"There are no Limits to Islam"

Eine große Koalition gegen den weltweiten Terror könnte auch den tschetschenischen Islamismus in die Schranken weisen

Von Thomas Becker

15. Dezember 2002 - Veröffentlicht in Bahamas 40/02

"Ihr habt uns in Somalia angegriffen; ihr habt die russischen Grausamkeiten gegen uns in Tschetschenien unterstützt, die indische Unterdrückung gegen uns in Kaschmir und die jüdische Aggression gegen uns im Libanon... Wir raten euch auch dazu, aufzuhören, Israel zu unterstützen, und eure Unterstützung der Inder in Kaschmir, der Russen gegen die Tschetschenen zu beenden und auch aufzuhören, die Regierung Manilas gegen die Moslems im Süden der Philippinen zu unterstützen."(1)

Osama bin Laden

Zwar scheute die deutsche Öffentlichkeit niemals keine Mühe, in ihrer Agitation für die weltweite Intifada auch den tschetschenischen Islamismus als Zuflucht der Verzweifelten darzustellen, so als ginge es um das Verständnis einer rückfälligen Gruppe Anonymer Alkoholiker oder einer Männergruppe, deren unterdrückte Aggression sich unerwartet in einem chauvinistischen Witz Abfuhr verschafft hätte. Doch war der Angriff auf das Moskauer Musiktheater eine Nummer zu groß, um sich ohne erhebliche Retusche in dies verharmloste Bild von der Wirklichkeit einzufügen. Hunderten zum Tode geweihten Theatergästen zu erklären, die für ihr Schicksal Verantwortlichen seien nicht die vor ihnen stehenden Wahnsinnigen, die ihre Waffen gegen sie richten, sondern umgekehrt die, die in Moskau regieren und ihre Truppen zum Kampf gegen den Terrorismus nach Tschetschenien schicken - das hätte noch funktionieren können: die Identifikation mit dem Aggressor zur Bewältigung überwältigender Ohnmacht machts möglich. Leider erhebt dagegen zunächst das Gewissen des gut angepaßten Bürgers Einspruch, der sich schon der eigenen Autorität verschworen hat, die ihm wohl kreativen Einsatz für den Gemeinnutz abverlangt, aber keine unautorisierten Eskapaden gestattet. Er kann nicht so weit gehen, sich vorbehaltlos mit maskierten Mördern vollkommen zu identifizieren, auch wenn seine heimlichen Rachgelüste ihn arg dazu drängen möchten, solange die heimische Obrigkeit ihm selbst ein solches Verhalten übel nimmt. Er kann es auch kaum vermeiden, sich zuzugeben, daß seine eigene Lebenssituation ihn viel mehr mit dem Moskauer Publikum verbindet, als mit den Haudegen aus den kaukasischen Bergen im äußersten Süden Rußlands, Gestalten, die vielleicht seine aufmüpfigen Jugendphantasien anregen, die in der Realität aber keinen Platz haben. Selbst wenn man aus gutem Grunde annehmen wollte, daß Deutsche insgeheim mit dem Terror liebäugelten, so bedürfte es zumindest eines zusätzlichen Stimulus, um der unbewußten aggresiven Phantasie gegen das zurückhaltende Gewissen zum Durchbruch zu verhelfen.

Wenn man den Wahrnehmungsapparat nun mit einer ausreichenden Menge ekelhafter Bilder versorgt, z.B. von hilflosen tschetschenischen Kindern und weinenden Müttern in trostlosen Landschaften vor zerstörten Häusern, dann reagiert der Betrachter mit Angst und Gegenwehr, Aggression, die sich mit dem Bild eines lachenden Soldaten auf einem russischen Panzer vervollständigen läßt. Wenn man diese Gallerie der stereotyp verkehrten Rollenzuteilung nie aus den Augen verliert, Opfer und Täter niemals vertauscht, dann verfestigen sich die Bilder in der unbewußten Vorstellung zu jederzeit abrufbaren Repräsentanten des Guten und des Bösen. Selbst ein strenges Gewisen kann bei solcher Medikation vollends versagen, vor allem aber, wenn es durch anerzogene Gutgläubigkeit schon in seiner Funktion geschwächt ist, oder ihm die verkehrte Wahrnehmung durch die von ihm autorisierte Autorität nahegelegt wird.

Dieses Grundschema der gezielten Selbsttäuschung wurde schon auf manchem Schlachtfeld erfolgreich eingesetzt. Das unreflektierten Gefühlsausbrüchen ausgelieferte Gewissen verlangt aber bei schwierigeren Fällen, wo die Gestalt der für die Opferrolle vorgesehenen Personengruppe ihrer einfachen Zuordnung massiv widerstrebt, eine zusätzliche Entscheidungshilfe. Diese lieferte der deutschen Öffentlichkeit diesmal die überhaupt naheliegendste Maßnahme: Wegsehen und Verdrängen. Die Geiselnahme selbst wurde nur nach Maßgabe unvermeidlicher medialer Erfordernisse abgespult, die politischen Hintergründe der Geiselnehmer kamen nicht in Betracht, und vor allem durfte der ursächliche Zusammenhang zwischen dem Terror und dem Krieg in Tschetschenien nur so dargestelt werden, daß der Terror als Folge des Krieges erscheinen mußte. Damit waren auch schon alle Hindernisse beseitigt, die die Deutschen hätten davon abhalten können, sich mit der ganzen Energie angestauter Agression, ohne Einschränkung des Gewissens, auf das eigentliche Thema zu stürzen: die barbarische Unterdrückung eines freiheitsliebenden Volkes durch Rußland. Hier angekommen, ahnt man schließlich auch, welchen Sinn die Verkehrung der Wahrnehmung in Deutschland gehabt haben mußte, worauf sie zielte: Haben es die Russen damals mit uns nicht ganz genauso gemacht?

Das Motiv, durch die Identifikation mit dem tschetschenischen Terror alte Rechnungen mit den Russen wenigstens in der Phantasie begleichen zu wollen, zur Erklärung heraunzuziehen, drängt sich mangels rationalerer Motive auf, denn die Annahme, eine bedeutendere Anzahl von Zeitungslesern, Radiohörern oder Fernsehzuschauern in Deutschland bilde sich ihre Meinung über den Krieg im Kaukasus auf der Grundlage interessierter Überlegungen, etwa weil man das kaspische Öl dort entdeckt hätte, wäre noch weitaus phantastischer. Auch den Medienmachern darf man so viel Rationalität wahrscheinlich nicht zumuten. Selbst wenn man sie den Geostrategen im Auswärtigen Amt unterstellte, so müßte man sich wundern, warum gerade der Kanzler, der deutsche Rationalität qua Amt darstellt, das Gewissen der Nation, nicht zu vergleichbar extremen Schlüssen neigt, wo er doch andernfalls wenig Hemmungen zeigt, den deutschen Weg zu gehen? Offenbar sagt ihm realpolitische Rationalität, daß es für Deutschland momentan besser ist, sich nicht mit Amerika und Rußland gleichzeitig anzulegen, denn mit dem Zweifrontenkrieg, zu dem es sie innerlich treibt, haben die Deutschen keine guten Erfahrungen gemacht. Für die Wirksamkeit des Motivs eines durchweg irrationalen kollektiven Revanchismus dagegen lassen sich noch mehr Anhaltspunkte anführen, die nicht nur die Identifikation in die eine, sondern auch in umgekehrter Richtung vermuten lassen. Nach der Niederschlagung der Geiselnahme präsentierten die russischen Sicherheitsbehörden Tonbandaufnahmen von Telefongesprächen, die die Geiselnehmer mit Komplizen außerhalb des Theaters geführt hatten, darunter ein Gespräch zwischen dem Anführer der Terrorgruppe, Movsar Barayev, und dem vorhergehenden Präsidenten Tschetscheniens, Zelimkhan Yandarbiyev, der sich zu diesem Zeitpunkt in Qatar aufgehalten hat. Barayev sagte in diesem Gespräch: "Jetzt werden sie sehen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Nicht mal Hitler hat ihnen so etwas angetan".(2) Von allzuviel historischer Kenntnis zeugte diese Äußerung nicht, aber immerhin brachte Barayev damit doch unmißverständlich seine Genugtuung darüber zum Ausdruck, sich einmal wie der Führer fühlen zu dürfen. Es gibt gute Gründe dafür, diese Aussage eines tschetschenischen Islamisten nicht als Nebensächlichkeit, Entgleisung oder Übertreibung abzutun, denn die Geschichte untermauert eine solche gegenseitige Identifikation zwischen Deutschen und Islamisten im Kaukasus, und daß die kollektive Erinnerung durchaus in der Lage ist, alte Kriegsallianzen nicht nur im Gedächtnis aufzuheben, sondern sie bei Gelegenheit auch aufzufrischen, konnte man bei der überraschend präzisen Wiederbelebung vergangener Koalitionen zwischen Deutschlland und seinen Vasallen in Jugoslawien gerade erst bobachten. Vor allem im Nordkaukasus war es Nazideutschland gelungen, den Islamismus für den Krieg gegen Rußland zu mobilisieren. "Im Mai 1941 erklärte der Mufti (von Jerusalem) Großbritannien den Jihad und machte sich auf den Weg nach Berlin, nachdem die Briten seinen Versuch vereitelt hatten, durch einen coup d'etat eine Pro-Nazi-Regierung im Irak zu etablieren. Als er Hitler am 21. November 1941 traf, erklärte er, daß die Araber Deutschlands natürliche Freunde seien, bereit durch die Aufstellung einer arabischen Legion mit ganzem Herzen mit dem Reich zusammenzuarbeiten. Hitler versprach, daß die Araber vom britischen Joch befreit würden, sobald es den deutschen Truppen gelungen sei, in den Südkaukasus an den Persischen Golf vorzustoßen. Dem Mufti sollte dabei die Aufgabe zufallen, Unterstützung für Deutschland unter den Moslems in der Sowjetunion, auf dem Balkan und im Nahen Osten zu mobilisieren."(3) Bekanntlich scheiterte auch dieser Plan (Stalingrad!). Am 25. September 1941 griffen britische und russische Streitkräfte das deutschfreundliche Persien an, eroberten schon bald darauf Teheran und errichteten dort Verteidigungsanlagen "gegen mögliche deutsche Vorstöße aus der Türkei oder über den Kaukasus und trafen technische Vorbereitungen für die großen Verstärkungen, die im Falle einer solchen Entwicklung herangeführt werden mußten".(4) Persien wurde von den britischen und später von den amerikanischen Streitkräften zu dem bedeutendsten Stützpunkt für Rüstungshilfen an die Sowjetunion ausgebaut, so daß über die Route über den Kaukasus bis Kriegsende 5 Millionen Tonnen Kriegsmaterial, 70% des gesamten Lieferumfangs des legendären Lend-Lease Hilfsprogramms für die Sowjetunion, an die Rote Armee geliefert werden konnten. Während und nach dem Krieg ließ Stalin 1,5 Millionen Menschen, neben den Wolga-Deutschen vor allem Muslime aus dem Nordkaukasus, in Richtung Osten umsiedeln; die autonome Republik Tschetschenien-Inguschetien wurde dabei vollständig aufgelöst, und erst nach dem Tod Stalins und der Kritk der Umsiedlungen in der Geheimrede Nikita Khrushchev auf dem 20. Parteitag der KPDSU im Februar 1956 restauriert.

So kann man sich verkalkulieren! Es wäre mehr als verwunderlich, wenn solche folgenreiche gemeinsame historische Erfahrungen, wie sie Deutsche und Tschetschenen im phantasierten Siegestaumel wie in dem Trauma der Niederlage erlebten, sich nicht ins kollektive Gedächtnis dieser Völker eingeschrieben hätten. An diese Erinnerungen kann sich bei Bedarf die Rachlust heften, die sich zunächst individuell im Kampf zwischen Lust- und Realitätsprinzip herausbildet, den die Gesellschaft jedem Einzelnen abverlangt, in der Vereinzelung aber keinen Ausweg findet. Im Kollektiv finden sich vereinfachte Bedingungen vor, denn die Wut über die erzwungene und schließlich als Gewissen verinnerlichte Versagung kann sich am Fremden abreagieren, ohne die im Innern regierende Autorität zu hinterfragen, die, im Gegenteil, die nach außen gerichtete Aggression durch Propaganda noch verstärkt. Es kann dabei nicht zum Konflikt mit dem Realitätsprinzip kommen, da dessen Funktion an die das Kollektiv beherrschende Autorität abgegeben wurde, der sich der Einzelne deshalb begeistert unterwirft. Die Autorität wacht jetzt darüber, wann die Sau rausgelassen wird, oder nicht, nach Maßgabe der Realpolitik. Die Rachlust wird im Massenbewußtsein wach- und gleichwohl in Zaum gehalten, so lange bis sich in der Realität eine Gelegenheit zur kollektiven Abfuhr anbietet.

Bezeichnend ist, daß sich diese Gelegenheit für Deutsche und Tschetschenen zur selben Zeit ergab, was kein Zufall, sondern die Folge veränderter internationaler Kräfteverhältnisse war: die Umkehrung der Konstellation des Zweiten Weltkriegs, als die britisch-amerikanisch-russische Allianz den Durchmarsch der deutsch-islamistischen Waffenbruderschaft zu verhindern wußte. Man kommt nicht umhin, der amerikanischen Außenpolitik den Vorwurf zu machen, daß sie für das daraus entstandende Dessaster eine schwerlich zu unterschätzende Verantwortung trägt. Für die Tschetschenen ergab sich ihre Gelegenheit als unmittelbare Folge des Rückzugs der Sowjetunion aus Afghanistan, der ihrem rapiden Zerfall vorausging. Aber der verlorene Krieg in Afghanistan hatte nicht nur eine geschwächte Sowjetunion zum Ergebnis, sondern auf der anderen Seite die Mudjahedin mit einem ungestümen Überlegenheitsgefühl ausgestattet, dazu mit Waffen, Kampferfahrung und einem außer Kontrolle geratenen Land - nicht wenig davon hatten sie den Amerikanern zu verdanken, seit Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski 1979 auf die abenteuerliche Idee gekommen war, der Sowjetunion in Afghanistan eine Falle zu stellen. Während sich die glorreichen Gotteskrieger nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte gegenseitig zerfetzten und auf diesem Weg die Taliban als Herrschaftsclique hervorbrachten, zogen andere als Legionäre Allahs hinaus, um den Jihad in alle Teile der Welt zu tragen, woraus das Terrornetzwerk Osama bin Ladens sich entwickelte. Ihr Weg führte sie in den ehemals sowjetischen Teil Zentralasiens, wo sie einen Bürgerkrieg zu entfesseln halfen, nach Bosnien, wo sie sich der von Deutschland angezettelten Völkerschlacht anschlossen, nach Algerien, Somalia, Kaschmir, Indonesien, Philippinen usw. auch nach Tschetschenien, wo sie den ein halbes Jahrhundert zuvor unterbrochenen Krieg gegen Rußland zu Ende zu führen gedachten. Mit Deutschland, daß sich wegen eines ausbleibenden amerikanischen Vetos gegen seine Wiedervereinigung "selbstbestimmen" und zur dominanten Macht Europas erheben konnte, hatten sie inzwischen ein ausgezeichnetes Vorbild wiedergefunden. Amerika intervenierte in Bosnien und im Kosovo noch einmal auf ihrer Seite, allerdings auch schon mit dem Motiv, einem vollkommenen Sieg der kroatisch-muslimischen Allianz über den serbischen Teil der Republik, einer weiteren Radikalisierung der bosnischen Muslime, der Alleinherrschaft der UCK oder gar der Errichtung eines Gottesstaates auf dem Balkan zuvorzukommen.

Im Kaukasus sah es zunächst danach aus, als würde die selbst in der Krise befindliche Sowjetunion eine Abspaltung Tschetscheniens kampflos hinnehmen. Als die Republik 1991 einseitig ihre Unabhängigkeit von Rußland erklärte und Dzhokhar Dudayev zum Präsidenten wählte, passierte zunächst praktisch nichts. Boris Yeltsin hatte im November zwar das Kriegsrecht über Tschetschenien verhängen lassen, aber Mikhail Gorbachev, formal noch Präsident der Sowjetunion und Oberbefehlshaber der Armee, ordnete die Streitkräfte an, strikt neutral zu bleben, kurz darauf hob der oberste Sowjet das Kriegsrecht wieder auf. Die neue Verfassung von 1992 definierte Tschetschenien als unabhängigen, säkularen Staat mit Präsident und Parlament, wodurch in Moskau die schlimmsten Ängste beschwichtigt wurden. Im Juni 1992 zog Rußland alle seine Militärangehörigen aus Tschetschenien zurück und überließ Dudayev das komplette Arsenal an Waffen - eine erhebliche Menge moderner Panzer, Kampfbomber, Raketen, Hubschrauber, Artillerie, Maschinengewehre usw. Offensichtlich hatte zu dieser Zeit niemand in Moskau daran gedacht, irgendwann einmal einen Krieg gegen Tschetschenien führen zu müssen. Es zeigte sich aber bald, daß jenes demokratische Verfahren, mit dem die Tschetschenen anscheinend ihre Selbstbestimmung in friedvoller Absicht verwirklichen wollten, nur die äußere Hülle war, innerhalb der sich eine fundamentale Umgestaltung der tschetschenischen Gesellschaft vollzog, die letztlich islamistischen Führern die Macht in die Hände spielen sollte. "Während in Moskau niemand zu einem Krieg bereit schien, entwickelte sich das schwer bewaffnete und halbunabhängige Chechnya-Ichkeriya von Dzhokar Dudayev zu einer Art Seeräuberrepublik, einen Umschlagplatz für illegalen Waffen- und Rauschgifthandel nach Rußland und ein sicheres Versteck für jeden gemeinen Verbrecher."(5) 1993 verjagte Dudayev das Parlament mit Waffengewalt und überließ das Land den kommenden Warlords, die es Stück für Stück unter sich aufteilten. Rußlands wichtigsten Verkehrsverbindungen in den Transkaukasus wurden praktisch unbenutzbar, weil sie von schwer bewaffneten Wegelagerern kontrolliert wurden, und eine ganze Reihe bedeutsame, durch Tschetschenien führende Öl- und Gas-Pipelines waren lahmgelegt. Wer als Russe die grenze nach Tschetschenien passierte, mußte, besonders wenn er ein Amt oder ein Geschäft leitete, gekidnapped oder gleich umgebracht zu werden. Dudayev hatte sämtliche Verhandlungsangebote zurückgewiesen, und als man sich in Moskau im Dezember 1994 viel zu spät zur Intervention entschloß, wurde Tschetschenien längst von gut organisierten Wahnsinnigen beherrscht.

Die vielen Opfer, die der dann anderthalb Jahre tobende Krieg beiden Seiten abverlangte, können doch nicht das Urteil revidieren, daß Rußland den ersten Tschetschenien-Feldzug zu zögerlich begonnen und nicht mit der Konsequenz und Aggressivität geführt hat, die notwendig gewesen wäre, um die zunehmende islamistische Gefahr zu beseitigen. Der Krieg endete im August 1996 für die russischen Streitkräfte mit einer Niederlage in Grosny in einem Kampf um jedes einzelne Haus, ihrem Abzug und einem weiteren Triumpf für die Gotteskrieger. Natürlich war die Lage schlimmer als zuvor, denn bereits während des Krieges hatte sich abgezeichnet, daß am Ende die brutalsten Anführer das Regiment übernehmen würden. Das war spätestens im Juni 1995 deutlich geworden, als die russischen Truppen nach einem halben Jahr schwerer Kämpfe die Hauptstadt Tschetscheniens erobert und den militärischen Widerstand in den meisten Teilen des Landes gebrochen hatten. Yeltsin bot Dudayev einen Waffenstillstand an, aber der antwortete darauf nur: "Der Kampf ist nicht vorüber, er erfordert lediglich neue Formen".(6) Am selben Tag, am 14. Juni 1995, startete ein Laswagenkonvoi von Tschetschenien aus in Richtung Norden, angeblich mit dem Ziel Moskau. Die versteckte Ladung bestand aus Särgen, die die Überreste toter russischer Soldaten enthielten, Waffen und 150-200 handverlesenen Kriegern unter dem Kommando Shamil Basayevs. Nach der Überquerung der Grenze zu Rußland wurde der Konvoi von einer Routinekontrolle gestoppt und zur Überprüfung zur Polizeistation in Budennovsk eskortiert. Dort angekommen, sprangen Basayevs Soldaten aus ihrem Versteck, töteten einige Polizisten und besetzten die Polizeistation. Nachdem auch einige der Angreifer bei den anchließenden Schießereienverletzt worden waren, gaben diese die Polizeistation auf und stürmten stattdessen das Krankenhaus der Stadt, wo sie etwa 1500 Menschen als Geiseln nahmen. Sie forderten den Abzug der russischen Streitkräfte aus Tschetschenien - eine Szene ähnlich dem Überfall auf das Moskauer Musiktheater, für deren Planung Shamil Basayev ebenfalls die Verantwortung übernommen hat. Am Morgen des 17 Juni 1995, und noch einmal am frühen Nachmitag versuchten russische Militäreinheiten das Krankenhaus zu stürmen, mit dem einzigen Ergebnis, daß mehr als 100 Geiseln dabei ums Leben kamen. Um sich auf seine Weise über den Dilletantismus des russischen Militärs lustig zu machen, ließ Basayev in der Zeit zwischen den beiden Attacken 150 Schwangere frei. Tags darauf bot die russische Regierung Basayev telefonische Verhandlungen an, die daraufhin live im Fernsehen übertragen wurden. Dabei wurden den Geiselnehmern die Einstellung der Kampfhandlungen in Tschetschenien und Friedensgespräche zugesagt. Die Verhandlungen über den freien Abzug der Geiselnehmer zogen sich noch einige Tage hin, aber am 20. Juni kamen Basayev und seine Truppe ungestört nach Tschetschenien zurück und feierten ihren Sieg. Basayev führte ein Jahr später auch die Militäreinheiten an, die im August 1996 Grosny zurückeroberten und Rußland schließlich zur Kapitulation veranlaßten.

Shamil Basayev war zum unumstritten Führer der tschetschenischen Sache geworden, während Aslan Maskhadov, der formell der Oberbefehlshaber der tschetschenischen Streitkräfte blieb und Dudayev, der inzwischen von russischem Militär erschossen worden war, als Präsidenten ablöste, fortan den Arafat des Kaukasus spielte. Als Maskhadov am 3. Februar 1999 die Sharia ausrief, wurde Basayev Oberhaupt der Shura. Am 8. Februar löste Basayev seine Pareit der Freiheit auf mit der Begründung: "Ab jetzt gibt es nur noch eine Partei in Tschetschenien - die Partei Allahs".(7)

Ähnlich wie in Afghanistan zeigten die neuen Herrscher keinerlei Interesse am Aufbau des Landes, der Produktion von Lebensmitteln oder vergleichbar lapidaren Dingen des Alltags. Ihre ausschließliche Mission erblickten sie in der Verbreitung des Wahhabismus, der von ihnen bevorzugten "puritanischen" und von der saudischen Königsfamilie repräsentierten Variante des Islamismus, in der gesamten Region. Ihr politisches Ziel bestand in der Errichtung eines das gesamte Territorium des Kaukasus einschließenden Gottesstaates, ihr nächstes Etappenziel war die Eroberung des benachbarten Daghestan. 1997 formten islamistische Milizen aus Tschetschenien und Daghestan eine Kampfeinheit und erklärten in einem gemeinsamen Kommunique: "Unser gemeinsamer Feind - das russische Imperium - versucht mit allen Mitteln, seine Stellung und seinen Einfluß im Kaukasus zu bewahren, um zu verhindern, daß die Sharia tiefe Wurzeln in unserer Region schlägt, damit ein einheitlicher islamischer Staat nicht entstehen kann". Ihr Slogan lautete: "There are no limits to Islam".(8) Zwischen 1997 und 1999 entfalteten sie die Propaganda des Jihad durch wahhabitische Anleiter, die nach Daghestan geschickt wurden, während in Tschetschenien Zentren für die militärische und terroristische Ausbildung errichtet und entsprechende Lager in Afghanistan zu diesem Zweck genutzt wurden.(9) In den tschetschenischen Camps, die von dem im April 2002 von russischem Militär getöteten Omar Ibn al Khattab geführt wurden, wurden auch Mitglieder von Hamas, Hezbollah und Al Qaeda trainiert. Der jordanische Staatsbürger Khattab selbst gehörte zu Al Qaeda. In einem Interview, daß die Nachrichtenagentur Associated Press im Februar 2001 in Tschetschenien geführt hat, sagte er: "Tschetschenien ist nur ein kleines Land, aber der Konflikt dort ist Teil eines größeren, religiösen Krieges - Ich bin ein Soldat des Islam... Ich werde die Ungläubigen bekämpfen, egal wo sie sind, egal wo ich bin".(10)

Die propagandistischen und militärischen Vorbereitungen mündeten am 7. August 1999 in einen von Basayev und Khattab angeführten Angriff auf Daghestan, bei dem einige Dörfer Nahe der Grenze zu Tschetschenien von etwa 1500 Milizen der hämisch so genannten tschetschenisch-daghestanischen Friedenstruppe besetzt wurden, der aber nicht zuletzt wegen des massiven, teilweise bewaffneten und die Angreifer offensichtlich überraschenden Widerstands der örtlichen Bevölkerung binnen weniger Tage scheiterte. Nach dieser Provokation und der anschließenden Serie von Terroranschlägen auf Wohngebäude in Moskau, durch die im September 1999 300 Menschen getötet wurden, und die wiederum auf das Konto von Basayev und Khattub gingen, war die Zeit reif für den zweiten, noch andauernden Waffengang gegen den tschetschenischen Islamismus.

Für Rußland scheinen sich die Bedingungen, dem Problem beizukommen, seit dem 11. September 2001 erheblich verbessert zu haben, auch wenn die glänzende Vision des Direktors des Moskauer Zentrums für Politische Studien, Sergei Markov, letztlich doch noch vor der Irrationalität nationalstaatlicher Rationalität verblassen sollte. Markov meinte nach der Moskauer Geiselnahme die "Entstehung einer Koalition zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Rußland, die sich zu einer unnachgiebigen Haltung gegenüber dem Terrorismus zusammenfindet", beobachtet zu haben.(11) Manche Indizien können seinen Optimismus sogar muntermauern. Alles andere als selbstverständlich etwa waren die Ansagen, die ausgerechnet Zbigniew Brzezinski einen Tag vor der Beendigung der Moskauer Geiselnahme an die Adresse Aslan Maskhadovs machte, der sonst, besonders in den deutschen Medien, gerne als Sinnbild für die Existenz eines guten Willens im so genannten tschetschenischen Befreiungskampf vorgeführt wird. Brzezinski: "Maskhadov muß die Waffen niederlegen. Er sollte einseitig eine Feuereinstellung erklären... Maskhadov muß den ersten Schritt machen... völlig unabhängig davon, was auch immer der Ursprung des Leids und des Grolls auf Seiten der Tschetschenen gewesen sein mag".(12) Der Tonfall ist noch halbwegs diplomatisch, aber der Inhalt, die Aufforderung zur einseitigen Feuereinstellung, die Betonung, daß Maskhadov den ersten Schritt zu machen hat, läßt an Deutlichkeit kaum Wünsche offen und kommt einer Aufforderung zur Kapitulation gleich; daß Brzezinski sich dabei ausdrücklich an Maskhadov richtet, und ihn dadurch direkt mit dem Terror in Zusammenhang bringt, kann als Novum gelten und stimmt vollkommen überein mit der Politik der russischen Regierung oder der Politik der amerikanischen Regierung gegenüber Arafat. Zum Kontrast ein Kommentar aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, aufgeschrieben für ganz Deutschland: "Anstatt gegen die sozialen und wirtschaftlichen Nöte in den Kaukasusrepubliken vorzugehen, um so dem Terrorismus den Nährboden zu entziehen, wurde auf Gewalt mit Gegengewalt geantwortet... Auch bei der Geiselnahme in Moskau deutete sich ein solches Interpretationsmuster an, als die Geiselnehmer sofort mit ausländischen Terrorzentren in Verbindung gebracht wurden. Eine Lösung für den Frieden ist dies nicht. Es steht vielmehr zu befürchten, daß Rußland nach den Geschehnissen der vergangenen Tage gegenüber den Tschetschenen eine noch härtere Gangart anschlagen wird".(13) Brzezinski hat kein offizielles Amt mehr, aber seine frühere Rolle und seine Mitarbeit in dem nicht ganz einflußlosen Washingtoner American Committee for Peace in Chechnya, dem auch der frühere Außenminister Alexander Haig angehört, verleiht seiner Stimme doch ein wenig Gewicht. Aber die gegenwärtige amerikanische Regierung ist auch nicht untätig geblieben. Seit diesem Frühjahr sind amerikanische Militärberater im an Tschetschenien angrenzenden Georgien aktiv, wohin sich seit dem Beginn der zweiten russischen Offensive vor 3 Jahren eine größere Anzahl islamistischer Krieger zurückgezogen hatte, um von dort aus weitere Angriffe zu planen und durchzuführen. Die amerikanisch-georgische Zusammenarbeit erbrachte beereits im Sommer die ersten Erträge, als es den neu aufgestellten georgischen Antiterroreinheiten gelang, den größten Teil der Eindringlinge aus der Pankisi-Schlucht zu vertreiben und einige Drahtzieher festzunehmen. Damit ist auch dieses Schlupfloch geschlossen.

Die von Deutschland gefürchtete russische Offensive begann bereits am 4. November - mit voller amerkanischer Rückendeckung. Nach der Zerschlagung der Taliban und der konsequenten russischen Kriegsführung seit der Präsidentschaft Vladimir Putins steht den in den ehemaligen Sowietrepubliken Zentralasiens und im Kaukasus agierenden Islamisten Afghansitan nicht mehr als Rückzugs- und Nachschubgebiet zur Verfügung, die dortigen Trainigsstätten sind ebenso wie die tschetschenischen zerstört. Die Islamisten in dieser Gegend sind deshalb nicht mehr in der Lage, sich zu größeren und schlagkräftigen militärischen Einheiten zu formieren. Auf absehbare Zeit wird ihnen jegliche Aussicht genommen, sich hier noch einmal ein Stück Land unter den Nagel zu reißen, um es mit der Sharia hinzurichten und die Nachbarländer zu bedrohen. Den kaukasischen Gottesstaat jedenfalls können sie sich ein für alle mal abschminken.

(1) Osama bin Laden, Letter to Amerika, The Observevr, 24. November 2002, http://www.observer.co.uk/worldview/story/0,11581,845725,00.html
(2) Gazeta, FSB says Barayev acted on orders from above, 1. November 2002, http://www.gazeta.ru/2002/11/01/FSBsaysBaray.shtml
(3) Serge Trifkovic, Islam's Nazi Connections, Frontpage Magazine, 5. Dezember 2002, http://www.frontpagemagazine.com/Articles/ReadArticle.asp?ID=4934
(4) Winston S. Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Scherz Verlag 1948, Sonderausgabe 1995, S. 552
(5) Pavel Felgenhauer, The Chechen Campaign, 7. November 1995, http://www.fas.org/man/dod-101/ops/war/docs/fel.htm
(6) Nikolay Zagnoyko, ITAR-TASS, 14 Juni 1995, zitiert nach: Major Raymond C. Finch III, US Army, A Face of Future Battle: Chechen Fighter Shamil Basayev, http://gencturkler2.8m.com/CHECHNYA/finch.html
(7) Federation of American Scientists, The Chechen Chronicles '99, 1.3. Chechnya Announces Transition to Islamic Statehood. What's Next?, 21. Januar 2000, http://www.fas.org/man/dod-101/ops/war/2000/01/chechen/182.htm
(8) Federation of American Scientists, The Chechen Chronicles '99, 2.1. Wahhabism and its Role in the Caucasus, 21. Januar 2000, http://www.fas.org/man/dod-101/ops/war/2000/01/chechen/186.htm
(9) Zur Rolle Afghanistans bei der Ausbreitung des Islamismus im Kaukasus und in Zentralasien: Do it again, Nach der Rückeroberung Tschetscheniens durch Rußland wäre Afghanistan das nächste Ziel im unumgänglichen Krieg gegen den Islamismus, konkret 7/2000, 6. Juni 2000, http://www.realization.info/pol/gus/5.html
(10) zitiert nach: Chechen warlord claimed killed, The Russia Journal, 25. April 2002, http://www.russiajournal.com/news/cnews-article.shtml?nd=8085
(11) Gregory Feifer, Putin's Statements On Chechnya May Reflect Public Opinion, Radio Free Europe/Radio Liberty, 13. November 2002, http://www.rferl.org/nca/features/2002/11/13112002160541.asp
(12) Former White House Official Outlines Solution To Moscow Hostage Crisis, Radio Free Europe/Radio Liberty, 26. Oktober 2002, http://www.rferl.org/nca/features/2002/10/28102002152544.asp
(13) Die tschetschenische Tragödie, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2002, http://www.faz.net/IN/Intemplates/faznet/default.asp?tpl=faz/dossier_overview.asp&rub={0C9C9CCE-AE8C-4A50-88D8-8738A641E6CB}