Kommunismus wäre heute zuallererst

Ein Kampf gegen die Verblödung

Von Thomas Becker

Weihnachten 2003

"Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen."

Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie

Wir Kommunisten kritisieren nicht die Kommerzialisierung des Weihnachtsfests, weil sie die "wahre" Idee des Festes der "Liebe", der "Familie", des "Friedens", der "Besinnung" usw. verdränge und herabwürdige. Wir kritisieren diese Ideen selbst als die falschen Ideale einer falschen Gesellschaft. Es sind Illusionen, die nur insofern im Gegensatz zur Realität stehen, als sie diese vollständig ignorieren. Sie eignen sich daher gut für die Sonntagspredigt, bevor sich die Gemeinde am Montag wieder in den alltäglichen Konkurrenzkampf um Marktanteile und Arbeitsplätze stürzt, wo dann wieder die dem allweihnachtlichen Schenkritual genau entgegengesetzten Eigenschaften gefordert sind, nämlich Rücksichtslosigkeit, Ehr- und sonstiger Geiz. Die Ideale der "Liebe", der "Familie" und des "Friedens" sind bloß der erbärmliche Ersatz dafür, daß zwischen den Bürgern einer Gesellschaft, in der alles darauf ankommt, sich gegen die Anderen zu behaupten, keine libidinöse Beziehung, keine Gemeinsamkeit und kein friedliches Beisammensein Bestand haben kann.

Unsere Moralprediger und Kritiker einer Kommerzialisierung des Weihnachtsfests wollen ihre heiligen Ideale aber nicht von diesem wirklichen Zusammenhang verunreinigt sehen. Es ist ja gerade der "Sinn" solcher Feste, von dem wirklichen, d.h. gesellschaftlichen Zusammenhang abzulenken. Die Vorliebe der Deutschen für das Weihnachtsfest korrespondiert überhaupt mit ihrer besonderen Hingabe für das "reine" Ideal der "Reinlichkeit", womit sie den wirklich von ihnen veranstalteten Dreck sich und den Anderen zu vertuschen pflegen, oder wie es Henryk M. Broders einmal trefflich formulierte: das "deutsche Wesen" wird durch ein "eher (b)anales Sprichwort" verkörpert: "Außen hui, innen pfui". Der Weihnachtsfrieden wird daher immer gerade dann zu einem Highlight der Emotionen, wenn mal wieder ein Krieg oder eine andere Schweinerei im Gange ist. Läge den Deutschen tatsächlich was am Frieden, müßten sie ihre Häuser statt mit bunten Lichterketten mit roten Fahnen ausstaffieren.

Der Kommunismus ist den Deutschen aber schon deshalb "rein unbegreiflich", weil die Kommunisten nicht die Illusion gegen die Wirklichkeit predigen, wie es die betrogenen und sich selbst wie andere betrügenden Massen gewohnt sind, weil die Kommunisten "weder den Egoismus gegen die Aufopferung noch die Aufopferung gegen den Egoismus geltend machen", vielmehr die "materielle Geburtsstätte" dieses Gegensatzes nachweisen, "mit welcher er von selbst verschwindet"; die Kommunisten predigen überhaupt keine Moral, "sie stellen nicht die moralische Forderung an die Menschen: Liebet Euch untereinander, seid keine Egoisten pp.; sie wissen im Gegenteil sehr gut, daß der Egoismus ebenso wie die Aufopferung eine unter bestimmten Verhältnissen notwendige Form der Durchsetzung der Individuen ist" (Marx/Engels). Kommunisten wollen diese bestimmten Verhältnisse beseitigen, anstatt sie nur zu kaschieren. Denn unter diesen bestimmten Verhältnissen, des Kapitalismus, der Konkurrenz usw., kann die Liebe sowieso nichts anderes sein, als das Bestreben, von dem Anderen Besitz zu ergreifen (wie es sich an konkreten Beispielen aus dem wirklichen Liebesleben der Deutschen leicht nachweisen ließe), und die Aufopferung nichts anderes als die uneingeschränkte Hingabe der Pflichterfüllung, der Frau für den Mann, des Arbeiters für den Chef, sowie des Deutschen überhaupt für seinen Standort. Ein solches Pflichtbewußtsein aber muß man den Deutschen nicht noch extra einhämmern, sie haben es schon mit der Muttermilch eingesaugt und demonstrieren es stolz jeden Tag beim Mülltrennen.

Das Weihnachtsfest funktioniert in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie der Karneval, wo das "Volk" einmal im Jahr den "Aufstand" proben darf, den es aber niemals aufzuführen beabsichtigt - Gott sei Dank, muß man hinzufügen, denn in der geistigen Verfassung, in der sich dieses Volk heute noch wie immerdar befindet, könnte ein solcher Aufstand nur wieder als Pogrom und Schlimmeres enden. Die Predigten unserer Moralapostel und Friedensfürsten führen zu nichts Anderem, denn ihre illusionären Vorstellungen und Versprechungen können in der Wirklichkeit nicht eingelöst werden. Die Gefolgschaft aber, die so und so nicht auf ihre Kosten kommt, aber einmal in Fahrt gebracht, kennt dann kein Halten mehr, hat sie erst den "wahren" Grund ihres Unglücks "erkannt"; nämlich die "Egoisten", die "Kriegstreiber" und Bösewichte anderer Nationen; dann wird sie keine Entspannung mehr dulden, "weil sie keine Erfüllung kennt": "die Verzweifelten erscheinen einzig noch als die Verteidiger der Wahrheit, als die Erneuerer der Erde, die auch den letzten Winkel noch reformieren müssen. Alles Lebendige wird zum Material ihrer scheußlichen Pflicht... Blindheit erfaßt alles, weil sie nichts begreift" (Horkheimer/Adorno).

Der Kommunismus stellt sich heute als Zirkelschluß dar: Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter sein; die Arbeiter aber befreien sich nicht. Sie denken gar nicht daran, oder wenn sie daran denken, dann denken sie nicht richtig. Sie denken dann, die Juden seien ihr Unheil, oder die Amerikaner, oder die Ausländer - die Auswahl der Haßobjekte ist fast so beliebig wie die Vorliebe für diese oder jene Zahnpasta; nur die Reihenfolge ist zwingend. Kurz gesagt, wir müssen hier nicht für alle Arbeiter auf der Welt reden: die Deutschen jedenfalls sind außerstande, sich selbst zu befreien. Das hat die Geschichte zweifelsfrei erwiesen. Aber es fehlen ihnen nicht die materiellen, sondern die geistigen Mittel dazu. Unter der Herrschaft des Kapitals, dem Zwang zur Arbeit, der Anpassung durch Erziehung, Schule, Beruf und Kulturindustrie sind sie zu dem historischen Sondermüll geworden, der sie heute sind - emsige Rädchen im Getriebe, willfährige Bits im System. Entgegen der Auffassung noch von Marx wurden durch den Kapitalismus keine Revolutionäre, sondern Reaktionäre erzeugt; von den Deutschen allerdings hatte auch Marx nie etwas anderes erwartet. Der Kommunismus, der einmal ausdrücklich kein "Zustand, der hergestellt werden soll", kein "Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten" habe, sein sollte, sondern "die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt" (Marx/Engels), ist dadurch selbst zu einer reinen Idee verkommen, und zwar genau in dem Maße, wie die Arbeiter selbst zu einer stumpfsinnigen und reaktionären Masse verkommen sind, denen man heute, nach Auschwitz, eher die Absicht zutraut, die Welt noch einmal in Schutt und Asche zerlegen zu wollen, als sie von der Herrschaft von Menschen über Menschen zu befreien.

Als Marx und Engels zu der Einsicht gelangten, daß in "der bisherigen Geschichte" die "einzelnen Individuen mit der Ausdehnung der Tätigkeit zur Weltgeschichtlichen immer mehr unter einer ihnen fremden Macht geknechtet worden sind (welchen Druck sie sich denn auch als Schikane des sogenannten Weltgeistes etc. vorstellten), einer Macht, die immer massenhafter geworden ist und sich in letzter Instanz als Weltmarkt ausweist", ahnten sie noch nicht, daß eine solche Formulierung auch noch nach 150 Jahren Bestand haben würde und die "bisherige Geschichte" als nicht enden wollende deutsche Ideologie ihr Unwesen bis heute fortschreibt. Nur daß der Druck, der dadurch auf den Individuen lastet, heute weniger als Schikane des Weltgeistes vorgestellt wird, vielmehr als "Verschwörung der Juden". Die Formulierung jedoch, es sei "ebenso empirisch begründet", daß "durch den Umsturz des bestehenden gesellschaftlichen Zustandes durch die kommunistische Revolution" diese "den deutschen Theoretikern so mysteriöse Macht aufgelöst wird und alsdann die Befreiung jedes einzelnen Individuums in demselben Maße durchgesetzt wird, in dem die Geschichte sich vollständig in Weltgeschichte verwandelt", ist nicht mehr zu halten. Die Empirie kann den Kommunismus heute nicht mehr begründen, nur noch widerlegen. Vielmehr muß heute die Idee gegen die wirkliche Bewegung verteidigt werden, die die Idee im zurückliegenden Jahrhundert für einen "real existierenden Sozialismus" mißbraucht hat. Der Kommunismus als Idee hat sich damit in seiner entarteten Praxis als stalinistischer "Arbeiter- und Bauernstaat" aber dennoch nicht selbst zu einer Illusion verflüchtigt, wie es seine Gegner schon immer behauptet haben. Er ist lediglich ein "Zustand", der noch auf seine Verwirklichung wartet, darauf, daß der gescheiterte Versuch, die Massen zur revolutionären Einsicht zu erziehen, doch noch gelingen möge.


Am deutschen Wesen wird die Welt niemals genesen!