. Er könnte mit dieser Trotzreaktion allerdings ernste Probleme mit seinem Chef bekommen, denn Kohl hatte sich gegenüber "seinem Freund" Chirac persönlich verpflichtet, Entwicklung und Bau des Prestigeobjekts mit 5 Milliarden Mark zu unterstützen. Eine endgültige Entscheidung soll auf dem deutsch-französischen Gipfeltreffen Ende des Jahres fallen. Bisher jedenfalls schienen Frankreich und Deutschland die idealen Partner, wenn es um den Aufbau der Europäischen Union und ihrer "gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik" ging, und Großbritannien stand abseits. Schon in den 80er Jahren hatten Mitterant und Kohl eine Reihe von Initiativen zur Intensivierung ihrer militärpolitischen Zusammenarbeit, speziell auch zur Wiederbelebung der WEU als europäisches Komplement zur NATO, gestartet. Im Maastrichter Vertrag vom Dezember 1991 wurde die WEU dann als "die Verteidigungskomponente der Europäischen Union" propagiert. In Großbritannien hält man von diesen Plänen ungefähr so viel wie von der Währungsunion. Von der Bundesregierung wurde dieses Ziel jedoch zu Beginn der seit Anfang des Jahres tagenden Regierungskonferenz zur Überprüfung des Maastrichter Vertrags noch einmal hervorgehoben. Mittlerweile - v.a. in Folge der Umorientierung Frankreichs und der daraus resultierenden deutsch-französischen Dissonaz - scheint eine allein auf die WEU setzende eigenständige "gemeinsame europäische Verteidigungspolitik" (Positionspapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom Sommer 95) mehr und mehr gegenüber dem NATO-Konzept der "Combined Joint Task Forces" an Glanz zu verlieren. Dieses beinhaltet im wesentlichen, daß in Krisensituationen nicht unbedingt die NATO als solche - d.h. heute noch immer unter Führung der USA - interveniert, sondern ein Ad-hoc Bündnis europäischer Mächte die NATO-Strukturen auch für eigenständige Militäreinsätze nutzen kann. Dabei sollen auch - wie in Bosnien bereits geschehen - Nicht- bzw. Noch-nicht-NATO-Länder inclusive Rußland integriert werden können. Anfang Oktober hatte Chirac die USA erneut provoziert, als er Frankreichs Unterstützung dieses Konzepts von der Erfüllung seiner Forderungen nach mehr Einfluß in den NATO-Führungsgremien abhängig machte. Demnach sollte der Oberbefehlshaber Europa ein Amerikaner bleiben, dem ein Europäer lediglich als Stellvertreter zur Seite steht. Dieser Stellvertreter sollte jedoch einen eigenen Stab und weitreichende Vollmachten erhalten, um die europäischen NATO-Länder und WEU-Mitglieder zu eigenständigen Militäraktionen - ohne die Amerikaner - zu befähigen. Entsprechende Beschlüsse regeln schon heute, daß die Europäer in einem solchen Fall die NATO-Infrastruktur nutzen könnten. Die Zuständigkeit des amerikanischen Oberbefehlshabers wäre dann darauf beschränkt, der WEU den Zugriff auf diese Infrastruktur zu gewährleisten. Der europäische Stellvertreter erhielte seine Weisungen ausschließlich vom WEU-Rat - der amerikanische Admiral wäre zum bloßen Handlanger europäischer Generäle degradiert. Damit nicht genug: Die Ernennung des stellvertretenden Oberbefehlshabers sollte, so die französische Forderung, ebenfalls ausschließlich den WEU-Staaten obliegen; Die USA, Kanada, Island, Norwegen, Dänemark und die Türkei würden dadurch "NATO-Mitglieder minderen Rechts" (FAZ), was auf eine Spaltung des Bündnisses hinausliefe. Das Problem mit dem deutschen Sonderling "Auf welche Weise die deutsche Einheit auch verwirklicht werden mag", prognostizierte Henry Kissinger 1966, "eines ist klar: es wird nicht dadurch geschehen, daß die Grenzen der NATO nach Osten verschoben werden". Kissinger dachte dabei natürlich nicht an die Osterweiterung, die im kommenden Jahr ebenfalls auf dem Reformprogramm der NATO steht, sondern brachte damit lediglich die gegensätzlichen Interessen beider Bündnispartner zum Ausdruck: Die NATO-Führungsmacht USA würde niemals für die revanchistischen Ziele der BRD in den Krieg ziehen. Da sich die BRD "als einzige unter den Westmächten", wie Kissinger damals weiter ausführte, "nicht mit dem Status quo zufrieden geben", man in der Auseinandersetzung mit der anderen Supermacht allerdings schlecht auf eine starke BRD verzichten konnte, mußte hierfür eine besondere Regelung gefunden werden: Die BRD hatte ihr militärisches Potential vollständig der NATO zu unterstellen, sollte keine strategisch relevanten Waffen erhalten und durfte insbesondere keine Atomwaffen in die Finger bekommen. Frankreich, Großbritannien, die USA und die Sowjetunion bekräftigten nachdrücklich die "Rechte und Verantwortlichkeiten der Vier Mächte" der Anti-Hitler Allianz für "Berlin und Deutschland als Ganzes" und zügelten den aggressiven Sonderling nicht zuletzt durch eine ausreichend starke Truppenpräsenz. In den 80er Jahren brachten der wirtschaftliche Aufschwung in Westeuropa, der damit sich anbahnende Hegemonieverlust der USA und die den Zerfall einleitende sowjetische Reformbewegung unter Gorbatschow die Grundmauern der nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa etablierten "balance of power" ins Wanken. In "Mitteleuropa" entstand ein Machtvakuum, in dem sich die BRD nun auszudehnen gedachte. Der Ton der Verbündeten änderte sich gleichzeitig. Im September 1984 propagierten Kohl und Mitterand auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bei Verdun die "Nation Europa". Im Mai 1985 beschlossen Kohl und Reagan auf dem Soldatenfriedhof bei Bitburg, den Kampf gegen "die Finsternis des Totalitarismus" gemeinsam zu Ende zu führen. Die BRD kam ihrem wichtigsten außenpolitischen Ziel näher. Im "Historikerstreit" verlangten Konservative eine "Revision der Geschichte des Dritten Reiches" und die Wiederherstellung der "inneren Kontinuität der Deutschen Republik". Im September 1990 gaben die Mächte der Anti-Hitler Allianz ihre Kompetenzen bezüglich der "Deutschen Frage" an die Regierungen der BRD und DDR ab. Weit davon entfernt, seine Ziele befriedigt zu sehen, vertritt Deutschland seine weitergehenden Ansprüche seither nur unter günstigeren Voraussetzungen. Die unmittelbar auf die wiedererlangte Souveränität vollzogene Wiedervereinigung schloß den stürmischen Verlauf der politischen Veränderungen in Osteuropa keineswegs ab, sondern verlieh diesem durch die erstmalige Revision der europäischen Nachkriegsgrenzen die spezifisch deutsche Note: Nicht der bloße Wechsel von sozialistischen Regimen zu kapitalistischen, sondern die Neuaufteilung Osteuropas nach völkisch-nationalen Kriterien stand nunmehr auf der Tagesordnung. Die Wiedervereinigung selbst schon wurde den NATO-Partnern durch die Mobilisierung der Volksmassen unter der Parole der "Selbstbestimmung" abgetrotzt und die Ausweitung der NATO auf das Gebiet der ehemaligen DDR gegen die zur Gegenwehr unfähige Sowjetunion durchgesetzt. Kohl verdeutlichte die Grundidee dieser Politik gegenüber Gorbatschow theatralisch am Ufer des Rheins mit seiner superdeutschen Metapher von dem Fluß, den man zwar stauen könne, der dann aber über die Ufer trete. Zur gleichen Zeit gelangten die ersten MIG-Kampfflugzeuge aus den Beständen der aufgelösten DDR-Streitkräfte in die Hände des kroatischen Generals Franjo Tudjman, der sich gerade anschickte, das "künstliche Gebilde" (FAZ) Jugoslawien in seine völkischen Bestandteile zu zerlegen. An Jugoslawien sollte also die nächste Operation zur Revision der "widernatürlichen" Nachkriegordnung stattfinden. Vorher aber machten dem militärisch noch unterentwickelten Deutschland einige Schweinereien aus den 80er Jahren zu schaffen, die seine Ambitionen als kommende Weltmacht fast zu blamieren drohten. Im Persischen Golf positionierten sich im Herbst 1990 US-Flugzeugträger, um den von deutschen Spezialisten mit Massenvernichtungswaffen hochgerüsteten Irak in seine Schranken zu weisen. Die NATO war zu dieser Zeit kaum handlungsfähig, nicht nur weil ihre Infrastruktur nahezu ausschließlich auf die Kriegsführung gegen die Sowjetunion in Eruopa ausgerichtet war. Der über diplomatischen Druck unternommene Versuch der USA, Deutschland in die Pflicht zu nehmen und an der "antiirakischen Allianz", der sich ansonsten die wichtigsten europäischen NATO-Partner anschlossen, zu beteiligen, hatte nicht den gewünschten Erfolg. Mit der für die Kohl-Regierung in solchen Fällen gänzlich untypischen Ausrede, das Grundgesetz lasse out-of-area Einsätze nicht zu, verweigerte diese den von sämtlichen Bündnispartnern und Israel geforderten militärischen Beistand. Deutschland schickte zwar schon im August einen Minensuchverband ins Mittelmeer - wo keine Minen waren - lieferte einige Waffen und Munition, spendete ein paar Milliarden zur Finanzierung des Militäraufmarschs und war ab Anfang 1991 sogar mit eigenen Verbänden an der türkisch-irakischen Grenze präsent, achtete jedoch penibel darauf, nur dort in Erscheinung zu treten, wo kein Krieg stattfand. Eine geheime Weisung der Bundesregierung an den deutschen NATO-Botschafter soll, so wurde später berichtet, sogar verhindert haben, daß schon im Herbst 1990 die komplette Alliierte Eingreiftruppe der NATO einschließlich des deutschen Heeresanteils in die Türkei verlegt werden konnte. In der Diskussion um den sog. Bündnissfall (ab wann ist die NATO am Golfkrieg beteiligt) hatte die Bundesregierung den Standpunkt eingenommen, es müsse zwischen zwei Frontverläufen unterschieden werden: Einerseits die militärisch von den USA angeführte UN-Mission gegen den Irak von Saudi Arabien und dem Persischen Golf aus und andererseits die NATO-Front, die angeblich dazu dienen sollte, die Türkei gegen einen Angriff des Irak zu schützen. Zwar hing sich NATO-Generalsekretär Manfred Wörner - BRD-Kriegsminister in den 80er Jahren - frühzeitig aus dem Fenster und erklärte, der erste Schuß des Irak auf die Türkei würde von der NATO unmittelbar beantwortet; Der damalige Außenminister Genscher stellte dagegen in einem Spiegel-Interview klar, die Türkeipränsenz der Bundeswehr hätte weder mit dem Bündnisfall, noch mit der UN-Mission gegen den Irak zu tun, sondern folge einem rein bilateralen Abkommen von 1970. Nur wenige Monate nach diesem Konflikt mit den USA in der Golfregion legte sich Genscher im Sommer 1991 mit seinen Kollegen in der EG an. Mit seinem Apell an die kroatischen Separatisten - "Mit jedem Schuß rückt die staatliche Unabhängigkeit Kroatiens näher" - stachelte er den Krieg zwischen Kroaten und Serben an und torpedierte die Bemühungen von UNO und EG um eine friedliche Beilegung des Konflikts in Jugoslawien. Als dann 1992 der "furchtbare Krieg in Bosnien-Herzegowina" ausbrach, vor dem UN-Generalsekretär Perez de Cuellar Genscher in einem Brief Ende 1991 ein letztes mal gwarnt hatte, falls dieser die Abtrennung Kroatiens und Sloweniens im Alleingang legitimiere, spielte das Grundgesetz als Hemmnis für Bundeswehreinsätze plötzlich keine Rolle mehr. Nun, wo es darum ging, Serbien in die Knie zu zwíngen, standen die Deutschen - wie während des Golfkriegs - abermals allein da, jetzt aber als Wortführer einer NATO-Intervention. Ebenso die öffentliche Meinung, die die irakische Annexion Kuweits und die Zurückhaltung der Bundeswehr zuvor damit rechtfertigten wollte, daß die dortige Grenzziehung ein Diktat des britischen Imperialismus gewesen sei; Schon im Sommer forderten SPD, Grüne, Friedens- und Menschenrechtsgruppen die Bundesregierung auf, die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens auch gegen den Willen der EG-Partner anzuerkennen. Ende 1992 kam es gar zu Tumulten innerhalb der Regierung, obwohl sich diese außenpolitisch bereits völlig isoliert hatte. Nach dem spektakulären Amtsrücktritt des Postministers Schwarz-Schilling, der dem Kabinett "Tatenlosigkeit" angesichts des "Völkermords" in Jugoslawien vorwarf, verlangte Arbeitsminister Norbert Blüm kurz vor Weihnachten in der Bildzeitung eine "Weltpolizei, die dazwischenfährt und den Amokläufern in Bosnien die Waffen aus der Hand schlägt" Der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Schwarz forderte im Fernsehen ein "sofortiges militärisches Eingreifen", die serbische Luftwaffe müsse "ausgeschaltet" und strategisch wichtige Stellungen der Serben müßten "bombardiert" werden. Sein Fraktionskollege Karl-Heinz Hornhues vertrat die Ansicht, daß es gegen einen Einsatz der Bundeswehr "kein stichhaltiges Argument" mehr gebe. Der damalige NATO-Generalsekretär Manfred Wörner - in den 80er Jahren Verteidigungsminister - hatte öffentlich und wahrheitswidrig die Bereitschaft der NATO erklärt, in Jugoslawien "militärisch einzugreifen"; die NATO-Mitgliedsstaaten wünschten, behauptete er, "daß die Deutschen in einer Gemeinschaftsaktion der UNO auch militärische Verantwortung übernähmen". In der CDU wuchs die Bereitschaft zum Verfassungsbruch ebenso wie die Neigung zum Lügen. In der UNO wie in der NATO gab es in Wahrheit erhebliche Widerstände gegen die von Deutschland geforderte rabiate Militärintervention. US-Kriegsminister Richard Cheney wandte sich zum Abschluß der NATO-Ministertagung Mitte Dezember 1992 entschieden gegen die - in Deutschland geforderte - Entsendung von Bodentruppen nach Jugoslawien, weil diese dann in einen "Guerillakrieg" hineingezogen werden könnten. In Großbritannien wurde eine Intervention mit der Begründung abgelehnt, daß die damals 2000 britischen Soldaten der UN-Friedenstruppe in Kriegshandlungen verwickelt werden könnten. In der NATO befürchtete man zudem, daß gerade ein Eingriff von außen zu einem Übergreifen der Militärhandlungen auf Mazedonien führen könnte und Albanien, und v.a. die NATO-Mitglieder Türkei und Griechenland in den Konflikt hineingezogen würden. US-Außenminister Lawrence Eagelburger wies darauf hin, daß selbst ohne den Einsatz von Bodentruppen, bei einer reinen "Luftkampfaktion", die UN-Truppen aus Jugoslawien evakuiert werden müßten und damit die humanitären Hilfsaktionen der UNO unterbrochen würden. NATO-Militärs machten außerdem klar, daß es sich bei den Verletzungen des Überflugverbots über Bosnien, die in Deutschland immer zur Rechtfertigung einer NATO-Reaktion genannt worden waren, fast ausschließlich um Transporte von Verwundeten und Offizieren mit Hubschraubern gehandelt habe, also nicht um Militärhandlungen im eigentlichen Sinne. Den USA wurde daraufhin in der FAZ vorgeworfen, wegen ihres Interesses an den Öl-Ressourcen im Nahen Osten einen "Völkermord an dem irakischen Volk" begangen zu haben, den "Völkermord in Jugoslawien" aber tatenlos geschehen zu lassen. Erst im Sommer 1995 setzten die Deutschen endlich ihren Willen durch. Ausgangspunkt dafür war der "Blitzkrieg" der von Deutschland mit Waffen und Aufklärungsdaten der NATO versorgten Kroatischen Armee Ende April in Westslawonien und ihre Großoffensive gegen die Serben in der Krajina Anfang August. Diese Militärschläge und die darauf folgenden, von Kroatien unterstützten Eroberungen der bosnischer Streitkräfte wurden von deutschen und den seit 1994 präsenten US-amerikanischen Militärberatern vorbereitet. Es folgten die spektakulären Luftangriffe der USA im September und nach dem Abschluß des Dayton-Abkommens der größte NATO-Einsatz aller Zeiten -die Ifor-Mission in Bosnien. Deutschland ist damit erstmalig das gelungen, was die BRD - seit sie 1955 Mitglied der NATO wurde - immer vergeblich versucht hatte - die Bündnispartner in einen Krieg zu verwickeln, an dem diese niemals ein Interesse hatten. Der große Verlieren - abgesehen freilich von den Menschen in Ex-Jugoslawien - war dabei Frankreich, daß mit 5000 Soldaten nicht nur den größten Anteil der UN-Schutztruppen stellte, sondern mit ca. 40 Gefallenen auch den größten Anteil der Opfer zu beklagen hatte. Die Ironie der Geschichte will es, daß die französischen Verbände, die im kommenden Jahr mit deutschen Kampfverbänden in Zentralbosnien stationiert werden, ihre Befehle von einem deutschen Brigardegeneral erhalten. Stabschef im NATO-Hauptquartier für Ifor 2 - verspricht Rühe - wird dann ebenso ein Deutscher sein. Sollten sich die Deutschen auch noch mit ihrer Forderung durchsetzen, daß das Mandat der NATO-Truppen auf die Jagd auf serbische Kriegsverbrecher ausgeweitet wird, könnte Bosnien 1997 ein heißer Herbst bevorstehen. |