Angriff und Durchhaltewillen

Amerika gibt die Idee einer demokratischen Revolution in Irak noch nicht auf

Von Thomas Becker

5. August 2007 - Veröffentlicht in Bahamas 53/07 Hinweis: Bei diesem Text handelt es sich um die ursprüngliche, also nicht um die redaktionell überarbeitete und tatsächlich gedruckte Version. und auf der Website von WADI e.V.

Anfang dieses Jahres hatte die amerikanische Regierung eine Verstärkung ihres militärischen Engagements in Irak angekündigt. Die Verlegung von 30000 zusätzlichen Bodentruppen samt ihrer Waffen kam Mitte Juni zum Abschluß. Die USA verfügten damit Anfang des Sommers über eine Streitmacht von 160000, zusammen mit den übrigen Koalitionstruppen und der neuen irakischen Armee über 350000 Soldaten, um ihre in den vorhergehenden Monaten von den Kommandeuren in Irak und dem Pentagon vorbereitete Offensive durchzurühren. Parallel zur Verstärkung der Bodentruppen hatte die amerikanische Luftwaffe ihre Schlagkraft und Aktivität in und über Irak vervielfacht, ihre Flughäfen in Irak ausgebaut, ihre altgedienten, zuletzt während der Invasion im Frühjahr 2003 eingesetzten B1-B-Großbomber zurück an die Front geholt, und ihre mit der allerneusten Elektronik ausgerüsteten F-16C-Kampfflugzeuge bereitgestellt, die in enger Kooperation mit den Bodentruppen bei den Operationen gegen Al Qaeda, Baathisten, die Mahdi-Armee und all die anderen schiitischen und sunnitischen islamischen Terrorgruppen zum Einsatz kommen sollten. Die US-Navy war schon seit Januar mit zwei Flugzeugträgern und den sie begleitenden Kriegsschiffen im Persischen Golf und Arabischen Meer präsent, um die Koalitionstruppen in Afghanistan und Irak mit zusätzlichen Kampfflugzeugen und Aufklärungsflügen zu unterstützen. Ein dritter Flugzeugträger erreichte den Golf Anfang August, wo er sich an einer gemeinsamen Militärübung der amerikanischen See-, Luft- und Boden-Streitkräfte mit insgesamt 20000 Soldaten, 30 Schiffen und 280 Flugzeugen beteiligte.

Dieses Aufgebot war die Antwort der amerikanischen Regierung einmal auf die seit dem Frühjahr 2006 durch vermehrte Anschläge gegen die Koalitionstruppen und die Eskalation religiös begründeter Gewalt dramatisch verschlechterte Sicherheitslage in Irak, besonders in Bagdad und den anliegenden Provinzen; und es war zugleich die Antwort auf jenen von den demokratischen Präsidentschaftskandidaten im run-up zu den Wahlen im kommenden Jahr verbreiteten Defätismus, der sich auf Kriegsmüdigkeit berief und angesichts des von sogenannten Experten festgestellten Irak-Desasters den USA das Eingeständnis ihrer Niederlage in Irak abverlangt.

Die Einschätzung der militärischen und politischen Realität in Irak, ob sie vorerst bloß als dramatisch schlecht beurteilt oder schon als Desaster betrachtet wurde, war dabei nicht der Punkt, der Regierung und Opposition zu solch gegensätzlichen Schlußfolgerungen veranlaßte. Oder vielmehr war dieser Unterschied in der Einschätzung der Realität bereits ein abgeleiteter, Funktion einer früheren und grundlegenderen Entzweiung. Die Mehrheit derer, die Bushs "Irak-Abenteuer" jetzt für gescheitert hielten, war schon der selben Meinung, bevor es überhaupt begonnen hatte. Lange vor der amerikanischen Opposition wußte es die deutsche Regierung, die im Oktober 2002, als Hillary Clinton Saddam Hussein noch in den Worten "disarm or be disarmed"(1) mit einem amerikanischen Militäreinsatz drohte, schon längst die Koalition der Unwilligen anführte. Für die Deutschen war jede schlechte Nachricht aus Irak seither nie mehr als der Beweis gewesen, daß ihre voreilige Prophezeiung, das nehme alles kein gutes Ende, sich endlich zu offenbaren schien. Was die Kriegsgegner jetzt kritisierten war daher nicht das Scheitern einer Mission, hinter der einmal eine gute Idee gesteckt haben mochte, sondern die Idee dieser Mission selbst: daß es zugleich notwendig und möglich sei, Saddam Hussein zu stürzen und an die Stelle seiner Diktatur einen demokratischen Staat zu errichten.

Operation Iraqi Freedom

Die Idee, Irak durch eine Koalition der Willigen zu befreien, lehnte Hillary Clinton in dem selben Moment ab, als sie im Senat noch dafür stimmte, Saddam Hussein notfalls mit Hilfe der amerikanischen Streitkräfte zu entwaffnen. Diese Idee sei vielleicht für manche verlockend, warnte sie in ihrer damaligen Senatsrede, weil sie sich von einem solchen Angriff versprächen, das irakische Volk erhalte dadurch "die Chance, sich eine Zukunft in Freiheit aufzubauen". Diese Leute, womit sie die Neocons meinte, dächten möglicherweise, die Beseitigung der Diktatur schaffe die Möglichkeit, einen demokratischen Staat in Irak zu errichten, und führe vielleicht sogar "die ganze Region zu demokratischen Reformen". Sie aber lehne solche Ideen ab, weil sie nicht von den Vereinten Nationen geteilt und durch internationales Recht gedeckt seien, und die USA, wenn sie sie im Alleingang zu realisieren versuchten, einen Präzedenzfall schaffen würden, der andere Staaten wie Rußland oder China ihrerseits zu militärischen Abenteuern ermuntern könnte. Clinton stimmte einem Militäreinsatz nur zu, wenn er sich darauf beschränke, Saddam Hussein zur Befolgung der UN-Resolutionen zu zwingen, die sich mit der Produktion von Massenvernichtungswaffen in Irak beschäftigten, und nur wenn alle nichtmilitärischen Mittel dies nicht erreichen würden. Einem Krieg zur Befreiung Iraks, einem Regime-Change, stimmte sie mit ihrem damaligen Votum ausdrücklich nicht zu.

Ein Präzedenzfall, wenngleich von etwas anderer Art als von Clinton beschworen, war aber genau das, was die amerikanische Regierung schaffen wollte. Sie wollte ja nicht nur Irak demokratisieren. Die Notwendigkeit, Irak anzugreifen, ergab sich für sie aus dem Zusammenhang, den sie zwischen den undemokratischen Verhältnissen im Mittleren Osten und den islamischen Terroristen, die Amerika am 11. September 2001 den Krieg erklärt hatten, herstellte. Sie behauptete, daß die spezifische politische Unfreiheit in den arabischen und islamischen Staaten, weniger die allgemeine soziale Ungerechtigkeit in der Welt, der Boden sei, dem der Terror entwachse. Und sie erkannte in der Diktatur Saddam Husseins das erste Hindernis für eine demokratische Revolution des gesamten Mittleren Ostens, zu der sie den Anstoß geben wollte.

Die Möglichkeit, dieses Hindernis zu beseitigen, ergab sich durch die militärische Überlegenheit der USA, aber zunächst nur soweit es den Sturz des Diktators betraf. Daß es darüber hinaus möglich sei, die Diktatur durch einen demokratischen Staat zu ersetzen, war bis dahin nicht viel mehr als eine Idee, deren Verwirklichung nicht allein von den militärischen Kräfteverhältnissen, sondern zusätzlich davon abhinge, ob die irakische Gesellschaft sich mit dem Idealismus der amerikanischen Regierung identifizieren, und mit welcher Entschiedenheit und Zähigkeit das so zustande gekommene Bündnis irakischer und amerikanischer Republikaner diese Idee gegen ihre Feinde praktisch verteidigen würde.

Symbolisch festgehalten war diese Idee von der gemeinsam erkämpften Freiheit in jener weltberühmten Szene, die sich am 9. April 2003 in Bagdad abspielte, als US-Marines im Verein mit irakischen Bürgern die zwölf Meter hohe Statue Saddam Husseins am Firdos-Platz, im Zentrum der soeben befreiten Stadt, von ihrem Sockel holten.(2) Die Statue war ein Jahr zuvor zu Ehren des 65. Geburtstags des Diktators dort aufgestellt worden, und ihr Sturz war die symbolische Ausführung des kollektiven Tyrannenmords, der sich erst dreieinhalb Jahre später, dann unter nüchterneren Umständen und mit entsprechend veränderter Symbolik, tatsächlich ereignete.(3) Und natürlich entstellte schon die damalige Szene die realen Verhältnisse an entscheidender Stelle, indem sie den Beitrag, den die irakische Gesellschaft zum Sturz des Diktators, dem ersten Schritt zu ihrer Befreiung, geleistet hatte, weit übertrieb. Doch gerade in dieser Entstellung lag auch ihre Symbolkraft, ihr idealistisches Moment. In der Übertreibung kam die Diskrepanz zum Ausdruck zwischen der Idee und der Realität der irakischen Republik, die anstelle der Diktatur errichtet werden sollte; und diese Differenz verwies auf den Beitrag, den die irakische Gesellschaft zu ihrer Befreiung noch zu leisten hätte.

Die Realität der Republik

Doch nach der Beseitigung der Diktatur stand der demokratischen Revolution, zu der Amerika den Anstoß gegeben hatte, schon das nächste Hindernis im Weg. Es waren nicht alle Iraker Republikaner, so wie nicht alle Amerikaner Demokraten sind, sodaß die irakische Gesellschaft sich politisch aufspaltete in Befürworter und Gegner der Republik, die, die das alte Regime zurückhaben, andere, die einen Gottes- statt eines Rechtsstaats errichten, oder solche, die Irak nach religiösen oder ethnischen Kriterien aufteilen oder einfach nur verhindern wollten, daß Amerika diesen Krieg gewinne. Folglich war die irakische Gesellschaft außerstande, sich, wie es die revolutionäre Idee verlangte, selbst demokratisch zu organisieren. Es waren stattdessen die Feinde der Republik, die die Fähigkeit zur Selbstorganisation besaßen, während das Schicksal der demokratischen Revolution auch nach der Beseitigung der Diktatur nahezu vollständig von dem Engagement Amerikas abhing.

Unmittelbar nach dem Sturz Saddam Husseins begannen die Anhänger des untergegangenen Regimes damit, einen Guerillakrieg zu seiner Wiedererweckung zu organisieren. Sunnitische Stammesoberhäupter und Islamisten, v.a. in der Provinz Anbar, schlossen sich ihnen an. Al Qaeda erklärte Irak zum Schauplatz einer Entscheidungsschlacht gegen die Ungläubigen und gewann Verbündete unter den irakischen Sunniten, indem sie ihnen vorrechnete, daß die Demokratie nur die Form sei, die die schiitische Bevölkerungsmehrheit an die Macht bringe. In Bagdad mobilisierte Muqtada Al Sadr die schiitischen Massen für den Krieg gegen die Befreier, während seine Miliz, die Mahdi-Armee, Amerikaner, Baathisten und Sunniten gleichermaßen umbrachte. Al Sadr griff auch das schiitische Establishment an, das mit den Koalitionstruppen zusammenarbeitete, denn er wollte weder das alte Regime zurückhaben noch eine Demokratie, sondern einen Schiitenstaat nach dem Vorbild Irans.

Ein Jahr nach der Invasion, 2004, hatte sich diese Gemengelage längst als dauerhafte Barriere gegen die irakische Republik etabliert. 2004 gründete Musab Al Zarqawi Al Qaeda in Irak (AQI). Mit Anschlägen auf die Koalitionstruppen, die UN-Zentrale in Bagdad, der Ermordung schiitischer Geistlicher und über 100 Terroropfern beteiligte er sich schon im August 2003 an allen Fronten des Irakkriegs: dem Terror gegen die Befreier, Kollaborateure und Ungläubige. Im März 2004 brachte er es mit koordinierten Anschlägen auf schiitische Moscheen in Bagdad und Karbale auf 150 Tote und erlangte im Mai mit einem Video von der Köpfung Nicholas Bergs weltweite Berühmtheit. Der Terror Zarqawis setzte frühzeitig den Maßstab für den Grad an Brutalität, mit der die Feinde der Republik agierten, und ließ wenig Raum für Zweifel daran, daß Al Qaeda in Irak einen totalen Krieg führte.

Währenddessen, von April bis August 2004, lieferte sich Muqtada Al Sadr in Bagdad seine ersten größeren Gefechte mit amerikanischen Truppen. Nach dem Sturz des Diktators wurde der Stadtteil, in dem er wohnte, eine Nachbarschaft von zwei Millionen Schiiten nordöstlich des Zentrums Bagdads, von Saddam-City in Sadr-City umbenannt. Al Sadr beanspruchte damit für sich, der wahre Befreier Iraks zu sein. Aber die Ideen, die er von der Befreiung Iraks hatte, galten nicht allen Irakern; sie beschränkten sich auf die Mobilisierung der schiitischen Massen, der Underdogs, für eine schiitische Revolution nach dem Muster der iranischen. Seine Vorstellungen von der Freiheit kreisten um den Glauben an die baldige Wiederkehr Mahdis, des verborgenen Imams, die er mit dem Präsidenten Irans teilte. Mit Zarqawi verband ihn der religiös begründete Haß auf die Republik, während sich die beiden Terror-Führer und ihr Klientel als Sunniten und Schiiten in tödlicher Feindschaft gegenüberstanden.

Die Koalitionstruppen führten in den ersten zwei Jahren des Krieges immer wieder erfolgreiche Operationen z.B. gegen die AQI, Baathisten und ihre sunnitischen Verbündeten in Fallujah und die Mahdi-Armee in Najaf, Karbala und Sadr City durch. Doch nach ihrem Sieg zogen sich die Truppen jeweils wieder aus den eroberten Gebieten zurück, die noch kaum entwickelte irakische Armee und Polizei konnten die Städte nicht halten, sodaß sie nach und nach zurück in die Hände der Terroristen fielen.

Im Januar 2005, im Vorfeld der ersten demokratischen Wahl in Irak seit dem Ende der Diktatur, erklärte Zarqawi der gerade entstehenden irakischen Republik "einen bitteren Krieg gegen die Demokratie und all diejenigen, die versuchen, sie zu etablieren". Alle Kandidaten und Wähler erklärte er zu "Feinden des Islam" - ein Todesurteil, daß die AQI mit 300 Anschlägen vor der Wahl vollstreckte. Da die Demokratie auf den Prinzipien Mehrheit und Pluralismus beruhe, warnte Zarqawi, erlaube sie, daß sich innerhalb der Gemeinschaft der Unglaube ausbreite. Die Demokratie sei ein Komplott, mit dem die Amerikaner ihre "heimtückischen Überzeugungen" über Bagdad und die Sunniten brächten.(4)

Doch Zarqawis Terror gegen Demokratie und Demokraten verhinderte nicht, daß zur gleichen Zeit die ersten Institutionen der Republik entstanden. Schon im Juni 2004 hatten die Koalitionstruppen einer irakischen Übergangsregierung die Souveränität über Irak übertragen. Im Januar 2005 wählten 12 Millionen Iraker, fast die Hälfte der Bevölkerung, ein Übergangsparlament. Im Oktober gaben sie sich in einem Referendum eine neue Verfassung und wählten im Dezember die erste Regierung der neuen irakischen Republik. In der Verfassung hielten sie das doppelte Bewußtsein darüber fest, daß dies nur die Anfänge einer neuen Ordnung sein würden, die im Kampf begründet und verteidigt werden mußten, wenn sie sich durchsetzen sollte: "Die Anschuldigungen, wir seien Ungläubige, und der Terror konnten uns nicht davon abhalten, zu dem Aufbau einer Nation des Rechts voranzuschreiten... Die irakische Republik ist ein föderaler, unabhängiger und vollständig souveräner Staat, dessen Regierungssystem republikanisch, repräsentativ (parlamentarisch) und demokratisch ist... Der Staat wird den Terrorismus in allen seinen Formen bekämpfen und dafür sorgen, daß sein Territorium keine Basis, Durchgangsweg oder Schauplatz für terroristische Aktivitäten wird".(5) Die Verfassung bestätigte damit ihrerseits das Bündnis zwischen irakischen und amerikanischen Republikanern, das auf der Überzeugung gründete, daß die Verteidigung der irakischen Republik und der Krieg gegen den internationalen islamischen Terror eine Einheit bilden.

2006, drei Jahre nach der Invasion, löste der Anschlag der AQI auf die "Goldene Moschee" in Samarra eine Eskalation der religiös begründeten Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten aus. In der Moschee befanden sich die Gräber zweier von den Schiiten verehrter Imame des 9. Jahrhunderts, von denen einer der Vater des verborgenen Imams war. Der Anschlag war eine gezielte und zugleich unglaubliche Provokation für alle Schiiten, v.a. aber für die an den Mahdi glaubenden, und damit für die Mahdi-Armee. Der darauf folgende Terrorkrieg zwischen Schiiten und Sunniten veränderte Bagdad innerhalb weniger Monate auf dramatische Weise, indem sich die Stadt im Zuge einer Gewaltorgie in religiös definierte Stücke zerteilte. Auch die Anschläge gegen die Koalitionstruppen nahmen zu. Es gelang diesen nicht, Bagdad und die umgebenen Provinzen dauerhaft zu befrieden, und die Zahl der zivilen und militärischen Opfer des Krieges stieg auf ein bis dahin unerreichtes Niveau.

Da die Bevölkerungsmehrheit Iraks sich zum Schiitentum bekannte und die Wähler mehrheitlich ihrem religiösen Bekenntnis gemäß abstimmten, wurde die irakische Regierung von den etablierten schiitischen Parteien dominiert. Doch auch Muqtada Al Sadr, erklärter Feind der Republik, kontrollierte mehrere Ministerien. Die sunnitischen Parteien hatten die Wahlen, die sie unter diesen demographisch-religiösen Umständen nicht gewinnen konnten, im Januar 2005 boykottiert, im Dezember aber einige Parlamentssitze gewonnen und später Ministerien bekommen. Die an der Regierung beteiligten kurdischen Parteien hatten zugleich eine weitgehend autonome Region im Norden Iraks zu verwalteten. Es war eine Regierung, deren demokratische Form von Partikularinteressen unterminiert wurde. Sie brachte kaum eine politische Entscheidung von nationaler Bedeutung zustande. Die irakischen Armee- und Polizeikräfte blieben zu schwach, um sich gegen die im ganzen Land operierenden Milizen durchzusetzen. Die irakische Republik war immer noch eine Vision, die nur durch die Präsenz amerikanischer Truppen aufrechtzuerhalten war.

Die Verteidigung der Republik

Die Kriegsgegner, die vom Idealismus der amerikanischen Regierung nichts wissen wollten, sahen diese Realität, aber keine Diskrepanz zu einer Idee, an der sie hätte gemessen werden können, und damit fehlte ihnen jeder Grund, etwas daran zu ändern. Ihr realistischer Blick auf das Gescheiterte ging ganz ins Leere, weil sie an das, was da gescheitert sein sollte, nie geglaubt hatten. Deshalb war auch das Urteil, das sie vier Jahre nach der Irak-Invasion fällten, nur noch gnadenlos realistisch: "Das ist nicht Amerikas Krieg, kein Krieg den Amerika zu gweiinen oder zu verlieren hätte. Wir haben dem irakischen Volk die Chance zur Freiheit gegeben, die Möglichkeit, ihr eigenen Land zu gestalten. Es ist jetzt ihre Entscheidung, ob sie diese Chance wahrnehmen wollen oder nicht."(6)

Als seien es die Iraker selber gewesen, die auf die Idee gekommen wären, sich zu befreien. Für die Zeit nach Bush versprach die Website Hillary Clintons: "Wenn die Bush-Administration es nicht tut, als Präsidentin und Oberbefehlshaberin der amerikanischen Streitkräfte wird Hillary diesen Krieg beenden".(7) Clintons Wahlkampfslogan lautete: "Ich bringe unsere Soldaten nachhause"; und das war auch schon alles, was sie zum Thema Irak noch zu sagen hatte. Wäre Clinton 2003 Präsidentin der USA gewesen, hätte das irakische Volk "die Chance zur Freiheit" wahrscheinlich nie bekommen. Dabei könnte sie in allen Punkten recht gehabt haben, wo es um die Darstellung der Realität, die Kritik an dem Beitrag, den die Iraker zu ihrer Befreiung nicht geleistet hatten, und um die von ihnen gewählte Regierung ging, der Clinton vorwarf, versagt zu haben und von den Milizen Muqtada Al Sadrs unterwandert oder von Teheran gelenkt zu sein. Doch hatte sie auch Recht, als sie meinte, dabei handele es sich um eine Realität, die Amerika nichts - mehr - anginge?

Ihre Regierung jedenfalls hatte Irak sicher nicht angegriffen, die Diktatur zerschlagen, die ersten demokratischen Institutionen geschaffen und 4000 amerikanische Soldaten geopfert, weil sie meinte, daß sie Irak nichts anginge, oder nur um dort nach Massenvernichtungswaffen zu suchen. Für die amerikanische Regierung war die Errichtung der Republik anstelle der Diktatur, Irak als Präzedenzfall für den gesamten Mittleren Osten, der Dreh- und Angelpunkt ihrer Strategie im Krieg gegen den internationalen islamischen Terror.

Die ersten Fundamente der Republik waren nach der Invasion gelegt worden, und sie waren weder sicher und unangefochten, noch waren sie unter dem Terror schon zusammengebrochen. Sicher war, daß die Republik sich in dem kritischen Stadium ihrer Verteidigung befand, ohne daß man hätte sagen können, wie lange dieser Zustand noch andauern würde. Es lag aber auch kein Rezept oder Drehbuch vor, in dem man hätte nachlesen können, wie lange es dauern und wieviel es kosten würde, diesen Krieg zu gewinnen. Sicher war daher nur, daß die irakische Republik nicht in der Verfassung sich befand, sich selbst zu verteidigen, sodaß Amerika ihr dabei helfen mußte. Und die amerikanische Regierung war davon überzeugt, daß Amerika dies im Kontext des Krieges gegen den internationalen islamischen Terror und daher im eigenen Interesse tun mußte: "Wir haben schon einmal gesehen, wie Al Qaeda einen gescheiterten Staat tausende von Meilen von unserer Küste entfernt dazu benutzt hat, Tod und Zerstörung in die Straßen unserer Städte zu bringen - und wir dürfen ihnen nicht erlauben, dies noch einmal zu tun. So, wie schwierig der Kampf in Irak auch sein, wir müssen ihn gewinnen. Und wir können ihn gewinnen."(8)

Operation Phantom Thunder

Wenn der Krieg gewonnen werden mußte und gewonnen werden konnte, wußte man zwar noch nicht, wie und ob man ihn tatsächlich gewinnen würde, doch war die amerikanische Regierung davon überzeugt, daß ein Rückzug in dieser Situation ein doppelt schwerwiegender Fehler gewesen wäre: Sunnitische und schiitische Terroristen und ein von den umliegenden konkurrierenden arabischen und islamischen Mächten angefeuerter Bürgerkrieg würden die irakische Republik in einem Blutbad ertränken, und Amerika hätte die erste Entscheidungsschlacht im Krieg gegen den Terror verloren. Das war vielleicht die Art, wie Clinton diesen Krieg beenden wollte. Bush wollte den Krieg jedoch zuerst gewinnen, und ihn dann beenden.

2006 war, in Irak nicht anders als in Afghanistan, ein Jahr der Offensive der Terroristen und der Defensive der Koalitionstruppen. Die Kriegsmüdigkeit überkam nicht nur die Opposition in Washington, sondern drohte auch die amerikanischen Truppen an der Front zu übermannen. Im September bewertete ein der Washington Post zugespielter Bericht des Geheimdienstchefs der US-Marines in der Provinz Anbar die Situation bereits als aussichtslos: "The United States has lost in Anbar".(9) Die Kommandeure beklagten sich v.a. darüber, zu wenige Soldaten zu haben, um die Terroristen überall in Irak zu verfolgen und gleichzeitig die schon befreiten Städte zu sichern.

In Anbar, der von anderthalb Millionen Sunniten bewohnten Provinz, die das Gebiet westlich von Bagdad bis zur syrischen und jordanischen Grenze im Westen, ein drittel der Landfläche Iraks, umfaßt, hatte der sunnitische Aufstand gegen die Befreier vor vier Jahren begonnen. In Ramadi, der Hauptstadt, und in anderen Städten Anbars wie Al Qaim, Haditha, Anah, Hit und Fallujah, befanden sich die Trainingslager des AQI-Nachwuchses. Es waren über Jahre hinweg die Schauplätze der heftigsten Kämpfe zwischen der AQI und den Koalitionstruppen. Große Teile der Infrastruktur, Geschäfte und Schulen waren dabei und durch Terroranschläge zerstört worden. Nach UN-Angaben starben allein in Anbar 30000 Menschen infolge des Krieges.

2006 erklärte die AQI Ramadi zur Hauptstadt ihres fiktiven Emirats. Sie schürte bei der sunnitischen Minderheit die Angst vor der schiitischen Mehrheit, die die Absicht verfolge, die irakischen Sunniten mit Hilfe der Amerikaner auszulöschen. Mit solchen Verschwörungstheorien fand sie zunächst zahlreiche Verbündete, aber gegebenenfalls setzte sie in den von ihnr kontrollierten Gegenden die Sharia mit terroristischen Methoden auch gegen den Willen der Bevölkerung durch. Wo sie herrschte, etablierte sie ein strenges Regiment ähnlich den Zuständen in Afghanistan zu Zeiten der Taliban.

Doch im Frühjahr 2006 entschlossen sich die ersten Scheichs, ihr Bündnis mit der AQI aufzukündigen. Sie schienen zu der Erkenntnis gelangt zu sein, daß ihnen der Pakt mit der AQI mehr aberverlangte als er ihnen einbrachte. Ihr Stammesrecht war streng, aber zugleich noch zu liberal, um mit den Gesetzen des Jihads kompatibel zu sein. Die Bevölkerung war gläubig, aber doch auch nicht so sehr, daß sie glaubten, daß es vonnöten sei, sich wegen des Rauchens einer Zigarette die Finger abhacken zu lassen, wenn sie das Pech hatte, in einer Gegend zu wohnen, die von einem Scharia-Gericht der AQI regiert wurde.(10) Diese Scheichs schlossen sich deshalb mit ihren Stämmen den Koalitionstruppen an. In seiner Ansprache an die Nation am 10. Januar 2007, in der Bush die neue Irak-Offensive der amerikanischen Regierung angekündigt hatte, wies er auch auf die besondere Situation in Anbar hin. Al Qaeda habe die Provinz zu der gewalttätigsten Region Iraks außerhalb Bagdads gemacht und versuche, sie gänzlich unter ihre Kontrolle zu bringen; "das würde Al Qaeda ihrem Ziel näher bringen, die irakische Demokratie zu zerstören". Die amerikanische Regierung werde 4000 zusätzliche Soldaten in Anbar stationieren: "Diese Soldaten werden mit den irakischen Streitkräften und den von den Stämmen zusammengestellten Verbänden zusammenarbeiten um den Druck auf die Terroristen aufrechtzuerhalten."(11) In der Zwischenzeit hatten weitere Scheichs die Fronten gewechselt, sich zum "Anbar Salvation Council" zusammengeschlossen und aus ihren Stämmen tausende Männer zum Kampf gegen Al Qaeda mobilisiert. Diese neue politische Entwicklung und die gleichzeitige Offensive amerikanischer und besser ausgebildeter irakischer Truppen veränderte das Kräfteverhältnis in Anbar schlagartig. Mit den zusätzlichen Kräften konnten die von den Terroristen befallenen Städte nun nicht nur befreit, sondern auch gehalten werden. Bereits im April 2007, noch vor der eigentlichen Offensive, berichteten die Kommandeure der Koalitionstruppen, die Bewohner Anbars, die irakische Regierung und Journalisten gleichermaßen, daß sich die Sicherheitslage in Anbar dramatisch verbessert hatte.

Doch die AQI war in Anbar wieder einmal nicht zerschlagen, sondern nur vertrieben worden. Sie hatte ihre Aktivitäten in die Provinz Diyala verlegt, und jetzt die Hauptstadt dieser Provinz, Baquba, zum Hauptsitz ihres Emirats erklärt. Jetzt galt Diyala, wo die Koalitionstruppen wegen dem Mangel an Soldaten längere Zeit keine Operationen mehr durchgeführt hatten, als die gewalttätigste Gegend Iraks außerhalb Bagdads.

Nachdem die amerikanische Truppenverstärkung zum Abschluß gekommen war, begann Mitte Juni Operation Phantom Thunder, die neue Irak-Offensive der USA, die das gesamte irakische Staatsgebiet zu ihrem Operationsraum erklärte. Am 19. Juni griffen rund 10000 amerikanische und irakische Soldaten, unterstützt von Hubschraubern und Kampfflugzeugen der amerikanischen Luftwaffe, die Infrastruktur und die Terroristen in Baquba an. Von Anfang an arbeitete dabei ein Bündnis früherer Verbündeter der AQI, der United Jihad Factions Council, mit den Koalitionstruppen zusammen. In wenigen Tagen brachten die Truppen Baquba vollständig unter ihre Kontrolle. Sie riegelten die Stadt ab, zerstörten Waffenlager und verhafteten oder töteten die Terroristen. Bei ihren Hausdurchsuchungen in Baquba stießen amerikanische Offiziere auch auf die Hinterlassenschaften jener "Regierungsform", die das Leben in der Stadt kurz vorher noch bestimmt hatte, "an al Qaeda shadow government", wie ein amerikanischer General es nannte: "Wir fanden ein Gerichtsgebäude, Gefängnisse und eine Folterkammer, was nur einen Hinweis darauf gibt, mit welcher inhumanen Rechtssystem man zu rechen hat, wenn Al Qaeda an der Macht ist".(12)

Die regionale Offensive

Während die Offensive gegen die AQI in Diyala voranschritt, hielten irakische und amerikanische Truppen Anbar unter Kontrolle, bewachten die Straßen rund um Bagdad, um die Bewegungen der Terroristen zwischen der Hauptstadt und den umliegenden Provinzen zu unterbinden, und setzten sie mit größeren und kleineren Angriffen überall in Irak unter Druck. Die ersten Wochen der Operation Phantom Thunder verliefen gut für die Koalitionstruppen, schlecht für die AQI. In Anbar konnte bereits der Wiederaufbau beginnen, Kinder konnten wieder in die Schule gehen, und die irakische Polizei war mit den Überläufern aus den sunnitischen Stämmen an immer mehr Orten die Sicherheit der Bewohner der Provinz garantieren, ohne die Hilfe der Koalitionstruppen in Anspruch nehmen zu müssen. Aber die neue Irak-Offensive der amerikanischen Regierung hatte gerade erst begonnen, und niemand hätte zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit vorhersagen können, wie lange sie dauern und wie sie ausgehen würde.

Die Offensive konnte sich auch nicht auf die Bekämpfung der sunnitischen Terroristen beschränken. Sie richtete sich gleichzeitig gegen die Mahdi-Armee und einige ihrer Splittergruppen. Zahlreiche Angriffe zielten auf die Zerschlagung der Infrastruktur der schiitischen Terrororganisationen, die zu einem in den vergangenen Jahren zunehmenden Anteil aus einem Netzwerk von Personen bestand, die sich ihre Waffen aus Iran heranschafften. Die Koalitionstruppen hatten in den zurückliegenden Monaten die schwersten Verluste durch spezielle Versionen von Straßenbomben erlitten, von denen sie annahmen, daß sie nur mit Hilfe der Quds-Brigaden, der für den Export der islamischen Revolution zuständigen Eliteeinheit der iranischen Revolutionswächter, in die Hände irakischer Terroristen geraten sein konnten. Es schien so, daß Iran seine Straßenbomben an sunnitische und schiitische Terroristen gleichermaßen verteilte, weil sie sich, wegen ihrer Fähigkeit, auch gepanzerte Fahrzeuge zu durchschlagen, besonders für den Krieg gegen die Koalitionstruppen eigneten. An der religiösen Front unterstützte Teheran dagegen ausschließlich die schiitischen Glaubensbrüder, die Mahdi-Armee und die mit ihr verbundenen Todesschwadronen.

Mit der Bewaffnung schiitischer Milizen waren aber die Möglichkeiten Irans, Einfluß auf die Geschicke seines Nachbarstaats zu nehmen, noch nicht erschöpft. Teheran unterhielt auch enge Beziehungen zu den schiitischen Parteien, die die irakische Regierung dominierten, aus deren Reihen der Ministerpräsident stammte, und die das konservative, nicht-sadristische Schiitentum repräsentierten. Ihre Machtstellung verdankten sie zwar hauptsächlich den Koalitionstruppen, die für die demokratischen Institutionen gerade standen, aus denen die politischen Führer der schiitischen Bevölkerungsmehrheit ihre Legitimität schöpften. Die Koalitionstruppen hielten ihnen die sunnitischen Terroristen der AQI und die schiitischen der Mahdi-Armee gleichermaßen vom Hals. Als religiös definierten Parteien und ihre Wähler standen jedoch Iran ideologisch näher als dem republikanischen Idealismus der amerikanischen Regierung, und nach dem Abzug der Koalitionstruppen würde Irak, so oder so, Iran in die Hände fallen.

Irak teilt sich im Osten mit Iran eine 1500 km lange Grenze, die im kurdischen Norden bis zur Türkei, und im schiitischen Süden bis nach Basra und den Persischen Golf reicht, wo sich amerikanische und iranische Kriegsschiffe gegenüberstanden. Die Briten hatten Basra schon mehr oder weniger sich selbst, d.h. Muqtada Al Sadr überlassen, und so wenig wie dieser hatte das iranische Regieme die Absicht, tatenlos zuzusehen, wie unmittelbar neben dem schiitischen Gottesreich eine mit den USA verbündete Republik sich etablieren, und damit die Realisierung der eigenen Ideen von einer Neuordnung der Region zunichte machen würde: Die Vernichtung Israels und eine schiitische Revolution in Irak als Modell für den gesamten Mittleren Osten. Auch Iran wollte einen Präzedenzfall schaffen, und damit war Iran, neben Al Qaeda, der entscheidende strategische Gegenspieler der amerikanischen Irakpolitik. Um seine Ziele zu erreichen, unterstützte Iran nicht nur den Terrorkrieg gegen die Koalitionstruppen und die irakische Republik. In Teheran bereitete man sich gleichzeitig auf eine regionale militärische Konfrontation mit den USA und Israel vor. Die iranische und syrische Luftwaffe wurden v.a. mit Hilfe russischer Waffenlieferungen modernisiert, und die verbündeten Terrororganisationen, Hizballah und Hamas, für einen Krieg gegen Israel aufgerüstet.

Die amerikanische Regierung hatte zwei Möglichkeiten, auf diese Gefahren zu reagieren. Sie konnte Iran angreifen und damit den Krieg gegen den Terror ausweiten; ein Schritt, der früher oder später sowieso unvermeidlich würde. Der Zeitpunkt, an dem man Iran angreifen müßte, wurde zudem nicht nur von den Ereignissen in Irak, Syrien, Libanon und Gaza diktiert, sondern mehr noch von dem Fortschritt des iranischen Atomraketenprogramms, mit dessen Abschluß die CIA in ein bis zwei Jahren rechnete; ein Zeitraum, der mit der verbleibenden Amtszeit der Regierung Präsident Bushs korrespondierte.

Gegen eine Ausweitung des Krieges wurde eingewandt, daß ein Angriff gegen Iran mit Rücksicht auf die Realität in Irak das militärische Potential Amerikas überfordern könnte. Niemand zweifelte zwar daran, daß es möglich sei, die Atomanlagen Irans zu zerstören, aber um so größer waren die Zweifel daran, ob ein von amerikanischen Truppen forcierter Regime-Change in Iran parallel zu dem in Irak realisierbar wäre.

Wenn aber die militärischen Mittel der USA nicht ausreichen würden, den strategischen Gegenspieler Iran dauerhaft auszuschalten, und da auch aus Europa keine Hilfe zu erwarten war, dann mußte man als zweite Möglichkeit in Erwägung ziehen, Verbündete in der Region zu finden und in die Lage zu versetzen, nach dem Rückzug der USA ein Gegengewicht zu dem wachsenden iranischen Machtpotential im Mittleren Osten aufzubauen. Und mit der Ende Juli angekündigten Absicht, nicht nur Israel, sondern auch die sogenannten gemäßigten arabischen Staaten, v.a. Saudi Arabien, mit zweistelligen Milliardensummen militärisch aufzurüsten, schien die amerikanische Regierung tatsächlich diese zweite Option zu verfolgen.

Das aber wäre nicht weniger als das Eingeständnis des Scheiterns ihrer bisherigen Strategie in Irak, und damit das Scheitern ihrer Strategie im Krieg gegen den internationalen islamischen Terror überhaupt, gewesen. Zwar würde Saudi Arabien alles unternehmen, um Iran und seine Verbündeten davon abzuhalten, Irak nach dem Abzug der amerikanischen Truppen in einen Schiitenstaat zu verwandeln. Aber mehr als ein andauernder, von außen zusätzlich angefeuerter Bürgerkrieg in Irak, würde dabei im ungünstigsten, aber nicht unwahrscheinlichsten Fall kaum herauskommen. Die Idee einer demokratischen Republik Irak jedenfalls, würde man ihre Realisierung an Saudi Arabien, den reaktionärsten sunnitischen Gottesstaat und größten Financier islamistischer Ideologie weltweit, delegieren, wäre mit dieser Option endgültig unrealistisch geworden.

Von Europa im Stich gelassen, von der Opposition in den USA unter Druck gesetzt und militärisch an der Grenze der Belastbarkeit angekommen, sah es zunächst so aus, daß sich die amerikanische Regierung dazu entschlossen habe, das Eingeständnisses ihrer Niederlage auf diese Weise ein letztes Mal zu vertuschen. Das fragile Bündnis mit den irakischen Scheichs, die sich gegen die AQI gewandt hatten und anscheinend von Saudi Arabien dazu ermuntert worden waren, konnte schon als Schritt in diese Richtung gewertet werden. Und beruhte nicht schon der Regime-Change in Afghanistan mit Hilfe der Warlords der Nordallianz genau auf solch fataler Bündnispolitik? War nicht auch die Aufrüstung der palästinensischen Fatah gegen Hamas der von Ratlosigkeit diktierte Versuch, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben?

Doch schon der Sturz der Taliban mit Hilfe der Nordallianz war nicht bloß die Wiederholung der Afghanistanpolitik der CIA der 1980er Jahre. Im Herbst 2001 hatte die amerikanische Regierung die Befreiung Afghanistan nicht an die Mujahedin delegiert, sondern die Nordallianz während eines Feldzug instrumentalisiert, der von amerikanischen Truppen angeführt wurde. Und auch die Zeichen, die die amerikanische Regierung im Sommer 2007 im Mittleren Osten setzte, waren nicht so eindeutig, daß sie nicht noch für eine andere Interpretation Raum ließen. Die amerikanische Regierung schien mit der Aufrüstung der arabischen Golfstaaten, die die Schlagkraft ihrer Streitkräfte glatt verdoppeln und ihnen die militärtechnische Überlegenheit gegenüber Iran sichern würde, nicht nur zu dem Zweck zu betreiben, die eigenen Streitkräfte endlich abziehen und ihren fragwürdigen Verbündeten das Feld überlassen zu können. Die Luftwaffe des saudischen Königreichs sollte zur, nach der israelischen, zweitstärksten in der Region und mit den modernsten Kampfflugzeugen, Raketen sowie Flug- und Raketenabwehrsystemen ausgerüstet werden; damit würden die saudischen Streitkräfte nicht unbedingt in die Lage versetzt, sich auf eigene Faust auf eine militärische Konfrontation mit Iran einzulassen; verbessert aber hätte sich ihre Eignung, sich als Verbündeter in einem von Amerika geführten Krieg gegen Iran zu behaupten. Auch der unaufhörliche Ausbau der Stützpunkte der US-Streitkräfte in Irak machte nicht den Eindruck, daß die amerikanischen Truppen bald vollständig von dort abgezogen werden sollten. Die amerikanische Regierung behielt sich explizit die Option offen, die jetzige Truppenpräsenz in Irak wenigstens bis 2009, dem Ende ihrer Amtszeit, beizubehalten. Für den Fall, daß die Operation Phanton Thunder in den kommenden Monaten weitere Erfolge erzielen, der Spaltpilz innerhalb der sunnitischen Islamisten sich ausbreiten, der sunnitische und schiitische Terror geschwächt würde und die gestärkten irakischen Streitkräfte somit im Stande wären, für die Sicherheit der irakischen Bevölkerung wesentlich aus eigener Kraft zu sorgen, stünden dann zehntausende US-Soldaten für das nächste, ein "Iran-Abenteuer" schon bereit. In der gesamten Golfregion errichtete die amerikanische Luftwaffe neue Stützpunkte oder baute die vorhandenen aus. Nie zuvor hatte die US-Navy eine solche Armada von Kriegsschiffe im Persischen Golf stationiert wie seit dem Sommer dieses Jahres. Noch konnte man sich nicht sicher sein, ob all dies auf einen baldigen Rückzug Amerikas, ein mögliches Desaster hinauslaufen würde, oder auf eine baldige Ausweitung des Krieges, einen Angriff gegen Iran. Sicher war nur, daß die Europäer keine 300000 Soldaten auf die Beine stellen würden, um ihrem Nato-Partner, dem sie am 11. September 2001 ihren Beistand versichert hatten, beiseite zu stehen; daß sie nicht tun würden, was sie könnten: die Karten im Krieg gegen den internationalen islamischen Terror neu zu mischen.

(1) Floor Speech of Senator Hillary Rodham Clinton on S.J. Res. 45, A Resolution to Authorize the Use of United States Armed Forces Against Iraq, 10. Oktober 2002, http://clinton.senate.gov/speeches/iraq_101002.html
(2) Saddam statue toppled in central Baghdad, CNN, 9. April 2003, http://www.cnn.com/2003/WORLD/meast/04/09/sprj.irq.statue/
(3) Hussein executed with 'fear in his face', CNN, 30. Dezember 2006, http://www.cnn.com/2006/WORLD/meast/12/29/hussein/index.html
(4) Purported al-Zarqawi tape: Democracy a lie, CNN, 23. Januar 2005, http://www.cnn.com/2005/WORLD/meast/01/23/iraq.main/index.html
(5) Iraqi Constitution, Oktober 2005, http://www.export.gov/iraq/pdf/iraqi_constitution.pdf
(6) South Carolina Democratic debate transcript, MSNBC, 26. April 2007, http://www.msnbc.msn.com/id/18352397/
(7) Ending The War in Iraq, http://www.hillaryclinton.com/issues/iraq/
(8) Rede von George W. Bush auf der Charleston Air Force base in South Carolina, 24. Juli 2007, http://article.nationalreview.com/?q=ZmEyZTgyMGQ3NjFmZWY5N2MzNjJkNTY1NGRmMjMwZDg=
(9) Situation Called Dire in West Iraq, Washington Post, 11. September 2006, http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/09/10/AR2006091001204.html
(10) Einige der ursprünglichen Links sind verschwunden. Hier einige andere:
Petraeus Met by Disbelief, Deference, New York Sun, 11. September 2007, http://www.nysun.com/pf.php?id=62342&v=9510373911
http://forums.military.com/eve/forums/a/tpc/f/9351915375/m/8540004431001
http://suicidegirls.com/boards/Current+Events/236828/
http://backyardconservative.blogspot.com/2007/07/taking-on-al-qaeda.html
http://www.freerepublic.com/focus/f-news/1852869/posts
(11) President's Address to the Nation, The White House, 10. Januar 2007, http://www.whitehouse.gov/news/releases/2007/01/20070110-7.html
(12) Operation Phantom Thunder Proceeds in Iraq, U.S. Army, 5. Juli 2007, http://www.army.mil/-news/2007/07/05/3904-operation-phantom-thunder-proceeds-in-iraq-afghan-progress-continues/