Der Terror der Terrorisierten und die
Gewalt werdende Aufklärung
Von Thomas Becker
1. September 2003
"Aber es gibt keine Antisemiten mehr... Sie reagieren nicht sowohl ursprünglich gegen die Juden, als daß sie eine Triebrichtung ausgebildet haben, die erst durch das Ticket das adäquate Objekt der Verfolgung empfängt... Nicht erst das antisemitische Ticket ist antisemitisch, sondern die Ticketmentalität überhaupt. Jene Wut auf die Differenz, die ihr teleologisch innewohnt, steht als Ressentiment der beherrschten Subjekte der Naturbeherrschung auf dem Sprung gegen die natürliche Minderheit, auch wo sie fürs erste die soziale bedrohen."
Alle Zitate aus: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Fischer Taschenbuch 1995; dort das Kapitel: Elemente des Antisemitismus, Grenzen der Aufklärung, Seite 177...
Die Angst vor dem Tod und dem Leben, das als allgemeines durch die unendliche Folge der Hervorbringung und Vernichtung des einzelnen sich reproduziert, ist nicht ursprünglich das Produkt eines aufgeklärten Geistes, der sich seiner Einsamkeit bewußt würde und daran verzweifelte, sondern Instinkt, biologische Reaktion des lebendigen Organismus im Dienste seiner Selbsterhaltung. Die ihrer eigenen inneren Biologie gehorchende Kreatur ist noch bloßes Objekt der alles bestimmenden Gesetze der Natur, geht als Individuum vollkommen in Natur auf und unter; die geistige Reflexion aber ist bereits die Arbeit des Subjekts, das dazu übergeht, seine eigenen Gesetze zu machen. Als diese aufhebende Kraft stellt sich der Geist "der Natur als das andere Prinzip entgegen, das nicht bloß für ihren blinden Kreislauf einsteht", sondern "aus ihm befreien kann". Und im Verlauf ihrer Geschichte, in der sie sich durch körperliche und geistige Arbeit der Allmacht der Natur mehr und mehr entwinden und diese schließlich selbst zu beherrschen lernen, erkennen die Aufgeklärten schließlich, daß in der Tat sie selbst es sind, die Geschichte machen.
Dadurch aber geht die blinde Allmacht der Natur auf die Gesellschaft über, und statt zu vergehen, hat sich die Angst am Ende bloß verdoppelt. Denn diese Aufklärung hat zwar die allgemeine Wahrheit hervorgebracht, daß die Menschen ihre Geschichte selber machen, aber nur als allgemeine, als Abstraktion von der wirklichen Geschichte wirklicher Menschen. Diese abstrakte Wahrheit verbirgt lediglich die andere, ihr widersprechende, negative: die Existenz von Klassen, von Ausbeutung und der Herrschaft von Menschen über Menschen. Damit ist das Machen in seine beiden Extreme, des Bestimmens und des Ausführens, Subjekt und Prädikat gespalten, und die Gesellschaft selbst in Befehlsgeber und Befehlsempfänger, Eigentümer und Nichteigentümer, Arbeitnehmer und Arbeitgeber usw. Aber noch diese letzte Reflexion, die die Gesellschaft als Feld des Klassenkampfs erkennt, sich selbst als Klassenbewußtsein, verkennt noch den Gegensatz, in den die Gesellschaft allgemein, als von Menschen organisiertes Verhältnis von Menschen, zu sich selbst als menschlicher sich verstrickt hat. Denn wiewohl die gesellschaftliche Macht trotz oder vielmehr durch Demokratie und Massenkultur allgemein mit der partikularen der herrschenden Klasse unwiderruflich verfilzt ist, so scheint diese doch ihrer selbst nicht ganz mächtig. Die Spielregeln, nach denen die Machthaber ihre Herrschaft ausüben, sind, wie vorteilhaft sie für sie sein mögen, doch nicht eigentlich die ihren; kaum weniger ohnmächtig als die, die für sie arbeiten müssen, gehorchen sie den ihnen selbst unverständlichen Gesetzen der Ökonomie, ausgeliefert dem chaotischen Auf und Ab von Konjunktur und Börse, selbst getrieben vom unerbittlichen Akkumulationsgebot des Kapitals, das als automatisches Subjekt denen seinen Charakter aufdrückt, die an sich so charakterlos sind wie die Waren, die sich ihnen auf dem Arbeitsmarkt feilbieten.
Der Geist, der die Kr.eatur aus dem blinden Kreislauf der Natur führen sollte, hat diesem schließlich nur einen solchen entgegengesetzt. Diese zweite Natur ist so blind und allmächtig wie die erste, die sie auf unbestimmte Weise negiert, d.h. sie ist die Negation der Natur nicht in ihrer Bestimmtheit als blinder und allmächtiger, sondern ihrer als solcher, der Natürlichkeit überhaupt. Zivilisation züchtigte mit der äußeren auch die innere Natur, verordnete die Entfremdung des Menschen von sich selbst. Der Geist der aufgeklärten Gesellschaft ist der Zuchtmeister ihrer Mitglieder. Verdoppelt hat sich dabei die Angst des Einzelnen, der jetzt die ihm äußerlichen Gesetze der Gesellschaft zu fürchten hat, die ihm den Rückfall in allzu natürliche Verhaltensweisen verbietet, sowie seine eigenen inneren Regungen, die ihn beständig zu solchen Rückfällen animieren. Naturbeherrschung verdoppelt sich zur Selbstbeherrschung: "Gesellschaftliche und individuelle Erziehung bestärkt die Menschen in der objektivierenden Verhaltensweise von Arbeitenden und bewahrt sie davor, sich wieder aufgehen zu lassen im Auf und Nieder der umgebenden Natur... In der Verhärtung dagegen ist das Ich geschmiedet worden".
Von Über-Ich und Es in die Zange genommen, erhält das Ich die passende gesellschaftliche Form und Triebausrichtung nach dem Schema der Paranoia. Angst davor, die Beherrschung zu verlieren und dafür bestraft zu werden, treibt es dazu, sich der Autorität vollkommen zu unterwerfen und seinen Haß gegen sie in eine allgemeine Zerstörungswut abzuleiten; sie reagieren wie Eifersüchtige, die ihre Beherrschung erst gegen das Objekt ihrer Begierde verlieren, dem sie die Promiskuität ankreiden, die sie sich selber verkneifen müssen: "Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr".
Wer sich nicht so diszipliniert verhält, wie es die zivilisierte Gesellschaft von allen verlangt, fällt auf und zieht die Wut derer auf sich, die sich zu beherrschen gelernt haben. Sie, "die weder ökonomisch noch sexuell auf ihre Kosten" kommen, hassen "ohne Ende"; wie der Kommunismus, so erinnern sie die Reichen und die Müßiggänger, die Intellektuellen, die bei ihrer Arbeit keinen Schweiß vergießen müssen, letztlich alles nicht ganz angepaßte an die Möglichkeit unverdienten Glücks, das ihnen unerreichbar scheint: "Es war der Sinn der Menschenrechte, Glück auch dort zu versprechen, wo keine Macht ist. Weil die betrogenen Massen ahnen, daß dies Versprechen, als allgemeines, Lüge bleibt, solange es Klassen gibt, erregt es ihre Wut; sie fühlen sich verhöhnt. Noch als Möglichkeit, als Idee müssen sie den Gedanken an jenes Glück immer aufs neue verdrängen, sie verleugnen ihn um so wilder, je mehr er an der Zeit ist. Wo immer er inmitten der prinzipiellen Versagung verwirklicht erscheint, müssen sie die Unterdrückung wiederholen, die der eigenen Sehnsucht galt".
Wo die Gesellschaft bis ins Babyzimmer vorgerückt ist, in die Gebärmutter eindringt um endlich zu den Genen vorzustoßen, die es zurechtzubiegen gilt, um die disfunktionale Differenz gleich an ihrer vermeindlichen Quelle auszumerzen; wo der Mensch lückenlos auf rationalisierte Natur reduziert wird, hat das Ich kaum eine Überlebenschance. Es wird von diesem feindlichen Über-Ich niedergerungen. Das Ich dient nur noch als ausführendes Organ der Gesellschaft, die ihm die Objekte vorgibt, nach dem es sich auszurichten hat. Es lernt die Triebe in konforme Bahnen zu lenken, in friedlichen Zeiten seine Aggression durch Leistung in Beruf, Sport oder Bett abzureagieren, in schlechteren durch Krieg und Pogrom. Heute sollen es wieder weltweit die Juden und Amerikaner sein, in Deutschland kämen noch die Unproduktiven und Schwächelnden jedweder Art dazu, die alle ins Unglück stürzen; um es zu beweisen, werden sie von den jeweils herrschenden Cliquen vor Ort dem blinden Terror der Gesellschaft preisgegeben. Sie Sind der Sündenbock fürs System. "Die gesellschaftlich verantwortliche Elite ist ohnehin weit schwieriger zu fixieren als andere Minderheiten. Im Nebel der Verhältnisse von Eigentum, Besitz, Verfügung und Management entzieht sie sich mit Erfolg der theoretischen Bestimmung". Antisemitismus, wie sehr er den Mächtigen und Ohnmächtigen geleichermaßen zur Ablenkung dient, ist an sich so sinnlos, daß er als Ersatz des Besseren nur noch durch die "verzweifelte Anstrengung der Betrogenen" aufrecht erhalten werden kann: "Sein Grauen ist das der offenkundigen und doch fortbestehenden Lüge. Während es keine Wahrheit zuläßt, an der es gemessen werden könnte, tritt im Unmaß seines Widersinns die Wahrheit negativ zum Greifen nahe, von der die Urteilslosen einzig durch die volle Einbuße des Denkens getrennt zu halten sind. Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen".