1. Teil

Von der Kritik zur Selbstkritik

Über das historische Drama ungebrauchter Mehrarbeit

Stoffwechsel mit der Natur

"Zunächst" ist die Arbeit "ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen".1 Dabei sind nur erst die "einfachen Momente des Arbeitsprozesses" vorhanden, worin die Arbeit selbst als "zweckmäßige Tätigkeit" erscheint.2 Die Besonderheit der Arbeit im Kapitalismus kommt dabei noch nicht in Betracht, vielmehr wird zunächst von dieser Besonderheit gerade abgesehen. Diese Abstraktion ist möglich, weil auch die Arbeit im Kapitalismus, von ihrer Besonderheit abgesehen, diese einfachen Momente des Arbeitsprozesses enthält: "Der Arbeitsprozeß, wie wir ihn in seinen einfachen und abstrakten Momenten dargestellt haben, ist zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam".3

In dieser Einfachheit betrachtet4 erscheint Arbeit als Quelle des Selbstbewußtseins des Menschen. In der Arbeit wird der Mensch sich bewußt, daß er die Natur nach seinen Vorstellungen gestalten kann. "Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war", und "nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck".5

Indem er seinen Zweck verwirklicht, betätigt und bestätigt sich der Mensch in seiner Arbeit als Subjekt. Die Natur ist sein Objekt. Nun ist der Mensch selbst auch Natur. Indem er also die äußere Natur bearbeitet, verarbeitet er zugleich seine innere, denn diese ist genauso Gegenstand seiner Arbeit wie jene; es ist der selbe Zweck, den er im Natürlichen verwirklicht, "den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt".6 In seiner Arbeit vermittelt, regelt und kontrolliert der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur und gestaltet diese nach seinen Vorstellungen; er gibt seinen Vorstellungen Gestalt vermittelst der geregelten Tätigkeit seiner Organe, die sein zweckmäßiger Wille kontrolliert. Er betätigt und bestätigt sich dabei als diese gegensätzliche Einheit, selbst Geist und Natur, Subjekt und Objekt zu sein. Er wird sich bewußt, daß das seine menschliche Natur ist. Aber durch seine Arbeit hebt er diesen Gegensatz zugleich dadurch auf, daß er sich an und für sich selbst verwirklicht. Denn der Zweck, den er sich im Geiste vorstellt und als Gebrauchswert herstellt, hat zugleich seine menschliche Natur, das zu befriedigende menschliche Bedürfnis, zum Gegenstand.

Der Mensch hebt dadurch in seiner Arbeit einerseits "seine Anhänglichkeit an natürliches Dasein auf, und arbeitet dasselbe hinweg".7 Aber dieses Hinwegarbeiten ist andererseits zugleich die selbstbewußte Verwirklichung desselben: "Der Arbeiter der selbstbewußten Form vertilgt zugleich die Vergänglichkeit, welche die unmittelbare Existenz dieses Lebens an ihm hat, und nähert seine organischen Formen den strengeren und allgemeineren des Gedankens. Die organische Form, die freigelassen in der Besonderheit fortwuchert, ihrerseits von der Form des Gedankens unterjocht, erhebt andererseits diese geradlinigen und ebnen Gestalten zur beseelteren Rundung".8

Mehrwertproduktion

In ihrer Einfachheit betrachtet ist Arbeit die den Gegensatz von Geist und Natur aufhebende Tätigkeit des Menschen. Selbstbewußte Arbeit setzt also das Vorhandensein dieser einfachen Momente des Arbeitsprozesses voraus: daß sie die Herstellung von Gebrauchswerten, die menschliche Bedürfnisse befriedigen, bezweckt. Es ist nun aber gerade die Besonderheit der Arbeit im Kapitalismus, daß sie diesen Zweck nur als verschwindendes Moment enthält. In der kapitalistischen Produktion ist der Gebrauchswert nur die verschwindende Form, die eine Ware annehmen muß, um einen Käufer zu finden. Der Gebrauchswert ist nur das Mittel zum Zweck des Verkaufs. "Der Gebrauchswert ist überhaupt nicht das Ding qu'on aime pour lui-même in der Warenproduktion. Gebrauchswerte werden hier überhaupt nur produziert, weil und sofern sie materielles Substrat, Träger des Tauschwerts sind".9

Dieses materielle Substrat verschwindet im Verkauf, im Tausch der Ware gegen Geld, das selbst nur Wert an sich ohne Gebrauchswert ist. Zweck der kapitalistischen Produktion ist also der von allem Gebrauchswert gereinigte Wert an sich, Geld, die Vermehrung von Wert an sich oder die Herstellung von Mehrwert. "Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens".10

Dieser "absolute Bereicherungstrieb", die "leidenschaftliche Jagd auf den Wert"11 ist nun also nicht mehr die Arbeit eines selbstbewußten Subjekts, sondern die bewußtlose Bewegung des Werts an sich, Geld als Kapital oder als "automatisches Subjekt": "In der Tat wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung. Er hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier".12

Statt des Menschen, der in der Arbeit seinen Zweck verwirklichte, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmte, bestimmen nun die "immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze"13 die Arbeit des Menschen. Kapitalistische Produktion ist "Produktion um der Produktion willen".14

Zwangscharakter

Es ist nun gleichwertig, ob Brot oder Bomben hergestellt werden15, und diese in der Produktion hergestellte abstrakte Gleichheit führt zur allgemeinen Gleichgültigkeit. Denn in dem Maße, in dem der Gebrauchswert, in dem sich einmal ein menschliches Bedürfnis materialisierte, das ein Stück menschliche Natur darstellte, zum materiellen Substrat, Träger des Tauschwerts, abgewertet ist, ist der Mensch selbst nicht mehr das Maß aller Dinge. Der Arbeiter ist nicht mehr Subjekt, sondern Objekt der Produktion um der Produktion willen.16 Er verwirklicht in der Arbeit nicht mehr seinen Zweck, sondern ein ihm fremder Zweck, der ihn zur Arbeit zwingt, verwirklicht sich in seiner Arbeit. Der Zweck seiner Arbeit ist ihm fremd und daher gleichgültig, und er arbeitet also nicht für sich, sondern weil er dazu gezwungen ist. Er hat den Charakter eines Zwangsarbeiters.

Das Selbstbewußtsein dieses Zwangsarbeiters ist aber ein doppeltes oder widersprüchliches. Denn insofern seine Arbeitskraft eine Ware ist, dessen Eigentümer er ist, ist er zugleich frei und frei verkäuflich; als Arbeiter verkauft er sich aus freien Stücken selbst. Dazu wieder ist er gezwungen. Aber es zwingt ihn kein Mensch dazu, vielmehr muß er sich selbst dazu zwingen. Er muß sich zu dem Zwang der Verhältnisse selbst verhalten und den äußeren Zwang verinnerlichen. Oder als Arbeiter verhält er sich zwanghaft.

Nachdem er das Prinzip der Produktion um der Produktion willen verinnerlicht hat, ist er als Eigentümer seiner Arbeitskraft Subjekt. Aber er ist nur Subjekt, insofern er der Produktion um der Produktion willen dient, deren Zwängen er sich unterwerfen mußte; er ist nur Subjekt, insofern er es aufgegeben hat, in der Arbeit seine Vorstellungen und sich selbst zu verwirklichen. Er ist also nur Subjekt, insofern er sich als denkendes und handelndes, als bestimmendes und gestaltendes Subjekt selbst aufgegeben hat. In seiner Arbeit stellt er nun also die Einheit des Gegensatzes von Geist und Natur für sich so her, daß er beide menschliche Seiten an sich aufgibt oder negiert. Sein Selbstbewußtsein ist also die Negation seines Selbstbewußtseins. Er ist ein Mensch, der seine menschliche Natur aufgegeben oder das Menschliche an und für sich verdrängt hat. Er hat sich dadurch das ökonomische Prinzip zu eigen gemacht und ist selbst ein automatisches Subjekt geworden. Oder er hat das ökonomische Prinzip zum psychologischen Prinzip erhoben.

Das Menschliche ist darin wie der Gebrauchswert in der Produktion das verschwindende Moment. Es widerspricht zwar dem ökonomischen Prinzip, aber insofern die Arbeitskraft eine dem Menschen eigentümliche Eigenschaft ist, muß es, ebenso wie der Gebrauchswert in der Produktion, stetig als stets verschwindendes Moment reproduziert werden. Der Arbeiter, der sich diesem Prozeß täglich neu zu unterwerfen hat, muß seine menschliche Natur deshalb täglich neu verdrängen. Auf diese Weise verselbständigt und festigt sich sein Zwangscharakter.

Das Menschliche ist darin aus dem Bewußtsein verdrängt oder ins Unbewußte abgedrängt, wo es sich erhält, denn "im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen".17 Vielmehr ist dabei ein unbewußter Wunsch entstanden, insofern "nichts anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag".18 Da er als Arbeiter, weil er dazu gewzungen war, sich selbst als Subjekt aufgegeben und sein Selbstbewußtsein negiert hat, kann er es jedoch nicht wagen, sich diesen Wunsch bewußt zu machen. Denn würde er es doch wagen, so daß ihm der Widerspruch bewußt würde, daß er sich gerade dieses Menschliche wünscht, das er in seiner Arbeit negieren muß, so müßte er an seiner Arbeit zweifeln und fürchten, daß er, würde er diesem Wunsch nachgeben, seine Existenz als Arbeiter überhaupt aufs Spiel setzte. Oder der unbewußte Wunsch ist mit seinem Gegensatz, mit unbewußter Angst, besetzt.

Mehrarbeit

Ebenso wie das Menschliche also verdrängt und so als Wunsch im Unbewußten aufgehoben wird, bleibt in der Mehrwertproduktion der Gebrauchswert als zwar verdrängtes und bewußtlos hergestelltes, aber notwendiges Moment erhalten. Durch den durch die Mehrwertproduktion vorangetriebenen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt werden die Gebrauchswerte aber nicht nur erhalten, vielmehr werden sie wie die sie hervorbringende Arbeit selbst über das notwendige Maß hinaus vermehrt: "Was auf seiten des Kapitals als Mehrwert erscheint, erscheint exakt auf seite des Arbeiters als Mehrarbeit über sein Bedürfnis als Arbeiter hinaus, also über sein unmittelbares Bedürfnis zur Erhaltung seiner Lebendigkeit hinaus".19 In diesem in der Mehrwertproduktion geschaffenen überschüssigen materiellen Reichtum ist der Gebrauchswert aber noch das verschwindende, weil verdrängte und bewußtlos hergestellte Moment, insofern seine Herstellung nicht oder noch nicht die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bezweckt.

Dabei aber hat dieses unbefriedigende Arbeiten nicht nur diesen überflüssigen materiellen Reichtum geschaffen, sondern zugleich die materielle Grundlage seiner eigenen Überflüssigkeit. Es ist – objektiv – eine in der Geschichte der Menschen bisher nicht vorhandene Möglichkeit entstanden, indem die Surplusarbeit "durch die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, die das Kapital in seiner unbeschränkten Bereicherunsucht...voranpeitscht, so weit gediehen ist, daß der Besitz und die Erhaltung des allgemeinen Reichtums einerseits nur eine geringere Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft erfordert und die arbeitende Gesellschaft sich wissenschaftlich zu dem Prozeß ihrer fortschreitenden Reproduktion, ihrer Reproduktion in stets größrer Fülle verhält; also die Arbeit, wo der Mensch in ihr tut, was er Sachen für sich tun lassen kann, aufgehört hat".20

Es ist damit – objektiv – nicht nur die Möglichkeit entstanden, daß der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur ohne Anstrengung gestaltet, und sich also von dieser Anstrengung als ewiger Naturbedingung des menschlichen Lebens emanzipiert. Vielmehr hat "das Kapital die Arbeit über die Grenzen seiner Naturbedürftigkeit" hinausgetrieben und "schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht mehr als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit selbst erscheint, in der die Naturnotwendigkeit in ihrer unmittelbaren Form verschwunden ist".21 Diese – objektiv – vorhandene Möglichkeit, die Arbeit abzuschaffen, an deren Stelle die entfaltete Tätigkeit allseitig entwickelter Menschen träte, entspricht exakt dem – subjektiv – vorhandene Wunsch nach Menschlichem, der ins Unbewußte verdrängt und mit Angst besetzt ist.

Durch das bewußtlose Arbeiten ist jetzt also einerseits die materielle Grundlage für die volle Entfaltung des Selbstbewußtseins des Menschen geschaffen. Andererseits war diese ganze Arbeit wieder überflüssig, weil dem verängstigten Arbeiter eben dieses Selbstbewußtsein fehlt, sich als wahrer Mensch zu verhalten.

Anmerkungen

1 Karl Marx, Das Kapital, Band 1, S. 192

2 Kapital, S. 193

3 Kapital, S. 198; "Die allgemeine Natur des Arbeitsprozesses ändert sich natürlich nicht dadurch, daß der Arbeiter ihn für den Kapitalisten, statt für sich selbst verrichtet", S. 199

4 In dieser Einfachheit wird die Arbeit üblicher Weise betrachtet, beispielsweise im dtv-Lexikon: "Arbeit (mhd. arebeit ‚Mühe', ‚Not'), zielbewußte Kraftbetätigung, bes. die auf Schaffung von Werten gerichtete körperliche oder geistige Tätigkeit des Menschen."

5 Kapital, S. 193

6 Kapital, S. 193

7 G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 153

8 Phänomenologie, S. 510

9 "qu'on aime pour lui-même" = "das man um seiner selbst willen liebt", Kapital, S. 201

10 Kapital, S. 168

11 Kapital, S. 168

12 Kapital, S. 169

13 Kapital, S. 618

14 Kapital, S. 618

15 "Die Arbeit des Spinners war spezifisch verschieden von andren produktiven Arbeiten, und die Verschiedenheit offenbarte sich subjektiv und objektiv, im besondren Zweck des Spinnens, seiner besondren Operationsweise, der besondren Natur seiner Produktionsmittel, dem besondren Gebrauchswert seines Produkts. Baumwolle und Spindel dienen als Lebensmittel der Spinnarbeit, aber man kann mit ihnen keine gezogenen Kanonen machen. Sofern die Arbeit des Spinners dagegen wertbildend ist, d.h. Wertquelle, ist sie durchaus nicht verschieden von der Arbeit des Kanonenbohrers", Kapital, S. 203

16 Wenn hier nur von dem Arbeiter die Rede ist, so ist doch der Kapitalist selbst auch nur Subjekt als "personifiziertes Kapital", Kapital, S. 618

17 Sigmund Freud, Die Traumdeutung, S. 567

18 Traumdeutung, S. 556

19 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 244

20 Grundrisse S. 244

21 Grundrisse S. 244

2. Teil

Von der Wut zum Wahn

Ausrottung um der Ausrottung willen

Im März 1938 feierte der Wiener Mob den Einmarsch deutscher Truppen in Österreich immer wieder in spontanen Orgien. Juden, die ihre Sonntagskleider anziehen mußten, wurden unter dem Jubel der Umstehenden gezwungen die Straßen mit kleinen Bürsten zu "putzen". In Währing stellten sich Nazis über so zum "Straßeputzen" gezwungene jüdische Frauen und urinierten ihnen auf den Kopf.

Dieses Beispiel für die "nicht-instrumentelle Arbeit", die einen bedeutenden Zweig des nationalsozialistischen Vernichtungsprozesses darstellte, liefert den "reinsten Ausdruck ihres ideologischen und psychologischen Ursprungs".1

Zunächst enthält sie die einfache Projektion des von den Umstehenden selbst verinnerlichten Prinzips der Produktion um der Produktion willen auf die Juden, die zur "Arbeit um der Arbeit willen" gezwungen werden.2 Darin äußert sich der Wunsch, daß die Zwangsarbeit, die man selbst zu verrichten hat, von anderen verrichtet werden möge. Die jüdische Arbeit muß dabei so offensichtlich zwecklos dargestellt werden, daß im Vergleich dazu die eigene Arbeit als offensichtlich zweckvoll erscheint. Die sinnlose Entstellung der jüdischen Arbeit dient also der Verdrängung der Sinnlosigkeit der eigenen Arbeit.

Die Sonntagskleidung hat zunächst die selbe Funktion des unterscheidenden Vergleichs mit der eigenen Arbeitskleidung. Zugleich steckt darin der Vorwurf, daß die Juden nicht von ihrer eigenen täglichen Arbeit, sondern als "Parasit im Körper anderer Völker" von der Ausbeutung der Arbeit anderer leben.3 Die Juden erscheinen in ihren Sonntagskleidern als "Personifikationen der unfaßbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals".4

Die unfaßbare Macht, die die Antisemiten den Juden andichten, ist das Kapital, das sie zur Arbeit zwingt. Der Antisemit spürt diese an sich als fremde Macht. Daß er sich dieser fremden Macht unterwerfen muß, widerspricht aber seinem zwanghaften Selbstbewußtsein, denn er hat die Meinung von sich, daß er freiwillig arbeitet. Er muß also dieses an sich Unfaßbare, daß er sich selbst zu sinnloser Arbeit zwingt, aus seinem Bewußtsein verdrängen. Indem er die Juden dafür verantwortlich macht, wird es für ihn faßbar oder begreiflich. Sein zwanghaftes Selbstbewußtsein fordert nun von ihm, daß er gegen diese fremde Macht, die Juden, handgreiflich wird.

Es genügt ihm dabei nicht, die Juden zu offensichtlich sinnloser Arbeit in Sonntagskleidern zu zwingen, denn noch in dieser grotesken Entstellung hat ihre Arbeit zu viel Ähnlichkeit mit seiner eigenen. Daß sie wirklich ohnmächtig sind, er wirklich mächtig ist, demonstriert er, indem er auf sie uriniert.

Das Urinieren ist aber zugleich ein Hinweis darauf, daß diese Deutung noch zu oberflächlich ist; zu offensichtlich ist hier die Anspielung auf das Sexuelle. Die Konstellation insgesamt, die Kombination aus grotesker Entstellung und sexueller Anspielung, trägt vielmehr die Züge eines Traumbildes, das allerdings mit wirklichen Schauspielern aufgeführt wird, anstatt nur geträumt worden zu sein. Wird die Orgie so als Verwirklichung eines Traumes aufgefaßt, so wäre allerdings ein Wunsch als sein Motiv anzugeben, denn "der Traum ist eine Wunscherfüllung".5

Der Wunsch, daß die Zwangsarbeit, die man selbst zu verrichten hat, von anderen verrichtet werden möge, steckte schon hinter der sinnlosen Arbeit, zu der die Juden gezwungen werden. Das Traumbild verdrängt darin die eigene Wirklichkeit und setzt einen Juden an die Stelle des Ich. Ich spiele im Traum dann die Rolle, die ich dem Juden andichte. Über den, den ich für die zerstörerische, unendliche Macht halte, übe ich im Traum selbst zerstörerische, unendliche Macht aus. Im Traum erfülle ich mir also den Wunsch, selbst mächtig zu sein.

Dieser Wunsch, Macht über andere auszuüben, ist aber ein bewußter Wunsch, und er kann daher nur dann der Traumerreger sein, "wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbewußten zu wecken, durch den er sich verstärkt", und dieser Wunsch "muß ein infantiler sein".6 Das Urinieren weist auf diesen Zusammenhang hin: Der Wunsch, Macht über andere auszuüben, ist dabei mit infantiler sexueller Energie aufgeladen und wird dadurch verstärkt. Es ist die in der Kindheit begonnene und in der täglichen Arbeit reproduzierte Verdrängung der menschlichen Natur, die als unbewußter Wunsch nach Menschlichem das Traummotiv liefert. Das Traumbild stellt diesen mit Angst besetzten, unbewußten Wunsch aber wieder grotesk entstellt dar als Unmenschlichkeit; der Traumwunsch wird aus Angst einer "Entstellung durch die Zensur"7 unterzogen und in sein Gegenteil verkehrt dargestellt.

Der seelenlose Vollstrecker der Produktion um der Produktion willen wurde so der willige Vollstrecker der "Ausrottung um der Ausrottung willen"8, "seine Zielscheibe waren Menschen".9

Anmerkungen

1 Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers Willing Executioners, S. 287

2 Goldhagen, S. 287

3 Adolf Hitler, Mein Kampf, in: Goldhagen, S. 285

4 Mioshe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus, in: Dan Diner, Zivilisationsbruch, S. 243

5 Sigmund Freud, Die Traumdeutung, S. 136

6 Freud, S. 543, 544

7 Freud, S. 565

8 Postone, S. 251

9 Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, S. 1068