"Die menschliche Dummheit ist
international" (Kurt Tucholsky)
Oder weshalb Antifaschistinnen und
Antifaschisten den Kampf gegen Antisemitismus nicht von der
„Georg-Weerth-Gesellschaft“ entwertet sehen möchten.
Am 14. und 15. Juni will die
"Georg-Weerth-Gesellschaft" (GWG) in Detmold und Bielefeld
Veranstaltungen mit der Europaparlamentarierin Ilka Schröder durchführen.
Antifaschistinnen und Antifaschisten aus OWL wollen diese Veranstaltungen
verhindern.
Sie sehen sich zu diesem Schritt gezwungen,
damit die richtigen und guten Positionen Ilka Schröders nicht diskreditiert
werden, weil sie in einem unsinnigen, von der GWG vorgegebenen Rahmen gestellt
werden. Kritik an einem völkischen Antiimperialismus, der einem völkischen
Imperialismus in die Hände spielt, und traditionell sowie
argumentationsimmanent mit antisemitischen Stereotypen einhergeht, ist richtig
und wichtig. Die Kritik Ilka Schröders u.a. an antisemitische Tendenzen in der
Linken Europas, die sie in Detmold und Bielefeld vortragen will, ist zu
wichtig, als dass die Antifa sie von der Instrumentalisierung durch die GWG
entwerten lassen darf. Es geht um antisemitische Tendenzen in der Linken
Europas. Ein völkischer Antiimperialismus, der einhergeht mit Antisemitismus,
ist nicht allein, sondern "nur" auch eine Fehlinterpretation des
Imperialismus durch bestimmte Teile der deutschen Linken.
Damit ist der entscheidende Unterschied zur
Position der GWG gesetzt. Der GWG nämlich, ist aller Antisemitismus Ausdruck
deutscher Ideologie (deren Schatten sie selbst ist). Darin begründet sich ihre
antideutsche Ausrichtung. Diese Position der GWG spiegelt ein Antideutschtum,
das diese Gruppe prägt: Sie verlässt in ihrer antideutschen Ausrichtung die
Kategorien völkischer Ideologie nicht. Sondern sind in ihr, wie ihr
Spiegelbild, jene Deutschtums-Aktivisten, verfangen. Egal, wie Deutschtum
besetzt wird, ob positiv, wie durch die Deutschtumsaktivisten, oder negativ,
wie durch die Antideutschtumsaktivisten, sie teilen die gleiche Idee. Nämlich
die, dass ein eigen"tümliches" Volk bestünde, dem bestimmte
Eigenschaften qua Geburt und kultureller Verbundenheit,
eigen"tümlich" seien. Verbrecherische Ideologien, wie die des
Antisemitismus und die Dummheit, an sie zu glauben, sind aber ebenso
international wie der Kapitalismus.
Nicht gegen die Vorträge Ilka Schröders, wie von
der GWG behauptet, sondern gegen die GWG und ihr instrumentelles Verhältnis zum
Kampf gegen Antisemitismus mobilisiert die Antifa.
Wie äußert sich dieses instrumentelle Verhältnis
der GWG zum Kampf gegen den Antisemitismus. Und zu welchem Zweck dient der
vorgebliche Kampf gegen den Antisemitismus der GWG?
Beginnen wir mit letzterem. Der GWG dient der
Kampf gegen Antisemitismus, den sie sich ungerechtfertigter Weise auf die
Fahnen schreibt, in einem von ihnen angezettelten Kampf um politische
Vorherrschaft in der insgesamt marginalisierten Linken. Haben sie die Hoffnung
auf eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung der Verhältnisse längst begraben, so
wollen sie nun wenigstens Hegemonie innerhalb der Restlinken erlangen. Dies ist
das unausgesprochene Ziel der älteren Protagonisten der GWG. Der Schaden, den
sie der Linken zufügen ist ihnen egal, denn inhaltlich haben sie sich längst
aus der Linken verabschiedet. Diese älteren ehemaligen Linken scharen jüngere
AktivistInnen um sich, denen es entweder ebenfalls um Identitätsgewinn
innerhalb eines Kampfes um Hegemonie innerhalb der Linken geht, oder jüngere
AktivistInnen, die sich von der GWG-Anmaßung einschüchtern lassen, alle als
antisemitisch zu titulieren, die ihren Anspruch auf Hegemonie innerhalb der
Linken anzweifeln.
Wer nicht für sie ist, ist antisemitisch. Auf
diese kurze Formel kann ihre Instrumentalisierung des Kampfes gegen
Antisemitismus gebracht werden. Blieben wir in ihrer Logik, müssten wir ihnen
vorwerfen, dass sie nun auch noch als Angehörige des Täterkollektives
"Deutsches Volk" ihre jüdischen Opfer politisch enteignen wollen und
ihnen die Definitionsmacht, wer oder was antisemitisch ist, rauben.
Wie weit die GWG bei dieser Instrumentalisierung
ihres vorgeblichen Kampfes gegen Antisemitismus geht, in welche antisemitischen
Stereotypen ehemalige Linke zwangsläufig abgleiten, so sie nicht dazu in der
Lage sind, völkische Denkkategorien zu verlassen, mag das Vorgehen der GWG in
Bochum im Frühjahr dieses Jahres verdeutlichen.
Anlässlich der Planungen zu einem Aufmarsch von
Neonazis gegen den Bau einer Synagoge in Bochum wollte die GWG nicht darauf
verzichten zur eigenen Identitätssteigerung die israelische Nationalfahne zu
okkupieren und selbige schwenkend durch Bochum zu ziehen. Die jüdische Gemeinde
verbat sich im Vorfeld eine solche Bekundung falscher Solidarität. Sie bat
vielmehr darum, keine israelischen Nationalfahnen auf der antifaschistischen
Gegendemonstration zu zeigen. Schließlich, so die Argumentation der jüdischen
Gemeinde, die auch an die GWG herangetragen wurde, ginge es bei der
Gegendemonstration zum Naziaufmarsch doch auch darum, für die
Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in der BRD zu demonstrieren. Würden
aber israelische Nationalfahnen auf der Gegendemonstration gezeigt,
reproduziere dies nur antisemitische Stereotypen. Diese Stereotypen bestünden
darin, dass Jüdinnen und Juden in der BRD nicht deutsche, sondern israelischer
Staatsbürgerinnen und Staatsbürger seien und damit in Deutschland nichts zu
suchen haben.
Unbeeindruckt vom Wunsch der jüdischen Gemeinde
in Bochum und unbeeindruckt von den inhaltlichen Argrumenten, die an sie
herangetragen wurden, führte die GWG mit anderen antideutschen Gruppen in
Bochum dennoch einen Aufzug durch, bei dem sie israelische Nationalflaggen
schwenkten. Als sei diese Ignoranz noch nicht schlimm genug, verstieg sich die
GWG beim Versuch ihr Vorgehen zu verteidigen zu weiteren antisemitischen Äußerungen.
Jüdinnen und Juden in der BRD würden den deutschen Antisemiten
"Persilscheine" ausstellen, so lautete eine ihrer dort vorgetragenen
Positionen (GWG-Flugblatt „„...Sie müssen jetzt Judenpfleger sein!"
(Heinrich Himmler, Reichsführer SS, 1945 an seinen Untergebenen Adolf
Eichmann)“ vom 10.03.2004 sowie GWG-Redebeitrag „Zum moralischen Polster der
Deutschen“ auf der Demonstration „Antisemitismus bekämpfen! Solidarität mit
Israel!“ am 13.03.2004 in Bochum).
Deutsches jüdisches Leben? Für die GWG darf es
dies wohl nicht geben. Jüdinnen und Juden haben in Israel zu leben und zu
sterben. Vor allem wohl zu sterben, weshalb sonst feiern sie jede weitere
Eskalation im israelisch/palästinensisch-arabischen Krieg, an dem keinerlei
Kritik geübt werden darf? Dies ist eine besonders perfide Form der
antisemitischen Parole "Juden raus!", zu der sich die GWG hier
versteigt.
Genau an solchen Widersprüchen zwischen
vorgeblichem Anspruch der GWG und tatsächlichen Verhalten wird deutlich, dass
es der GWG nicht um den Kampf gegen Antisemitismus geht. Denn der Widerspruch
löst sich auf, wenn wir das Motiv ihrer Politik nicht im Kampf gegen
Antisemitismus, sondern im Kampf um politische Hegemonie in der Linken sehen.
Dieser Hintergrund würde die Positionen Ilka
Schröders entwerten und diskreditieren. Deshalb werden wir ihr die Situation in
Detmold und Bielefeld erklären.
“Freiheit wäre, nicht zwischen schwarz und weiß
zu wählen, sondern aus solch vorgeschriebener Wahl herauszutreten.“ (Theodor W.
Adorno)
08. Juni 2004, Antifaschistinnen und
Antifaschisten aus OWL