Do it again
Nach der Rückeroberung Tschetscheniens durch Russland wäre Afghanistan das nächste Ziel im unumgänglichen Krieg gegen den Islamismus
Von Thomas Becker
6. Juni 2000 - Veröffentlicht in konkret Nr 7/00 ![]()
Der von tschetschenischen Islamisten vor einem Jahr in Dagestan angezettelte Aufstand ist gescheitert, die übereilig ausgerufene Gottesstaat auch in Tschetschenien passe. Die russischen Streitkräfte waren mit der Zerschlagung der Truppen Bassajevs und Chattabs etwa ebenso lange beschäftigt wie 1998 die jugoslawischen mit der UCK, doch während diese unterstützt durch die Luftwaffe der Nato alsbald in den Kosovo zurückkehrte, scheint Russlands territoriale Integrität trotz andauernder Kampfhandlungen in den südlichen Provinzen Tschetscheniens und den nahezu alltäglichen Terroranschlägen gegen die Sieger gesichert. Anfang Juni stellte die russische Regierung die Teilrepublik unter ihre direkte Verwaltung und ernannte das Oberhaupt der tschetschenischen Muslime, Mufti Achmed Kadyrov, zum neuen Republikchef. Kadyrov ist der Anführer eines Clans im Osten Tschetscheniens. Im ersten Tschetschenien-Krieg von 1994-1996 kämpfte er noch an der Seite des nun gestürzten Republik-Präsidenten Aslan Mashkadov gegen Russland. Nachdem er sich vor einem Jahr mit seinen ehemaligen Kampfgefährten verworfen hat, soll er jetzt im Auftrag Russlands und als Integrationsfigur des gemäßigten Islam das Wunder bewirken, Tschetschenien zum Frieden zu bekehren. Die russische Regierung selbst aber scheint nicht so recht glauben zu wollen, dass die Islamisten auf diese Weise politisch isoliert oder gar integriert werden könnten, denn die Durchführung von freien Republikswahlen wird von ihr vorerst wohlweislich nicht in Betracht gezogen.
Wie die kurze Episode islamistischer Herrschaft in Tschetschenien selbst zeigt, ist der Islamismus keineswegs darauf aus, ein Land zu erobern um sich dort dann politisch zu konsolidieren und ein gedeihliches Gemeinwesen zu begründen. Nach dem Sieg im ersten Krieg gegen Russland hatten die Islamisten mit der Etablierung der Sharia und der Inszenierung von Steinigungen, die in Grosny die Volksmassen belustigen sollten, ihre politischen Ziele schon erreicht; sie liessen die Republik fortan an Geistesarmut und Geiselterror verkümmern, während russische Subventionen notdürftig das nackte Überleben der Bürger sicherten. Ihr nächstes Ziel war die Destabilisierung der Nachbarrepublik Dagestan und von da die Ausweitung des Jihad auf den gesamten Nordkaukasus, wo nach ihren Vorstellungen ein einziger Gottesstaat entstehen soll.
Dieses Ansinnen wurde nun zwar durch die russische Kriegsführung demonstrativ vereitelt, jedoch werden die Islamisten das nur als einen Etappensieg für Russland verbuchen und den Terror an anderer Stelle neu zu entfachen versuchen. In der europäischen Öffentlichkeit wurde damals kaum registriert, dass zeitgleich zu dem islamistischen Aufstand in Dagestan im August 1999 etwa 500 bewaffnete Islamisten das zentralasiatische Kirgistan überfallen hatten, dort drei Dörfer besetzten und die Bewohner zu Geiseln nahmen, darunter den Oberbefehlshaber der Truppen des kirgisischen Innenministeriums. Mindestens 10000 Einwohner des Ferganatals flüchteten vor den Angreifern. Die überfallenen Dörfer liegen im Süden Kirgistans in der Provinz Osch im Ferganatal, dessen westlicher Teil zu Uzbekistan und dessen südlicher Teil zu Tajikistan gehört. Im kirgisischen und im tajikischen Teil des Ferganatals lebt jeweils eine starke uzbekische Minderheit mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil.
Man hielt die aus Tajikistan eingedrungenen Islamisten zuerst für Militante der dortigen Opposition, bis sich herausstellte, dass sie der verbotenen Islamistischen Bewegung Uzbekistans angehören, die zusammen mit kirgisischen und tajikischen islamistischen Aktivisten von Afghanistan aus operiert. Ihr Anführer, Juma Namangoni, pendelte zuvor angeblich seit fünf Jahren zwischen Uzbekistan und dem im Süden angrenzenden Afghanistan hin und her. Er wird von den uzbekischen Behörden mit den Bombenanschlägen in Tashkent im Februar 1999 in Verbindung gebracht, durch die auch die bis dahin gehegte Illusion, den Islamismus im eigenen Land besiegt zu haben, zerstört wurde. Namangoni soll sowohl im afghanischen wie auch im tajikischen Bürgerkrieg gekämpft haben. Tajikische Streitkräfte, unter Einschluß von Einheiten der Vereinigten Opposition, die selbst von tajikischen Islamisten dominiert wird, hatten die uzbekischen Islamisten zuvor aus Tadschikistan vertrieben. Uzbekistan warf der tajikischen Regierung daraufhin vor, diese habe es versäumt, die militärischen Stützpunkte der Islamisten auf ihrem eigenen Hoheitsgebiet zu zerstören, obwohl in ihnen international agierende Terroristen ausgebildet würden. Statt dessen hofiere die tajikische Regierung die Vereinigte Opposition, in der die Islamisten den Ton angeben. Tajikistan ist der einzige Nachfolgestaat der Sowjetunion in Zentralasien, in dem islamistische Parteien nicht verboten sind.
Nicht kirgisische Streitkräfte, sondern die uzbekische Luftwaffe griff die Mujahedin zuerst an. Die Regierung Uzbekistans sieht sich als antiislamistisches Bollwerk in der Region, beherbergt aber selbst fast die Hälfte der in den fünf zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion lebenden insgesamt rund 50 Millionen Muslime. Der muslimische Bevölkerungsanteil dieser Staatengruppe liegt durchschnittlich bei 75%, in Uzbekistan sind es 90%. Der seit der Unabhängigkeit Uzbekistans amtierende Präsident Islam Karimov war jedoch nie dem Versuch erlegen, aus dieser Not eine Tugend zu machen und die Islamisten in das politische Leben des Landes zu integrieren. Stattdessen vertritt seine Volksdemokratische Partei einen dem islamistischen Expansionismus entgegengesetzten "Nationalstaats-Islam" und fährt seit jeher einen scharfen Repressionskurs gegen jeden islamistischen Destabilisierungsversuch. Bereits 1992 wurden die sich im uzbekischen Teil des Ferganatals organisierenden islamistischen Gruppen aufgerieben; die Anführer sitzen heute in uzbekischen Gefängnissen oder leben im Exil, vor allem natürlich in Afghanistan, wo sie mit der Taliban zusammenarbeiten. Einer der bekanntesten unter ihnen, Tohir Joldajev, schloss sich nach Aussage eines Mitarbeiters des ehemaligen afghanischen Präsidenten Burhanudin Rabbani dem Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar an und bildet in einem Lager bei Masar-e-Sharif Mujahedin aus Zentralasien aus. Uzbeken kämpften in der Vergangenheit auf beiden Seiten im afghanischen Bürgerkrieg.
Erst im Mai gab die tajikische Regierung bekannt, dass sie Juma Namangoni und seine Truppe, die sich nach der uzbekisch-kirgisischen Militäraktion im Ferganatal wieder nach Tajikistan verzogen hatten, nach Afghanistan ausweisen wolle. Gilt Uzbekistan als Bollwerk gegen das Vordringen des Islamismus nach Zentralasien so kann das bis 1997 selbst in einen Bürgerkrieg verwickelte Tajikistan als die Schwachstelle gelten. Von den fünf zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion verbindet Tajikistan mit 1200 km die längste Grenze mit Afghanistan. Bei der Grenzsicherung wird der mit 6 Millionen Einwohnern (4 Millionen Muslime) zu den kleinen Ländern der Gruppe zählende Staat von Russland stark unterstützt. Der islamistische Überfall im Ferganatal im August vergangenen Jahres erfolgte genau in dem Moment, als im Zuge des Versuchs einer Nationalisierung der Sicherheitspolitik der russische Grenzschutz an der kirgisischen Grenze abgezogen worden war. Ohne russische oder uzbekische Unterstützung würde Tajikistan alsbald vom Islamismus, der auch im Innern in Gestalt der Partei der Islamischen Wiedergeburt, der stärksten Kraft der Vereinigten Opposition, ein mächtiger politischer Faktor ist, überrollt.
Ohne die russische Militärmacht wären die kleinen und untereinander wie in sich zerstrittenen kleinen Staaten des Kaukasus und Zentralasiens, wo Uzbekistan als mit 24 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Nation in der Region die Rolle eines Stabilitätsfaktors teilweise übernehmen kann, dem Islamismus hilflos ausgeliefert. Die Gewissheit darüber führte schon im Mai 1998 zum Abschluß einer informellen Allianz zwischen Rußland, Uzbekistan und Tadschikistan, bei der gemeinsame Anstrengungen bei der Bekämpfung des "islamischen Fundamentalismus in Mittelasien und im Kaukasus" vereinbart worden waren. Am 21. April nun ludt Islam Karimov die Präsidenten Kasakhstans, Kirgistans und Tajikistans abermals zu einer zweitägigen Beratung und der Unterzeichnung eines Abkommens über die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Islamismus ein. Anfang Mai suchte Karimov auch die Hilfe Indiens, das mit Pakistan - dem wichtigsten Unterstützer der Taliban - und dem Kaschmir-Konflikt mit verwandten Problemen zu tun hat. Mitte Mai reiste auch Russlands Präsident Vladimir Putin nach Tashkent um Karimov seine Unterstützung bei der Bekämpfung des Islamismus zuzusichern: "Jede Bedrohung Uzbekistans ist auch eine Bedrohung Russlands" (Putin). Selbst Nato-Generalsekretär George Robertson bot seine Hilfe an; Russland solle in dieser Sache mit der Nato zusammenarbeiten. In Zentralasien nimmt man dieses Angebot prinzipiell gerne entgegen - alle betroffenen Staaten sind selbstverständlich beteiligt am Nato-Programm Partnership for Peace - doch aktuell heisst die verlässiliche Schutzmacht für die Region Russland.
Diese Tatsache brachte der russische Aussenminister, Igor Ivanov, zum Ausdruck, als er am 24. Mai Luftschläge gegen die afghanischen Trainingslager tschetschenischer und Islamisten anderer Herkunft, die ihre "radikalen Vorstellungen vom Islam in die ehemaligen Sowjetstaaten Zentralasiens exportieren" trachten, androhte. Das russische Verteidigungsministerium erklärte dazu, dass die Logistik für solche Militärschläge bereits vollständig ausgearbeitet sei. Ivanov, Putin und Verteidigungsminister Igor Sergejev sowie hochrangige russische Sicherheitsexperten trafen sich zu diesem Zeitpunkt mit den Repräsentanten mehrerer ehemaliger Sowjetstaaten in Minsk um über Sicherheitsbelange zu diskutieren. Die Taliban konterte ihrerseits damit, dass im Falle dass Russland seine militärischen Drohungen wahr machen würde, das zentralasiatische Land, welches die russische Luftwaffe bei ihrem Angriff überfliegen würde, für sie damit als Ziel eines Gegenschlags "markiert" sei. Kurz darauf benannte die Taliban konkret Uzbekistan als Ziel eines möglichen Gegenschlags.
Am 30. Mai veröffentlichte die Moskauer Nachrichtenagentur Interfax ein Interview mit einem Offizier des russischen Auslandsgeheimdienstes, der berichtete, sein Dienst habe Informationen darüber, dass Islamisten im afghanischen Sabotage-Zentrum Kandahar Pläne für die Errichtung eines "Islamischen Staats" im Ferganatal schmiedeten. Sie beabsichtigten in einem ersten Schritt die Eroberung einer kleinen Enklave, die mit der Zeit ausgeweitet werden soll. An dem Vorhaben seien neben Islamisten aus Zentralasien und Tschetschenien auch radikale uigurische Gruppen beteiligt, die in China, das gleichfalls an das Ferganatal angrenzt, einen eigenen Staat errichten wollten. Russland, Kasakhstan, Kirgistan, Tajikistan und China würden deshalb bei der Absicherung der Grenze zu Afghanistan zusammenarbeiten.
Wiewohl die Provokationen in Dagestan und im Ferganatal vorerst auf eine totale Niederlage des Islamismus hinausliefen, haben sie doch das Bewusstsein über die von diesem ausgehende Gefahr für die Stabilität im Kaukasus und in Zentralasien und die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit bei seiner Bekämpfung noch geschärft. Nach der Zerschlagung ihrer Stützpunkte in Tschetschenien rückt naturgemäß Afghanistan wieder in den Mittelpunkt des Interesses - zumal auch die tschetschenischen Islamisten nach wie vor dort über Stützpunkte verfügen.
Nach einem Überfall der Taliban auf uzbekisches Grenzgebiet, bei dem Ende Mai acht uzbekische Zivilisten getötet wurden, rechnet die Taliban nun angeblich sogar mit einem russischen oder uzbekischen Gegenschlag von uzbekischem Territorium aus. Im iranischen Radio wurde mit Berufung auf pakistanische Quellen am 30. Mai berichtet, die Taliban hätten bereits 12000 Mann im nördlichen Grenzgebiet zu Uzbekistan zusammengezogen sowie Raketen und schwere Artillery in die Gegend gebracht; weitere Taliban-Führer würden ihre Truppen gegenwärtig dort hin mobilisieren. Am 1. Juni behauptete die Taliban, die uzbekische Luftwaffe habe afghanischen Luftraum verletzt. Die uzbekische Regierung dementierte. Am 10. Juni berichtete Interfax nun auch mit Berufung auf russisches Militär von einer Mobilisierung der Taliban; dabei könne es sich allerdings auch um die Vorbereitung eines Angriffs auf Positionen von Taliban-Gegnern im Norden Afghanistans handeln.
Die russische Regierung hat bereits nicht nur den Einsatz von Bodentruppen gegen die Islamisten in Afghanistan ausgeschlossen, auch die angekündigten Luftschläge sind als leere Drohung aufzufassen. Afghanistan wird somit auf Dauer das Trainingslager islamistischer Krieger bleiben, von wo aus von Zeit zu Zeit eine neue Blutspur in den Kaukasus und nach Zentralasien führen wird.