|
Vom 11. März 2002
Von Thomas Becker
Eine Vorlage für eine Diskussion über den Begriff des Faschismus in einer linken Gruppe in Bielefeld
|
Die Bewegung des Faschismus "Befreites Bewußtsein, das freilich im Unfreien keiner hat; eines, das seiner mächtig wäre, wirklich so autonom, wie es bisher immer nur sich aufspielte, müßte nicht immerzu fürchten, an ein Anderes - insgeheim die Mächte, die es beherrschen - sich zu verlieren. Das Bedürfnis nach Halt, nach dem vermeintlich Substantiellen ist nicht derart substantiell, wie seine Selbstgerechtigkeit es möchte, vielmehr Signatur der Schwäche des Ichs, der Psychologie bekannt als gegenwärtig typische Beschädigung der Menschen." Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Seite 102 Der Faschismus ist die Reaktion der bürgerlichen Gesellschaft gegen die bürgerliche Gesellschaft, ihre Selbsterhaltung durch ihre Selbstzerstörung, ihr Ausweg in die Ausweglosigkeit oder ihr Selbstmord. Für den einzelnen Selbstmörder besteht der Ausweg darin, daß er aus der Vernichtung seiner selbst, die er als Täter und Opfer zugleich aktiv und passiv durchlebt, zugleich als Sieger hervor- und als Verlierer untergeht. Er tut dies in dem Bewußtsein seiner Ohnmacht gegenüber einer Welt, die über ihn bestimmt, noch ehe er selbst seine letzte Kraft gegen sie aufbringt, als sein eigener Richter über Leben und Tot und Henker seiner selbst. Er hat dabei die doppelte Befriedigung, einem Leben, das er nur erleidet, zu entkommen, und diese Rettungsaktion zugleich als seine eigentümliche Tat zu behaupten, durch die er einmal sein Leben selbst bestimmt. Der Selbstmord ist die resignierende Machtergreifung des Ohnmächtigen. Der Faschist aber unterscheidet sich davon nur darin, daß er jenes Bewußtsein seiner Ohnmacht sich nicht zugibt, deshalb andere richten und hängen sehen muß; er ist nicht Selbstmörder, sondern Amokläufer oder Selbstmordattentäter. Ohnmächtiger Überdruß ist zwar die unmittelbare Gefühlsreaktion eines jeden Bürgers der bürgerlichen Gesellschaft auf ein Leben unter dem Diktat eines automatischen Subjekts, für den Profit um des Profits und die Arbeit um der Arbeit willen. Aber dieses Gefühl darf nicht als solches, nämlich nicht als subjektiver Widerspruch gegen den objektiven Widersinn dieses Lebensprinzips in das Bewußtsein der bürgerlichen Gesellschaft selbst vordringen. Denn jene Paradoxie, Selbstbestimmung durch Selbstverleugnung, ist nicht unmittelbar als das Lebensprinzip der bürgerlichen Gesellschaft offensichtlich, vielmehr Kraft eigener Unlogik durch sich selbst verborgen, und das resultierende notwendig falsche Bewußtsein durch Erziehung, Medien und Gesetze jedem Einzelnen nochmals eingeimpft und übriger Widerspruch ausgetrieben. Schließlich ist jedes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft Kraft eigenen Selbsterhaltungstriebs zur Verdrängung seiner widersprechenden Regungen veranlaßt, getrieben von der Angst vor der Autorität der Allgemeinheit, gegen die jeder Einzelne ohnmächtig ist. Um diesen inneren Widerstreit, einerseits die Ohnmacht als unmittelbares Gefühl, das sich in einem solchen Leben notwendig einstellt, andererseits die Notwendigkeit der Verdrängung dieses Gefühls um der Selbsterhaltung willen, auszuhalten, bedarf es der Ablenkung, der durch Konkurrenzkampf und Karriere, Sport und Soldatentum, Arbeit und Kultur, Psychotherapie und allerlei ideologischen Trost viele Wege gebahnt sind. Die ganze Ablenkung dient aber nur dazu, jenen inneren Widerstreit auszuhalten, der Selbstbeherrschung, kann diesen aber nicht aufheben; denn dies Aufheben hieße das Gegenteil, Bewußtwerden der Ohnmacht, Bewußtwerden des Grundes dieser Ohnmacht als des Lebensprinzips der bürgerlichen Gesellschaft selbst, und schließlich der Kampf dagegen und ihre Aufhebung, d.h. Befreiung von allgemeiner Herrschaft durch individuelle Emanzipation. Oder aber statt dieser positiven, Kommunismus, die nagative Aufhebung, Faschismus, d.h. Leugnung der Ohnmacht durch Volksgemeinschaft, Verschleierung ihres Grundes durch Antisemitismus, schließlich Vernichtung anderer statt eigener Emanzipation. In der Volksgemeinschaft wird die individuelle Ohnmacht durch kollektive Überheblichkeit geleugnet, ideologisch durch Rassenideologie, religiös, und praktisch durch Gewalt, Terror und Vernichtung, wodurch das Bewußtsein und Gefühl der Überlegenheit herausgebildet und gefestigt wird. Der Antisemitismus ist die der Volksgemeinschaft angemessene Weltanschauung, die Begründung der geleugneten, aber daher als Haß weiter wütenden Ohnmacht als einer gegen sie gerichteten Verschwörung einer Gegen-Rasse oder eines Anti-Volkes, gegen das sich die Volksgemeinschaft zusammenschließt und ihrerseits verschwört. Was nicht zum Bewußtsein kommen soll, die Sinnlosigkeit eines Leben nach der Maxime des Kapitals, Profit und Arbeit als Selbstzweck, Herrschaft durch Selbstbeherrschung, selbstverschuldete Unmündigkeit - dieser Grund von Haß und Wut verkehrt sich im Bewußtsein des Antisemiten zur Intrige einer jüdischen Weltverschwörung. Das allgemeine kapitalistische Prinzip des Profits um des Profits willen soll nun der besonderen Willkür jüdischer Geldgier entspringen, während das selbe allgemeine kapitalistische Prinzip der Arbeit um der Arbeit willen als Motto der Volksgemeinschaft jenem jüdischen Charakter absolut entgegengesetzt erscheint. Diese Spaltung des selben Prinzips in entgegengesetzte erscheint zunächst selbst willkürlich, und ist es auch, nur nicht im Bewußtsein des Antisemiten, der gerade durch dies notwendig falsche Bewußtsein seine Herkuft aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft selbst offenbart, die er im Juden sich zum Feind erklärt hat. Denn jener Schein des Gegensatzes zwischen Profit oder Tauschwert und Arbeit oder Gebrauchswert, der antisemitische Gegensatz von raffendem Kapital und schaffender Arbeit, ist nichts anderes als die bewußtlose Konsequenz des Fetischcharakters der Ware, nur eben jetzt bewußt durch Gewalt zur absoluten Feindseligkeit verkehrt. Vermittelst des Warenaustauschs erscheinen in der bürgerlichen Gesellschaft die gesellschaftlichen Beziehungen als das, was sie sind (Marx), nämlich nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen, sondern als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen. Der Faschismus verkehrt den Schein und läßt die Sache, wie sie ist, tauscht nur den einen Fetisch durch einen anderen aus. Die Versachlichung der persönlichen Beziehungen vermittelst des Geldes scheint dem Menschen unwürdig; daher greift das Bedürfnis um sich, dies Unpersönliche durch etwas dem Menschen würdigeres, höheres, tieferes, angemesseneres zu verbannen: Gott oder Gene - der Barbarei sind keine Grenzen mehr gesetzt, wo die Willkür bereits das Regiment übernommen hat. Da der Kampf gegen das Lebensprinzip der bürgerlichen Gesellschaft nicht aus Einsicht und mit Vernunft, sondern aus verleugneter Ohnmacht und mit Haß geführt wird, ist die Wahl des Fetisches, der den der Tauschrationalität beerben soll, willkürlich geworden; nur dunkle Ahnung von Allmacht muß sich noch damit verknüpfen lassen; übrig bleibt die Willkür selbst als das, worauf die faschistische Gemeinschaft sich ausschließlich verschworen hat. Die faschistische Bewegung, die der bürgerlichen Gesellschaft so im doppelten Wortsinn entspringt, und die persönliche Beziehung, das ihr Bedürfnis war, als persönliche Willkür verwirklicht, findet darin aber nicht den Halt, den der faschistische Fetisch ihr versicherte. Denn die Allmacht Gottes oder der Gene war nur der Schein ihrer eigenen Verblendung. Analog der Rüstungsproduktion, die die Wirtschaft ankurbeln soll und dann doch nur im totalen Krieg und der totalen Niederlage enden muß, verführt der Fetisch der Allmacht zum absoluten Nihilismus, dessen Ausdruck er immer schon war. Um den Schein zu wahren, der der Wirklichkeit immer grasser widerspricht, muß dieser permanent zum Aberwitz gesteigert werden; der gesteigerte Wahsinn wird so der ständige Begleiter der im gleichen Maß gesteigerten Willkür, die seiner Verwirklichung dient. Die Lügenpropaganda der faschistischen Bewegung ist ihre Lebenslüge, die Vernichtung der Anderen nur das Vorspiel ihrer eigenen, denn was sie im Sinn hat, war von Anfang nur der blinde Selbsthaß, der spätestens dann ans Licht kommt, wenn sie ihn am Anderen ausgetobt hat. |