Keine Macht für niemand

Erklärung zum Bielefelder Aktionstag gegen Rassismus und rechte Gewalt

Kein Wunder daß die Mütter jener jungen Mörder, die ja nicht von ungefähr stolz auf ihre Abstammung sind, meist nichts von dem Treiben ihrer Söhne zu wissen vorgeben: Ist der Kleine denn nicht ganz nach dem Vater geraten, trotz oder noch mehr wegen seiner Glatze? Gleichen die Bomberjacken und Springerstiefel etwa nicht den Uniformen, in die man sie im wehrpflichtigen Alter von Staats wegen steckt und in denen sie von den Mädels angehimmelt werden? Wie soll man dabei Böses denken? Klingt das Gegröle, mit dem sie sich auf Juden, Ausländer, Obdachlo-se und Behinderte stürzen, so viel anders als das "Deutsch-land, Deutsch-land" wochentags brav arbeitender Leute allsamstags auf dem Rasen?

Die scheinbar unangepaßten Nazikinder ähneln so sehr ihren unscheinbar angepaßten Vätern, daß man den braunen Terror so wenig für eine Jugendrevolte halten kann wie den staatlich ver-ordneten Aufstand der Anständigen und Angepaßten für einen wirklichen Antifaschismus. In jedem Fall, bei alt und jung, von NPD bis SPD dreht sich alles um das selbe: eine "starke Mark", ein "starkes Deutschland" - Leistung und Erfolg durch deutschen Arbeitsfleiß unter dem Regiment des deutschen Kapitals. Insoweit sind sie aus gleichem Holz, und da erst scheiden sich die Ungeister, wo es um die effektivste Form der Machtausübung geht: Bringt der totale Staat oder der totale Markt den Sieg der deutschen Volkswirtschaft?

Das besondere Kräfteverhältnis von Staat und Markt in der Ära der "Sozialen Marktwirtschaft" ist heute aufgekündigt. Traditionell setzten die Arbeiter mehr auf den Staat, die Kapitalisten mehr auf den Markt. In der Vergangenheit versorgte der Staat beide mit immer frischer Arbeit, und zwar so, daß für beide etwas heraussprang; für den Kapitalisten mehr und für den Arbeiter weniger, genug aber, daß keiner aufmuckte. Diese Rolle spielt der Staat heute nicht mehr und schlägt sich stattdessen auf die Seite des Kapitals, das heute weniger und weniger Arbeit braucht - mehr und mehr können Maschinen die Jobs übernehmen. Unter anderen Verhältnissen, wenn niemand mehr die Macht hätte andere auszubeuten, wäre das eine gute Sache - alle könnten immer weni-ger (und selbstbestimmt!) arbeiten, und die zunehmende Automation würde dennoch die Versor-gung aller ermöglichen. Unter den gegebenen Verhältnissen aber, im Kapitalismus, sind alle zur Arbeit gezwungen: wer für die Wirtschaft nicht mehr zu gebrauchen ist, ist unnütz, überflüssig, stinkender und teurer Abfall für das Kapital - kein Wunder also, daß so schon in ihrer Jugend zum Sondermüll Abgestempelte deshalb giftig werden.

Nur: Statt ihr Hirn anzustrengen, "Vater Staat" in die Rente zu schicken, die Lehrer und Chefs zu entlassen und die Fabriken selbst zu übernehmen - anstatt den greifbar realen Traum vom "Verein freier Produzenten" aus eigener Kraft zu verwirklichen, laufen die jungen den alten Füh-rern hinterher. Was der demokratische Staat auch mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen nicht mehr hinkriegt - Vollbeschäftigung - soll im faschistischen wie unter Adolf mit Zwangsarbeit gelin-gen. Wiewohl die aufmüpfigen Jungen beileibe genug Grund zur Wut haben, sind sie beiweitem schlimmer noch als die schweigende Mehrheit der skrupelosen Angepaßten und willfährigen Kar-rieristen, denen sie wider Willen so sehr gleichen, daß sie sich gerade noch mit blankem Terror von ihnen unterscheidbar machen.

Sie sind schlimmer, nicht weil sie nicht stillhalten wie alle anderen, sondern weil ihre blutwüti-gen Provokationen nur den Schein des Andersseins darstellen, während sie doch wieder nur dar-auf zielen, Ausbeutung und Unterdrückung zu zementieren und zu radikalisieren: sie wollen den totalen Staat anstelle des demokratischen; sie wollen die totale Unterjochung und Vernichtung anstelle der Diskriminierung anderer Rassen und anderer Lebensformen; sie wollen die Zwangs-arbeit anstelle der Lohnarbeit; sie wollen Kriegswirtschaft statt Marktwirtschaft; sie wollen Natio-nalsozialismus statt Globalisierung. Solange Menschen von Kindesbeinen an entweder zu unterwürfigen Handlangern oder zu herrschsüchtigen Chefs herangezogen werden, um auf die eine oder die andere Art für eine un-persönliche Macht - für Geld - anstatt als selbstbewußte Menschen mit anderen selbstbewußten Menschen zusammenzuarbeiten, solange werden die Nazis immer wieder kommen. Ein wirklicher Antifaschismus räumt mit den Nazis auch den Grund des Nazismus beiseite: die Herrschaft von Sachen über Menschen, der Starken über die vermeindlich Schwachen.

Wirklicher Antifaschismus ist Antikapitalismus: Keine Macht für niemand!

Rückseite des Flugblatts:

Rückseite des Flugblatts:

Wenn die Haifische Menschen wären

BERTHOLT BRECHT Geschichten vom Herrn Keuner

"Wenn die Haifische Menschen wären", fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, "wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?" - "Sicher", sagte er. "Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tier-zeug. Sie würden sorgen, daß die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitäre Maßnahmen treffen. Wenn zum Beispiel ein Fischlein sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm sogleich ein Verband ge-macht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fisch-lein schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den gro-ßen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo liegen, finden könnten. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, daß es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und daß sie alle an die Haifische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, daß diese Zu-kunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialisti-schen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten und es sofort den Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen ver-riete. Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein leh-ren, daß zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unter-schied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und können einander daher unmög-lich verstehen. Jedem Fischlein, daß im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein tötete, würden sie einen kleinen Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen. Wenn die Haifische Menschen wä-ren, gäbe es bei ihnen auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwim-men, und die Musik wäre so schön, daß die Fischlein unter ihren Klängen, die Ka-pelle voran, träumerisch, und in allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Hai-fischrachen strömten. Auch eine Religion gäbe es da, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würde lehren, daß die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu le-ben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die Haifische Menschen wären, daß alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren auffressen. Das wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann serlber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offi-ziere, Ingenieure im Kastenbau usw. werden. Kurz, es gäbe überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären."