Das deutsche Elend
und die Notwendigkeit und Unmöglichkeit des Kommunismus
Von Thomas Becker
"Wenn übrigens z.B. der Bourgeois dem Proletarier vorhält, Er, Proletarier, habe die menschliche Aufgabe, vierzehn Stunden täglich zu arbeiten, so hat der Proletarier ganz recht, in derselben Sprache zu antworten: seine Aufgabe sei vielmehr, das ganze Bourgeoisrégime zu stürzen."
Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie
Heute scheint der Proletarier nicht mehr so pfiffig, wie ihm vor 150 Jahren unterstellt, um solch eine Sprache zu sprechen oder auch nur zu verstehen. Er meint jetzt, er habe mehr zu verlieren als seine Ketten, deren Existenz er aber gleichfalls leugnet. Das Elend, gegen das die Proletarier einmal aufbegehren sollten, ist heute wie früher zwar überall, aber nicht überall in der selben Gestalt. Es ist ein anderes in Deutschland z.B. als in Sierra Leone. Das deutsche ist weniger materiell als spirituell. Gegenwärtig leiden die Deutschen weniger Hunger und Durst (Mangel an Lebensmitteln), als vielmehr an weniger handfesten Dingen wie "leeren Staatskassen" und "Gerechtigkeitslücken", mit Vorliebe an zu schicksalsträchtigen Symbolen gesalbten toten Zahlen wie "Arbeitslosenquote", "Wachstumsrate", "Lohnnebenkosten" usw. Vor solchem Zahlenmaterial hat der Deutsche einen gehörigen Respekt, und die Angst vor diesen "Respektpersonen", wenn sie, wie im Moment, die Deutschen für vergangenen und andauernden Schlendrian abzustrafen scheinen, wird unter dem allgemeinen "Reformdruck" neurotisch: die in den Zahlen ausgedrückte Krise (die aber unerklärlich ist, denn es fehlt Deutschland ja an nichts) wird mit mangelnder kollektiver Anstrengung im weltweiten Konkurrenzkampf, mangelndem Gemeinschaftssinn oder umgekehrt mit unfairen Machenschaften der Konkurrenten erklärt. Es folgen daraus Anfeindungen gegen die verdächtigen Konkurrenten, Appelle an Gemeinschaftssinn, Sparsamkeit, Aufopferung für das Ganze, Arbeitszwang und Zwangsarbeit. So sehen dann die Gestalten des Elends aus, wie sie als kollektive Reaktion auf die eingebildete Krise den Deutschen zu Kopfe steigen.
Freilich wird behauptet, daß "hinter" jenen schicksalsträchtigen Symbolen und dem toten Zahlenmaterial sich "konkrete Schicksale" oder "wirkliche Personen" verbürgen: hinter der leeren Staatskasse der Mangel an Gemeinschaftssinn, hinter der Gerechtigkeitslücke die Uneinigkeit der Bürger, wie der einzelne Arbeitslose (hier als Arbeitsscheuer) hinter der Arbeitslosenstatistik, das Kapital hinter der Wachstumsrate und den Lohnnebenkosten, die es angeblich am Wachstum hindern. Nur sind diese Begriffe - Gemeinwesen, Bürger, Arbeitslose, Arbeiter, Kapital, Kapitalist, Lohn usw. genauso unwirkliche Wesen wie zuvor ihr einfacher Ausdruck als Zahl, Summe, Durchschnitt: das Gemeinwesen ist die Illusion über die wirklichen Verhältnisse in der Gesellschaft, in der die Menschen im Gegensatz zueinander als Arme und Reiche, Eigentümer und Eigentumslose, Befehlsgeber und Befehlsempfänger mit- oder vielmehr gegeneinander in einer Zwangsgemeinschaft leben; der einzelne Arbeitslose ist zwar eine "konkrete Person", die Arbeitslosigkeit sein "wirkliches Schicksal", aber Arbeitsloser ist er nicht "an sich", sondern nur "für das Gemeinwesen", das ihm ein solches Schicksal aufzwingt ("an sich" ist er nur ein Mensch, der mangels Produktionsmittel an einer produktiven Tätigkeit gehindert ist); ebenso ist der Arbeiter nur Arbeiter, weil die anderen, die Nichtarbeiter, die Produktionsmittel monopolisiert haben; der Kapitalist ist die Charaktermaske des Kapitals, welches das eigentliche "Subjekt" seines Tuns und des Gemeinwesens überhaupt ist; der Lohn ist der Tauschwert der abstrakten Arbeit, wie sie ihrem wirklichen Inhalt, dem Gebrauchswert gegenüber absolut gleichgültig ist. Durch solche Begriffe werden die wirklichen Verhältnisse nicht erhellt, sondern schöngeredet; sie sind reine Ideologie.
Die Deutschen leiden also an diesen abstrakten Mächten, die das Gemeinwesen beherrschen; sie leiden also nicht wirklich oder wirklich nur an der Unwirklichkeit ihrer eigenen Wirklichkeit.
Aber diese Unwirklichkeit ist ihre Wirklichkeit, denn sie sind wirklich Arbeiter, Kapitalisten, Arbeitslose, Arme, Reiche usw. und leiden darunter, diese unwirklichen Gestalten wirklich verkörpern zu müssen. Der Kapitalist leidet natürlich etwas anders als der Arbeiter, dieser wieder anders als der Arbeitslose, Reiche, Arme usw. Der Kapitalist leidet z.B. an dem Arbeiter, der zu viele Ansprüche stellt, der Arbeiter an dem Kapitalisten, der ihn schlecht bezahlt und herumkommandiert. Ebenso leiden Arbeiter und Kapitalist an ihren jeweiligen unmittelbaren Konkurrenten. Der Arbeitslose leidet daran, keinen Arbeitsplatz zu haben; hat er einen, leidet er daran. Ebenso leidet der Arme am Reichen, bei dem er sieht, was er nicht haben darf; der Reiche leidet dafür weniger, je mehr er hat.
Gegenwärtig ist es hauptsächlich die "Arbeitslosigkeit", die den Deutschen Bauch- und v.a. Kopfschmerzen macht. Ihre Abstraktheit und Unwirklichkeit ergibt sich einfach daraus: es wird keine Arbeit gebraucht (es fehlt ja an nichts). Ihr Begriff selbst drückt diesen Gegensatz aus: die "Losigkeit" drückt, in genauer Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, den Überfluß (an Produkten) als Mangel (an "Arbeit") aus. Der materielle Grund der eingebildeten Krise ist Überproduktion: es wird mehr hergestellt als verkauft. Für die Produktion der Lebensmittel wird also nicht mehr "Arbeit" gebraucht, sondern weniger, und zwar immer weniger, je mehr Wissenschaft und Technik voranschreiten, wodurch "Arbeit gespart" wird. Der Mangel existiert also gar nicht für das Gemeinwesen, sondern nur für den Arbeitslosen; aber für ihn nur als willkürlich durch das Gemeinwesen hergestellter Mangel; nicht weil nicht genug für alle da wäre, sondern weil es der "Wille" des Gemeinwesens ist, daß nicht essen soll, wer nicht arbeitet.
Ebenso wie die "Krise" keine materielle sondern spirituelle ist, so müssen es auch die Maßnahmen und "Reformen" gegen sie sein. Um der "Gerechtigkeit" willen müssen alle "arbeiten", und zwar: egal was. Denn der Zweck dieser Arbeit kann, wie ihr Grund, nur ein spiritueller sein. Daß ein Arbeitsloser zu jedem Preis jede Drecksarbeit machen muß, soll nicht die Wirtschaft, sondern nur ihn, den als Drückeberger verdächtigten, in Schwung bringen. Denn die anderen, die jeden Tag zur "Arbeit" gehen müssen, können es schlecht haben, daß sich ein anderer dem alltäglichen Zwang "entzieht", herumhängt und tut was er will (wozu allerdings der "normale" deutsche Arbeitslose kaum in der Lage wäre). Die "Arbeitsmarkt-Reformen" zielen ausschließlich darauf, den Arbeiter bei Laune zu halten, indem man ihm zeigt, daß er nicht allein der Esel ist, dem alle Arbeit aufgebürdet wird, daß vielmehr alle guten Deutschen gute Esel sein müssen.
Der Unverschämtheit der zum Zwecke der Demütigung so genannten "Reformen" am "Sozialstaat" entspricht auf der anderen Seite die Passivität, mit der die Gedemütigten ihr Schicksal erdulden. Die "Reformen" sind aber nicht "gerecht", weil sie die Massen übervorteilen. Dies den "Gerechtigkeitssinn" empörende Treiben, das jeden Moralapostel zur Verzweiflung bringen muß, gerät deshalb auch in Konflikt mit den Gedemütigten selbst, deren Demut durch diese "Ungerechtigkeit" auf die Probe gestellt wird. Aber dieser Test ist nicht ausreichend, um den Demutsgrad der Massen zu messen. Denn das Gefühl der Ohnmacht, das sie beherrscht und sie zur Unterwürfigkeit treibt, beruht auf wirklicher Ohnmacht, denn sie haben die Produktionsmittel nicht, die sie bräuchten, um ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie können, sofern sie nicht sogleich Revolution machen wollen, sich deshalb nur als Ware zu diesen verhalten, d.h. das einzige Produktionsmittel, das sie besitzen, ihre Arbeitskraft, an einen Kapitalisten verkaufen. Man muß sich also, sofern man nicht sogleich Revolution machen will, anpassen, wenn man leben will. Und das Anpassen, das wie die "Arbeit" den Deutschen bekanntlich schon im Blut oder Gen liegt, wird ihnen durch verschiedene "Maßnahmen" noch erleichtert, z.B. dadurch, daß ihnen das kritische Denken schon im Kindes- und Schulalter, wo sie sich noch nicht gut wehren können, aus dem Kopf geschlagen wird. Die Erziehung zum "autoritären Charakter" funktioniert dank der Lückenlosigkeit des gesellschaftlichen Zugriffs auf das Individuum heute auch vollkommen antiautoritär. Außerdem ist der Verzicht, den die arbeitenden Massen leisten sollen, um das System zu erhalten, das von der "Arbeit" lebt, zu der es sie zwingt, für sie "gerechtfertigt" durch den Extraprofit, den der für den weltweiten Konkurrenzkampf fit gemachte Standort Deutschland für alle seine Bürger herausschlagen soll. Die Übermacht des Systems verwandelt krankhafte Anpassung und Untertanengeist zur rationalen Reaktion auf die unüberwindlich scheinende Herrschaft der Gesetze der Ökonomie. Daß den Deutschen die Unterwürfigkeit als Nationalcharakter in die Wiege gelegt ist, erleichtert ihnen diese Anpassungsleistung ungemein und ist der wirkliche Standortvorteil Deutschlands.
Die Erziehung der Massen zur revolutionären Einsicht jedoch, die allein aus dem historischen Zirkelschluß von Herrschaft und Selbstbeherrschung befreien könnte, ist unmglich, denn:
"Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt."
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur