Lob der Arbeit
Es gibt keine Gerechtigkeit inmitten des Unrechts der Herrschaft
Von Thomas Becker
18. Juni 2003 - Beitrag zu einem in Bielefeld verteilten Flugblatt
"Der bürgerliche Antisemitismus hat einen spezifischen ökonomischen Grund: die Verkleidung der Herrschaft in Produktion... Der Fabrikant hat seine Schuldner, die Arbeiter, in der Fabrik unter den Augen und kontrolliert ihre Gegenleistung, ehe er noch das Geld vorstreckt. Was in Wirklichkeit vorging, bekommen sie erst zu spüren, wenn sie sehen, was sie dafür kaufen können...Im Verhältnis des Lohns zu den Preisen erst drückt sich aus, was den Arbeitern vorenthalten wird. Mit ihrem Lohn nahmen sie zugleich das Prinzip der Entlohnung an. Der Kaufmann präsentiert ihnen den Wechsel, den sie dem Fabrikanten unterschrieben haben...Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein."
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno
Mehr als jede andere Spezies auf dem Erdenball gilt der Deutsche als eingefleischter Arbeiter. Als läge ihm die Tüchtigkeit als quasi natürlicher Charakterzug im Blut, scheint ihm die Freude an der Anstrengung als solcher - gleichgültig gegen jeden Inhalt seiner Verrichtungen - ins Gesicht geschrieben. Noch auf dem Weg zum Arbeitsplatz unter Tage hörte man die Kumpels ihr Brüder zur Sonne zur Freiheit singen, und erst wer von seinem Platz verwiesen wurde, platzt schier vor blinder Wut.
Nur mehr die grimmige Verachtung derjenigen, die es scheinbar ohne Schweiß auf der Stirn zu etwas gebracht haben, bringt noch die Unwahrheit solcher Arbeitsmoral ans Tageslicht, die darauf besteht, daß einem nichts geschenkt werde. Gerade die Verbissenheit, mit der darauf bestanden wird, daß einem jede beliebige Drecksarbeit Spaß zu machen habe, und zwar um so mehr, je weniger spaßig sie an sich ist, gibt Kund von dem ökonomischen und psychologischen Zwang, der die Tauschgesellschaft zur gedankenlosen Betriebsamkeit antreibt. Der Zorn richtet sich offen gegen die, die es sich nicht schwer genug machen, während sich doch alle heimlich nach der Leichtigkeit des Seins sehnen, das Keiner Keinem mehr gönnen darf. Die negative Wahrheit aber bleibt im Unbewußten aufgehoben: der kindliche Wunsch nach unverdientem Glück, das die erwachsene Gesellschaft ihren Mitgliedern verweigert, während sie über ihre Köpfe hinweg die objektiven Bedingungen für das unbeschwerte Leben aller im Überfluß akkumuliert. Dies Eingeständnis erst wäre der Anfang vom Ende von Kapitalismus und Faschismus, denn wie jener die bewußtlos waltende Selbsterhaltung ist, ist dieser seine unbestimmte Negation. Die über den Toren der Lager angebrachte Aufschrift Arbeit macht frei sprach offen genug aus, was es zu verbergen galt: drinnen mußten die Totgeweihten noch einmal Steine von einer in die andere Ecke tragen, absolut unfreie Arbeit verrichten, damit die draußen der Einsicht entgehen konnten, daß der Hohn recht eigentlich ihnen selbst gebührte. Vielleicht dachte Adorno auch daran, als er den Deutschen als einen Menschen bestimmte, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.
Müßte Arbeit Spaß machen, so wäre sie Spiel, Selbstzweck, ihr Gegenteil; wer darauf pocht, weiß von beidem nichts. Arbeit aber ist das Allerernsteste, denn durch die Arbeit erst kommt der Geist aus dem Kopf in die Welt; die Gedanken, die sich die Menschen über sich und die Welt machen, werden erst wirklich, wenn sie durch Menschen verwirklicht werden. Indem die Menschen die Welt nach ihrem freien Willen bewußt gestalten, emanzipieren sie sich von der Einsamkeit ihres je vereinzelten Körpers und der Beschränktheit ihres bloß biologischen Daseins. Erst durch seine Arbeit entpuppt sich das Menschentier als doppelt freies, als geselliges und selbstbestimmtes Wesen - bestimmt sich der Mensch als Mensch.
Das Wesen der Arbeit aber ist, daß sie nicht an sich befriedigt, während das Spielen, wie die Muße oder Sexualität an und für sich lustvoll ist, die Befriedigung unmittelbar in der Ausführung sich herstellt. Das Arbeiten schiebt die Befriedigung auf, um sie zu steigern; lustvoll ist nicht die Ausführung selbst, die nur das Vorspiel ist, sondern der Gebrauch ihres Resultats: Zweck der Arbeit ist die Herstellung von neuen Objekten der Begierde, von Gebrauchswerten, die die Natur nicht frei Haus liefert. Darin offenbart sie ihre menschliche Natur: während das Tier sammelt oder jagt, bleiben seine Bedürfnisse wie ihre Befriedigung beschränkt auf die Gaben der Natur; der Mensch erarbeitet, indem er noch die hochfliegendsten seiner Träume in die Tat umsetzt, sich eine Welt der unbeschränkten Bedürfnisbefriedigung.
Die Lohnarbeit aber schafft Gebrauchswerte als Waren, Tauschwerte; die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist darin nicht bloß aufgeschoben, sondern aufgehoben in Lohn und Profit. Für die Produzenten, Kapitalisten und Lohnarbeiter, ist das Ding, das sie produzieren, an sich uninteressant; es geht darum, wieviel man dafür bekommt. Dieser aus der Warenproduktion hervorgehende Umschlag von Qualität in Quantität bestimmt jetzt das Bewußtsein der kapitalistischen Gesellschaft.
Der Kapitalist bestimmt dabei die gesellschaftliche Produktion und über die Arbeiter, weil er über die Produktionsmittel verfügt, während der Arbeiter nur sich selbst als Lohnarbeiter bestimmt, weil er außer seiner Arbeitskraft über nichts verfügt. Die kapitalistische Gesellschaft ist in zwei sich gegeneinander und gegenseitig bestimmende Klassen gespalten, indem die eine über die andere bestimmt.
Das Klassenbewußtsein ist aber das aus der entfremdeten Arbeit selbst hervorgehende entfremdete Bewußtsein, das Denken in der Warenform. Fremd ist sich darin der Mensch an und für sich geworden, wo er als Lohnarbeiter nicht mehr für sich, sondern für einen anderen, den Kapitalisten arbeitet, und dieser jenen für sich arbeiten läßt, während in den Produkten der Arbeit als Waren der Gebrauchswert als ihr objektiver menschlicher Zweck überhaupt aufgehoben ist.
Das entfremdete Klassenbewußtsein meint, wenn es Gerechtigkeit fordert, daß allen nach Maßgabe ihres Einsatzes das gleiche Quantum des gesellschaftlich produzierten Reichtums zustehe; dessen qualitative Bestimmung, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, es nichts angeht. Es ist das Bewußtsein des Menschen als Ware, dessen Wert als der Preis erscheint, zu dem sie sich verkauft. Antrieb und Erfüllung solcher Gerechtigkeit ist daher der in seiner Beschränktheit scheinbar begründete Neid auf die, die mehr als sie verdient haben, während der Verdienst selbst seiner Form und seinem Inhalt nach zu dem Fragwürdigen geworden ist, das unhinterfragt bleiben soll. Eine menschengerechte Produktion und Verteilung des Reichtums aber würde erst mit der gesellschaftlichen Aneignung der Produktionsmittel beginnen können, wenn der bisher bloß als Eigentum angehäufte materielle und geistige Reichtum endlich jenem Verein freier Menschen in die Hände fiele, der damit erst entstünde und eine den Menschen gerechte Welt gestaltete, in der jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und eines jeden Bedürfnis Befriedigung finden würde.