Die Koalition der Unwilligen

Wie Amerika den Krieg gegen Taliban und Al Qaeda nicht gewinnen und nicht verlieren will

"Wir verteidigen nicht nur unsere kostbare Freiheit, sondern ebenso die Freiheit der Menschen überall wo sie leben und ihre Kinder frei von Angst aufziehen... Seit dem 11. September hat eine ganze Generation junger Amerikaner ein neues Verständnis von dem Wert der Freiheit gewonnen, ihren Kosten, ihren Verpflichtungen und ihrem Verlust. Der Kampf wird jetzt an vielen Fronten vereint. Wir werden nicht wanken, wir werden nicht müde werden, wir werden nicht zögern, und wir werden nicht verlieren."

George W. Bushs Rede an die Nation anlässlich des Angriffs amerikanischer und britischer Streitkräfte auf militärische Ziele in Afghanistan1


"Wenn wir uns das Ziel setzen so etwas wie ein zentralasiatisches Walhalla dort zu errichten, werden wir verlieren."

Robert Gates in seiner ersten Senatsrede als Verteidigungsminister der neuen amerikanischen Regierung2


"Gefragt ob die Vereinigten Staaten dabei sind, den Krieg in Afghanistan zu gewinnen... antwortete Herr Obama rundweg: Nein."

Barack Obama im Gespräch mit der New York Times3


"Der Feind hat seine Moral verloren und nicht die Nerven den Mujaheddin von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten."

Aufruf der Taliban zum Jihad gegen die Koalitionstruppen4


Hat Amerika den Krieg in Afghanistan und überhaupt den Glauben daran verloren, den internationalen islamischen Terrorismus noch besiegen zu können? Nein, Barack Obama hat nicht gesagt, was man in den Kommandozentralen von Taliban und Al Qaeda im pakistanischen Hinterland und in den Büros deutscher Nachrichtenredaktionen und des Auswärtigen Amts gehört zu haben meint. Er hat eine Frage verneint, die in der Verlaufsform formuliert war, und damit gesagt, dass Amerika gerade nicht dabei ist, den Krieg in Afghanistan zu gewinnen, was an sich eine schlichte Tatsache ist, die niemand in Zweifel gezogen hat. Doch wie sollte man das verstehn? Verpackt in die Ankündigung einer neuen Strategie für Afghanistan, die, als das Neue, Verhandlungen mit einer "gemäßigten Taliban" beinhalten soll, von der andere sagen, dass es sie nicht gibt, klang es für hellhörige Ohren wie die jüngste Selbsterkenntnis einer geläuterten Supermacht, die an ihre Grenzen gestoßen ist, bereut, und endlich ihren Feinden die Hand reichen will, statt sie zu schlagen. Sollte das nicht seine Botschaft gewesen sein, so wurde sie jedenfalls so verstanden. Die Schlagzeilen, die er damit produzierte, belegen nur, wie sehr die Welt einer Niederlage der USA entgegenfiebert. Dieser irren Sehnsucht einen Anhaltspunkt zu liefern, ist das Geheimnis, das die grenzenlose Popularität des neuen amerikanischen Präsidenten erklärt. Es ist jetzt auch das Rezept für die diplomatische Offensive Hillary Clintons, mit der sie die Isolation durchbrechen will, in welche die Außenpolitik George W. Bushs die USA getrieben haben soll. Doch der hatte ja nicht die Freunde Amerikas vergrault, sondern zu wenig davon gehabt, als er seinen Feinden den Krieg erklärte. Das erste, was daher über die Außenpolitik der neuen amerikanischen Regierung gesagt werden kann, ist, dass sie statt ihre Feinde, den Begriff davon, den der alte Präsident und Richard Cheney noch hatten, zum Gegenstand ihres Angriffs macht.

Kuschelschmus am Hindukusch

Joseph Biden, der neue Vizepräsident, erklärte auf einer Nato-Konferenz im März in Brüssel, dass lediglich 5 Prozent der Taliban "unverbesserlich - nicht empfänglich für irgend etwas anderes als besiegt zu werden" seien, bei "weiteren 25 Prozent oder so" sei man noch "unsicher", doch 70 Prozent, da war er sich sicher, seien bloß "verwirrt" bzw. ließen sich leicht "verwirren", indem man ihnen Geld gebe und damit zur Umkehr bewege. Wie man konkret an diese Leute herankomme, wisse man noch nicht genau, aber er denke, es könne sich lohnen, auf sie zuzugehen und herauszufinden, ob der eine oder andere von ihnen dazu bereit sei.5

So ein Herumgeeiere, mit Zahlen verziert, die Genauigkeit vorgaukeln, wenngleich sie jedermann ersichtlich aus der Luft gegriffen sind, könnte man schwerlich als neue Strategie verkaufen, handelte es sich bei dem Neuen daran nicht ausschließlich um ideologische Zugeständnisse an die an derlei Späßen Gefallen findende Fangemeinde, die keinen Krieg gewinnen, sondern nur die Herzen höher schlagen hören will. Um mehr Realismus bemüht hatte Barack Obama im seinem Gespräch mit der New York Times seine Idee, mit den Taliban zu verhandeln, mit Verweis auf Erfahrungen in Irak begründet und dafür General David H. Petraeus als Kronzeugen aufgerufen, unter dessen Kommando die Offensive des Jahres 2007 den Durchbruch im Krieg gegen Al Qaeda in Irak und die schiitischen Milizen Muqtada Al Sadrs herbeiführte:

"Wenn Sie mit General Petraues reden, glaube ich, würde er sagen, dass ein Teil des Erfolgs in Irak damit zusammenhängt, dass wir auf Leute zugegangen waren, die wir für islamische Fundamentalisten halten würden, die aber bereit waren mit uns zusammenzuarbeiten, weil sie von der Vorgehensweise von Al Qaeda in Irak zu tiefst befremdet waren... Da gibt es vielleicht vergleichbare Möglichkeiten in Afghanistan und Pakistan".6

Vielleicht. Tatsächlich hatte David Petraeus, der schon von der vorigen Regierung als Held gefeiert wurde und gegenwärtig das Central Command der amerikanischen Streitkräfte befehligt, dem der Mittlere Osten, Afghanistan und Pakistan zugeordnet ist, schon vor einem halben Jahr solche Möglichkeiten angedeutet, mit dem Unterschied, dass er diese nicht als den genialen Schachzug in einem schon verlorenen Spiel präsentierte. Er sagte damals:

"Die Leute fragen mich oft: 'Was haben Sie in Irak gelernt, das übertragbar auf Afghanistan sein könnte?' Die erste Lektion, die erste Warnung tatsächlich, ist, dass jede solche Situation wirklich absolut einmalig ist. Ein Bereich, der sich natürlich in Irak als besonders bedeutend herausstellte und vielleicht, und ich unterstreiche vielleicht, eine gewisse Bedeutung in Afghanistan hat, ist das Konzept der Versöhnung (reconciliation)".7

Petraeus musste nicht darauf eingehen, dass es sich bei den fraglichen "Leuten" in Irak höchstwahrscheinlich um "islamische Fundamentalisten" gehandelt hat, was sich Barack Obama nicht verkneifen konnte, weil für ihn das Thema kein militärisches, sondern ein rein ideologisches Gefechtsfeld ist, auf dem er zu beweisen hat, dass man sich auch mit dem schlimmsten Gesindel vertragen kann. Vielleicht hat er dabei auch an den "christlichen Fundamentalismus" seines Vorgängers gedacht. Bewiesen hat er so oder so damit nur, dass er keinen Begriffs von dem Feind hat, den es zu besiegen gelte. Die "Fundamentalisten" sind hier nur die Zweitschlimmsten, sonst hätte es den Frontwechsel in Irak gar nicht gegeben. Die Zusammenarbeit mit ihnen beinhaltete auch keine ideologischen Zugeständnisse, sondern hatte eine zeitlich und örtlich genau begrenzte Funktion, nämlich die, das aktuelle Kräfteverhältnis auf dem Kriegsschauplatz zugunsten der Koalitionstruppen zu verschieben, wozu diese "Fundamentalisten" sich anboten, während sie ihre Eignung dazu dadurch demonstrierten, dass sie an der Seite von US-Marines an vorderster Front einige der entscheidenden Schlachten gegen Al Qaeda in Irak zu gewinnen halfen, wobei das Feld der Ideologiekritik in keinem Moment betreten wurde, wo der Fundamentalismus an sich unmittelbar als natürlicher Feind des negativen Gedankens dastünde.

Nebenbei bemerkte Petraeus, dass etwas Ähnliches in Afghanistan schon seit geraumer Zeit ausprobiert würde, ohne davon viel Wind zu machen, da sich dabei bisher nichts ergeben hat. Ohnehin gibt es seit 2003 ein von der afghanischen Regierung ausgerufenes und von allen in Afghanistan tätigen Institutionen der "Internationalen Gemeinschaft" unterstütztes Versöhnungsprogramm, das "Programm zur Stärkung des Friedens". Es ist von Anfang an so erschreckend wirkungslos verlaufen, dass die afghanische Regierung erst im Oktober 2005, als sich unerwartet "mehr als 14 ehemalige feindliche Kämpfer" dafür interessierten, ein "dramatisches Anwachsen" des Programms konstatieren durfte.8 Das Versöhnungsangebot hat auch in den Jahren danach nur eine geringe Zahl von Fußsoldaten der Taliban angelockt, nicht einen einzigen Kommandeur höheren Rangs. Es ist eine humanitäre Aktion für vereinzelte, verwirrte "Fundamentalisten" geblieben, ohne Einfluss auf die Masse der Jihadisten und das Kriegsgeschehen, bisher.

Die Lehren der Irak-Offensive

In Irak wurde noch eine andere Erfahrung gemacht, die für den Erfolg  der dortigen Mission von größerer Bedeutung war, auf Afghanistan direkt übertragbar ist und mit der Truppenverstärkung zusammenhängt, die ab Sommer 2007 in Irak zum Einsatz kam. Zusammen mit den neu ausgebildeten Einheiten der nationalen Armee und Polizei standen für die Verteidigung der irakischen Republik jetzt genügend Streitkräfte zur Verfügung, um im Kampf gegen Al Qaeda in Irak einen Strategiewechsel herbeizuführen. Vorher war es ein Katz-und-Maus Spiel, die Koalitionstruppen eroberten einen Ort, der Feind zog sich zurück und tauchte an einem anderen Ort wieder auf, die Koalitionstruppen verfolgten und vertrieben ihn von dort, usw. bis man wieder am Anfangspunkt angelangt war. Jetzt aber hatte man die nötigen Reserven, um jedes eroberte Gebiet zu halten. Die neue Strategie gelang übrigens zuerst in der zu dieser Zeit fast schon verloren geglaubten Provinz Anbar, dank der sunnitischen "Fundamentalisten", die dort als zusätzliche Kräfte zur Verfügung standen.

Einen vergleichbaren Verbündeten gibt es zwar am Hindukusch bisher nicht, aber der in Irak mit Erfolg erprobte Strategiewechsel wird im Süden Afghanistans gerade vorbereitet, wie der Kommandeur einer seit vergangenem September in Maywand, in der Nähe von Kandahar stationierten Infanterie-Einheit der US-Army berichtet, den Mitte März eine Gruppe von Journalisten der Washington Post besuchte. Die Vorbereitungen gehen nicht auf die neue Afghanistan-Strategie Barack Obamas zurück, die zu dieser Zeit noch gar nicht vorlag, vielmehr hat sie der gefährliche "state of affairs" in dieser Gegend zum Nachdenken und Handeln veranlasst, wie der Kommandeut des Bataillons erklärt. Die gegenwärtig etwa 38000 in Afghanistan stationierten amerikanischen Truppen haben bis jetzt hauptsächlich in den östlichen Provinzen gekämpft, an der Grenze zu Pakistan, von wo her die Ende 2001 dort hin vertriebenen Taliban auf den afghanischen Kriegsschauplatz vordringen. Jetzt erst, nachdem es in dieser Gegend etwas sicherer geworden ist, werden verstärkt US-Einheiten in den Süden verlegt, der bis dahin hauptsächlich von britischen, kanadischen und niederländischen Verbänden verteidigt wurde. Die erwartete, von der neuen amerikanischen Regierung im Februar angekündigte, aber schon lange vorher geplante Truppenverstärkung von 17000 Soldaten soll es nun ermöglichen, die in Irak entwickelte "new counterinsurgency doctrine" auch hier anzuwenden: "Setzte die Truppen so ein, dass sie eine Sicherheitszone rund um Bevölkerungszentren herum bilden, anstatt rein-und-raus Angriffe gegen die Aufständischen zu unternehmen. "Die kanadische Armee", erklärt der Kommandeur, die für diesen Bereich seit dem Frühjahr 2006 verantwortlich war, "kam alle paar Monate, um das Gebiet von Taliban-Kämpfern zu säubern, aber die Aufständischen kamen unvermeidlich wieder zurück, sobald die Truppen wieder abgezogen waren." Er und sein Bataillon werden es anders machen, sagt er: Sie bleiben in Maywand. Was sie nicht versuchen werden, sei, eine andere Seite aus dem Drehbuch in Irak zu kopieren, nämlich Stammes-Milizen zu bilden, um die Taliban zu vertreiben. Denn ein solches Unterfangen "könnte hier nur noch mehr Warlords und Fehden zwischen den Stämmen schaffen". Die Kommandeure in Afghanistan versprächen sich, schreibt die Washington Post, "kaum einen Nutzen von Verhandlungen mit den Taliban, im Moment, trotz Obamas Unterstützung für solch eine Offerte".9

Die hier bevorzugte "new counterinsurgency doctrine" wird zusätzlich von der geplanten Verdopplung der Zahl afghanischer Soldaten und Polizisten auf rund 400000 befördert, ein Vorhaben, das ebensowenig auf die neuen Ideen Barack Obamas zurückzuführen ist, wo sich aber die konkreten Erfordernisse für die Umsetzung der alten und der neuen Strategie treffen: den Krieg zu gewinnen oder das Problem den Afghanen zu überlassen; eine starke nationale Armee und Polizei wäre dieser wie jener Option dienlich.

Hillary Clintons diplomatische Offensive

Auch die diplomatische Offensive der neuen Außenministerin könnte sich in gewisser Weise auf Petraeus, den wegen seiner Erfolge in Irak parteiübergreifend populären General berufen. Auf die Rolle Irans angesprochen, sagte er im Januar:

"Das würde ich lieber den Diplomaten und Politikern überlassen... Das ist ein sehr heißes Eisen... trotzdem... es gibt einige gemeinsame Interessen... Iran ist besorgt über den Drogenhandel in Afghanistan...  will nicht, dass sunnitische Extremisten, oder besser: ultrafundamentalistische Extremisten Afghanistan regieren". Dazu gab er einschränkend zu bedenken, dass die USA und Iran "darüber hinaus ja noch einige Konfliktpunkte von ansehnlichem Gewicht haben".10

Als Kommandeur der US-Truppen in Irak bezichtigte Petraeus Iran, die schiitischen Milizen, aber auch Al Qaeda in Irak mit den zu der Zeit für die dortigen Koalitionstruppen tödlichsten Waffen zu beliefern, Straßenbomben, die unter den Kürzeln RPG und IED bekannt sind und in den letzten Jahren in großem Umfang auch von der Taliban eingesetzt werden, die von Iran angeblich auch mit schultergestützten Luftabwehrraketen chinesischer Bauart ausgestattet werden, ähnlich den Stinger-Raketen, welche die Mujaheddin in den 1980er Jahren von der CIA für den Jihad gegen die Sowjetunion bekamen. Iran mag nicht wollen, dass Afghanistan von der Taliban regiert wird, aber vielleicht auch nicht, dass die USA den Krieg gewinnen. Macht nichts, Hillary Clinton hat Iran bereits zu ihrer hoffnungsfrohen Afghanistan-Konferenz nach Den Haag eingeladen.

Da fehlt doch noch jemand, dem die Hand gereicht werden kann? Russland hat sicher auch kein Interesse daran, dass die ultrafundamentalistischen Extremisten nach Kabul zurückkehren, mit denen es selbst nie fertig geworden ist. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre profitierte der kaukasische und zentralasiatische Jihad, die Gotteskrieger von Tschetschenien bis Usbekistan, von den Trainingslagern Al Qaedas, die unter der Herrschaft der Taliban, die zu dieser Zeit noch den Anbau von Drogen zu unterbinden versuchten, das einzige Exportgut zur Verfügung stellten, dessen Produktion damals in Afghanistan erlaubt war: Terror. Die russische Luftwaffe drohte lange vor 9/11 mehrmals selber damit, diese Einrichtungen zu bombardieren, bis schließlich amerikanische und britische Streitkräfte die Drohung wahr machten. Daraus zu schließen, dass Russland jetzt den Koalitionstruppen einen glatten Sieg über jenen Gegner wünscht, der einst die Rote Armee geschlagen hat, wäre nicht weniger voreilig als im Fall Irans. Beiden Mächten könnte ein unendlicher Dauerkrieg zwischen ihren globalen und regionalen Konkurrenten noch attraktiver erscheinen, in dem diese ihre Kräfte verausgaben und solange er geographisch auf fremdes Territorium sich beschränkt.

Russland liefert der Taliban keine Waffen, behindert die Koalitionstruppen aber indirekt durch die Beeinflussung der früheren Sowjetrepubliken, die mit Afghanistan eine gemeinsame Grenze haben und deshalb u.a. für den Transit von militärischem Nachschub von Bedeutung sind. Drei Viertel der Güter, die für die Bewaffnung und Versorgung der Soldaten und die Unterhaltung ihrer Stützpunkte in Afghanistan gebraucht werden, werden zwar immer noch über die pakistanische Grenze herangeschafft, doch diese Grenze ist kein sicheres Terrain, da sich hier auf pakistanischer Seite die Taliban verschanzt hat, die die Transporteinheiten regelmäßig angreift. Das mit Russland verbündete Kirgistan hat Anfang März das Abkommen für die Benutzung des den amerikanischen Streitkräften z.Zt. einzigen in der Gegend zur Verfügung stehenden Militärflughafens gekündigt, kurz nachdem Moskau Regierungschef Bakiev eine dicke Finanzspritze in den Arsch gesteckt hat. Das Eine soll aber mit dem Anderen nichts zu tun haben, heißt es.

Es heißt auch, die USA wollen Russland den Verzicht auf die in Osteuropa geplante Stationierung eines Raketenabwehrsystems anbieten, um eine bessere Kooperation in Afghanistan und gegenüber Teheran zu erreichen, wo Russland, ähnlich Europa, ein geschlossenes Auftreten der "internationalen Gemeinschaft" gegenüber der kommenden persischen Atommacht unterminiert. Das Beschwichtigungsangebot könnte auch das Hinausschieben der Nato-Mitgliedschaft Georgiens und der Ukraine enthalten. Das agieren Moskaus deutet allerdings mehr darauf hin, dass die Aussicht auf einen Deal, der in der Pose der Schwäche offeriert wird, nicht umgehend mit Entgegenkommen honoriert wird, was auch naheliegend ist, denn die Umgarnten wollen doch erst einmal testen, ob sich nicht der Preis noch hochhandeln lässt.

Auch für diese Sommerschlussverkaufsdiplomatie kann, nebenbei bemerkt, nicht der Irak-Deal als Kopiervorlage angegeben werden. Die sunnitischen "Fundamentalisten" sind damals von sich aus auf die US-Truppen zugegangen, weniger um ihre Hilfe anzubieten als um solche zu bitten, nachdem sie in ihren Städten und Dörfern erfahren hatten, wie fundamental noch sich ihre primitive Stammesherrschaft konkret von der Bandenbarbarei Al Qaedas unterscheidet.

Stabilität statt Freiheit

Leitfaden der neuen Afghanistan-Strategie, der allen ihren Einzelheiten zugrunde liegende "Gedanke", soll die Binsenweisheit sein, dass der Krieg nicht nur mit militärischen Mitteln zu gewinnen ist, als handele es sich bei dieser von Banalität strotzenden Leerformel um die neuste Erkenntnis, auf die vorher noch kein Mensch gekommen wäre. Was das konkret bedeuten könnte, offenbaren uns die meuen Strategen zwar nicht, dafür aber wird es in Afghanistan längst praktiziert. Die Provincial Reconstruction Teams beispielsweise, in denen kleine Einheiten der amerikanischen und afghanischen Armee mit Unternehmen und der örtlichen Zivilverwaltung und Bevölkerung zusammenarbeiten, um in den von den Stadtzentren abgelegenen Regionen Schulen einzurichten, Straßen zu bauen, Wasser und Elektrizität in die fast hoffnungslos zurückgebliebenen Orte zu bringen, wurden auf Initiative der amerikanischen Regierung schon Ende 2002 ins Leben gerufen. Die militärische Komponente der Teams ist dazu da, diese bescheidenen Errungenschaften der Zivilisation gegen Angriffe der Taliban zu verteidigen, die sonst jeden kleinen Fortschritt, v.a. die besonders geförderten Mädchenschulen, sofort wieder dem Erdboden gleich machen würde. Das ist zivil-militärische Kooperation per Excellence, und nur mit zivilen Mitteln wäre hier überhaupt nichts zu erreichen.

Es ist überhaupt auffällig, dass unterhalb ihrer ideologischen Höhenflüge die neue Afghanistanstrategie Barack Obamas nichts Neues zu bieten hat. Sobald es konkret wird, findet sich nicht ein einziges Detail daran, das nicht schon praktiziert wird, oder schlimmer, längst ausprobiert und verworfen wurde, weil es zu nichts oder in die Irre führte. Die International Crisis Group, die nicht den Ruf genießt, neokonservativ infiziert zu sein, beginnt ihre jüngste Afghanistan-Analyse daher mit der ironisch gemeinten, aber so zu verstehenden Bemerkung:

"Eine Überprüfung der bisherigen Politik durch die Obama-Administration hat die Diskussion wieder eröffnet darüber, wie die Kräfte des gewalttätigen globalen Jihad - Al Qaeda und ihre Beschützer, die Taliban - in Afghanistan und Pakistan zu besiegen sind. Die meisten der Ideen, die hierbei angeboten werden - z.B. den Sieg zu erklären und sich anschließend zurückzuziehen, mit den Aufständischen zu verhandeln, regionale Konferenzen zu organisieren, die Beziehungen zu ausgesuchten Einzelpersonen und Verbündeten gegenüber der Entwicklung starker demokratischer Institutionen zu bevorzugen - sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten alle schon mindestens einmal ausprobiert worden, ohne Erfolg: Wir wissen jetzt, was wir nicht tun sollten. Zu wissen, was zu tun ist, und wie es zu tun ist, ist schwieriger. Was Afghanistan braucht ist ein starker Staat."11

Der Verzicht auf das Nationbuilding ist tatsächlich eine neue Idee der neuen Strategie. Die Errichtung demokratischer Verhältnisse unter der Rule of Law, wo zuvor islamistische Banden oder faschistische Diktaturen herrschten, eine Idee, die ursprünglich unverzichtbarer Bestandteil des Krieges gegen den internationalen islamischen Terrorismus und der Bush-Doktrin war, da nach neokonservativer Überzeugung Unfreiheit dem zu bekämpfenden Übel zugrunde liegt, passt nicht mehr in das ideologische Raster der neuen Verteidiger der alten Weltordnung. Stabilität statt Freiheit lautet die neue Zauberformel. Wie es innerhalb Afghanistans aussieht, ist im Grunde egal, solange nichts nach außen dringt. Die Ziele der Afghanistan-Mission sollen begrenzt werden, damit sie früher erreicht und die Soldaten schneller nachhause geholt werden können, den Afghanen wird kein "Walhalla" mehr versprochen, denn jetzt soll es nur noch darum gehen, "zu verhindern, dass Afghanistan von Terroristen und Extremisten als Basis für Angriffe auf die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten genutzt wird", wie Robert Gates in seiner Antrittsrede als neuer alter Verteidigungsminister der USA verkündete.12 Darüber ließe sich vielleicht sogar mit Mullah Omar, dem neuen alten Taliban-Führer verhandeln, mögen sich die Strategen dabei gedacht haben, da doch die Taliban im Zweifelsfall mehr an einer Machtübernahme in Kabul und Islamabad interessiert sein könnte als am globalen Jihad. Zum Beweis dafür müssten sie er bloß Osama Bin Laden den Amerikanern ausliefern, dessen Prioritäten bekanntlich gerade andersherum liegen.

Es ist kaum zu glauben, aber angeblich haben Annäherungsversuche in diese Richtung bereits stattgefunden. Die Journalistin Christina Lamb, die in Kabul mit dem Bruder des afghanischen Präsidenten gesprochen hat, der die Gespräche offenbar vermitteln soll, berichtet in der Sunday Times darüber: "Das erste Mal über seine Rolle sprechend, sagte Qayum Karzai, er sei nach Kandahar gereist - das zur Hälfte unter der Kontrolle der Taliban ist - am Montag, sobald er von Obamas Kommentaren gehört hatte. 'Ich habe die Taliban während der letzten fünf Tage getroffen und kann Ihnen sagen, Obamas Worte haben einen enormen Optimismus auf beiden Seiten hervorgebracht. Es gibt keinen Ausweg mehr außer den Gesprächen. Offen gesagt, beide Seiten haben alle Möglichkeiten aufgebraucht, ihre Ziele im Krieg zu erreichen.'"13 Den Optimismus seitens der Taliban kann man sich lebhaft vorstellen. Angeblich habe auch Mullah Omar seine Neugierde schon bekundet, was ein Taliban-Sprecher allerdings verärgert dementierte. Die Vorbedingungen für jede Art von Verhandlungen, die die Taliban zu führen bereit wäre, sind jedenfalls schon lange bekannt: Abzug aller ausländischen Truppen und Rücktritt der Karzai-Regierung. Sowieso ist ja das diplomatische Kunststück, Taliban und Al Qaeda gegeneinander auszuspielen, schon längst versucht worden. Es war der Inhalt des Ultimatums, das die amerikanische Regierung dem Taliban-Regime unmittelbar nach 9/11 gestellt hatte. Mullah Omar verzichtete damals darauf und zog es vor, Kabul aufzugeben und mit seinem Kampfgefährten in Pakistan abzutauchen, wo sie gemeinsam eine der bis heute wichtigsten Frontlinien des globalen Jihad organisierten. Die Beziehung zwischen den Taliban und Al Qaeda ist heute unzertrennlicher als jemals zuvor.

Pakistan und die zurückgehaltene Eskalation

Manche der Unwilligen, mit denen die neue Strategen es zu tun hat, sind alte Bekannte. An Pakistan kam und kommt keine Afghanistan-Strategie vorbei. Die neuen Strategen begreifen wohl, dass sie den Krieg nicht von heute auf morgen beenden können und sich längst in die pakistanischen Grenzgebiete vorgedrungen ist, wohin sich die Jihadisten zurückgezogen haben, um von dort aus zurückzuschlagen. Doch damit erfasst ihre Strategie wieder bloß das erweiterte Terrain mit dem verengten Begriff, ohne dass sie begriffen, dass der Feind, der ihnen an dieser Front gegenübersteht, den totalen Krieg im Schilde führt. Hätten sie einen Begriff davon, hätten sie gerade die Elemente der Bush-Doktrin, deren Preisgabe das Wesen der neuen Strategie ist, nicht aufgeben dürfen: Nationbuilding und Siegeswillen.

Der militärische Sieg wäre nicht bloß Mittel zum Zweck und sein Zweck selbst kein militärischer. Der Feind könnte nur mit militärischen Mitteln ideologisch geschlagen werden. Aus dem Jihad gegen die Sowjetunion hervorgegangen, spricht für ihn, schon einmal eine Supermacht geschlagen zu haben, von dem Wahn der Weltherrschaft motiviert, beseelt von einer Ideologie, auch darin der nationalsozialistischen verwandt, die ihn mit gottgegebener Überlegenheit ausstaffiert, ist der Dünkel seiner Siegesgewissheit genau die Stelle, an der er ideologisch, d.h. militärisch widerlegt werden müsste. In seinem kurzen Vorwort zum Behemoth hat Franz Neumann die Bedeutung dieses Moments der Kriegsführung schon in der ersten Phase der globalen Konfrontation mit dem Nationalsozialismus hervorgehoben:

"Eine militärische Niederlage Deutschlands ist notwendig. Ob der Nationalsozialismus ohne eine militärische Niederlage zerschlagen werden kann, weiß ich nicht. Aber eines weiß ich sicher: eine militärische Niederlage wird ihn auslöschen. Die militärische Überlegenheit der Demokratien und Sowjetrußlands muß dem deutschen Volk bewiesen werden. Die Ideologie des Nationalsozialismus steht und fällt mit seiner angeblichen 'Leistungskraft'. Diese muß widerlegt werden... Mehr und bessere Flugzeuge, Panzer und Gewehre sowie eine vollständige militärische Niederlage werden den Nationalsozialismus im Bewußtsein des deutschen Volkes vernichten."14

Das Nationbuilding in Afghanistan könnte nur auf der Grundlage einer vollständigen militärischen Niederlage der Jihadisten gelingen, niemals als Folge eines Kompromisses mit ihnen. Deshalb müssen die neuen Strategen mit dem einen auch das andere Element der Bush-Doktrin verwerfen. Das bezeichnet auch das pakistanische Problem. Pakistan ist das Nationbuilding bisher nicht gelungen. Große Landstriche, v.a. die Gebiete entlang der afghanischen Grenze und im Nordwesten, werden von den primitiven Stämmen der Paschtunen beherrscht, die auch im Süden Afghanistans sowohl die personelle Ressource als auch das Schutzschild für die Taliban darstellen. Das Verhältnis der Taliban zu diesen Stämmen beschreibt die Faustformel: Nicht alle Paschtunen sind Taliban, aber alle Taliban sind Paschtunen. Islamabad hat keine Regierungsgewalt über diese Provinzen, die das Stigma des Niemandslands schon in ihrem Namen tragen: Nord-West-Grenz-Provinz, Föderal- und Provinziell-Administrierte--Stammesgebiete. Hier kann man sich gerade ansehen, was es konkret bedeutet, wenn der Souverän, statt sich militärisch gegen seine - in diesem Fall inneren - Feinde zu behaupten, Kompromisse mit ihnen eingeht.

In Swat, einem Bezirk nördlich von Islamabad mit vormals 1,5 Millionen Bewohnern, von denen ein Drittel inzwischen geflohen ist, hat der pakistanische Staat im Februar "Frieden" mit den dortigen Taliban geschlossen. Es ist eine Kapitulation auf ganzer Linie. Nach einer gescheiterten Offensive der pakistanischen Armee, deren Führung die Kapitulation eigenhändig herbeigeführt hat, vereinbarte die Regierung einem "Waffenstillstand" mit den in Swat ansässigen sunnitischen Jihadisten, die mit den Taliban und mit Al Qaeda verbündet sind. Als Gegenleistung für deren verbalen Gewaltverzicht wurde ihnen die gesamte Region Malakand, die Swat einschlißt, ausgeliefert. Die pakistanische Polizei hat alle Straßensperren aufgelöst, die Armee sich in die Kasernen zurückgezogen. Seit dem 16. März ist in Malakand die "gemäßigte" Scharia Gesetz, ein mit der Regierung ausgehandelter "Kompromiss", wonach, entgegen dem göttlichen Gebot, Mädchen der unteren Schulklassen den Unterricht besuchen dürfen, sofern sie voll verschleiert und in Männerbegleitung in der Schule erscheinen. Doch niemand rechnet damit, dass viele diese Möglichkeit ergreifen werden, da der Schulbesuch für Mädchen auch in dieser Verkleidung lebensgefährlich bleiben wird. Denn jeder weiß, dass die Religion der neuen Herrscher solche Kompromisse eigentlich verbietet, und niemand kann daran glauben, dass die Barbaren, die sich hier gerade mit Gewalt durchgesetzt haben, sich den Verträgen mit der gottverdammten Regierung mehr verspflichtet fühlen als Allah und dem Propheten. Bevor es zu dem "Friedensvertrag" kam, hatten sie bereits fast 200 der verhassten Schulen niedergebrannt.

Einige der mittlerweile Geflohenen erinnern sich noch daran, dass es hier in den 1960er Jahren, als das ehemalige Urlaubsparadies noch Hippies aus den USA anzog, Schulen gab, in denen Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. Das ist schon seit langer Zeit undenkbar geworden. Die jüngste Terrorkampagne in Swat begann im Oktober 2007 mit der Schändung einer Buddha-Statue nach dem Vorbild des Kabuler Taliban-Regimes. Um sich "Respekt" zu verschaffen köpften, kidnappten und vergewaltigten die Scharia-Aktivisten, was ihnen in die Hände fiel, zerstörten Schulen, hackten Mädchen mit bemalten Nägeln die Finger ab, schossen, mordeten und siegten. Jetzt ist Malakand ein "moderates" Talibanistan, mit geschlossenen Musikgeschäften, islamischen Gerichten, Alkoholverbot, Koranschulen, unsichtbaren Frauen und der Angst lauernd auf toten Straßen. Robert Gates, der sich immer noch Amerikas Verteidigungsminister nennen darf, hielt sich sich zufällig an dem Tag, an dem der "Friedensvertrag" in Swat unterschrieben wurde, in Kabul auf; er kommentierte den "Kompromiss" als noch vertretbar und als mögliche Vorlage für Afghanistan. Immerhin hatte ihm Richard Holbrooke, Obamas Sonderbeauftragter für die Region, der zur selben Zeit in Kabul war, sofort widersprochen.

Im vergangenen Jahr hat die CIA in dem grenznahen Teil der Stammesgebiete einen unerklärten Krieg gegen die dortige Taliban etabliert, der von dem Regierungswechsel in Washington bisher unberührt seit Anfang dieses Jahres an Intensivität noch gewonnen hat. Von Afghanistan aus werden militärische Ziele auf pakistanischer Seite von Dronen aufgespürt und mit Raketen beschossen. Eine Reihe hochrangiger Taliban-Führer und Trainingslager wurden dabei eliminiert So hat der Krieg gegen den Terror längst auch Pakistan erreicht. Aber er reicht damit noch längst nicht weit genug. Bezeichnend dafür ist, dass, was Pakistan betrifft, noch die geringsten Unterschiede zwischen der alten und neuen Strategie zu erkennen sind, auch wenn die neue amerikanische Regierung so tun, als hätte erst sie Pakistan als Aktionsfeld entdeckt. Der Grund dafür, dass es diese Unterschiede in Wirklichkeit kaum gibt, ist, dass schon die alte Strategie an Pakistan scheiterte.

Erstens, weil sich das Netz der sunnitischen Jihadisten, das man anhand der von ihnen betriebenen Muschen und Koranschulen kartographieren könnte, über das gesamte Staatsgebiet erstreckt, mit Schwerpunkten in Punjab, der bevölkerungsreichsten Provinz im Zentrum des Landes, bis nach Kaschmir im Nordosten. Die Taliban und Al Qaeda sind nur ein Teil eines weit umfangreicheren, der selben Ideologie verschriebenen Terrorsystems, das einen regionalen Krieg gegen Kabul, Islamabad und Neu Delhi führt, und einen Weltkrieg gegen den Westen. Der Anschlag auf die Dänische Botschaft in Islamabad im Juni war das Werk Al Qaedas, den Anschlag auf das Hotel Marriott im September verübten wahrscheinlich eine Gruppe aus Punjab, das Kommando, das im November in Mumbai wütete, kam aus Kaschmir, auch der Selbstmordanschlag auf das Kabuler Justizministerium im Februar und das Massaker der Cricket-Mannschaft  aus Sri-Lanka in Lahore gehen auf die Rechnung pakistanischer Jihadisten, um nur ein paar der spektakuläreren Beispiele der vergangenen Monate zu nennen für das Potential, die Vielfalt und Reichweite dieser Gruppen, die innerhalb und außerhalb Pakistans einen quasi alltäglichen Terror verbreiten, dessen Fülle von den Medien nicht mehr erfasst wird.

Zweitens ist die pakistanische Armee nur begrenzt bereit, dieser Gefahr Paroli zu bieten. Das im engeren und weiteren Sinne militärische Geschick des heutigen Jihad ist das Ergebnis gründlicher Kriegserfahrung, die in die 1980er Jahre zurückreicht, in denen die CIA und der pakistanische ISI die Mujaheddin für den Krieg gegen die Sowjetunion ausbildete und bewaffnete. Für die USA wurden diese Stellvertreterkrieger nach der Niederlage der Roten Armee in Afghanistan 1989 und dem anschließenden Zerfall des Ostblocks uninteressant. Doch während der amerikanische Geheimdienst sie mittlerweile bekämpft, hält der pakistanische an ihnen fest, um sie notfalls gegen Indien einzusetzen. Die Doktrin des pakistanischen Militärs beruht auf der irren Vorstellung, ein Angriff Indiens stünde kurz bevor, weshalb die Streitkräfte im Osten entlang der indischen Grenze konzentriert sind, anstatt sie gegen den inneren Feind zu richten.

Seit dem Einmarsch der Koalitionstruppen in Afghanistan Ende 2001 wird die pakistanische Armee mit erheblichen Dollarsummen versorgt, um sie für den Krieg gegen die Terroristen im eigenen Land zu rüsten. Tatsächlich veranlasste der nicht minder erhebliche politische Druck aus Washington die Armee dazu, eine Reihe verlustreicher Offensiven v.a. in den Stammesgebieten zu unternehmen, bei denen inzwischen an die 1500, mehr Soldaten starben als auf Seiten der Koalitionstruppen in Afghanistan. Doch ist das Vorgehen der pakistanischen Armee reaktiv und selektiv, die dem ISI für einen Krieg gegen Indien brauchbar erscheinenden Gruppen bleiben außerhalb der Schusslinie, die gefährlichsten Teile des Terrornetzes, etwas das der sunnitischen Jihadisten in Punjab und Kaschmir, sind davon kaum betroffen. Im vergangenen September begann die amerikanische Regierung zwar mit der Ausarbeitung von Plänen, den verdeckten Krieg der CIA auf diese bisher nahezu unbehelligten Strukturen auszuweiten, doch ohne sie in die Tat umzusetzen.

Bisher wird nur eine Anregung David Petraeus' in Betracht gezogen, den Dronenbeschuss entlang der afghanischen Grenze weiter nach Süden in die Umgebung von Quetta, der Provinzhauptstadt Baluchistans auszuweiten, wohin die Taliban ihre Aktivitäten inzwischen konzentriert haben soll. Auch kurze Kommandoaktionen von Spezialeinheiten von Afghanistan aus auf pakistanisches Gebiet regt Petraeus an. Damit würde der verdeckte Krieg der CIA zwar erstmals eine direkt von Islamabad aus administrierte Provinz unter Beschuss nehmen, andererseits wieder nur den bisher schon bekämpften Teil des pakistanischen Terrornetzes treffen. Noch wird innerhalb der neuen amerikanischen Regierung über diese begrenzte Ausweitung des Krieges kontrovers diskutiert. Vor einer weiteren Eskalation, durch die Pakistan selbst faktisch zum Kriegsschauplatz würde, war schon die alte Regierung zurückgeschreckt.

Schluss

Damit hätten wir nun nahezu alle Unwilligen, mit denen das neue Amerika den Krieg nicht gewinnen und nicht verlieren will, beisammen.

Über die Deutschen kann insgesamt nichts Neues berichtet werden. Ihr Afghanistan-Engagement hat und wird noch jeden Regierungswechsel unverändert überdauern. Es besteht in dem Kunststück, sich all die Jahre mit einem der zahlenmäßig stärksten Truppenkontingente aus allen Schwierigkeiten herauszuhalten. Jedoch kann man deshalb nicht behaupten, dass die Deutschen keine Rolle spielten. Im Störfeuer der Unwilligen haben sie sich schon früh einen hohen, wenn nicht den höchsten Rang erstritten. In Erinnerung an Gerhard Schröders Initiative zu einer "Asche des Friedens" im Vorfeld des Irakkriegs bis zu der anhalten Weigerung Angela Merkels, Soldaten aus dem befriedeten Norden in den umkämpften Süden Afghanistans zu verlegen, könnte man meinen, dass die deutsche Außenpolitik der vergangenen Jahre der neuen amerikanischen Ideologie als Kopiervorlage gedient hätte.

Auf die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz selbst haben all diese Dinge bisher keine sichtbaren Auswirkungen, was sich natürlich noch ändern kann. Sicher aber wird die neue Ideologie mit der Zeit einen Einfluss auf die Stimmung aller Beteiligten und Unbeteiligten haben. Am wenigsten vielleicht auf die kämpfenden Truppen und ihre Kommandeure. Die Unwilligen jedoch werden sich sicher jetzt schon in ihrer Überzeugung bestärkt fühlen, dass der Krieg falsch ist und so schnell wie möglich beendet werden muss, ihre Ungeduld wird zunehmen und sich vielleicht hier und da politisch Bahn brechen, um so einen anfälligen Koalitionspartner zum Rückzug zu zwingen. In den USA selbst ist, nach einer Umfrage von Gallup und USA Today15, der Bevölkerungsanteil derer, die den Krieg in Afghanistan für einen "Fehler" halten, innerhalb des ersten Monats seit der Regierungsübernahme Barack Obamas bereits von 30 auf 42 Prozent gestiegen, was, obwohl der Unwillen dort sicher nie den Level erreichen wird, der in Deutschland konstant seit Beginn des Krieges vorherrscht, doch ein unmissverständliches Zeichen dafür ist, welche Erwartungen die neue Ideologie weckt.

Die stärkste Wirkung wird man vielleicht beim Feind beobachten können, der sich darin bestätigt findet, dass sein Gegner keinen Durchhaltewillen hat; den Sieg greifbar, wird es seinen Vernichtungswillen aufreizen, auf zum letzten Gefecht.

Anmerkungen

1 Erklärung George W. Bushs zum Angriff amerikanischer und britischer Streitkräfte auf Ziele in Afghanistan, 7. Oktober 2001, http://www.pbs.org/newshour/terrorism/combating/bush_10-7.html

2 Afghanistan top priority for US, but goals limited: Gates, AFP, 27. Januar 2009, http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5hCUVnQo7pWhWBsj6jQRc_QDuxlxw

3 "Asked if the United States was winning in Afghanistan... Mr. Obama replied flatly, 'No.'"
Obama Ponders Outreach to Elements of Taliban, New York Times, 7. März 2009, http://www.nytimes.com/2009/03/08/us/politics/08obama.html

4 TALIBAN PROPAGANDA: WINNING THE WAR OF WORDS?, International Crisis Group, 24. Juli 2008, http://www.crisisgroup.org/library/documents/asia/south_asia/158_taliban_propaganda___winning_the_war_of_words.pdf

5 Obama Afghan Plan Focuses on Pakistan Aid and Appeal to Militants, New York Times, 12. März 2009, http://www.nytimes.com/2009/03/13/washington/13policy.html?_r=1&em

6 Wie Anmerkung 3

7 Insurgents in Afghanistan Are Gaining, Petraeus Says, News York Times, 30. September 2008, http://www.nytimes.com/2008/10/01/world/asia/01petraeus.html?scp=1&sq=petraeus%20taliban&st=cse

8 Afghan Reconciliation Program Grows, American Forces Press Service, 1. Oktober 2009, http://www.defenselink.mil/news/newsarticle.aspx?id=18179

9 Troops Face New Tests in Afghanistan, Washington Post, 15. März 2009, http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2009/03/14/AR2009031402178.html

10 Major Push Is Needed to Save Afghanistan, General Says, NYT, 8. Januar 2009, http://www.nytimes.com/2009/01/09/washington/09petraeus.html?scp=10&sq=petraeus%20taliban&st=cse

11 Afghanistan: New U.S. Administration, New Directions, ICG, 13. März 2009, http://www.crisisgroup.org/library/documents/asia/south_asia/b89_afghanistan___new_u.s._administration__new_directions.pdf

12 Wie Anmerkung 2

13 Quiet crawl to peace on the Afghan shuttle, Sunday Times, 15. März 2009, http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/middle_east/article5908441.ece

14 Franz Neumann, Behemoth, Vorwort zur ersten Auflage (1942)

15 Poll: More view Afghan war as 'mistake', USA Today, 16. März 2009, http://www.usatoday.com/news/world/2009-03-16-poll_N.htm