Vergib ihnen nicht
denn sie wissen nicht was sie tun
Von Thomas Becker
3. April 2004 - Ein Stoßgebet an den kleinen Mann und seine linken Freunde anläßlich der deutschen und europäischen Proteste gegen den so genannten Sozialkahlschlag. Veröffentlicht in einem Flugblatt der praxis-bestimmte-negation.com
"Aber so ist das in der Welt: Was die ganz Großen dürfen, steht den Kleinen noch lange nicht zu."
Jürgen W. Möllemann über Deutschland und Amerika
Die Spaltung der kapitalistischen Gesellschaft in Besitzer und Besitzlose, Reich und Arm, Oben und Unten, widerspricht dem Postulat dieser Gesellschaft, daß Gerechtigkeit als Gleichheit sich herstelle, indem Gleich gegen Gleich getauscht wird. Daß aber solche Ungerechtigkeit der Ungleichheit aus dem gerechten Tausch von Gleichwertigem selbst auch dort notwendig hervorginge, wo keine menschliche Willkür im Spiel wäre, ist die Entdeckung von Karl Marx, daß die Arbeitskraft als Ware mehr Gebrauchs- als Tauschwert enthält, welche Differenz der Kapitalist mit vollem Recht für sich beansprucht: denn wie jedem anderen Käufer steht ihm der uneingeschränkte Genuß dessen zu, wofür er bezahlt hat.
Die Empörung daher über das Mehr und Weniger und Oben und Unten, das dabei jeweils herauskommt, ist so gerecht- wie ungerechtfertigt. Sie ist ungerechtfertigt, wo sie dem Kapitalisten Betrug unterstellt, während der sich genau an die Spielregeln hält, welche die Gesellschaft des organisierten Warentauschs ihm vorgibt. Gerechtfertigt wäre die Kritik der Spielregeln, welche jene Ungerechtigkeit der Ungleichheit zugleich hervorbringen und voraussetzen. Denn wo Arbeitskraft als Ware gehandelt wird, muß die Spaltung der Gesellschaft in solche, welche Produktionsmittel besitzen, und solche, welche keine Produktionsmittel besitzen, in Kapitalisten und Arbeiter, nicht nur die Folge, sondern bereits gegeben sein.
Ein solcher Arbeiter, der sich über die Reichen mokiert, die nicht arbeiten, ist also bestenfalls ein Spielverderber, der zwar die Regeln akzeptiert, aber nicht das aus ihnen notwendig hervorgehende Ergebnis. Mit der Forderung, einen gerechten Lohn zu erhalten, gibt er nur zu, daß er tatsächlich nicht mehr verdient. Oder was sollte man von einem Sklaven halten, der, statt seine Freiheit zu fordern, um goldene Fußketten für alle bettelt?
Aber so lächerlich die Figur ist, die so ein Arbeiter abgibt, so gering verständlicherweise seine Bereitschaft, sich dem Gelächter auszusetzen. Schließlich ist er nicht als Arbeiter auf die Welt gekommen, und da jeder Mensch vergißt, wie es einmal war, kann sich sein Selbstbewußtsein nur unmittelbar auf das Ergebnis beziehen, daß er jetzt eben Arbeiter ist, und er wird daher meinen, dazu geboren zu sein. Es verwundert also nicht, daß er darauf auch noch stolz ist. Denn tatsächlich hat er, nachdem er, unter dem liebevoll geduldigen, aber nicht minder eindeutigen Druck der Nase rümpfenden Mutter gelernt hat, fein ins Töpfchen zu kacken, die Grundregel mühelos verinnerlicht, die sein künftiges Dasein als Ware bestimmt: versuch ja nicht gegen die anzustinken, von denen du abhängig bist. So wie seine Existenz zuerst von der Mutter abhängt, die ihn füttert, so später von einem Kapitalisten, der ihm das Geld gibt, mit dem er sich das Futter selber kaufen kann.
Auch wo die Väter heute selber lauter Schlappschwänze sind gegen die unumstößlichen Regeln der Gesellschaft, so ist diese, in ihrer ganz unpersönlichen, rein wissenschaftlich gerechtfertigten Sachlichkeit, nicht weniger autoritär. Die zur Ideologie aufgeblasene Medizin wacht heute unbarmherziger darüber, daß die Kleinen nicht zu viel Schokolade kriegen, als je das neidisch gehässige Elternpaar. Später ist es der Chef, der aufpaßt, daß einer nicht säuft, oder die Krankenkasse, die ihn fürs Rauchen abstraft.
Unter der Maxime, daß sich früh krümme, wer ein Häkchen werden soll, formt die kapitalistische Gesellschaft das Arbeiterkind, das einmal seine Arbeitskraft verkaufen muß, wenn es überleben will, frühzeitig zum autoritären Charakter. Später wird ihm sein Arbeitslohn zu dem Leckerchen, das niemals an faule Hunde ausgeteilt wird; darum bellt er heute so kleinlaut, wo die autoritäre Belohnung einmal ausfällt. Was ihn daran stört, ist nicht eigentlich die materielle Einbuße, die er verständig wegsteckte, dem Ganzen zu dienen. Wie jene wohlerzogenen Geschwisterchen aber, die durch übertriebene Gefügsamkeit um die Zuneigung des Vaters und der Mutter buhlen, interpretiert er die zurückgehaltene Belohnung als Liebesentzug - und wer dabei am lautesten quengelt, gibt sich stets als der beflissenste Hosenscheißer zu erkennen.
Der so herangezogene Arbeiter empört sich nicht über seine Unfreiheit, sondern über die Ungleichbehandlung durch die Autorität. Da er aber meint, gerade ihm stehe das Surplus für die Angepaßtesten zu, haßt er alle, die ihm nicht so brav angepaßt scheinen, vor allem, wenn es denen nicht schlechter geht als ihm. Nichts schreckt ihn daher mehr als die Idee eines Vereins freier Menschen, die, statt die vorgegebenen Regeln einer persönlichen oder sachlichen Autorität zu befolgen, ihre Geschicke selbst miteinander regelten. Dadurch ist gegenwärtig jede Gemeinsamkeit von Kommunisten mit den selbstbewußten Arbeitern, der Arbeiterklasse überhaupt, ausgeschlossen.
Die gesamte deutsche und mithin europäische Protestbewegung, die heute für ein Europa der Gerechtigkeit und des Friedens gegen amerikanischen Neoliberalismus und Imperialismus, gegen Reichtum, Konzerne und Globalisierung aufmarschiert, basiert allein auf dieser Ideologie des kleinen Mannes; vor allem in Deutschland, wo das Selbstbewußtsein der fleißigen Arbeiter ganz bei sich zu Hause ist. Daß es ausgerechnet die Partei der kleinen Leute ist, die sie um den verdienten Lohn bringt, mag die Ausgebeuteten zwar zunächst befremden, fördert aber letztlich die Einsicht, daß die ihnen verordneten Reformen nötig seien, um den Standort zu sichern. Und die Gewißheit, daß alles Gute von oben kommt, wird ihnen sogleich von August Oetker bestätigt, der, wie sie selber, an den Gemeinsinn des deutschen Unternehmertums appelliert. So werden sie sich mit dem Ausbeuter schnell wieder einig in dem Verlangen, daß die Reformen gerecht seien, indem die Spielregeln des Kapitals mit denen der Volksgemeinschaft abgeglichen werden.
Die Volksgemeinschaft erfüllt ihre versöhnende Funktion durch einen einfachen sozialpsychologischen Mechanismus, den man die Identifikation mit der Autorität nennt. Gewinnt der kleine Mann den Eindruck, daß die Großen sich um ihn kümmern, unterwirft er sich bereitwillig deren Kommando. Derart vereint, wird der Sündenbock bestimmt, über den man den Unmut nach außen schiebt, den die ungleiche Gemeinschaft im Innern ausbrütet. Die Unterwürfigkeit des Einzelnen schlägt um zur Überheblichkeit des Kollektivs. Das starke Kollektiv ist die Ausflucht, sich die Schmach nicht eingestehen zu müssen, die es dem Einzelnen antut. Deshalb lassen sich die betrogenen Massen so leicht betrügen und für die höhere Sache einspannen, als welche die herrschende Ideologie sich ausgibt.
Die Linken, die den Sozialismus wollen, hantieren wohl oder übel mit dem selben Mechanismus, nur daß sie selber gerne die Autorität wären, die den Massen sagt, wo's lang geht. Da sie sich auf Marx berufen, ohne ihn gelesen zu haben, sind sie zudem dem selben autoritären Begriff der Gerechtigkeit verfallen, so daß sie schließlich dem kleinen Mann, den sie beeindrucken möchten, nichts zu sagen haben, was der nicht sowieso schon zu wissen meint. Um sich überhaupt noch hervorzutun, flüchten sie sich in die Übertreibung und Radikalisierung jener deutschen Ideologie, worin die Gemeinschaft anständiger Arbeiter und anständiger Unternehmer auf einmal als Opfer einer feindseligen Weltgeschichte erscheint, mit deren Kämpfen und Kriegen man selber nichts zu tun haben will.
So identifiziert sich eines der reichsten Völker der Erde ungeniert mit den Ärmsten in der Dritten Welt, als deren Anwalt es sich geriert. Der Deutsche, dem das Weihnachtsgeld gekürzt wird, fühlt sich jetzt elend wie das sprichwörtliche Negerkind von der Welthungerhilfe, und nennt das internationale Solidarität. Man leidet mit den Palästinensern in den Flüchtlingslagern, weil der Papa aus der Tschechei vertrieben wurde, und wenn die Koalitionsstreitkräfte am Persischen Golf sich zum Angriff sammeln, dünkt man sich in der Normandie, wo man einmal mehr vergebens hofft, den totalen Krieg zu gewinnen. Wer könnte mehr Verständnis aufbringen für die Verzweiflungstaten islamistischer Terroristen als die Linke, die nie müde werden wird, die unterdrückten Völker aller Herren Länder gegen den amerikanischen Imperialismus aufzustacheln? Und hat die Linke nicht auch die größte Berechtigung, den Staat der Juden zu kritisieren, wo sie doch, Rächer der Entrechteten, ihrem Wesen nach von Antisemitismus unbefleckt ist? Von Unten bis Oben und von Links bis Rechts endet schließlich antikapitalistische wie kapitalistische Logik heute abermals in der Selbstbehauptung Deutschlands und Europas gegen die Amerikanern und Juden zugeschriebene Globalisierung.
Man kann wahrscheinlich nicht davon ausgehen, daß alle an dem Wahnsinn Beteiligten wirklich wissen, was und warum sie es tun. Aber nachdem die Ideologie selbstbewußter Kleingeister vom Sandkasten sich emanzipiert und erneut die Schwelle zum Terrorismus überschritten hat, kann man mit der verdorbenen Brut keine Didaktik oder Pädagogik mehr betreiben. Zunächst muß der widerspenstige Mob in seine Schranken zurück verwiesen werden, so daß gegenwärtig, solange die Uneinsicht waltet und mit der blinden Wut sich paart, nicht Revolution, sondern Kritik und der Krieg gegen den Terror auf dem Stundenplan kommunistischer Erziehung, der Erziehung zur Mündigkeit, steht.