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Vom 10. Januar 1993
Von Thomas Becker
Beitrag für die Bielefelder Zeitschrift
Alles Banane |
Faschismus im Kerzenschein Über den Gegensatz von staatlichem und privatem Pogrom Als die deutsche Bürokratie unmittelbar nach der Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler damit begann, mit antijüdischen Gesetzen und Verordnungen die systematische Ausgrenzung jüdischer BürgerInnen und ihre Vertreibung aus Deutschland einzuleiten, geriet sie in eine Rolle, die sie zur ständigen Improvisation und schließlich zu immer radikaleren Maßnahmen verleitete. Als die NSDAP-Aktivisten 1933 ihre Gewaltaktionen gegen einzelne Juden verschärften, gab es erste heftige Reaktionen im Ausland, die bereits bis zu einem Aufruf zum Boykott deutscher Exportgüter reichten. Am 27.März 1933 sah sich Vizekanzler von Papen daraufhin gezwungen, einen Brief an die deutsch-amerikanische Handelskammer zu schreiben, in dem er die Amerikaner mit dem Hinweis darauf zu beschwichtigen versuchte, daß die Zahl der "Übergriffe" gegen Amerikaner "weniger als ein Dutzend" betragen habe, daß "Hunderttausende von Juden unbehelligt geblieben" seien, daß die "großen jüdischen Verlagshäuser weiterhin tätig sein könnten" usw. usw. Der Brief wurde zwei Tage später in der New York Times abgedruckt. Vorher schon, am 25.März, hatte die Kölner Filliale der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland ein ähnlich lautendes Telegramm an die US-Handelskammer geschickt. Der amerikanische Generalkonsul Messersmith verfaßte bereits am 14.März einen Bericht über die in Deutschland stattfindenden Belästigungen von amerikanischen BürgerInnen an den US-Außenminister. Nach einem Besuch in London berichtete auch der deutsche Außenminister Neurath am 19.Juni 1933 an Reichspräsident von Hindenburg, er habe "London kaum wiedererkannt". Vom englischen König persönlich habe er eine entsprechende Erklärung erhalten, die die Ereignisse in Deutschland verurteile. Zudem habe er beobachtet, "daß sich zahlreiche Regierungen auf internationalen Konferenzen demonstrativ durch namhafte Juden vertreten ließen". Auf einer interministeriellen Besprechung am 20.August 1935 forderte Reichsbankpräsident Schacht, daß "das gesetzlose Treiben gegen das Judentum bald ein Ende nehmen müsse", da sonst das "Projekt der wirtschaftlichen Wiederaufrüstung gefährdet" sei. Das "gesetzlose Treiben" habe bereits Gegenmaßnahmen des Ausland provoziert. Ebenso wie Schacht verlangte Innenminister Frick, daß "wilde Einzelaktionen" einzustellen seien; die "Judenfrage werde man auf völlig legale Art und Weise zu lösen wissen". Der als Vertreter der NSDAP anwesende Staatsminster Wagner erwiderte darauf, daß die "Einzelaktionen", die er auch ablehne, aber erst dann aufhören würden, wenn die Bevölkerung sehe, daß die "Reichsregierung Maßnahmen gegen die Juden" ergreife. Zum Abschluß einigten sich die Konferenzteilnehmer darauf, weitere Gesetzesverschärfungen gegen Juden durchzuführen. Am 4. Oktober des gleichen Jahres sagte der Herausgeber des "Stürmer", Julius Streicher, vor einer Massenversammlung der Deutschen Arbeitsfront: "Wir schlagen keine Schaufenster ein und schlagen auch keine Juden nieder. Wir haben das gar nicht nötig. Wer sich für Einzelaktionen solcher Art hergibt, ist ein Staatsfeind, ein Provokateur oder gar ein Jude". Zu einer scharfen Kontroverse - auch innerhalb der NSDAP - kam es nach den Novemberpogromen 1938. Haupinitiator der Pogrome war Propagandaminister Joseph Goebbels, der die Gruppen der SA am Abend des 9.November anwies, "systematisch alle jüdischen Synagogen des Landes niederzubrennen". Als der SS- und Polizeichef Heinrich Himmler von den Pogromen erfuhr, schickte er noch in der Nacht seine Truppen los, um illegale Plünderungen zu verhindern - zugleich wurden "nebenbei" 20.000 Juden festgenommen und in Konzentrationslager verschleppt. In einer Niederschrift notierte Himmler seinen Ärger über die "Hohlköpfigkeit" Goebbels', der "gerade jetzt in der außenpolitisch schwersten Zeit diese Aktion gestartet" habe. Wirtschaftsminister Funk soll nach der Zeugenaussage seiner Frau Goebbels daraufhin angefahren haben, ob er "verrückt geworden" sei; "Solche Schweinereien zu machen! Man muß sich schämen, ein Deutscher zu sein. Das ganze Ansehen im Ausland geht verloren. Ich bemühe mich Tag und Nacht, das Volksgut zu erhalten, und sie werfen es mutwillig aus dem Fenster. Wenn diese Schweinerei nicht sofort aufhört, werfe ich den ganzen Dreck hin". Auch Hermann Göring beschwerte sich bei Hitler über das "unverantwortliche Handeln" von Goebbels und Hitler selbst stimmte zu, daß sich derartige Dinge nicht wiederholen dürften. Bereits 1919 hatte Hitler, damals Gefreiter für die Aufklärungs- und Propagandaabteilung des Reichswehrgruppenkommandos 4 in München, in einem von seinem Vorgesetzten, Hauptmann Mayr, angeforderten antisemitischen Pamphlet zwischen einem "gefühlsmäßigen" Antisemitismus (dessen höchster Ausdruck ein Pogrom sei) und einem "Antisemitismus der Vernunft" (der in den Händen einer machtvollen Regierung zu geplanten Maßnahmen gegen und zur völligen "Entfernung" der Juden führen müsse) unterschieden. Die Kommentare in der ausländischen Presse gingen mit Deutschland scharf ins Gericht, die internationalen Verhandlungen gerieten ins Stocken, und der schleichende Boykott deutscher Waren wurde verstärkt. Der deutsche Botschafter Dieckhoff berichtete aus Washington, daß der Aufschrei gegen die Ereignisse in Deutschland "aus allen Lagern und Schichten" der amerikanischen Gesellschaft käme. In dieser "allgemeinen Haßstimmung" habe "auch der Gedanke des Boykotts gegen deutsche Waren wieder neuen Auftrieb erhalten, und an wirtschaftliche Verhandlungen ist augenblicklich nicht zu denken". "Ähnliche Berichte erhielt das Auswärtige Amt aus allen Teilen der Welt. Wenn die Diplomaten auch einige Rüffel einzustecken hatten, so blieben die schwersten Schläge jedoch den Exporteuren, den Rüstungsexperten und all jenen vorbehalten, die an der Zufuhr ausländischer Divisen interessiert waren. Der deutsche Handel hatte schon seit einiger Zeit unter dem Boykott des Auslands gelitten. Bislang war die Boykottbewegung jedoch weitgehend auf die Ebene der Verbraucher beschränkt geblieben; die jüdischen Firmen in Deutschland waren natürlich verschont worden; und nur wenige Nichtjuden hatten sich an den Boykotten beteiligt. Die antijüdischen Ausschreitungen änderten die gesamte Szenerie. Erstmals schlossen sich zahlreiche Händler, Vertreiber und Importeure der Boykottbewegung an. Das führte in der Praxis zu umfangreichen Vertragskündigungen, insbesodere in Frankreich, England, den USA, Kanada und Jugoslawien. Der Weltwirtschaftsstab der Wehrmacht berichtete, daß zahlreiche Firmen 20-30% ihres Exportgeschäfts eingebüßt hätten". (bis hier alle Zitate aus: Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 1, Seiten 36 - 55) Die Juden hatten durch diesen latenten Streit in den Reihen ihrer Peiniger keinen Vorteil: Jede Maßnahme, die die deutsche Bürokratie - aus eigenen Stücken oder von den Truppen der SA gedrängt - ergriff, trieb die Juden Schritt für Schritt aus ihren Berufen, zerstörte ihre wirtschaftliche Existenz, entfernte sie aus dem kulturellen und politischen Leben, zwang sie zur Emigration oder in die Konzentrationslager und Ghettos. Aber erst mit dem Beginn des Krieges verloren Minister, Beamte, Institutionen wie die die Deportationen organisierende Reichsbahn, große und kleine Industrieunternehmen die Waffen und Gas lieferten und jüdische Arbeitskräfte beschäftigten, die an Tötungseinseinsätzen in der Sowjetunion teilnehmenden Verbände der Wehrmacht und alle anderen an der Judenvernichtung Beteiligten jegliche Hmmungen. Der Krieg klärte schnell die Situation, denn nun konnten "Rücksichten auf die Stimmung im Ausland" zugunsten militärischer Siegeszuversicht vernachlässigt werden. Die Stimmung schwenkte erst ein weiteres Mal um, als die militärische Niederlage Deutschlands immer offensichlicher wurde und sich das Millionenheer aktiver und passiver Nazis auf ein Leben unter alliierter Aufsicht vorzubereiten hatte. Über Nacht verwandelte sich Deutschland in eine Gemeinschaft von Kreidefressern, die - der Logik esoterischer Verschwörungen folgend - auf ein verabredetes Zeichen wartend die Überlieferung hütete. Erst heute, wo die Deutschen ihre Wiedervereinigung haben, reißen ihnen wieder die Geduldsfäden, und man fängt wieder an sich daran zu erinnern, wie das Zusammenspiel von bürokratischen Maßnahmen, propagandistischer Täuschung und faschistischem Terror funktionierte. Nachdem "wilde Einzelaktionen" gegen Ausländer das deutsche "Ansehen im Ausland" geschädigt hatten und von den deutschen Industrie- und Handelskammern "Boykottmaßnahmen" des Auslands befürchtet wurden, zwang sich der Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, zu der Aussage, man müsse "sich schämen, ein Deutscher zu sein" und Polizei und Justiz versprachen, gegen das "gesetzlose Treiben" einzuschreiten. Am 4.Advent 1992 gingen eine halbe Millionen deutsche Bürger und Bürokraten mit brennenden Kerzen auf die Straße und riefen in die Fernsehkamaras: "Zünden Sie ein Licht an, das Haß gegen Ausländer überstrahlt", während in Greifswald ein Asylbewerberheim in Brand gesteckt und einer Griechin in Düsseldorf ein Hakenkreuz in die Stirn geschnitten wurde. Am gleichen Tag zündeten 500 Demonstranten in Bonn Kerzen für die Opfer in Bosnien-Herzegowina an und in Talkshows forderten CDU-Politiker zusammen mit Generälen der Bundeswehr das Einschreiten deutscher Truppen gegen den "Völkermord" in Jugoslawien. Im Schatten des Kerzenlichts geht der Bundetag daran, die "Ausländerfrage" auf "völlig legale Art und Weise zu lösen" und es wird nicht mehr lange dauern, bis - im Namen der "Humanität", versteht sich - deutsche Waffen in Osteuropa feuern. |