Iran Goes East

Nach der Präsidentenwahl im Juni sucht Teheran die Konfrontation mit dem Westen

Von Thomas Becker

28. September 2005 - Veröffentlicht in Bahamas Nummer 48/2005

„It's always easy to create a crisis, but not easy to control it.“

Hamid Reza Asefi, Sprecher des iranischen Außenministeriums (1)

Die Präsidentenwahl im Juni

Im Juni wurde in Iran ein neuer Präsident gewählt. Der Wächterrat, ein über den „demokratischen“ Verfassungsorganen thronender „Revolutionsrat“, der alle Kandidaten für politische Ämter, Entscheidungen des Parlaments, Maßnahmen der Regierung usw. überprüft und verwirft, wenn sie seiner Meinung nach dem göttlichen Gebot, der Sharia, zuwiderlaufen, hatte von mehr als tausend Anwärtern nur eine handvoll regimetreuer Männer zur Wahl zugelassen. Die Wähler hatten nur die Wahl zwischen den angeblichen „Reformern“, die Iran in dem zurückliegenden Jahrzehnt regiert hatten, und den sogenannten „Hardlinern“, die die Regierung wieder übernehmen wollten. Bei der Stichwahl am 25. Juni standen sich daher zwei Kandidaten gegenüber, die sich v.a. äußerlich deutlich voneinander unterschieden: Der altväterliche Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, Veteran der Revolution, in der ersten Hälfte der 1990er Jahre schon einmal Präsident und einer der reichsten Unternehmer und bekanntesten Politiker Irans; und Mahmoud Ahmadinejad, der noch unbekannte Bürgermeister Teherans, als jugendlicher Anführer an der Revolution beteiligt, aufgestigen zum Kommandeur der Revolutionswächter. Er war als Rächer der Armen in Gestalt eines bibeltreuen Moslems mit dem Versprechen zur Wahl angetreten, das Land vor dem drohenden Verderb zu retten, indem er es in die Zeit der „islamischen Revolution“ von 1979 zurückversetzt. Sein Wahlkampf wurde von dem Millionenheer der eifrigsten Anhänger der Revolution, von den Revolutionswächtern und der Basij, organisiert, von dem militärischen und paramilitärischen Arm der Revolution. Und er hatte den Segen des „obersten Führers der islamischen Revolution“, Ayatollah Seyed Ali Khamenei, der laut iranischer Verfassung das letzte Wort bei allen Staats- und Religionsangelegenheiten hat. Revolutionswächter und Basij hatten nicht nur den Wahlkampf organisiert, sondern sich auch in Organisation und Durchführung der Wahl selbst eingeklinkt. Es war Gottes Wille und der seiner willigen Vollstrecker, daß Mahmoud Ahmadinejad die Wahl gewänne.

Aber er gewann sie nicht nur deshalb, weil es keine demokratische Wahl war, die unter den gegebenen Umständen genauso undenkbar ist wie eine Reform. Das hat nicht nur die Wahl im Juni bewiesen, sondern die gesamte, jetzt nur formal beendete „Reformperiode“, die 1997 mit der Wahl Mohammad Khatamis zum „Reformpräsidenten“ beginnen und es u.a. rechtfertigen sollte, daß Europa einen unkritischen Dialog mit dem Regime führe. Obwohl das Wall Street Journal natürlich recht hatte, als es nach dem ersten Urnengang der am 17. Juni stattfand, schrieb, daß das Erstaunlichste bei der Wahl nicht eigentlich ihr Verlauf oder ihr Ergebnis selbst gewesen sei, sondern „wie Teheran es hingekriegt hat, so viele im Westen davon zu überzeugen, daß das eine wirkliche Demonstration von Demokratie ist“.(2)

Aber Mahmoud Ahmadinejad hatte außer den Machtapparat des Regimes, der ihm den Wahlsieg garantierte, auch ein gutes Programm. Es klang fast wie das Programm einer deutschen Linkspartei, und half ihm dabei, die Stimmen der Armen, Arbeitslosen und Analphabeten einzusammeln. Ein Journalist der New York Times faßte es so zusammen: „Er versprach, den Reichtum des Landes umzuverteilen, die Preise niedrig zu halten, und die Gehälter und die staatliche Beihilfe für die Armen anzuheben. Er stellte all seine Versprechen unter den Titel 'soziale Gerechtigkeit', eine Idee, die in einer Gesellschaft verfängt, in der dem Armen zu helfen eines jeden Gläubigen Pflicht ist“.(3) Und im Gegensatz vielleicht zu mancher Partei mit ähnlich gelagertem Wirtschaftsprogramm in Europa hatte Mahmoud Ahmadinejad die Absicht und die Mittel, es in die Tat umzusetzen. Die materiellen Mächte des Regimes sind überall, der Staat, die Revolutionswächter, islamische Wohlfahrtsverbände, regimetreue Clans oder Ayatollahs, wie Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, beherrschen mehr oder weniger die gesamte iranische Wirtschaft, und haben, zumal in Zeiten hoher Ölpreise, immer einen Teller Armensuppe für die Demütigen und Gedemütigten übrig. Man weiß ja, daß so eine Brühe nicht nur den Gläubigen stärkt, sondern auch den Glauben in ihm an Gott und Führer.

Der Klerikal-Sozialismus des neuen Präsidenten war aber nicht bloß ein billiger Wahlkampftrick. Die staatliche Fürsorge ist ein notwendiger Moment der Herausbildung der Zwangsgemeinschaft, wie bei jedem Faschismus; das Vorspiel für den notwendig folgenden Tugendterror, durch den sich die Gemeinschaft auf den Feind einschwört; ähnlich dem Geißelritual, wie es z.B. die Hizbullah in Libanon praktiziert, der iranischen Revolution liebstes Kind. Der neue Präsident Irans beließ es also nicht dabei, sich um das materielle Wohl des iranischen Volkes zu sorgen, und es gleichzeitig an seine religiösen Pflichten und revolutionären Tugenden zu erinnern. Zur Vorbereitung der Einlösung seines Versprechens, auch gegen den „moralischen Verfall“ vorzugehen, ordnete er zunächst eine Säuberung unter den Provinz-Bürgermeistern an, und ließ Getreue aus Militär, Geheimdienst und Security auf den Posten setzen, die das Innenministerium ernannte. Die neuen Bürgermeister sollten dafür sorgen, daß die geplanten Maßnahmen gründlich und reibungslos durchgeführt würden. Die Maßnahmen selber sollten die Einhaltung islamischer Sitten in der Öffentlichkeit durchsetzen, und zunächst, wie Radio Free Europe berichtete, folgende Verfehlungen aufs Korn nehmen: „Belästigung von Frauen, sexuelle Angriffe und andere Arten von anzüglichem Benehmen, der Betrieb von Bordellen und Spielcasinos, öffentlicher Alkoholgenuß oder öffentliche Trunkenheit, der Verkauf oder Kauf von Drogen“ usw.(4)

Man darf davon ausgehen, daß auch Homosexualität, Mißachtung der islamischen Kleiderordnung für Frauen und vieles andere mehr den revolutionären Eifer der Ordnungskräfte erregen konnte. Die Liste von Verfehlungen ist bei solchen Maßnahmen ihrem Wesen nach zum Ende hin offen. Außerdem war ein solches Fehlverhalten im revolutionären Iran noch nie erlaubt. In der letzten Zeit wurde manchmal vielleicht nicht energisch genug durchgegriffen. Und das ist die Message, auf die es der neuen iranischen Regierung vor allem ankommt: Mit dem laxen Umgang ist jetzt Schluß, die Sünden müssen nicht nur benannt, sondern auch tatsächlich geahndet und die Sünder auch tatsächlich bestraft werden. Es sollte ein „Ruck“ durch die Gesellschaft gehen. Um dem Nachdruck zu verleihen, wollte das Innenministerium Sondereinsatzkommandos bereitstellen, revolutionäre Tugendschwadronen, die in den Straßen patrouillieren und Übeltäter gleich am Tatort ertappen und bestrafen sollten. Zu diesem Zeck sollte jedem dieser Kommandos ein Schnellrichter, der sich mit der Sharia auskennt, zugeordnet werden. Neben der Polizei sollten sich Revolutionswächter und Basij an den Maßnahmen beteiligen. Die ersten sollen im September in Teheran begonnen haben. Sie sollten zunächst 20 Tage andauern, wurden also kampagnenmäßig, in Form von Schockwellen konzipiert. Die Tätergruppe, auf die man es in der Hauptstadt abgesehen hatte, wuchs schnell, als die Behörden erst mal in Fahrt gekommen waren. Sie wollten bald das Tanzen in der Öffentlichkeit unterbinden, bald die „Freuden-Karavanen“ von Hochzeitsgesellschaften, die mit ihren Autokonvois und ihrer Huperei den städtischen Nahverkehr und die gottgegebene Ordnung gleichermaßen störten.

Auch blieb es nicht bei solchen Disziplinierungsmaßnahmen, die nach innen wirken und die Funktion haben, die Gemeinschaft zusammenzuschweißen. Die Message aber, daß jetzt Schluß mit lustig sei, richtete sich ebenso nach außen. Denn der ärgste Feind, die Quelle der Sünde, befindet sich außerhalb der Grenzen der Gemeinschaft der Glückseeligen, dort, wo Allahs Gebote nicht gelten – im Westen. Es sind Juden und Amerikaner. Auch diese Feindbestimmung war alles andere als eine Erfindung des neuen Präsidenten. Es war ja Ayatollah Ruhollah Khomeini himself, der Amerika und Israel als Ausgeburten der Hölle gebrandmarkt und zu Irans Todfeinden erklärt hatte. Aber der verstorbene Führer hatte auch die Konsequenz gefordert und den Export der Revolution befohlen, Iran als Modell für die islamische, vielmehr für die ganze Welt gepriesen. Und doch ist Jerusalem bis heute nicht befreit. Der neue Präsident Irans fühlt sich deshalb jetzt dazu verpflichtet, den „Internationalismus“ jener Zeiten wiederaufleben zu lassen, aber nicht nur mit Worten. Mahmoud Ahmadinejad ist ein Mann der Tat, wie er gleich nach der Wahl im Juni auch auf dem Feld der Außenpolitik demonstrieren konnte.

Die Konfrontation mit dem Westen

Anfang August nahm Iran seine Uran-Konversionsanlage in Isfahan in Betrieb. Hier wird Uranerz in das Gas Uranhexafluorid umgewandelt. Das Gas ist ein Zwischenprodukt. Es dient als Rohstoff in einer Urananreicherungsanlage, wo es zu waffentauglichem Material verarbeitet werden kann. Iran verfügt über eine fast fertiggestellte Urananreicherungsanlage in Natanz. Die Anlage in Isfahan macht nur einen Sinn im Zusammenhang mit der Anlage in Natanz. Für das Produkt Uranhexafluorid gibt es keine Verwendung als die Weiterverarbeitung in einer Urananreicherungsanlage. Die Internationale Atomenergie Agentur in Wien, die das iranische Atomprogramm überwacht, gab Ende August bekannt, das in Isfahan bereits 7 Tonnen Uranhexafluorid produziert wurden, genug für eine handvoll Atombomben.(5)

Iran hatte sich im November 2004 zum zweiten Mal „freiwillig“ dazu „verpflichtet“, den Betrieb der Konversionsanlage in Isfahan und anderer verdächtiger Anlagen zu „suspendieren“, so lange die Gespräche und Verhandlungen andauerten, die Iran bereits seit zweieinhalb Jahren mit der IAEA und Europa führte. Iran machte jetzt Schluß mit dem unsäglichen Katz-und-Maus-Spiel, in dem außer den Mullahs selbst die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens die Hauptrollen verkörperten. Ihnen war es im Oktober 2003 gelungen, Iran knapp vor Ablauf eines Ultimatums an den Verhandlungstisch zu holen, und das Regime mit dieser spektakulären Blitzdiplomatie zum ersten Mal davor zu bewahren, wegen seines Atomwaffenprogramms vor den Weltsicherheitsrat zitiert zu werden. Sie wurden von der Presse seither Europas „Big Three“ genannt, weil sie den Amerikanern einmal gezeigt hatten, daß es auch anders geht, und wie man die „gegenwärtig größte Bedrohung der globalen Sicherheit“(6) allein dadurch aus der Welt schafft, daß man mal darüber geredet hat. Jetzt aber sahen die Drei nur noch mit großen Augen auf die leeren Stühle ihrer Gesprächspartner, die sich lautstark verabschiedet und den schier end- und doch sinnlosen „Dialog“ mit Europa für beendet erklärt hatten.

Zu gerne hätten die Europäer noch ein paar Jahre weiterverhandelt, so lange, bis sie die Mullahs endlich davon überzeugt hätten, daß sie eigentlich gar keine Atomwaffen bräuchten oder wollten, oder bis sich in Iran die „Reformer“ gegen die „Hardliner“ durchgesetzt hätten. Das hat nicht funktioniert. Seit in Teheran die Revolutionswächter regieren, und seitdem die Verhandlungen mit Europa das zügige Vorankommen seines Atomwaffenprogramms zu behindern begannen, zeigt Iran kein Interesse mehr daran. Daß die Verhandlungen früher oder später scheitern mußten, war dagegen von Anfang an klar, niemandem klarer als den Mullahs selbst. Sie machten sich jetzt lautstark über die Europäer lustig, indem sie zugaben, daß sie sich auf den „Dialog“ nur eingelassen hatten, um Zeit zu schinden. Anfang August erklärte der damalige Verhandlungsführer der Iraner seinen Kritikern zuhause, für welche den Verhandlungen mit dem Westen per se etwas Sündhaftes anhaftet, deren Sinn damit, daß sie dem Iran die Zeit verschafft hätten, die Uran-Konversionsanlage in Isfahan fertig zu stellen. Er bezog sich dabei natürlich genau auf jene Anlage, durch deren Inbetriebnahme Iran soeben den ganzen Verhandlungszirkus beendet hatte, und auf die Zeit der großen Blitzdiplomatie der Europäer im Herbst 2003, ein Jahr nachdem das über zwei Jahrzehnte geheimgehaltene iranische Urananreicherungsprogramm entdeckt worden war. Chief Negotiator Hosein Musavian plauderte in einem Interview im iranischen Fernsehen über die damalige Politik Irans: „Iran betrieb hier eine zweigleisige Politik. Wir arbeiteten intensiv mit der IAEA zusammen, und nahmen gleichzeitig Verhandlungen auf internationaler und politischer Ebene auf. Die IAEA gab uns 50 Tage Zeit, um die Anreicherung und alle damit zusammenhängenden Aktivitäten einzustellen. Aber dank der Verhandlungen mit Europa gewannen wir ein weiteres Jahr, in dem wir die Konversionsanlage in Isfahan fertigstellten“.(7) Im Oktober des darauffolgenden Jahres wurde die Anlage planmäßig fertiggestellt, und Irans Ingeneure konnten sich auf die Arbeiten an der zweiten, entscheidenden Komponente des Atomwaffenprogramms konzentrieren, auf die eigentliche Urananreicherung in den in Natanz installierten Gaszentrifugen. In den Worten des Herrn Chief Negotiators: „Wir stellten die Arbeiten an der Konversionsanlage in Isfahan im Oktober 2004 fertig, obwohl wir dies schon im Oktober 2003 hätten tun sollen. Hätten wir die Arbeiten damals eingestellt, wäre die Anlage in Isfahan nie fertiggestellt worden. Heute sind wir in einer machtvollen Position: Die Anlage in Isfahan ist fertiggestellt, und UF4- und UF6-Gase werden produziert. Wir haben einen Vorrat an den Gasen. Es ist uns während dieser Zeit gelungen, 36 Tonnen Yellow Cake in Gas umzuwandeln und zu speichern. Die Anlagen in Natanz sind fast fertiggestellt“.

Offensichtlich wollten die Mullahs auch die Urananreicherungsanlage in Natanz so bald wie möglich in Betrieb nehmen. Wozu bräuchten sie sonst das in Isfahan produzierte Gas und warum sollten sie seinetwegen eine internationale Krise hervorrufen, die ihnen zunächst nur Nachteile einbringen konnte? Durch den Abbruch der Verhandlungen mit Europa brachte sich Iran willentlich in die selbe Lage, in der es im Herbst 1983 schon einmal war, und woraus es die europäische Diplomatie so kunstvoll befreit hatte. Mit einem wesentlichen Unterschied: Das iranische Atomwaffenprogramm inzwischen weiter vorangeschritten, und die Europäer würden nicht noch einmal als Schutzengel zur Verfügung. Die Blamage war schon zu groß. Die Europäer hatten sich übernommen und in die „Logik“ ihrer Diplomatie verstrickt. Sie hatten sich als Mittler zwischen Iran und Amerika aufgespielt, und als einer der zu vermittelnden Pole weggefallen war, mußten sie sich zu dem anderen hinbewegen. Den entscheidenden Schrit dorthin waren sie schon im Frühjahr gegangen, als sie die Schuld für die schon nicht mehr zu übersehende Erfolglosigkeit ihres Appeasement gegenüber dem iranischen Islamismus den Amerikanern in die Schuhe schieben wollten, die ihre diplomatischen Bemühungen nicht mit dem nötigen Engagement unterstützt und den Iranern zu wenige „Incentives“ geboten hätten, um ihnen den Verzicht auf Atomwaffen zu erleichtern. Die amerikanische Regierung ließ daraufhin keine Gelegenheit aus, um die Verhandlungen zu loben und die großartige Leistung Europas zu würdigen, um im Gegenzug von den Europäer die öffentliche Zusage erhalten, im Falle ihres Scheiterns Iran vor den Weltsicherheitsrat zu bringen. Und so kam es auch, oder vielmehr, so sollte es kommen.

Iran verliert die erste Schlacht

Aber Iran schien die Hilfe der Europäer auch gar nicht mehr in Anspruch nehmen zu wollen. Im Gegenteil. Zeitgleich mit dem Abbruch der Atomverhandlungen verkündete das Regime eine strategische Wende seiner Außenpolitik. Es feierte das Ende des „Dialogs“ mit Europa, als wäre es ein lang ersehnter Befreiungsschlag, und stellte zunächst fest, daß sein Urananreicherungsprogramm unverhandelbar, daß es das natürliche Recht des iranischen Volkes sei, sich diese Technik anzueignen. Von Iran zu fordern, darauf zu verzichten, sei imperialistische Anmaßung und „nukleare Apartheid“, wie es Mahmoud Ahmadinejad immer wieder nannte, der Versuch von „Weltmächten“, die Atomtechnik für sich allein zu haben. In dieser Weise bezichtigte Mahmoud Ahmadinejad jetzt nicht mehr bloß die Amerikaner, die Selbiges gewohnt waren, sondern auch die drei großen Europäer, die Schutzengel: „Die EU-3, die selbst Atommächte sind und mit ihren Atombomben die Weltsicherheit bedrohen, versuchen jetzt alles, um anderen Ländern den Zugang zur Atomkraft unter dem Vorwand zu versagen, die globale Sicherheit zu verteidigen“.(8)

Durch die überschwengliche Offenheit, die der neue Präsident bei seinen Reden pflegt, wurde damit auch endlich die Tatsache bekannt, daß Deutschland zu den geheimen Atommächten gehört. Es gehört aber jedenfalls nicht mehr zu den Ländern, von denen man sagen könnte, daß sie besonders freundschaftliche Beziehungen zu Iran unterhielten. Diese Zeiten waren erst mal vorbei. In Teheran hatte man vielleicht nicht damit gerechnet, daß die Europäer nach dem Abbruch der Verhandlungen sich gleich als Speerspitze einer Kampagne aufführen würden, die Iran nun vielleicht doch noch vor den Weltsicherheitsrat bringen könnte. Aber man war auf etwas ähnliches darauf vorbereitet.

Iran hatte sich anscheinend genau überlegt, wie es nach dem „Dialog“ mit Europa weitergehen sollte. Rußland, China und Indien sollten künftig die Rolle übernehmen, die die Europäer bis dahin gespielt hatten; oder die einen sollten gegen die anderen ausgespielt werden. Iran lockte die neuen Freunde mit seinen Energieressourcen, mit Öl- und Gas. Rußland hatte sich in der Vergangenheit als treuer Vasall der Atommullahs gezeigt, und baut für sie und für 1 Milliarde Dollar Irans ersten Atomreaktor, der im kommenden Jahr in Betrieb gehen soll. Indien wollte man für seinen Beistand und 30 Milliarden Dollar mit Flüssiggas versorgen, über eine Pipeline durch Pakistan, die „Pipeline des Friedens“ heißen sollte.

Der neue Präsident hatte die Vision, die Pipeline bis nach China zu verlängern, zum drittgrößten Warenexporteur der Welt nach Amerika und Deutschland, mit Wachstumsraten von fast 10 Prozent, die hierzulande nur von der Arbeitslosenrate getopt werden; einer Wirtschaft die stets nach Rohstoffen hungert. Mächtige Partner, die Iran da gefunden hatte. Alle drei Atommächte. Rußland und China mit Vetomacht im Weltsicherheitsrat. Im August und September war die Presse voll von der „Pipeline des Friedens“. Iranische Emissäre reisten wie wild zwischen Islamabad und New Delhi hin und her, das Regime machte China Angebote, Rußland Avancen und entfaltete eine aufwendige Krisendiplomatie, als das Gewitter sich langsam aber sicher über ihm zusammenbraute.

Mohammad ElBaradei, der trotz völligen Versagens für eine weitere Amtsperiode wiedergewählte Direktor der IAEA, hatte es zwar wieder geschafft, einen Iran-Report vorzulegen, der nicht auf den Punkt kommt. Aber immerhin, statt noch mal zu behaupten, man könne Teheran nicht nachweisen, daß es Atombomben baut, gab er nun zu, daß man auch das Gegenteil nicht beweisen konnte. Iran solle die Konversionsanlage einfach wieder abschalten und an den Verhandlungstisch zurückkehren. Es waren jetzt die Europäer, nicht wie vorher nur die Amerikaner, die sich damit nicht mehr begnügen wollten. Für die nächste Sitzung des IAEA-Gouverneursrats bereiteten sie eine Resolution vor, die das entscheidende, vom Direktor stets tunlichst vermiedene Stichwort enthalten und Iran der „Nichteinhaltung“ der Bestimmungen des Vertrags über die Nichtverbreitung von Atomwaffen bezichtigen würde. Das Stichwort ist ein „trigger“, der erste Schritt auf dem Gang zum Weltsicherheitsrat.

Die amerikanische Krisendiplomatie stand der iranischen nicht nach. Zwischen die Fronten geriet v.a. Indien, der schwächste unter den drei neuen großen Freunden Irans. Als die indische Regierung, von zwei Seiten her in die Zange genommen, sich nicht entscheiden konnte, welcher Partner ihr mehr bedeutete und auf Zeit spielte, drohte die amerikanische Regierung mit dem Ende der Zusammenarbeit im Bereich der Atomtechnik. Iran drohte mit dem Ende der „Pipeline des Friedens“. Am Ende, am 24. September stimmte Indien im Gouverneursrat der IAEA in Wien für eine von den Europäern eingebrachte Resolution, die Iran „non compliance“ bescheinigte. Rußland und China enthielten sich der Stimme.

Das war aber erst der Anfang vom Ende. Europas Diplomaten hatten zwar, weil ihnen Iran keine andere Wahl ließ, das Procedere in Gang gesetzt, dessen nächste Station der Weltsicherheitsrat sein würde. Aber nicht ohne Iran einen weiteren Aufschub, diesmal allerdings nicht von zwei Jahren, sondern nur von zwei Monaten zu verschaffen. Zeit für noch mehr Krisendiplomatie. Iran wollte Indien den Gashahn abdrehen, alle Vereinbarungen mit der IAEA aufkündigen und, zum Trotz, auch die Urananreicherungsanlage in Natanz in Betrieb zu nehmen.

Eine Kapitulation, die Aufgabe seines Atomwaffenprogramms, in erster Linie der Urananreicherung, scheint für Iran nicht in Frage zu kommen, schon gar nicht seit die neuen Revolutionäre in Teheran regieren. Wenn dem so ist wird auch der Weltsicherheitsrat das Problem nicht lösen können, denn wirtschaftliche und diplomatisch entfalten, wenn überhaupt, nur längerfristig ihre Wirkung. Aber keiner weiß genau, wann Iran soweit ist, die komplette Technik des Atomwaffenbaus zu beherrschen, ob in zehn, fünf, oder nur einem Jahr. Oder ob das Regime vielleicht nur noch sechs Monate vom „point of no return“ entfert ist, wie es der israelische Außenminister befürchtet: „Die Frage ist nicht, ob sie die Bombe 2009 oder 2010 oder 2011 haben, die Frage ist, wann sie das komplette Wissen darüber haben“, wie man sie baut.(9) Die Vereinten Nationen und der Weltsicherheitsrat konnten oder wollten schon das Problem Saddam Hussein nicht lösen. So wird auch die Lösung dieses Problems davon abhängen, ob sich eine Koalition der Willigen zusammenfindet, die das Regime entwaffnet und die neuen Revolutionäre von ihrem Sockel stürzt.

(1) Laut: Iran Threatens to Resume Enrichment, AP, 27. September 2005, http://news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/ap/20050927/ap_on_re_mi_ea/iran_nuclear_6
(2) Iran's 'Democracy', Wall Street Journal, 20. Juni 2005, http://www.opinionjournal.com/editorial/feature.html?id=110006845
(3) Iran voters sought to make ends meet, IHT, 4. Juli 2005, http://www.iht.com/bin/print_ipub.php?file=/articles/2005/07/03/news/iran.php
(4) New Security Measures Not Welcomed By All, Radio Free Europe/Radio Liberty, 18. September 2005, http://www.rferl.org/featuresarticle/2005/09/c186561c-5b4f-46e1-ac3f-0f5612dc0a0e.html
(5) Namentlich nicht genannte Diplomaten im Umfeld der IAEA in Wien sollen Ende September versichert haben, daß das in Isfahan produzierte Gas von so schlechter Qualität sei, daß es sich nicht für die Weiterverarbeitung in einer Urananreicherungsanlage eigne. Iran brauche wahrscheinlich noch ein Jahr, bis er die Technik der Urananreicherung so weit beherrsche, daß sie zum Waffenbau genutzt werden könne: Iran's uranium gas unusable for atomic fuel, Reuters, 27. September 2005, http://news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/nm/20050927/wl_nm/nuclear_iran_dc_80 Auch der Direktor der russischen Atombehörde meinte, daß Iran wahrscheinlich noch ein Jahr brauche, im die Urananreicherung in den Griff zu bekommen: Russia urges Iran not to enrich uranium, AFP, 27. September 2005, http://news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/afp/20050927/wl_mideast_afp/irannuclearrussiaiaea_050927135435
(6) “Senior Government sources say Iran currently poses the greatest threat to global security.”, NUCLEAR 'WEAPONS' IRAN CRISIS, Mirror, 19. September 2005, http://www.mirror.co.uk/news/tm_objectid=16147629&method=full&siteid=94762&headline=nuclear--weapons--iran-crisis--name_page.html “The central threat to global security - and to renewed momentum towards dialogue and peace in the Middle East today - is Iran and its nuclear ambitions.’”, Address by Deputy Prime Minister and Minister of Foreign Affairs Silvan Shalom to the United Nations 60th General Assembly, Israel Ministry of Foreign Affairs, 20. September 2005, http://www.mfa.gov.il/MFA/Government/Speeches+by+Israeli+leaders/2005/Address+by+FM+Shalom+to+the+UN+General+Assembly+20-Sep-2005.htm
(7) Chief Iranian Negotiator on the Nuclear Issue Hosein Musavian: The Negotiations with Europe Bought Us Time to Complete the Esfahan UCF Project and the Work on the Centrifuges in Natanz, The Middle East Media Research Institute, 8. August 2005, http://memritv.org/Transcript.asp?P1=805
(8) Ahmadinejad stresses Iran's determination to develop nuclear technology, Irna, 27. September 2005, http://www.irna.ir/en/news/view/menu-236/0509278686124948.htm
(9) Iran may be 6 months from bomb know-how, Reuters, 19. September 2005, http://news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/nm/20050920/wl_nm/nuclear_iran_israel_dc_1