Das Elend der Linken
und die heimlich-unheimliche Lust an der Gegenaufklärung
Von Thomas Becker
Dieses Flugblatt wurde verteilt anläßlich eines öffentlichen Vortrags von Robert Kurz/Redaktion Krisis am 9. Februar 2004 in Bielefeld. |
"Neubeginn auf einem vorgeblichen Nullpunkt ist die Maske angestrengten Vergessens, Sympathie mit der Barbarei ihm nicht äußerlich."
Theodor W. Adorno, Negative Dialektik
Das Leben des Menschen scheint kurz und unerheblich, seitdem „die Aufklärung“ ihm zuerst die Leiter hinauf ins ewige Himmelsreich verstellt hat, dann aber das Versprechen, dafür den „Himmel auf Erden“ einzurichten, nicht eingelöst wurde. Es scheint daher auf den ersten Blick verständlich, daß die derart zum Affen gemachten einen verzweifelten Haß gegen „die Aufklärung“ entwickelten, wie auch, daß gerade „die Linken“, als die zum Anwalt der Geprellten sich berufen wähnenden, sich diesen zu eigen machten. Auf den zweiten Blick jedoch zeigt sich dies Verständnis als Mißverständnis „der Aufklärung“ selbst: Sie hätten den Kommunismus nicht, wie einst das Paradies, als autoritären Lohn für ein Leben in Demut erwarten dürfen; sie hätten ihn selber machen sollen.
Der verzweifelte Haß gegen „die Aufklärung“ gründet auf mangelnder Reflexion, ist ein Kurzschluß, der nichts weiter als die Nichtaufgeklärtheit derjenigen bezeugt, die ihn ziehen. Denn „die Aufklärung“, verstanden „als solche“ oder „an sich“, „überhaupt“, ist ein Hirngespinst gerade von der Art, wie sie die vor- und halbaufgeklärte Götter- und Ideenwelt beherrschte. So verstanden wäre sie eine Gabe des Himmels, die man als gebrauchsfertigen Geschenkartikel dankend entgegennimmt, um sich in kindischer Unschuld daran zu erfreuen. Eine solche Vorstellung von „der Aufklärung“ wäre allerdings das krasse Gegenteil dessen, was Aufklärung besagt, nicht der Ausweg aus, sondern die Besiegelung der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Wirkliche Aufklärung dagegen wäre weder ein gebrauchsfertiges Ding, noch immerzu erfreulich, vielmehr die jedem Individuum jeder Generation aufgebürdete Anstrengung, sich und die Welt zu begreifen und im freien Verein vernünftig zu gestalten.
Der Haß gegen „die Aufklärung“ ist demnach zu verstehen, aber nicht als berechtigt durch den Bruch eines himmlischen (oder philosophischen) Versprechens; dies Versprechen war vielmehr von vornherein geknüpft an die Bedingung, daß die wirklichen Menschen, jeder Einzelne, die ihm aufgebürdete Anstrengung als Lebensaufgabe begreife und in die Tat setze. Daran ist Aufklärung gescheitert und das Versprechen gebrochen worden. Nicht Kant, Hegel, Marx, Freud oder Adorno ist daran die Schuld zu geben; hätten Schuldzuweisungen überhaupt einen Sinn, so müßten sie sich gegen die richten, die sie erheben: die Geprellten selbst und ihre vermeintlichen Retter, denen sie hinterherlaufen, auch die linken, die, statt die Schriften jener sich anzueignen, der Gegenaufklärung sich verschrieben haben.
Die Dialektik der Aufklärung, die intime Verbundenheit von Zivilisation und Barbarei, die der Nationalsozialismus offenbarte, ist keine unabwendbare Kategorie, keine eherne Wahrheit und schon gar kein Argument für die Gegenaufklärung, sondern der Begriff der Welt im Zustand der Halbaufgeklärtheit. Aus ihr heraus führte nur das Weitertreiben der Reflexion, statt deren Abbruch, die sie verewigt. Die jüngsten, vom 11. September inspirierten Attacken gegen „die Aufklärung“, „die Moderne“, „den Westen“, Amerika und Israel, geben unmißverständlich Zeugnis davon. Ihr Ansinnen ist nicht die Kritik, als die bestimmte Negation, die in den Weltlauf eingreifen will, um ihn zum Besseren zu wenden, sondern das blind wütende „Tabula rasa“, das bewußtlose „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ – Strafsucht und Zerstörungswut im streng psychoanalytischen Sinn. Als solche wird Radikalität barbarisch, „radikale Kritik“ zur bloßen Gewaltpropaganda.
Nach dem 11. September wurde auf diese Weise für besonders „radikale Linke“ noch der antisemitische Terror, die real existierende Gegenaufklärung, zum Zeugen der Anklage und Stichhaltigkeit der eigenen Krisensehnsucht: Nachdem es die „New Economy“ an der Börse erwischt hatte, müßten nun auch die „metropolitanen Mittelschichten“ begreifen, „dass es keinen sicheren Rückzugsort auf dieser Welt mehr gibt. In Zeiten flottierender Gewalt kann selbst ein normaler Bürotag in Manhattan, das Auftanken eines Autos in Washington, ein Urlaub in der Südsee oder der Besuch eines Musicaltheaters in Moskau jederzeit den Tod bringen“.(1) Wie wenig solche Bezugnahme nur anzügliche Polemik ist, davon wiederum zeugen jene Spendensammlungen für den irakischen „Widerstand“, den Helden Saddam Husseins und Osama Bin Ladens, zu denen „linke“ Antiimperialisten und Antiglobalisierer aufrufen.
Robert Kurz, schon immer der Beschwörer der finalen Rettungskrise, der jetzt als sich selbst so qualifizierender „Zertrümmerer des Alleszertrümmerers“ die Führungsposition in der Bewegung der Gegenaufklärer anstrebt und sein „Programm der Abschaffungen“ als „Kriegserklärung auf höchster Abstraktionsebene“ verstanden wissen will, hebt hervor, daß das, was er beabsichtigt, „nicht ohne ein Moment der ‚Gegenzerstörung’ abgeht“; undurchsichtig bleibt dabei lediglich, wo in seiner „negativen Ontologie“ noch Platz für ein anderes Moment als das der Zerstörung wäre, wenn es darum gehen soll, dem „weltzerstörenden realen Wertabspaltungs- und Aufklärungssubjekt“, dem er den Krieg erklärt, „kein Schlupfloch zu lassen“ und den „Garaus zu machen und sonst gart nichts“. Wie sehr paranoider Wahn die treibende Kraft solcher „radikalen“ Kritik ist, verrät die von Text zu Text, von Argument zu Argument fortschreitende Brutalisierung der Sprache, die Gewalt entfesseln will: „muß mein Impuls doch darin bestehen, mich notfalls gewaltsam loszureißen“.(2)
Da die geistige Nähe solcher Kriegserklärung auf „höchstem Niveau“ zu der vom 11. September, auf niedrigstem, auch durch noch so viel Beteuerung schwerlich unkenntlich zu machen ist (was nicht heißen muß, daß Robert Kurz ein Terrorist ist, sondern zunächst nur, daß er, warum auch immer, sich selbst gerne so geriert), müssen Taliban und Al Qaida, mit denen man lieber doch nicht in einen Topf gesteckt werden will, zu vom Westen „selbst hervorgebrachten Terror-Gespenstern“ zugleich legitimiert und verniedlicht werden.
Die „Logik“ ist grundsätzlich folgende: Aufklärung und Gegenaufklärung bilden bei Robert Kurz zunächst eine „Identität der Gegensätze“. Aber die Gegensätze gehen im Verlauf seiner „Ableitungen“ und „Abspaltungen“ später auf nicht recht erfindliche Weise verloren, so daß, nach dieser merkwürdigen „Subtraktion“, die Identität allein, die vollkommene Ununterschiedenheit von Aufklärung und Gegenaufklärung als Zwischenergebnis übrig bleibt. Er begründet diese „Kürzung“ damit, daß die Gegenaufklärung schließlich selbst ein Produkt der Aufklärung sei, „gerade der Kern der NS-Ideologie, der Antisemitismus, ist ein spezifisches Produkt der Moderne“. Laut dieser „Dialektik“ müßte der Kommunismus, ebenso unbestreitbar „ein spezifisches Produkt der Moderne“, mit dem Kapitalismus gleichfalls eine „Identität der Gegensätze“ bilden, wobei dann – nach „Subtraktion“ der Gegensätze – die Formel herauskäme: Kommunismus = Kapitalismus. Zum Schluß wird noch die Gegenaufklärung als vernachlässigbar („Gespenster“) weggekürzt, so daß die „radikale Aufklärungskritik“ unterm Strich herauskommt.
Die Frage, was Amerika veranlaßt haben mag, die „Gespenster“ zuerst „hervorzubringen“ und dann, 20 Jahre später, „umzubringen“, geht bei dieser Rechenoperation natürlich verloren. Das Endergebnis ist, daß US-Präsident Bush Junior („negative Identität“ von Vater und Sohn, „Subtraktion“ der Geschichte der 90er Jahre), „das Zusammenfallen von Aufklärung und Gegenaufklärung geradezu verkörpert“ – man weiß nicht recht wie. Vielleicht aber so: „weil das Gemeinsame der negativen Identität unübersehbar“ ist?
Auf diese Weise kann dann statt den Antisemiten, die es auf ihre Fahnen geschrieben haben, dem „Todes- und Zerstörungstrieb“ des kapitalistischen „Wertsubjekts“ das Programm der Vernichtung, genauer: der „Weltvernichtung überhaupt“ zugeschoben werden. Folglich kann es auch nicht dem antisemitischen Terror selbst samt seinen antisemitischen Befürwortern in Europa zugeschoben werden, daß sie der Befreiung der Menschheit entgegenstehen; es ist vielmehr die Furcht der „radikalen Aufklärungskritiker“, als Agenten der Gegenaufklärung erkannt und denunziert zu werden, die fürchterliche „Auschwitzkeule“, die den Deutschen immer schon realer war als je Auschwitz selbst, die den „entscheidenden Durchbruch gegen die Aufklärungsideologie“ verhindere.
Geschichte ist bei Robert Kurz der mit sich selbst identische und immer gleiche Begriff der finalen Krise, der „negativen Identität von Fortschritt und Reaktion, von Aufklärung und Gegenaufklärung“, die am Ende des 20. Jahrhunderts sogar, man weiß wieder nicht recht wie, zu einer „unmittelbaren“ wird. Laut Robert Kurz „weil jetzt die innere Dynamik der Wertvergesellschaftung ausgebrannt ist“. Und in der jetzt also „unmittelbaren negativen Identität“ fallen die „einst bitter feindlichen Polaritäten im Krisensturz zusammen“, und zwar „auf allen Ebenen“ – endlich!
Die Ideologie der Gegenaufklärung folgt letztlich einem lange bekannten Motiv, das Adorno schon als das der Seinsphilosophie Heideggers aufgezeigt hat: „Daß die Menschen ohnmächtig sind vorm System und nicht vermögen, aus ihrer Vernunft ihr Leben und das des Ganzen zu bestimmen; ja daß sie nicht einmal mehr den Gedanken daran denken können, ohne zusätzlich zu leiden, bannt ihre Auflehnung in die verkehrte Gestalt: lieber wollen sie hämisch das Schlechtere denn den Schein eines Besseren“.(3)
(1) Norbert Trenkle für die Redaktion der Zeitschrift Krisis im Dezember 2002
(2) Die Zitate von Robert Kurz sind aus seinen Beiträgen NEGATIVE ONTOLOGIE und TABULA RASA in der Zeitschrift Krisis Nummer 26 und 27
(3) Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, GS 6, S. 96