Rache für Auschwitz
Antiamerikanismus und Antisemitismus stehen im Mittelpunkt deutscher Selbstbehauptung
Von Thomas Becker
28. April 2002 - Veröffentlicht in Bahamas 38/02 ![]()
„Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“(1)
War noch Hitlers Ansicht Amerikas zunächst zwiespältig, fasziniert durch die "unerhörte innere Kraft dieses Staates", aus der er eine "neue Herrin der Welt" emporsteigen sah, in der er zugleich schon "den Juden" als den "Regenten der Börsenkräfte der amerikanischen Union"(2) erspähte, so scheint heute Antisemitismus und Antiamerikanismus vollends ineinander übergegangen zu sein. Zumal in Deutschland, wo der Antisemitismus unter dem doppelten Druck von Besatzung und Schuldkomplex der Verdrängung nicht gänzlich entgehen konnte, fungierte der Antiamerikanismus als Ventil vor allem für die nachgeborene Generation. An Amerika konnte sich der geerbte Haß gegen Bonzen und Spekulantentum zugleich als Generationenkonflikt abreagieren, die insgeheime Versöhnung mit den Alten sich über den Umweg der Rebellion gegen deren neues, diesen selbst aufgedrängtes Lebensgefühl, den american way of life, vollziehen. Daß der Kinder Zorn sich gezielt dagegen richtete, worin sich die Eltern widerwillig eingerichtet hatten, Wirtschaftswunder und Konsumgesellschaft, verdeckte und verstärkte die unbewußt sich widerstrebenden Regungen und verlieh dem Protest die radikal perönliche Note.(3) Horkheimer war das damals aufgefallen, wie sehr Alt und Jung trotz aller gegenseitigen Anfeindung sich darin verbunden fühlen konnten, was sie zu Zeiten der Protestbewegung nur oberflächlich entzweite: "Schon früher jedoch, in den fünfziger Jahren, war Amerika ein guter Gesprächsstoff, ein Thema, das, anstatt die Menschen gegeneinander aufzubringen, sie vereinigte. Amerika war fremd und doch verwandt genug, um darüber herzuziehen. An Macht und Reichtum hatte es Europa eingeholt, ja überflügelt, in Technik, Wissenschaft und Literatur, von Industrie zu schweigen, sich als ingeniös erwiesen und in der stets komplexeren, bedrohlicheren Welt weitgehende Autorität erlangt. Welch willkommenes Objekt für jede Art von Unmut in Ländern älterer Kultur, um in der langsam sich verschlechternden Wirtschaft das Malaise zu projizieren, die unaufhaltsame Ernüchterung, den sozialen Wandel in der eigenen Umgebung durch den Hinweis auf die weiter fortgeschrittenen Stufen jenseits des Atlantiks zu denunzieren."(4) Soweit schien der Antiamerikanismus subjektiv einem ähnlichen Mechanismus zu gehorschen wie der Antisemitismus, der pathischen Projektion, und nur die Projektionsfläche, das Objekt, schien zeitgemäß ausgetauscht. Was die Generationen dennoch unterschied, war die eigene Lebenserfahrung. Denjenigen, die die Niederlage im totalen Krieg als Denkzettel erfahren durften, weil in ihnen der Selbsterhaltungstrieb, wenn auch noch so verkümmert, sie hat übereben lassen, wurde damit die Anpassung an das neue Regime als höchstes Realitätsprinzip der Gesellschaft ins Gedächtnis gerufen. Ihre Söhne und Töchter aber, denen sie das Ducken beibringen wollten, ohne ihnen den Grund zu erklären und was geschehen war, mochten dabei nicht mitspielen. Als die Kinder ahnten, was die Eltern getan hatten, wollten sie von beidem nichts mehr wissen, weder von ihrer Herkunft noch von ihrer Zukunft. Um nicht die Lebenslüge zu wiederholen, auf die sich ihre Abscheu konzentrierte - man habe nichts wissen und nichts tun können - mußte ihnen jede Form der Anpassung zuwider werden; indem sich die Abscheu auf dieses Mitläufertum konzentrierte, reproduzierte sie jedoch die Selbstdarstellung der Tätergeneration, die sich zum passiven Opfer eines tragischen Schicksals erklärte, um ihre aktive Beteiligung an der Vernichtung der Juden zu verbergen. Nur durch diese gegenseitige Verdrängung und Verdrehung war die Familie noch zusammenzuhalten. Wie die Täter dabei zum Opfer wurden, Ohnmächtige, verwandelte sich auch die Niederlage in ein Unrecht, das den Deutschen angetan wurde, und an dem mächtigen Amerika sich rächen mußte. Daraus erwuchs jene doch nie erfüllte deutsche Identität, die sich bis heute an die unterdrückten Völker fremder Kontinente klammert, in deren Krieg gegen den amerikanischen Imperialismus sie die Gewalt projiziert, nach der die ohnmächtige Rachlust begehrt.
In der Palästina-Solidarität nach 1967 endlich schlug der Antiamerikanismus erneut in Antisemitismus um. Mit Bezug auf seine eigene Biographie hat jüngst dafür Joschka Fischer in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau nach einer Erklärung gesucht: "Da wurde man mit dem deutschen Erbe nicht fertig und glaubte, durch Eintritt in eine universelle, nicht mehr an der Nation festhaltende Linke die deutsche Geschichte hinter sich lassen zu können. Ich habe mich selbst damals sehr früh gefragt, ohne mir schon über die Antwort klar zu sein: Warum waren Israel und die Palästinenser so stark Synonyme für Böse und Gut? Es war der Mechanismus: Die Opfer werden Täter und damit haben die Nachkommen der Täter die Möglichkeit, sich zu entlasten."(5) Daß man sich früher darüber nicht klar war, erklärt sich damit, daß das was Fischer Entlastung nennt, der unbewußte Wunsch nach der Versöhnung mit den Eltern war, der in der Rebellion gegen sie verdrängt werden mußte, weil zu viel Nähe zu ihnen die Annäherung an die unaussprechlichen Verbrechen gewesen wäre, über denen das Schweigen lag. Nicht die Nachkommen, sondern die Tätergeneration trachtete danach, die deutsche Geschichte hinter sich zu lassen; die Nachkommen waren von vornherein zu geschichtslosen Wesen verurteilt, durch die Unmöglichkeit, die Vorfahren zu lieben, ohne den bodenlosen Haß, den diese als ihr Erbe hinterlassen hatten. Der drängende und gleichwohl verdrängte Wunsch nach Versöhnung mit ihnen konnte sich deshalb tatsächlich nur über drei Ecken verwirklichen: die Leugnung des Antisemitismus und seiner Vernichtungsabsicht als dem Unversöhnlichen, die Beschwörung eines gemeinsamen Opfermythos als dem Verbundenheit stiftenden, und schließlich die zur Gewalt drängende Wut der Ohnmächtigen gegen die Übermacht als dem Versöhnenden - die Leugnung des palästinensischen Antisemitismus, die Idealisierung des palästinensischen Volkes zum Mitleid erregenden Opfer jüdischer Rachlust, schließlich im Bündnis mit dem islamistischen Terror der Gegenwart. Fischer selbst verkörpert den damaligen Generationenkonflikt. Als ehemaliger Linker Teil jener Palästina-Solidarität, verteidigt er das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser heute als Außenminister, der dem alten Realitätsprinzip verpflichtet ist wie damals diejenigen Parlamentarier, die mit Adenauer gegen ihre innere Überzeugung, wie gegen ihre linken Widersacher die Zahlung einer Wiedergutmachung an Israel beschlossen hatten. Frankfurter Rundschau: "Müssten wir nicht aber die US-Amerikaner stärker unter Druck setzen, damit sie ihre Möglichkeiten engagierter nutzen?" Fischer: "Wie bitte stellt die Frankfurter Rundschau sich vor, dass die Europäer die Amerikaner unter Druck setzen könnten?" Frankfurter Rundschau: "Mindestens durch deutlichere öffentliche Worte?" Fischer: "Deutlichere Worte setzen niemanden unter Druck. Sie würden maximal das Gesprächsklima belasten. Wenn die deutsche Sprache einen Sinn macht und wir von Druck reden, wüsste ich nicht, wie die Europäer die Amerikaner unter Druck setzen könnten. Das wäre eine völlige Verkennung der Realitäten." Frankfurter Rundschau: "Der Weg zu einem Frieden, den Sie selbst vorschlagen, funktioniert aber nur, wenn die USA mitmachen." Fischer: "Langsam. Der wichtigste Druckfaktor ist die Entwicklung der Verhältnisse...Die Gefährlichkeit der Krise erzwingt ihre Lösung. Darauf zielt das deutsche Ideenpapier ab, das Sie ansprechen. Die Krise wird ihre Lösung erzwingen oder eskalieren - das ist die Alternative."(6) Das meinte Franz Neumann, als er 1942 schrieb, das Selbstbestimmungsrecht der Völker sei in der Hand der deutschen Außenpolitik nichts als eine Waffe: "Jeder Konflikt wird Deutschland, dem neuen selbsternannten weltweiten Hüter der Ehre, Freiheit und Gleichberechtigung, in die Hände spielen."(7) Daß die Verhältnisse so sind, ist die Realität, die Fischer so wenig verkennt wie die Macht Amerikas. Das Eskalationspotential herbeiterrorisierter Krisen einerseits, und der amerikanische Krieg gegen den Terror andererseits, markieren gegenwärtig den Spielraum und das Spielfeld deutscher Außenpolitik. Wie zuvor Tudjman, Izetbegovic und Thaci auf dem Balkan, ist aus der Perspektive Berlins jetzt Arafat der Ball, der die Deutschen auch am persischen Golf ins Spiel bringt, und Amerika in Verlegenheit. Antiamerikanismus und Antisemitismus spielen dabei zusammen die Rolle des Vermittelnden nicht nur zwischen den Generationen und Parteien, sondern auch zwischen den machtpolitischen Realitäten und realer Machtpolitik; Antiamerikanismus und Antisemitismus stehen so im Mittelpunkt deutscher Selbstbehauptung.
Amerikas Verletzlichkeit gegen den antisemitischen Terror, die die Vernichtung des World Trade Centers demonstrieren sollte, fasziniert den neuen Antiamerikanismus und begründet ein neues Realitätsprinzip. Darin hat noch die Ohnmacht die Macht der Übermacht. Wo der Selbstmörder als Massenmörder auftritt, droht die reale Vernichtung zur alltäglichen Realität zu werden; dagegen kämpft noch die hochgerüstete israelische Armee um so verzweifelter, je mehr die internationale Staatengemeinschaft für den Terror Partei ergreift und sich gegen Israel verschwört. Amerikas Überlegenheit ist demgegenüber nicht mehr die imperialistische Bedrohung freiheitsliebender Völker, die sie als Lufwaffe der UCK noch war, sondern deren Existenzbedingung und Vorbedingung ihrer Befreiung, wie schon in Afghnistan. Einmal mehr ist die Verteidigung Amerikas und seiner globalen Vormacht einer Kapitalismuskritik entgegenzuhalten, die als antisemitischer Vernichtungswahn mit dem schlechten Leben nur dieses selbst aufzuheben verspricht. Diese zunächst rein negative Solidarität mit Amerika ist gleichwohl ebenso bedingungslos wie die Vernichtungsabsicht der antisemitischen und antiamerikanischen Angreifer. Positivität, das meint Menchlichkeit, erreichte die Solidarität erst durch solidarische Kritik am amerikanischen Feldzug gegen den Terror, wo dieser dem antifaschistischen Inhalt, der ihn allein rechtfertigt, nicht gerecht wird. Denn es ist die Inhaltleere bürgerlichen Denkens überhaupt und dessen irrationale Rationalität, die amerikanische Außenpolitik stets in die Schranken taktischer Scheinmanöver einerseits und geostrategischer Fallen andererseits verweist. Die armseligen Figuren, die Amerika zunägst gegen den Kommunismus ins Feld führte, wurden schließlich seine gefährlichsten Gegenspieler.(8) Auf dem "eurasischen Schachbrett"(9) hatten sich die Fronten auf einmal vollends verkehrt. Zynischer konnte die Metapher nicht gewählt worden sein: durch die selbe Waffe, die drei Jahrzehnte zuvor gegen die Sowjetunion, die konkurrierende Weltmacht, geschärft und gerichtet worden war, die islamistische Intifada, hatte Amerika schließlich die Türme verloren, die seine eigene Macht symbolisierten. Hat man in Washington die Gefahr jetzt wirklich erkannt? Ist der Frontwechsel Amerikas von Dauer? Wird Amerika das nach dem 11. September 2001 gegebene Versprechen einlösen, und einen konsequenten und umfassenden Kampf zur Verteidigung der Zivilisation führen? Die Fragestellung klingt durchaus paradox: Kann ein Staat, dessen weltweite Überlegenheit darauf beruht, daß er den am weitesten fortgeschrittenen Kapitalismus repräsentiert, das Kraftzentrum also der globalen Ausbreitung des Prinzips der "Produktion um der Produktion willen"(10) darstellt, kann ein solcher Staat überhaupt der Schiedsrichter zwischen Zivilisation und Barbarei sein? Hat Amerika in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, durch das Primat des Antikommunismus, das nach dem Vietnamkireg in der Förderung des Islamismus in Afghanistan gipfelte, nicht gerade das Gegenteil demonstriert? Und dennoch hat Amerika, im Verein sogar mit der stalinistischen Sowjetunion, tatsächlich die entscheidenden Schlachten gegen den Nationalsozialismus geführt.
Die Grenzen bürgerlicher Logik selbst aber treiben Amerika immer tiefer in die Konfrontation mit dem Antisemitismus, wo dieser in Antiamerikanismus umschlägt, dem Amerika schon als großer an der Seite des kleinen Teufels Israel gilt. Amerikas Krieg gegen den Terror ist kein Antifaschismus, sondern nationale Selbstverteidigung, wie der Krieg Israels gegen den palästinensischen Faschismus; das ist seine Schwäche und Ansatzpunkt der Kritik. Noch in Jugoslawien schlug sich Amerika auf die Seite der Faschisten, wo es gefahrlos schien und von strategischem Nutzen. Hilflos redeten Clinton und Albright im Fernsehen und in den Zeitungen noch gegen das völkische Prinzip an, als die amerikanische Luftwaffe auf ihr Kommando hin schon die letzten Reste des ehemals multinationalen Jugoslawien zerbombte. Die Unterstützung der Wiedervereinigung Deutschlands, die geopolitisch der Sowjetunion galt, war der Sündenfall der neuen Weltordnung; das rächt sich geopolitisch. Die bürgerliche Wissenschaft bemerkt dies wohl, ohne es zu begreifen. Ihr zum platten Pragmatismus verkümmerter Idealismus spinnt ihr vor, "Europa ist Amerikas natürlicher Verbündeter. Es teilt dieselben Werte und, im wesentlichen, dasselbe religiöse Erbe. Es ist demokratischen Prinzipien verpflichtet und ist die ursprüngliche Heimat der großen Mehrzahl Amerikaner."(11) Diese Vorstellung ist nur das Spiegelbild des flachen Antiimperialismus, dem das demokratische Prinzip ununterschieden Kapitalismus heißt. Landet dieser schließlich beim Volksstrurm, so reduziert sich die liebevolle Schwärmerei des Politikberaters alsbald darauf, daß "Europa Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent" sei, auf jene leidenschaftslose Kosten-Nutzenrechnung also, die die ultima ratio jeder bürgerlichen Beziehung bleibt. Nur täuscht sich solcher Prakmatismus darin, daß er ihn gleichsam dem Gegenüber unterstellen muß, um eine Beziehung mit ihm aufzubauen. Der aber nutzt die Beziehung selbst nur für die eigenen Zwecke, die, weil er ein Konkurrent ist, naturgemäß entgegengesetzte sind. Die Reduktion einer Beziehung auf den eigenen Vorteil verkehrt sich unversehens zum eigenen Nachteil. Das ist an der Rationalität von vornherein das Irrationale. "Beim derzeitigen Stand der amerikanisch-europäischen Beziehungen, da die verbündeten europäischen Nationen immer noch stark auf den Sicherheitsschild der USA angewiesen sind, erweitert sich mit jeder Ausdehnung des europäischen Geltungsbereichs automatisch auch die direkte Einflußsphäre der Vereinigten Staaten." Das heißt, daß sich mit jeder Erweiterung der direkten Einflußsphäre der Vereinigten Staaten automatisch auch der europäische Geltungsbereich ausdehnt; als führende Macht bei der Bombardierung Serbiens machte Amerika Deutschland zur leading nation in Mazedonien, und festigte das völkische Prinzip, das schließlich seinen wichtigsten Verbündeten im Mittleren Osten und Amerika selbst bedroht. Wenn aber erst einmal die verbündeten europäischen Staaten eines Tages nicht mehr auf den amerikanischen Sicherheitsschild angewiesen sein sollten, dann hat Amerika, und Israel, ein Problem, das sich die Vorstellungswelt der bürgerlichen Wissenschaft nur als worst case ausmalen kann, um es verächtlich der Phatasiewelt zu überantworten.
Das völkische und islamistische Vernichtungspotential ist aber mehr als eine Waffe. Der Wahn hat längst die selber ergriffen, die mit ihm hantieren, um zu herrschen. Wo kein einzelnes konkretes Interesse mehr auszumachen ist, nur noch Machtkonstellationen, da ist Herrschaft an sich irrational, Geopolitik ihre haltlose Rationalisierung. Die transatlantische Interessengemeinschaft ist eine Illusion, weil sie nur vorstellbar ist unter amerikanischer Vorherrschaft, die jedoch ihrem eigenen Gleichheitsideal widerspricht. Europa, als Verkörperung deutscher Selbstbehauptung, kann an und für sich nichts anderes sein als der Versuch, Amerikas Vormacht zu stürzen. Danach zu fragen, wer daran welches Interesse hätte, wäre vollends anachronistisch; wie die Frage nach einem Interesse an der deutschen Wiedervereinigung, der Völkerschlacht in Jugoslawien, einem palästinensischen Staat oder der Vernichtung von Juden und Amerikanern. Der Griff nach der Weltmacht duldet keinen Inhalt außer seiner Reichweite, der absoluten Macht. Erst in dieser vollkommenen Abstraktion von jedwedem konkreten Zweck formiert sich das Bündnis von europäischem und arabischem Antisemitismus und Antiamerikanismus. Es ist das Bündnis derer, die ihre Ohnmacht verleugnen, anstatt sie zu bekämpfen, und in ihrer ohnmächtigen Wut zerstören müssen, was ihnen noch Hoffnung geben könnte. Der Drang, die Zerstörung mit der Selbstzerstörung zu vollenden, eine Tendenz, die islamistische Gotteskrieger und europäische Amokläufer miteinander verbindet, ist Ausdruck dieser zunehmend hoffnungslosen Zerstörungswut. Nicht ein gemeinsames Interesse, erst der gemeinsame Feind bringt die Feindseligen zusammen. Nicht weil sie nichts mehr zu verlieren hätten, sondern weil sie nichts mehr wollen. Sie ziehen in den Krieg für nichts, für Gott oder als Rache für Auschwitz.
(1) Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur
(2) Adolf Hitler, Mein Kampf
(3) "Warum brennst Du, Konsument?...Die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Industrie wird bekanntlich nur noch vom Einfallsreichtum der amerikanischen Werbung überboten: Coca Cola und Hiroshima, das deutsche Wirtschaftswunder und der vietnamesische Krieg, die Freie Universität Berlin und die Universität von Teheran sind die faszinierenden und erregenden Leistungen und weltweit bekannten Gütezeichen amerikanischen Tatendrangs und amerikanischen Erfindungsgeistes; werben diesseits und jenseits von Mauer, Stacheldraht und Vorhang für freedon und democracy. Mit einem neuen Gag in der vielseitigen Geschichte amerikanischer Werbemethoden wurde jetzt in Brüssel eine amerikanische Woche eröffnet...Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnam-Gefühl...Wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können, solange das rechte Maß nicht überschritten wird, dem Kühnen und dem Unkonventionellen, das, bei aller menschlichen Tragik, im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen...", Flugblatt Nummer 7 der Kommune 1 vom 24. Mai 1967, anläßlich der Kaufhaus-Brandstiftung in Brüssel, durch die am 21. Mai 1967 hunderte von Menschen verbrannten;
"Mit was ich mich niemals abfinden werde, das ist die Tendenz, in der sich die spätkapitalistische Gesellschaft so ungeheuer deutlich fortbewegt, nämlich hin zum Faschismus, das kann man wirklich mit einem Auge sehen, da braucht man gar nicht beide dazu, was sich in Amerika abspielt...Ich habe den Richtern gesagt, ich weiß, warum sie sagen, man kann nichts tun, weil sie nichts tun können wollen. Aber ich will etwas getan haben dagegen", Begründung eines Brandanschlags auf zwei Frankfurter Kaufhäuser durch Gudrun Ensslin am 4. November 1968; hier ist auch das unbewußte Motiv überdeutlich, den Faschismus von Deutschland (den Eltern) weg nach Amerika zu projizieren, um, im Gegensatz zu den Eltern, aber nicht direkt gegen sie, sondern im Umweg gegen die Amerikaner, etwas getan zu haben dagegen;
beide Zitate nach Karl A. Otto, APO, Die außerparlamentarische Opposition in Quellen und Dokumenten
(4) Max Horkheimer, Zum gegenwärtigen Antiamerikanismus, Beitrag für eine Hörfunk-Sendung des Süddeutschen Rundfunks in der Reihe "Gedanken zur Zeit", September 1967
(5) Interview mit Außenminister Joschka Fischer, "Die Nahost-Krise wird ihre Lösung erzwingen - oder eskalieren", Frankfurter Rundschau, 20. April 2002
(6) Wie Fußnote 5
(7) Franz Neumann, Behemoth, Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, Seite 185
(8)"For us, the idea was not to get involved more than necessary in the fight against the Russians, which was the business of the Americans…but that we had to fight on all fronts against communist or Western oppression. The urgent thing was communism, but the next target was America...This is an open war up to the end, until victory", Osama bin Laden, http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/binladen/who/edicts.html
"We are certain - with the grace of Allah - that we shall prevail over the Jews and over those fighting with them. Today however, our battle against the Americans is far greater than our battle was against the Russians. Americans have
committed unprecedented stupidity…We anticipate a black future for America. Instead of remaining United States, it shall end up separated states and shall
have to carry the bodies of its sons back to America", Osama bin Laden, http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/binladen/who/interview.html#miller
(9) Zbigniew Brzezinski, The Grand
Chessboard, American Prmary and its Geostrategic Imperatives, New York 1997
(10) Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23, Seite 618
(11) Dieses und folgende Zitate wie Fußnote 9